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Julius Rodenbergt
(Zu seinem 80. Geburtstage, 26. Juni.)
Die Mäeutik des .Sokrates, feine philosophische Heb- ümmenkunst, die das Götterkiud der Wahrheit in den Menscheniöpfeu entbinden wollte, ist int Grunde genommen nichts anderes als die Fähigkeit, in anderen Kräfte zu befreien, ihre eigenschöpferische Begabung zu stärken. Diese hohe Kunst sokratischer Mäeutik darf man in einem gewissen Sinne auch Julins Rodenberg zusprecheu, dem .Herausgeber der Deutschen Rundschau, der durch feine langjährige literarische Tätigkeit einen stillen, aber bedeutenden Einfluß auf die Entwicklung unserer Dichtung und unseres Schrifttums aüsgeübt hat. Wie der gute Staatsmann, muß der geborene Redakteur einer großen Zeitschrift, als der Rodenberg uns heute erscheint, ein Diplomat fein, der seinen Mitarbeitern ihre besten Leistungen entlockt, muß den strategischen Blick haben, der das weite Feld der Literatur bis in die fernsten Winkel überschaut. Rudenberg sind all diese Eigenschaften in seltenem Mütze gegeben.
Durch feine über alles geliebte Mutter, deren Wesen so tiefe'Spuren in seinem Bildungsgang hinterließ, hing er noch ntif der Zeit der Romantik zusammen, die ein so tiefes ästhetisches Lebeusgefühl geschaffen und jene bedingungslose G v e t h e v e r e h r u n g erstehen ließ, wie sie sich etwa in Raheh'aüsprägst Durch die Mutter ward ihm, wie er selbst in seinen Jugenderinuerungen erzählt, Goethe tioch zu einem Lebendigen; sie flößte ihm noch mehr als die Liebe zur Dichtung die Verehrung der Dichter ein, so daß diese gleichsam persönlich in fein Kmderlebeu eintraten und eingriffen. „Mit Dichterversen wurde er ausgezogen, und so wohnte denn deut zartempfindeudeu, in Geschmack und Stiel- anschutiegsamen Jüngling die Hingebung an das poetisch Schölte tief inne und kam auch in seinem eigenen Schaffen zum Ausdruck. Das Idol des 17jährigen war Geibel, an den er sich in seinen patriotischen „schleswig- holsteinschett Sonetten" aitschloß, den er in seiner Dichtung „König Haralds Totenfeier" ttachahmte. Dann berauschte ihn „Waldmeisters Brautfahrt" üon Roquette zu einem eigenen Wein- und Wandergesang, tinb als er 1853 nach Berlin.kam, dessen realistisch gemütvoller Schildcrer er werden wollte, da war der einzige Mensch, den er kannte, Otto Rougette, der ihm die Tür ins Genieland, ins Zauberreich der Dichtung aufschließen sollte. All die Jugeitddichtuttgen Rodenbergs sind nur Stilübu.iigen gemefen, durch die er tief in die Wesensart der damaligen Poeten eindraiig Und gleichsam eine dichterische Lebensstimiiinng um sich schuf. Atts. diesen Nachahmungen drang jedoch auch ein eigener, kräftig Heller, mutig heiterer Ton, so aus den „Liedern vott Helgoland", und diese sonnig warnte Art, das Leben, ztt sehen, ist dann von ihm durch eine lange reife Lebetts- mtd Schaffensknnst attsgebildet und in seinen schönsten Prosaarbeiten betätigt wordctt, so vor allem in den lebendig warmen Bildern ans dem Berliner Leben, in so manchen seiner englischen und belgischen.Reiseschilderuttgen, in jenen gemütvollen Totenopfern, der Erinnerung, die er d'en.-«Hingeschiedenen Freunden geweiht hat, Freiligrath, Dingelstedt, Marschner und so vielen anbereit. Ein G e n i e der F r e n n d f ch a.f t ist Rudenberg von früherer Jugend ott gemefen, und diese Gabe, bedeutende Menschen anzitziehen und.festzuhalten,'hat ihn wieder znm „Strategen der Literatur" gemacht, zu einein milden utid srenndlichen Feld- Herrn, der feine Heerscharen in einer gkänzenb gelungenen „Revue" nm sich vereinigte.
