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— III.
„Sie ist aus meiner Irrenanstalt entflohen."
Ich kann nicht mit voller Wahrheit sagen, daß der fürchterliche Schluß, auf den diese Worte hindeuteten, mich wie eine plötzliche, unerwartete Offenbarung getroffen hätten. Andererseits aber hatte die seltsame Erscheinung schon die Vermutung in mir aufkommen lassen, daß sie entweder von Natur flüchtig und unstet sei, oder irgend ein kürzlich erlittener, erschütternder Schlag- das GleiM tzewicht ihrer Geistesfähigkeiten gestört habe.
Was hatte ich nun getan? Dem Opfer der schrecklichsten aller Einkerkerungen Beistand zur Flucht geleistet, oder in die weite Welt von London ein Wesen losgelassen, dessen Handlungen zu beaufsichtigen meine Pflicht und die Pflicht jedes Menschen war?
In meinem verstörten Gemütszustände war es unnötig, an ein Schlafengehen zu denken, als ich endlich in meiner Wohnung in Clements Inn anlangte. In wenigen Stunden sollte ich meine Reise nach Cumberland antreten. Ich setzte mich und versuchte, erst zu zeichnen und dann zu lesen — aber die Frau in Weiß war zwischen mir und meinem Bleistifte, zwischen Mr und meinem Buche.
Es war mir eine Erleichterung, als die Stunde kam, meine Tür zu. schließen, und mich in Bewegung zu setzen auf dem Wege zu neuen Interessen und einem neuern Leben.
Meine Reiseinstrnktion enthielt die Weisung für mich, nach Carlisle zu fahren und dann meinen Weg auf einer Zweigbahn sortzusetzen, welche der Küste zulief. Als erstes Unglück nahm unsere Lokomotive zwischen Lancaster und Carlisle Schaden. Ich hatte mehrere Stunden zu warten, und als ich endlich mit einem späteren Zuge auf der Limmeridge House am nächsten gelegenen Station anlangte, war es nach zehn Uhr, rrnd die Nacht so finster, daß ich kaum den Weg nach der Poinychaise sehen konnte, welche Mr. Fairlie geschickt hatte, mich zu erwarten.
Der Kutscher, offenbar durch meine spate Ankunft sich verletzt fühlend, war in jenem Zustande äußerst achtungsvoller Verdrießlichkeit, welcher englischen Dienern eigen ist. Wir fuhren langsam Und in tiefem Schweigen durch die Dunkelheit. Die Wege waren schlecht, und die dichte Finsternis vergrößerte die Schwierigkeit, schnell zu fahren. Es waren nach meiner Uhr beinahe anderthalb Stunden vergangen, seitdem wir die Station verlassen hatten, als ich das Rauschen der See in der Ferne und das Knirschen der Räder auf glattem Kieswege hörte. Ich wurde von einem feierlichen Bedienten oihue Livree ehrfurchtsvoll empfangen, von ihm unterrichtet, daß die Familie sich für die Nacht zurückgezogen, und dann in ein großes, hohes Zimmer geführt, wo am unteren Ende einer langen Mahagonie- speisetafel ein Nachtessen meiner harrte.
Ich war zu müde und zu verdrießlich, um viel zu essen oder zu trinken, und daher in einer Viertelstunde- bereit, mich auf mein Schlafzimmer führen zu lassen. Der feierliche Diener führte mich auf ein hübsch möbliertes Zimmer, sagte: Das Frühstück ist um neun Uhr aufgetragen, Sir, schaute sich um, ob auch alles an Ort und Stelle sei, und zog sich geräuschlos zurück.
Was werde ich diese Nacht in meinen Träumen sehen? dachte ich bei mir, rcls ich mein Licht auslöschte, die Frau in Weiß oder die unbekannten Bewohner dieses Hauses?
IV.
Als ich am nächsten Morgen aufstand und mein Fensterrouleau in die Höhe zog, lag die See leuchtend in denk reichen AuZustfonnenlichte vor mir, und die ferne Küste von Schottland säumte den Horizont mit ihren schmelzend blauen Wellenlinien.
Der Anblick gewährte mir eine solche Ueberraschung und Veränderung nach meinen langweiligen Erfahrungen in den Kalk- und Ziegelsteinlandschaften Londons, daß ich, sowie ich ihn erschaute, in ein neues Leben und neue Jdeen- kreise einzutreten schien.
Kürz vor neun Uhr ging ich ins Erdgeschoß hinunter. Der feierliche Diener vom vorigen Wend begegnete mir, wie ich in den Gängen umherwandelte, und zeigte mir den Weg nach dem Frühstückszimmer.
