798 —
„Nee! Nu nich mehr!" ries der bärtige Mann. „Mit solchem Menschen, der seine Kinder zu Spitzbuben erzieht, will ich nichts zu trm hoben!"
Dante Minna zog Theodor hinaus in die Küche. ,,^a, ja, du wolltest doch auch was zum Spielen haben — ach — ja, ja, du sollst was zum Spielen haben!" sagte sie und trocknete ihm die Tränen ab, die aus seinen Augen stürzten. Als er sich beruhigt hatte, ging sie in die Stube, nachdem sre gesagt hatte: „Ich hol' dir was zum Spielen heraus."
Er hörte, wie sie in der Stube aufgeregt durcheinander sprachen, und Else die Nüsse mit dem bunten Mann knackte. Da schämte er sich nnd trotzig rannte er aus der Küche den dunklen Flur entlang und die dunkle Treppe hinunter. — Er wollte nur den Nußknacker haben. Wenn er den nicht bekommen konnte, wollte er nichts anderes. Trotzdem es auf der Straße schneite, merkte er nicht, daß er seine Mutze vergessen hatte. Erst als er vor der Tür des Hauses angelangt war, in dem seine Eltern wohnten, fühlte er, daß er ohne Kopfbedeckung war. Er wagte sich nicht zu seinen Eltern hinauf. Zu Dante Minna getraute er sich auch nicht zurück. Weil ihn zuletzt beim S.illstehen fror, lies er die Straße hinab, immer dem Schnee entgegen. Mehrmals lief er entgegenkommende Menschen an. Der Schnee fiel auf seine Augenwimpern und hing sich dann in Gestalt von Wassertropfen vor seine Augen, so daß er wie durch einen Schleier das hasteride Leben in den Straßen sah. Einige Male tvar er beinahe hingefallen, denn der Schnee löste sich auf dem Pflaster fast gäiizlich zu Wasser, so daß er ausglitt; doch lief Theodor immer weiter — werter.
Gr war viele Straßen hinabgelaufen, bald rechts, bald links einbiegend. Sein Kopf war naß geworden und seine Kleider bedeckte eine dichte Schicht weißer Flocken. Im Mund war es ihm trocken und heiß, er verspürte Hunger und Durst. Als er sich umsah, um sich zu vergew sserir, in welcher Gegend er sich befände, bemerkte er zu seiner Freude, daß er es nicht weit bis zur Wohnung seiner Eltern habe. Da fiel ihm ein, daß er seine Mütze vergessen hatte — und ohne Mütze durfte er nicht zu fein ent Ba.er kommen. W gen der Mütze hatte es beinahe eine Woche lang des Mittags Pellkartoffeln und Schmalz gegeben. Wenn er so bummckig mit der teueren Mütze umging, mußte er Schläge voit fernem Water erivarten. Hunger und Durst vergessend, lief er nach dem Hause seiner Tante, um sich die Mütze zu holen. Mochten ihn die Berwandten auslachcn. . . . Doch er hatte noch ein ganzes Straß en ende vor sich, als in den Hausfluren der Häuser die Lichter erloschen. Er erschrak. Die Häuser wurden schon verschlossen. Er lief, so schnell er in dem Weichen, schmelzenden Schnee vorwärts konnte.
Endlich war er angelangt. Der Haus stur war dunkel. Theodor hängte sich an die Türklinke und drängte mit ganzer Wucht gegen das Tor. Es gab nicht nach. Er rüttelte und drängte, der Schnee fiel aus ihn .... Die Mütze! Er mußte die Mütze haben! 1 Und wieder rüttelte er an der Klinke.
Endlich gab sie nach.
Hastig eilte er die Treppe hinauf und klopfte leise an der Tür. '
Dante Minna öffnete ihm. „Junge, wie siehst du aus !" sagte sie erschreckt. Sie trocknete ihm den nässen Kopf und gab ihm seine Mütze. „Laß nur — nächstens kaufe ich dir doch einen Nußknacker!" meinte sie. Da umfaßte
Sdtfames von Weihnachten.
