— 419 —
EM W SM M dckn YMn Berichten Mer unsere Fälle, die $M änfzuMchn-en und — ich muß es sagen — gelegentlich auch rtu^zuschmuckeu so freundlich warst, nicht sowohl die vielen causes cslobres und sensationellen Prozesse, in denen W eine Rolle gespielt habe, in den Vordergrund gestellt, als vielmehr jene kleinen Fälle, die — obwohl an sich vielleicht alltäglicher Art — mir doch oft gerade Gelegenheit M den streng folgerichtigen Beweisführungen und Schlüssen gaben, die meine eigenste Spezialität bilden."
„Und doch," versetzte ich, „kann ich mich selbst nicht ganz von dem Vorwurf der Sensationssuch-t freisprechen, der gegen Mine Berichte schon erhoben worden ist."
„Du hast vielleicht den Fehler gemacht," fuhr er fort, während kr mit einem’ Stückchen glühender Kohle ans dem Kamin seine lange Weichselrohrpfeife anbrannte, die er an Stelle der Thonpfeife zu nehmen pflegte, wenn er sich eher in streitbarer als in beschaulicher Stimmung befand, — „du hast vielleicht den Fehler gemacht, daß du dich bemüht hast, allen unseren Leistungen Farbe Und Leben zu verleihen, statt dich auf die Darstellung meiner streng logischen Schlußfolgerungen von der Ursache auf die Wir- kung zu beschränken, die in Wirklichkeit das einzig Bemerkenswerte an der ganzen Sache bilden."
„Ich denke doch, ich habe dir dabei volle Gerechtigkeit au- gcdeihen lassen, entgegnete ich etwas kühl, denn mir war das starke Selbstgefühl zuwider, welches, wie ich mich schon mehr als Änmal überzeugt hatte, einen ziemlich ausgesprochenen Zug in Meines Freundes merkwürdigem Charakter bildete.
„Nein, es ist nicht Eigenliebe oder Einbildung von mir," bemerkte, er darauf, indem er'nach seiner Gewohnheit nicht sowohl meine Aenßerung beantwortete, als vielmehr das, was ich dabei gedacht, hatte. „Wenn ich volle Gerechtigkeit für meine Kunst verlange, so tue ich das, weil ich dieselbe als etwas Unpersönliches — als etwas über mir Stehendes, betrachte. Verbrechen kommen alle Tage vor, streng folgerichtiges Denken findet sich selten. Deshalb hättest du dich mehr bei dem letzteren als bei ersterem anftzalten sollen. Statt einer Reihe belehrender! Vorträge ist unter deiner Hand ein ganz gewöhnliches .Geschichten- bnch entstanden."
Es war ein kalter Morgen im Beginn des Frühjahrs, als wir nach dem Frühstück bei einem munter flackernden Feuer in dem alten Zimmer in der Bäkerstraße beisammen saßen. Dicker Nebel wallte zwischen den schwärzlichen Häuserreihen, und die Fenster gegenüber nahmen sich hinter den schweren gelben Dunststreifen ans wie dunkle, formlose Flecken. Unsere Gaslampe brannte und warf ihren blendenden Schein auf das weiße Tischzeug, das blinkende Porzellan und Silberzeug unseres noch nicht abge- deckten Frühstückstisches. Holmes war den ganzen Morgen über sehr schweigsam gewesen und hatte sich ununterbrochen in den Anzeigenteil einer ganzen Reihe von Zeitungen vertieft, bis er schließlich seine Nachforschungen aufgab und in nicht besonders! rosiger Laune aus seiner Versunkenheit erwachte, um' mir über meine schriftstellerische Mißgriffe eine Vorlesung zu halten.
„Sensation.ssucht," fuhr er nach einer langen Pause fort1, während deren er immerzu Wolle» aus seiner Pfeise geblasen und in das Kaminsener geblickt hatte, „wird man dir übrigens kaum zur Last legen können; handelt es sich doch bei einem guten Teil der Fälle, die du deines Interesses gewürdigt hast, gar nicht um Verbrechen im strengen Sinne des Wortes. Eher bist du vielleicht stber dem Bestreben, dem Sensationellen aus dem Wege zu gehen, ins Alltägliche verfallen."
