Kis in unseren Mittelgebirgen, Tie Gipset- und Gratformen finh' zackig und unregelmäßig. Mächtige Felsen durchsetzen die steil totb Nh» »mir sattblauen Himmel strebenden, mit endlosen Fichtenwäldern bedeckten, von blendend tvcißen und zur Tiefe des Tales stürzenden Geröllhaldeti durchfurchten Berge. Andere tragen saftig grüne Alpemnatten bis zur Höhe,-und zierliche Almhütteu winken gar freundlich mit blitzenden Fensterscheiben herab. Brannen- vurg, Oberaudorf — Touristenschareu verlassen den Zug, denn es sind lockende Ziele von hier zu ersteigen: Wendelstein, Brünn- steiu.
Stattlich scharen sich wohlhabende Gebirgsdörfer in einem Hain von Obstbäumen um die weißgetnuchte Kirche, die stets die beiden bayrisch-obligatorischen Turmformen zum Himmel reckt: Zwiebel oder lange Spitze.
„Nein, sieh doch bloß mal an, Karl, igitt, toie. schmuddelig, nirgends reine Gardinen auf, und die Fenster seit Jahr und Tag nicht geputzt." Damit werde ich auf die Existenz von Herrn Und Frau Puttfarken aus Hamburg, mir gegenüber, aufmerksam. Frau Puttfarkens Zorn ist verständlich. Es ist allerdings oft „dünnig schmuddelig" in Oberbayern und Tirol; nur eins, aber dies auch vollauf, glefchis wieder aus: die Fülle an brennend roten Pelargonien und Nelken vvr den grünumladeten Fensterchen auch des ärmsten Bauernhofes und die offene, heitere Herzlichkeit dieses bajuwarischen KernffamMes.
„O Gott, Karl, sieh mal, tote schön!" Der Zug jagt an der „Klause", an der König Otto-Kapelle, dicht am! weißgran und hastig dahinschäumenden, breiten Jun, zwischen hohe Bergwände eingekeilt, dahin; die rötlich-graue, vielgczachte und von kleinen Schneerinnen und -Mulden durchzogene Wand des Wilden Kaisers steigt dort Hinten immer majestätischer auf.
Puttfarkens verraten sich: sic wollen beide dem Wilden Kaiser zeigen, daß die Vorstudien ünl Klettern auf den Süllberg bei Blankerlese nicht vergeblich waren. Ihre Ausrüstung, nagelneu vom Hamburger Lodeuntagazin, ist dementsprechend hochalpin. Auf der anderen Seite des Gangwagens lärmen vier „richtige" Hochtronristen. Sie werfen mit grifflosen Wänden, Couloirs, Grätschen, Graten, Kaminen, Seilsicherungen nur so um sich. Puttfarkens, die zunr ersten Male in den Alpen fiitb und sehr interessiert zuhören, beginnt es sichtlich ein wenig bange, vor dem Bevorstehenden zu iverden. Die dicke Pnttfarken verfärbt sich, als von Totenkirchen und Totensesseln die Rede ist. Er starrt sprachlos die jäh abstürzenden grauen $8änbe hinauf und hinab. Die letzte Wendung, unb Kufstein mit deut dicken Kaiserturm der vielumstrittenen alten Feste Geroldseck auf hochragendem! Felsen und den roten Ziegeldächern der an ihren Fuß geschmiegten Stadt steigt aus. Zur Rechten die gewaltige Felseir- masse des Pendling mit dein weißen Punkt seines Unterkuitsts- hanseS.
„Auf so'n Berg sollen wir hinauf, Karl?", meint Frau Pnttfarken bereits sehr bedenklich, als sie die riesenhafte Wand sorgenvoll mit den Augen mißt. Karl lacht, aber auch, schon lange nicht mehr so überlegen wie in Rosenhcint. „Wo denkst du hin, Pauline, der Pendling ist ja man bloß 1560 Meter hoch und ein ganz gewöhnlicher Aussichtsberg für kleine Kinder; wir wollen doch 2300 Meter hoch."
Pauline schweigt bedrückt, aber auch Karl meint: „Weißt du, so hoch und steil hätte ich mir die Alpen nicht gedacht." Mich interessieren die gutmütig dreinblickenden Leutchen. Ich schlangle mich mit ihnen durch die Zollrevision, bewundere mit Mutter Puttfarken die „Properteh" und Liebenswürdigkeit der österreichischen k. k. Südvahubeamten und Zollkontrolleure, stolpere über die entsetzliche hölzerne ReklaMetaselparade am Bahnhof und schlendere ihnen in die Stadt nach.