Millionen frohgemuter Menschen feiern am Heiligen Abend in aller Welt das schönste Fest des Jahres in althergebrachter Weise Eltern und Großeltern haben es, mit geringen Abweichungen', ebenso gehalten; durchfliegt man aber die Geschichte des Weihnachtsfestes, so stößt man in vergangenen Zeiten aus langst verschollene WeihnachtÄnriositäten. Wer hielte es z. B. für möglich daß einmal Villen Ernstes der Versuch gemacht worden ist, das Weihnachtsfest und seine Feier zn verbieten? Tatsächlich ist dieser Versuch nicht nur gemacht, sondern auch durchgeführt worden, und das Land, nm das es sich dabei handelt, ist England. Während der Puritanerherrschaft im 17. Jahrhundert waren z. B. im Jahre 1643 in London sehr viele Läden am Weihnachtstage geöffnet; 1647 durften keine Weihnachts- predigten gehalten werden, und es war auch »erboten, die Kirchen auszuschmücken, und im gleichen Jahre wurde am 22 Dezember in Canterbury ein Ausrufer her um geschickt, der die Verordnung mitteilte, nach der „das Weihnachtsfest und alle anderen abergläubischen Feste aufhüren sollten und an diesem Tage ein Markt abgehalten werden sollte". Aus der gleichen Zeit haben sich sehr viele Urkunden erhalten, aus denen ganz eindeutig hervor-
C, UL VIHUH christus und
geht, daß die Unterdrückung des Weihnachksfestes tatsächlich rech? gut gelungen war. Aus dem Jahre 1645 z. B. stammt ein Weihnachtsbericht, der im „Mercurius Civicus, or Londons ,on- telligencer" steht. Es handelt sich um die Nummer 135, vom 18. bis 24. Dezember 1645. Darin wird auseinandergesetzt, daß es nicht nur absurd, sondern unfromm sei, den Weihnachtstag zu feiern; jeder gute Bürger, so heißt es weiter, müsse am kommenden Donnerstag (den 25. Dezember) seinen Laden affenhalten und seine Lehrlinge anhalten, anwesend zu sein; außerdem fügte die Zeitung hinzu, sei es viel wahrscheinlicher, daß der Heiland im September, nicht im Dezember geboren sei. Eine andere Londoner Zeitung aus der gleichen Zeit berichtet, daß am 25. Dezember 1645 das Unterhaus tagte, und wieder eine andere, „The Kingdom's Weekly Jntelligencer", berichtet: „Am Donnerstag, d 25. Dezember, der volkstümlich Weihnachtstag genannt wird,
tagten beide Häuser . . ."
Eine nicht so ernsthafte Weihnachtsküriosität stammt gleichfalls aus England. Im British Museum wird ein gedrucktes Blatt aus dem Dezember 1739 aufgehoben, das von einem Pro - zeß gegen „Father Christinas", die bekannte englisch- Weihnachtsfigur, erzählt. Father Christmas war angeklagt, weck er die Untertanen seiner Majestät zur Faulheit, Trunksucht, zum Spiel und zum Aufruhr und zu aller Art Schwelgerei aufreize. Aus dem Blatte, dessen Quelle nicht erkenntlich ist, scheint hervorzugehen, daß dieser Prozeß wirklich allen Ernstes ftattgefunbert hat, denn in dem Berichte darüber sind die Richter dem Namen nach aufgesührt. Weiter ist darin die Rede non einem Schrist- stück, daß man bei dem alten „Father Christmas' in der nasche gefunden hatte, worin sich Angaben darüber fanden, wie man sich nach feiner Auffassung zu Weihnachten verhalten solle. Demgegenüber war an das Urteil des Richters angeschstossen, wie Weihnachten seiner Ansicht nach begangen werden sollte.