„Dies läßt sich wohl manchmal von dem Ausgang sagen, die Methode aber, nach der die Behandlung der Fälle erfolgte, war stets eigenartig und interessant, dabei bleibe ich."
„Ach was, mein lieber Junge, was kümmert sich das Pnbli- kuni, das große oberflächliche Publikum, um die feineren Schat- tiernügen streng logischer Ableitung und Schlußfolgerung! Aber wahrhaftig, wenn deine Erzählungen trivial ausfallen, so kann man dir keinen Vorwurf daraus machen, denn die Tage der großen Fälle sind vorüber.. .Die Menschheit, oder zum wenigsten die Verbrecherwelt, hat alle Kühnheit, und Originalität verloren. Meine eigene bescheidene Praxis befindet sich allem Anschein nach auf dem besten Wege, zn einem Fundbnreair für verlorene Gegenstände totb zu einer Auskunstsstelle für Schullehrerinnen herabzusinken. Schlimmer kann es übrigens jetzt wohl kaum mehr werden. Mit dieser Zuschrift, die ich heute früh erhielt, dürfte ick) doch vermutlich beim Nullpunkt angelangt sein. Da, lies!" Damit warf er mir einen ganz zerknitterten Brief hin.
Derselbe war abends vorher von Montagne Place datiert! Nni> lautete:
. >,Werter Herr Holmes !
Ich bm int! Zweifel, ob ich eine mir angebotene Gouver- Uäntenstelle annehmen soll oder nicht und möchte sehr gerne Ihren. Rat in der Sache in Anspruch nehmen. Wenn ich Sw nicht störe, werde ich morgen vormittag um halb elf Uhr bei Ihnen vorsprechen.
Ihre ergebene
Violet H-muer,"
>,Kennst du die Schreiberin?" fragte ich.
r ff
».'Es ist gerade halb elf/'
■ "^vwohl, und ich glaubet ick) höre sie eben klingeln."
. >,Dw Sache Van» interessanter ausfallen als du denkst; du Nmnerst dich doch der Geschichte mit dem blauen Karfunkel, die sich zuerst ganz wie eine Posse ausnahm und sich dann zu einem wichtigen Kriminalfall entwickelte. So kann es diesmal auch gehen."
„Nun, wir wollen hoffen! Wir werden ja nicht lange im Zweifel darüber fein; denn ich mußte mich sehr täuschen, oder die Schreiberin des Briefchens ist bereits zur Stelle,"
! . Er Hütte noch nicht ausgeredet, als die Tür umging und eine junge Dame eintrat. Sie war einfach aber hübsch gekleidet/ hatte ein frisches, aufgewecktes Gesicht voll Sommersprossen und verriet durch ihr entschiedenes Auftreten, daß sie sich bis dahin allein hatte durch die Welt schlagen müssen.
„sie, nehmen mir doch nicht übel, daß. ich Sic belästige?" begann sie, als mein Freund sich erhob, um sie zu begrüßen; >,aber es ist mir etwas höchst Sonderbares begegnet, und da ich keine Eltern , oder irgend sonstige Angehörige habe, die ich um Rat fragen könnte, so dachte ich, Sie wären vielleicht so freundlich. Mir zu sagen, was ich tun soll."
„Bitte, nehmen Sie Platz, -Fräulein Hunter. Mit Vergnügest stehe ich Ihnen in jeder Weise zu Diensten."
Ich sahwohl, daß Holmes sich von dem Wesen und der! Ansdrucksweise seiner neuen Klientin angenehm berührt fühlte.. Er ließ den Blick prüfend über sie hingleiten und setzte sich dann Mit gesenkten Lidern und,aneinandergelegten Fingerspitzen zurecht/ um ihrer Geschichte zuzuhören.