Das ist nun ein uneudlich liebliches Bild. Die alte Feste und die Pfarrkirche zu. St. Vitus beherrschen den Platz architektonisch. Landschaftlich aber gibt der nngebärdrg unter der zwer- bogigen Eisenbrücke zur Stadt mit trotzigen Wellen jach dahtn- flicßende Inn den Ton an. Nun sehe ich gerade, tote Mutter Puttjarkeu über die Tabak-Trafik und den Zigarren-Verschleig jenes Buchladens sich halb totlacht und stehe bald nach ihnen, um eine Ecke herumbiegend, auf den Unteren Stadtplatz. Hier zuerst fühlt man, daß man auf dem Wege zum Süden ist, bemerkt mau allerlei, uns namentlich von Südtirol erinnerliche tirolische Besonderheiten an den Häusern: Erker und in der Mitte schräg verstellbare grüne Fensterjalousien. Puttfarkens, schon, etwas außer Atem von deut tüchtig ani'teigcnbeit Weg in der südlich brennenden Sonne, bemerken das auch. Frau Pntt- farkens Buschl laut dem kecken Tirolerhut zittert heftig. „ . . . und tote soll denn das Mädchen diese kleinen schmalen Hoheit Fenster putzen; nein, ach doch, toie schmuddelig sind die Gardinen. . ." Ach so, ja, die holländische Reinlichkeit . . . Puttfarkens machen alles gewissenhaft ab. Sie wandern an den Denkmälern für verdiente Kufstein«, für Madersperger, den Erfinder der Nähmaschine, für den großen Nationalökonomen Friedrich List, der hier seine schweren Enttäuschungen, enbete, vorüber, unb studieren die Inschriften. Wie viel schiteller verstanden die lieben so idealen „Dichter und Denker", toie vorauszusehen, den Wert der Nähmaschiue, der Zementindustrie, als List's bahnbrechende volkswirtschaftliche Theorien!
Da Puttfarkens „all das" jedenfalls wenig interessierte, unti sie bei dem glühenden Sonnenbrand im Kufsteiner Talkessel bet- reits recht echauffiert aussahen, ließ ich sie zürn Tiroler Spezial gehen und setzte mich auf eine schnittige Bank. Regsam, aber mit der Ruhe kleiner .österreichischer Städte, die von der nervösen Ueberhay norddetttscher Großstädte glücklicherweise noch nichts wisst», zog das Straßenleben att mir vorüber, in das die Käppis Und die Gebirglertrachten eine weitere neue Note bringen. Doch der Fluch unteres modernen Reisens, die Pflichtstücke des Reisehandbuches, machen ihren Anspruch auch bei mir geltend". Ich breche auf. Sieh, da lenken Puttfarkens mit demselben Gedanken, die Feste Geroldseck zu besuchen, um die Ecke. Er rückt, mich erkennend, höflich den Hut, sie lächelt ganz freundlich herüber. Ich lasse sie aber einstweilen vorangehen. Herr Puttfarken lieft ihr die Geschichte der Festung in kurzen Zügen ans seinem Reise- handbnch vor; wie oft matt sich um sie gestritten und sie belagert hat, toie Hauptmann Hans Picnzenauer dem großmachtigen Maximilian, dem Hause Wittelsbach treu, trotzig die Stirne bot und seine Treue mit dem Tode zahlen mußte, nachdem „Weckaus" und „Purlepaus" ihre eherne Stimme halten ertönen lassen; wie die Bayern 1703 unter Kurfürst Max Emanuel am hellen Tage die Besatzung überrumpelten, toie im großen Freiheitsjahre 1809 Bayern und Tyrol, General Deroy und der Volks- Held Speckbacher um sie rangen. Frau Puttfarken sekundierte mit „Ach Gott, die armen Leute", „tote grasig", „pfui, was für Mordbrenner! .... Karl, paß auf, klapp dein Buch zu!"
