Mittwoch den 11. Januar
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Das Witwenhaus.
Roman von Helene von Mühlark.
lFortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
,/Ja, sehen Sie mal, Fran Oberlehrer!" sagte die Kosh ruhig — „das ist nun j ebenfalls ein Irrtum von meiner Seite gewesen. Wie Sie neulich abends in solcher Rage über die arme Natusius heruntergekommen sind, da dachte ich in meinem guten Herzen: Du tust der Frau den größten Gefallen, wenn du sie von der Wohnung befreist, na, und do paßte sich das gerade so gut, daß die Frau aus Lahreu- jelb mich um eine Wohnung in unserm Haus quälte, und da ging das eben so glatt ab. Nun wird nicht mehr viel zu machen sein. Wegen der Berliner Badegäste lassen Sie sich auch keine grauen Haare wachsen. Wenn die partout wieder die beiden Vorderzimmer haben wollen, bann über* nimmt bie Frau Belzig bie auch ganz gern — und kochen tut bie, ich jag Ihnen, elegant!"
Aber bie Specht jammerte immer mehr, und wie die Kvsy schwieg, verlegte sie sich aufs Bitten.
„Sie haben doch so große Macht über Frau von Hil- bach" fragte sie fast zärtlich, „und ich würbe mich erkenntlich zeigen, ganz gewiß, alles, was in meinen Kräften steht, würbe ich für Sie tun."
„Ja, bas wäre ja alles gut und schön, Fran Oberlehrer, und ich bin ja auch nicht abgeneigt, ein gutes Wort für Sic einzulegen; aber es wirb 'wohl doch nicht gehen, denn unter vierhundert Mark tnt's meine Frau nicht mehr!"
Die Specht verfärbte sich. Fünfzig Mark Zulage, bas war zu hart. Sie rechnete mit fieberhafter Geschwinbigkeit. Aber was waren fünfzig Mark im Jahr gegen die Vorteile des nächsten Sommers?
„Ich will bie vierhuubert Mark zahlen!" beschloß sie heiser.
„Na, und wie steht's mit dem Kontrakt fürs ganze Jahr?"
Die Specht zögerte toieber. Die Bebingungen waren hart — fast unerfüllbar, aber es ging nicht anders. _
„Auch das will ich tun!"
„Bon!" sagte bie Kosh wieder. „Nun noch eins. Die Frau von Hilbach kann sich nicht entschließen, der armen Frau Natusius ihren Erwerb durch die Strickmaschine zu schmälern. Wenn Sie also auch das ertragen wollen??"
Eine grenzenlose Wut gärte in der Specht erregtem Herzen. Dieses Werb, dieses derbe, ordinäre Weib tanzte mit ihr herum, als wäre sie ihresgleichen.
„Nun, Frau Oberlehrer?"
Noch einen kurzen Kamps kämpfte sie, dann erklärte sie sich auch damit einverstanden.
„So, dann kommen Sie man heute abend, wenn Sie aus Ihrem Kränzchen zurücr sind, zu Frau von Hilbach herunter, Frau Oberlehrer. Dann wollen wir zusammen
einen seinen Kontrakt machen. Adieu, adieu, Frau Ober«
Die Specht sank wieder auf einen Stuhl, nachdem die Kosy das Zimmer verlassen hatte. Sie sprang aber wieder auf, lief ein paar Mal im Zimmer auf und nieder und Warf sich dann laut weinend aufs Sofa — aber am Abend klopfte sie bescheiden und schüchtern an Frau von HilbachA Wvhnzimmertür, unterhielt sich freundlich mit der altmodischen Pastorin Melzing, schenkte dem kleinen Jungen ein paar Bonbons und ging eine Stunde später, beruhigt zwar, aber mit unversöhnlichem Haß im Herzen, den beiderseitig unterschriebenen Kontrakt an bie Brust gedrückt, in ihr einsames Wohnzimmer.
Drittes Kapitel.;
Die Pastorin Melzing hörte immer allerlei, was andere Leute nicht hörten. Sie hörte die schwarzen Wolken am dunklen Nachthimmel stöhnen, wenn sie sich auf ihrer Bahn berührten; sie hörte den Regen müde, wehe Lieder singen, und wenn der Sturm durchs Ofenrohr brauste, dann erzählte er ihr Schauermären vom alten Grasenschloß und! seinen unrechtmäßigen Besitzern.
Oftmals rief sie in ihrer Not, wenn sie die Geister einer erregten Nacht zu sich sprechen hörte, Frau von Hilbach zu sich heraus. Dann saßen sie alle drei am Ofen: das müde Kind schlief bald in dem großen, tiefen Sessel ein, und die Pastorin rief: „Hört ihr? Hört ihr?"
Und Frau von Hilbach lauschte auch, aber sie hörte nichts. Nur einmal, an einem besonders dunklen Herbstabend, da die Windstöße mit schauerlicher Gewalt gegen das einsame Saalehaus brausten, hörte sie einen Ton, der wie ein Wehklagen klang, und sie weinte bitterlich.
Das wäre gewesen, als wenn ihr toter Manu sie riefe, und sie fühlte ihr Herz sich füllen mit einer namenlosen! Sehnsucht, mit einem so wilden Verlangen, herauszukom- men aus all diesem Elend, aus all der Kleinlichkeit iu.nl) Mühseligkeit ihres Daseins.
So oft sie aber so heftig weinte, tröstete sie die Pastorin in ihrer alten Weife: „Das vergeht alles, Kindchen! Das wird alles still! Nur noch ein paar Jahre hin, dann wissen Sie nichts mehr von all dem Brausen und Toben!"
Aber Frau von Hilbach schüttelte den Kops. Das Wollte sie nicht, nein, das war erbärmlich, daß so viel Leid, so viel! heiße Wünsche, so viel Sehnsucht einfach müd werden sollten!, einfach einschlafen.
„Und ooch wird's so kommen, Kinbchen! Glauben Sie mir. Was Sie zn tragen haben, ist ja gar nicht so furchtbar schlimm. Denken Sie an mein Schicksal, an all das Unrecht, das mir widerfahren ist, und darüber bin ich doch alt und grau geworden."
„{3a, sie hat recht!" dachte Fran von Hilbach, trat ans Fenster und sah in die dunkle, schaurige HerbstncpÄk und lauschte aus das Getöse draußen.