Was hat der Teufel mit dem Weihnachtsfeste zu tun? Heute garnichts mehr, aber in ntandym alten ^emsgeburts- spielen spielte er eine nickst unbedeutende Rolle, und dies mag der Ausgangspunkt für manche Sagen des 16 Jahrhunderts gewesen sein. (Sine solche Sage des 16. Jahrhunderts, die nach Ansicht Tilles an eine „tatsächliche Vision oder einen schleusten Scherz" anknüpft, erzählt, wie der Teufel rn der Weihnacht beichten ging Diese Sage erschien im Jahre 1535 gedruckt, Cs bekennt in diesem Werw d'er Pfarrherr Laurentius Döner zu Stassurt „öffentlich für jeden Mann, bey seinen wahehafftigten Worten und b ei) der allerhöchsten W ahrhüt", daß ein schl echtg eck erdet er M ensch in der Weihnacht zu ihm gekommen sei, als er eben nach vollendetem Gottesdienst habe nach Hause gehen wollen, und ihn gefragt habe, ob er ihn auch beichten lassen wolle. Er habe darauf begonnen, Zweifel, Unglauben und Lästerung gegen Jtzus aus- zusprecheii und sei, als der Pfarrer ihn entsetzt fortgewieien, mit Gestank entwichen. Die Weihnachtssage vom Teufel ging bann auf die Wanderung und nahm mancherlei Gestalt an; Mullen- hoff z. D. erzählt etwas ähnliches in seinen „Sagen und Liedern aus Schleswig". Da handelt es sich darum, wie öu Weihnachten die Bauern mit ihrem Knecht spielen. Es gesellt sich ein Gast zu ihnen, einem fällt die Karte unter den Tuch, er sucht danach mit einem Lichte, und sieht dabei, daß der Gast erneu Pferdefuß hat „Die Spieler gingen in sich, vergruben das Geld mrd haben nie mehr eine Karte angerührt", so heißt es dann zum Schluffe. Auch Ernst Moritz Arndt erzählt von dem Zusammenhang« des Teufels mit dem Weihnachtsfeste: „Einst spielte ein Bauer zu Karnin in Pommern in der Christnacht übermütig tut Kruge. „Ast rat gegen Klock Twelw ging, stund de Karniner Jager, der mit im Spill war, up und sede: „Smiet't de Karten tohoop und lat't uns den Vadernnser tofam beben, damit de Düwel biet Jahr keene Gewalt äwer uns kriegt". Der andere aber lackst ihn aus und sagt: „Düwel hin und Düwel her! Nicks als Papensäck und Spökels vor Kinner und olle Wiwer; den Düwel Habben se lang doot ffa’n." Der Jäger warnt ihn und sagt: „Ich will durck) die Welt mit Gott und Gottes Wort.
Spiel hört chuf, der Bauer geht nach Haus. Aber auf dein Wege griff ihn der Teufel; er siel in seine Hände. Für Gold verkaufte er ihm die Seele, und eines Tages, als btc Zeit Mst war, verbrannte er und all die Seinen; das Teufelsgelb mit ihm. Alte Weihnachtsspiele sind zuweilen überreich an Kuriositäten. Die alten englischen Mysteriensprele aus dem 14. und 15. Jahrhundert wimmeln z. B. nach bei" Erzählung von Sandys von Anachronismen. Es handelt sich dabei immer um die Wiedergabe biblischer Erzählungen, allein bte Anachronismen darin sind so grob, daß man sich heute kutm vorstel len kaum sie seien bleu Zuschauern nicht ausgefallen Wo z. B. Pharao bei der Verfolgung der Inden auftritt, fleht er zu Mohammed, auch Herodes hat schon das größte Zutrauen zu Mohammed, der übrigens als St Mohamined angerufen wird; Noahs Weib schwort bei Maria, der Hohepriester Kaiphas singt eine Meße, in einem anderen Mysterium schwört Noahs Weib gar bei Christus und ^^Ms^mechchliMe^alür Weihnachtskuriositäten mag zum Schluß die Weihnachtsfeier Heinrichs V. von England angeführt werden. Bei der Belagerung von Rouen waren die ein- geschlossenen Feinde beinahe am Verhungern., Am Weihnachtstage aber unterbrach Heinrich V. alle Feindseligkeiten und ließ den Belagerten Speise und Tran? zuschicken -