Der erste Blick, den ich um mich warf, als der Mann die Tür wieder hinter mir schloß, zeigte mir einen wohl besetzten Frühstücks tisch, der in der Mitte eines langen Zimmers mit vielen Fenstern stand. Ich blickte vorn Tische nach dem am weitesten von mir entfernten Fenster und
sah an demselben eine Dame stehen, die mir den Rückest zuwandte. Sowie ich sie erblickte, frappierten mich die seltene Schönheit ihrer Gestalt und die ungekünstelte Anmut ihrer Haltung. Ihre Figur war groß, doch nicht zu groß, von hübsch und wohl entwickelten, doch nicht allzu starken Formen; ihr Kopf saß mit einer ungezwungenen^ biegsamen Festigkeit auf ihren Schultern; ihre Taille, vollkommen in den Augen eines Mannes — denn sie nahiu ihre natürliche Stelle ein — füllte ihren natürlichen Zirkel aus und ward nicht durch ein Schnürleibchen entstellt. Sie hatte mein Eintreten ins Zimmer nicht gehört, und ich gewährte mir den Genuß, sie einige Augenblicke zu bewundern, ehe ich als das am wenigsten in Verlegenheit setzende Mittel, ihre Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, einen der mir zunächst stehenden Stühle rückte. Sie wandte sich augenblicklich zu mir um; die unbefangene Anmut jeder Bewegung ihrer Glieder und ihres Körpers, als sie von dem andern Ende des Zimmers zu mir kani, machte mich förmlich zittern vor Erwartung, ihr Gesicht deutlich zu sehen. Sie verließ das Fenster — und ich sagte zu mir selbst: die Dance ist brünett. Sie ging ein paar Schritts vorwärts — und ich bemerkte, daß sie jung war. Sie kam näher — und ich sagte zu ncir (mit einem Gefühle der Ueberraschung, das ich nicht mit Worten zu beschreiben vermag): die Dame ist — häßlich!
(Fortsetzung folgt.)
Wir um Dreißig herum.
Plauderei vo>c Alfons Thuraubt.
Die Zeit der Sommerreifen liegt wieder hinter uns. Das Meer, der Wald, die Berge nahmen ccns sür kurze Wochen gastlich nnf und gaben uns an Ruhe und Kraft zurück, was !vir für die Arbeit in den Städten nötig haben. Aber da waren auch viele unter uns, denen in diesenr Jahre keine Somncersrische, teilt Bad, und sei es selbst an den Ufercc eines fremden Landes, gut genug war, und die sich dennoch gar nicht genierten, den neugierigen Bekannten ein Reiseziel anzugeben, um das diese v-ielleicht erst das Konversationslexikon befragen mußten. Doch den Grund, weshalb wir plötzlich nach irgendeinem Krähwinkel fuhren, wissen nur wir allein -und werden uns wohl hüten, ihn zu verraten.t Es ist auch nicht ganz leicht, ihn mit einem Worte genauer zu- definieren. Ein unbestimmtes Heimweh, ein heißes Heimawerlangen, die immer brennendere Sehnsucht, die Orte und Menschen wiederzusehen, zwischen denen einst unsere Jugend Glück und Schmerz- erlebte, eilt ernster Rückblick auf gute und böse Jahre, so etwas wie eine heimliche Abrechnung mit uns selbst, über erste Ernten, Niederlagen, Enttäuschungen, Hoffnungen auf die Zukunft — das ist so ungefähr die Erklärung für unseren diesjährigen Reiseplan, über den wir vielleicht noch vor wenig Monaten selbst gelächelt hätten.
Es ist eilte Jahrhunderte hindurch bewiesene Tatsache, daß dieses „Heimweh", wie wir -es im folgenden kurz nennen wollen, so um das dreißigste Lebensjahr die Menschen befällt. Und ist es nicht ganz natürlich, daß gerade dann, wenn die meisten von uns die Hälfte ihres Lebensweges hinter sich haben, ein Ruf in uns eindringlich laut wird-, einmal rückwärts zu schauen? Da taucht vielleicht zuerst ein kleines Tal auf, in dem tvir als ^Knaben, Räuber und Gendarm spielten. Wir sehen wieder das bleiche, gütige Gesicht der Blutter durch unsere verdunkelte Krankenstube schweben. Die Glocken irgendeiner Kirche klingen hinüber in unfern Traum. Die Angst ob einer heimlich abgeschriebenen Klassenarb-eit schreckt uns auf. Wir lächeln. Und die ersten Zeilen eines längst vergessenen, höllisch schlechten Gedichts ans die Lippen eines uwbekannten Mädchens sind wieder da. Wir lächeln. Und- wir denken der kleinen Reise, die wir zum erstenmal in nnserm Leben allein machen -dursten, und wie wir dabei zweimal umsteigen mußten. Wir merkten -es nicht, daß der Vater, nachdem er herzlich von uns Abschied genommen, dennoch verstohlen in den letzten Wagen des Zuges stieg, um uns auf den Umsteigestationen zu beobachte^ Wie schnell -die Jahre dahinflieg-en! Da sind schon die fröhlichen Semester auf den verschiedenen Universitäten, die man nach der Fahrt ins Philistertum vielleicht schon einmal wieder aufgesucht hat. Dahinter fängt dann gleich das -an, was man so int allgemeinen mit dem Terminus „Ernst des Lebens" zu bezeichnen pflegt. Hieraus -ergibt sich dann wiederum dieses plötzliche Wissen um die vergangene Jugend-, jenes schmerzliche Fühlen eines neuen, harteinschneidenden Lebensabschnittes, das wir so um die dreißig h-erum fast alle mehr oder weniger tief empfinden müssen.
Goethe schrieb 1780 inmitten der erhabenen Einsamkeit der Alpen und Gletscher in sein Tagebuch: „Stiller Rückblick aufs! Leben, auf die Verworrenheit, Betriebsamkeit, Wißbegierde der Jugend, wie sie überall Herumschweist, um etwas Befriedigendes' zu finden." Und weiter vernehmen wir Goethe aus einem Brief in -ebenderselben Zeit: „Ich fühle meine dreißig Jahre und Weltwesen! schon einige Ferne -von dem werdenden, sich entfaltenden!,- ich erkenn' 's noch mit Vergnügen, mein Geist ist ihm nah-, 'aber