„Ich war fünf Jahre lang Erzieherin in der Familie desf Obersten Spence Munro," begann sie. „Alein vor etwa zwei! Monaten erhielt derselbe einen Posten in Halifax in Nen-Schott-? land und nahm seine Kinder mit, so daß ich meine Stelle verlor.. Längere Zeit suchte ich durch die Zeitungen nach einem, passenden! Platz, jedoch ohne Erfolg. Zuletzt begann die kleine Summe, die ich mir erübrigt hatte, auf die Neige zu gehen, und ich wußte mir! nun nicht mehr zu helfen."
„In dem bekannten Wcstawahfchen Stellenverm.ittlungsbureäst im Westend pflegte ich ho ziemlich jede Woche einmal imchzufragen,; ob sich nicht etwas für mich gezeigt habe. Als ich nun «orige Woche von der Inhaberin des Bureaus, Fräulein Stoper, in ihr. Privatkabinett gerufen wurde, fand ick) einen Herrn an ihrer Seite sitzend. Er war.von ungeheurer Körperfülle, und sein mächtiges Kinn fiel ihm in mehrfachen Falten auf die Brust herab; dabei hatte er äußerst freundliche Züge und trug einen Zwicker! auf der Nase, durch den er die eintretenden jungen Damen an- gelegcntlichst musterte.
„Bei meinem Eintritt schnellte er förmlich von seinem Stuhle empor und wandte sich hastig zu Fräulein Stoper. „Das ist die Rechte," sagte er, „ich könnte gar nichts Besseres 1 inten. Herrlich, herrlich!" Er schien ganz entzückt, rieb sich die Hände vor Vergnügen und machte einen solchen Eindruck von Wohlbehagen« daß. es eine wahre Freute wär, ihn anzuschaueu,"
„Sie wollen sich nach einer Stelle umsehen, .Fräulein?" redete er mich an..
„Jawohl."
„Als Gouvernante?"
'„>)ä.
„Und welches sind Ihre Gehältsansprüche?"
„In meiner letzten Stelle, bei Oberst Munro, hätte ich! vier Pfund monatlich."
„O, ho, ho! Eine wahrhaft hundemäßige Bezahlung!" ries er, mit seinen fetten Händen in der Lust her umfahr end, als befände er sich in höchster Aufregung. „Wie kann man nur einer Dame von so hervorragenden Eigenschaften und Leistungen eine so er« bärmliche Summe bieten!"
„Meine Leistungen sind doch vielleicht nicht so bedeutend als! Sie glauben," bemerkte ich. „Etwas Französisch, etwas Deutsch/ Musik und Zeichnen."
„Atz, pah, pah," rief er, „das kommt alles nicht in Frage. Ob Sie Erscheinung und Benehmen einer Dame von Stand!, haben ober nicht, darauf allein kommt es an. Ist, dies nicht der Fall, so eignen Sie sich nicht zur Erzieherin eines Kindes, dem! eines Tages vielleicht eine wichtige Rolle in der Geschichte des Landes zufallen wird. Trifft es aber zu, wie konnte Ihnen daun ein anständiger Mann zninuten, sich mit weniger als hundert Pfund zu begnügen. Bei mir würde Ihr Gehalt mit diesem Betrage beginnen."
„Sie können sich vorstelleii, Herr Holmes, daß mir in meiner bedrängten Lage dies Angebot so verlockend erschien, daß. ich kaum meinen Ohren traute. Der Herr jedoch, der vielleicht den ungläubigen Ausdruck aus meinem Gesicht bemerkte, nahm nun eine Banknote ans seiner Brieftasche.
„ES ist außerdem meine Gewohnheit," sn.hr er fort und verzog dabei sein Gesicht zu einem so liebenswürdigen Lächeln, daß feine Augen nur noch wie zwei glänzende Streifen zwischen den sie umgebenden Falten hervorblitzten, „meinen jungen Damen die Hälfte ihres Gehaltes im voraus einzuhändigen, damit ihnen die kleinen Auslagen für die Reise und für ihre Garderobe nicht schwer fallen,"
Eine derartige Liebenswürdigkeit und Rücksicht war mir, soweit ich Mich erinnern konnte, in meinem ganzen Leben noch.bei keinem Herrn vorgekommeu, Da ich bereits Schulden bei meinen LMH-