Schott der Gymnasiast gab auf der Schule in Rinteln eine Zeitschrift „Blätter nnb Blüten" heraus, die er mit feinen Mitschülern zusammen verfaßte, die voit einem befreundeten Geschichtsschreiber kalligraphisch zu Papier gebracht ivurde und akksonuabendlich in einem Exemplar erschien. Damals tat er auch die ersten, ehrfürchtig scheuen Blicke in die wirklich gedruckten Zeitschriften jener Zeit. „Ach, wer es mir damals gesagt hätte, als der Ehrgeiz, in eines dieser Blätter zu kommen, zaghaft in mir erwachte, daß es noch einmal meine Bestimmung sein sollte, den Anderen den Eingang zu gestatten oder zu verwehren." Dann kämen die S t n d e n t e n j a h r e in B e r l i n, itt denen Rodenberg die hohe Schule der Diplomatie beim alten Varnhagen studieren konnte und in diesem erlesenen Kreise eine Fülle von Anregungen finden durfte. Dort ist er zuerst mit den Führern des geistigen Berlins zusammeit- -gekommen, hat junge, vielversprechende Dichter kennen ge
lernt, so find) Gottfried Keller. In einem feinen Gegensatz zu dieser vornehm /höfischen Atmosphäre stand die stille Gelehrtenluft im Hause der Brüder Grimm, von betten der hessische L a'n d s ura u n freundlich attfgeuommen wurde, hier beginnen die Beziehungen zn Hermann Grimm', der dann der getreueste Mitarbeiter Rodenbergs werden sollte, der während seines Schaffens an der Deutschen Rundschau zum klassischen Prosaschriftsteller erwachsen ist. Rie- mals wird die deutsche Literatur vergessen dürfen, welch herrliche schöpferische Kräfte dadurch entbunden wurden, daß Rodenberg ihnen die Möglichkeit der Aussprache gewährte, ihnen die Stelle schuf, an der sie wirken konnten. Schon in seinem „Deutschen Magazin" vereinigte er eine Reihe be- dentettd'er Geister um sich, in seiner zweiten größeren Zeitschrift „Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft" ist z. B. Turgenjew zuerst deut deutschen Publikum. bekannt geworden.' Aber das waren alles nur Vorstufen zu der Deutschen Rundschau, bereit Paten Berthold Auerbach und Putlitz gewesen find, der von Anfang an Gelehrte wie Helmholtz, Shbel, Zeller, Dubois-Reymond ihre Kräfte wid- meten. In dem niedrigen Redaktionszimmer des Gartenhauses auf der Lützowstraße, wo die drei „größten" Mitarbeiter, Dingelstedt, Turgenjew und Putlitz mit bett Köpfen an die Decke stießen, hat wirklich ein Stück Literatur das Licht der Welt erblickt, das heute feinen Ehrenplatz in der Geschichte unseres Schrifttums besitzt. Dichter, deren Werke heute zu unserem schönsten Besitz zählen, ■ wurden durch diese Zeitschrif tbekauut, so Luise von Francois, Marie von E b n e r - E s ch e n b a ch, F o n t a n e n. a. Das größte Verdienst von Rodenbergs „Mäeutik" aber war seine Ein- wirknitg auf Kell er. Er wußte die alte Unlust des Schweizer Dichters, etwas fertig niederzuschreibeit, in seiner klugem eindringlich drängenden und liebenswürdig sonnigen Art zu überwinden. So ist es ihm zu danken, daß die ,-,Züricher Novellen" erschienen, daß der „Martin Salander" begonnen wurde und, wenn auch unter harten Prüfnugeit für beit!. Herausgeber, langsam erschien. Durch die Deutsche Rund- schau und Robenbergs Wirken ist Gottfried Keller, der 20 Jahre lang völlig unbekannt geblieben war, ebenso wie feilt Landsmann Konrad Ferdinand Meyer bekannt und anerkannt worden.
Zur Reform des Traurings.
Von W i 111) B a u c r «Würzburg).
Wir leben in einer seltsam schönen Zeit, die sieghaftes Vor- wartssttirmen und liihncs Neuschaffen kennzeichnen, in der alles Leben, Fluß, Bewegung ist. Dem natioualeu Zusammenschluß und Emporstkigeu ist ein beispielloser wirtschaftlicher Aufschwung gefolgt, der trog temporärer Heutmuugen unleugbare Fortschritt« auf allen Gebieten zeitigte. Nirgends etwas Fertiges zwar. Abgeschlossenes, schlechthin stilmäßig Vollendetes, teilt alleinseligmachendes Schema oder Dogma, aber überall überschicßcnde Kraft',, aclstunggebielende Werte, erfolgverheißende Richtlinien. Das gilt insonderheit von der Kunst und «ihrer prnitisch behaglichcn Tochter,; der angewandten Kunst, dem Knusthaudwerk.
Welch ein fundamentaler Gegen sah zivischen einem etwa vor einem Menscheualber begründeten Hausstand und einem von Menschen der gleichen gesellschaftlichen Schicht heute neu geschnf- feiten Steint! Und siehe, es äst alles neu geworden! Den praktisch soliden, nüchternen Geist eines anderen'Geschlechtes wie den feinen) gestiegenen Wohlhabenheit predigen diese Möbel, Bildwerke, Tep- .. piche,'Musikinstrumente, Belcuchtungskörper und Küchen von heute, dieses Porzellan und Silber. Allüberall neue Versuche, neue Aus-! druclsmöglichieiten. Nur an einem scheint die Zeit spurlos vorüber- gcrauscht zu feilt: Das Symbol der menschlichen Gemeinsamkeit,- der Talisman, der diese beiden jungen modernen Menschen mit» einander fürs Leben vereinen soll, deren geschmackvolles Heim! jetzt den Neid ihrer Freunde und Fteundinneu herauSfordert, der, golden c Traureif ist der gleiche geblieben, wie ihn Vater, und Mutter schon gekannt. Warum? Warum hat die allgewaltige! Mode, dieses launenhafte, ungezogene Kind, ihm allein nichts an zu haben vermocht, ihn über gewisse Variationen in Höhe, Breite und Tönung nicht hinausgebracht?
Und doch steht die Entwicklung, die ganze Geschichte des Traurings zu dieser durch nichts begründeten, ebenso bedancr-. liehen wie ausfallenden Erscheinung in direktem Gegensätze.^
Ursprünglich ein kräftiges, bedeutsames Symbol hat der Dran.- ring mehr irnd mehr feilten symbolischen Charakter crngebußch bis' er in unserer alles verflachenden, poesielos den NntzkchkettsK. slandpuult betonenden Zeit lediglich zum Ausweis sür die ilatt- gesnndene standesamtliche Zeremonie herabgesunten ist -- wow« dann allerdings die nüchterne, kalte Ausdruckssorm des glatten ^rahtringes vollauf genügen mag. Wir haben das Bewußtsein für die Tatsache verloren, daß.sich die Abmilderung des primären Bräutkanfes in den Schein kauf nur sehr langsaiit vollzogen yar,