Karl war nämlich über die erste Stufe des Kasemattenganges gestolpert. Nun wird es finster. In Serpentinen, von kleinen seitlichen Schießscharten notdürftig erhellt, klomm berjm übrigen vortreffliche Weg in Stufen unb Steigungen den Fels hinan. Das Bild vor mir war bedauernswert. Frau Puttfarken war längst die Lust vergangen, die Stufen zu zählen. Sie keuchte schon unb schnappte hochroten Angesichts nach Luft.. Herr Pntt- sarken schien kaum weniger erschöpft, ließ sich aber nichts merken. Endlich trat man ans Tageslicht. Herrn Puttfarkens vergnüglicher Vorschlag, sich doch „eben mal" die höchst interessante Sammlung des Kufsteiner „Vereins für Heimatkunde" mit den erschrecklich dränenden Skeletten der in der Tischofer Höhle am Kaiseistal aufgefundenen riesigen Höhlenbären, den Funden an Resten des' vorgeschichtlichen Menschen und seiner Werkzeuge am Wege anzusehen, fand energische Abtoeisnng. Mutter Pnttsarken iteuertel mit letzten Kräften der Restauration int Festungshose zu. Aufgelöst saß sie da. Herr Pnttfarken ließ erfrischende Getränke auffahren: auch er war mit feinen Flachlandbeiuen schon ziemlich fertig. Aber eingestehen durfte man das nicht, ihr am wenigsten.
Es galt also ärgerliche Verwunderung über so schnelles Versagen zu zeigen. Er entwarf in leuchtenden Farben ein Bud, der morgen bevorstehenden Fußwanderung und Kletterei, vor der ihm im innersten kaum weniger graute als der Gattm. Also vier Stunden durchs wildromantische Kaisertal zum vmteiwaren- bad; dort Uebernachten, bann am andern Morgen mit Führer „Klock drei" los und — . _ _ .
Mittler Puttfarkens Entschluß war geiaßt. „Tu, was du willst, Karl, ich geh' nicht in den sicheren Tod mit dir ms milde Kaisergebirge. Ich bleibe hier." (Beiläufig gesagt, Mutter Putt- farkens hatte heimliches Grauen, daß ihr unterwegs „,o n Höhlenbär" oder eilt Wolf begegnen könnte.) Karl Ueberredungskimste versinden nicht. Muttev Hieb fest. Und, offen gestanden, Karl siel damit eilt riesengroßer Stein eigner Angst vom Herzen, Das war doch hier was ganz anderes als der teuUberg und der Berg am Seeinannshaus! Nur eine große Sorge hatte er: was würden Hansens und Averkamps und Müllerdters und Claußens sagen, wenn sie erführen, daß sie gar nicht tu der Felswildnis des Wildeit Kaisers gewesen waren?
Da müßte ich ihnen raten: ein paar Ansichtskarten mit jenen! schwindelerregenden Bildern von Hochtouristen, die wie die Mtegen an senkrechten Wänden zwischen Himmel und Erde nebelt, umrahmt von gottlosen Berschen, zu kaufen, und sie nnt ein paar hochentzückten fachmännischen Worten der Alpimstensprache s z schauderhafte Traversierung des Teuselgrates, hocymler- essantes Couloir, furchtbar schwierige Kamine" ;>an Hansens, Averkamps, Müllerdieks und Clauiens zu senden. Zugleich stellte ich mich als Hamburger vor. Nein, diese Freude! .
Die niederdeutsche Liebe zur Heimat ließ sich an unserm aische' nieder, den wir abends beim roten Spezial tut .lurachct bestellten. Gewiß war's wunderschön hier; doch em paar herrliche Gruppen der „Eichenrecken", wie Joh. Hmr.ch Fehrs, unser holsteinischer edler Dichter lagt, etu Paar mögende Felder, das Moor mit den zierlichen Birken und Werden bet Grvßkarolrnenseld, der linke Gebirgswind, ent paar Stuck Vieh auf dm Werde, m ei 11 fnnier ftolact Snuenthof — uiii> 3nitu bei atmet?, wO mitUhrs „zwischen Hecken und Halmen" die zarteste» Geheimnisse schlafeit, die Buchenwälder, der werte wellige Horizont, der Hendust, die Pracht der Wolkenbirrgen, Schleswig-Holstern nreer- umschlitngen, es strahlte, in klarem Bilde aus dem spiegel unser« sehnenden Seele wieder. Wre viele.Bertthrungspunkte geraoe Nord und Süd haben, hier war es uns wieder ossenbar.....
In der Admiralitätsstraße Hamburgs aber gao eö em paar Taae darauf großes „Wundererwarten". Putt,arkens als Hoch-, touriften, im wilden Kaiser ■— auf einer Ansichtskarte halte


