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„Aber ich bin der Mann, ich habe zu befehlen." sagte er auch böse, doch sie raste und schrie: „In diesem Hause hat außer mir kein Mensch was zu sagen! Das ist mein Haus, und ich ivitt nicht, daß du baust!"
Der Mann versuchte noch eine Zeitlang, seiner Frau gut zuzureden, aber sie hörte nicht auf ihn. Da ließ er stillschiveiaend die Gerüste weiter aufschlagen, und weil er selbst etwas vom Bauen verstand und gern sparsam bauen wollte, stieg er in eigener Person aufs Gerüst. An dem Morgen an dem sie den erfteit Stein auflegen wollten, sagte er zu seiner Frau: „Dreimal haben wir angebaut, und jedesmal hast du über denr ersten Stein, den wir legten, ein Vaterunser gesprochen, tu es auch jetzt!"
Aber die Frau war voll von bliiedem Zorn.
„Einen Fluch will ich ihm mitgeben, aber keinen Segen!" schrie sie ganz rasend, und der Mann giiig traurig von ihr. Er baute viele Wochen lang, und wie das Dach schon gedeckt und alles fix und fertig war, stieg er noch einmal aus eine hohe Leiter, um nachzusehen, ob die Dachrinne gut befestigt war.
Gr schaute nach rechts und links und geradeaus, und der Ausblick von hier oben war so überwältigend schön, daß er alles um sich herum vergaß. Er wußte nicht mehr, daß er auf einer hohen Leiter stand, er sah nur noch und kam ins Träumen, und plötzlich stieß die Frau, die mit mißmutigen! Gesicht int Garten gestanden hatte, einen lauten Schrei aus. Vor ihr lag blutüberströmt ihr ärmer Mann. Er war von der hohen Leiter heruntergestürzt, und ans Mund und Nase quoll ihm Blut.
Es waren gleich Nachbarn hinzugeeilt und hatten ihit auf sein Bett getragen, auch ein Arzt war bald da, und der sagte, daß er noch am selben Tage sterben müsse, weil er sich das Rückgrat gebrochen habe, und die Frau war ganz verzweifelt und hielt die Hände von ihrem Mann fest. Wenn er nicht bei Besinnung war, ließ, er sie, ihr, aber, wenn er erwachte, zog er sie fort, und einmal "sagte er: „Das war deut Fluch, der die Schuld trägt. Jetzt werft du Witwe. Jetzt ist das Haus Sein!"
Da soll sie verzweifelt geschrien haben: „Nein, ich Ivitt keine Witwe sein, ich fürchte mich, ich nehme den Fluch zurück! Bau, soviel du willst. Bau in den Himmel hinein, aber bleib bei mir!"
Er hat gestöhnt unter seinen furchtbaren Schmerzen, und dann soll er einen furchtbaren Fluch ausgestoßen haben, sagen die Leute: daß sie nie Ruhe finden solle in dem großen Haus, nie wieder eines Mannes Weib werden, daß auch ihr Kind, ihr kleines Töchterchen ihr kein Glück bringen solle, und daß alle, die das Haus einmal besitzen müßten, ein schweres und trauriges Schicksal haben solltet:, hundert Jahre lang, und ihre Seele sollte nach ihrem Tode noch in dem fluchbeladenen Hause umherirrett. —
Sie hat gejammert und gefleht, er solle bett Fluch zurücknehmen; er aber hat sie mit seinen letzten Kräften zurückgestoßen und ist gestorben."
„Und dann, Mutter?"
„Ja, Jungchen, was dann kam, weiß ich nicht genau, und die Kosh weiß es auch nur so aus Erzählungen. Die Frau soll noch lange gelebt haben und immer still und traurig gewesen sein. Ihre Tochter hat einen Mann bekommen und ist schon nach Jahresfrist Witwe geworden, und so ist das Haus dann von Hand zu Hand gegangen."
„Und jetzt, Mutter?"
„Ja jetzt, Jungchen, jetzt wohnen wir drin."
„Ach!" machte das Bübchen erstaunt. „Das soll unser Haus sein! Wo hat denn die Leiter gestanden?"
„Ich weiß es nicht!" — Frau von Hilbach sah träumerisch ins Weite.
„Aber der Mann hat gesagt, nur hundert Jahre wollte er es verfluchen. Wie lang ist das denn her?"
„Das müssen bald hundert Jahre fein, Erwin!"
„Darum nennen es die Leute wohl „Witwenhaus", Mutter?'
Die Kosh kam mit einem Stoß Wäsche auf dem Arm ins Zimmer.
„Nu, wieder Kopfschmerzen?" fragte sie als sie ihre Frau in sich zusammengesunken int großen Lehnstuhl am Ofen sitzen sah.
„Nein, Kosh, ich hab ihm nur ein Märchen erzählt!" ,Mon unferm Haus, Kosy, wo der Mann von der Leiter gestürzt ist."
Die Kosy lachte. „Das ist ja mal nur erfunden! Aber an so was ist oft mehr Wahrheit wie man denkt, und daß unser Haus kein gewöhnliches ist, das hab ich schon längst heraus. Mit unferm Haus, das ist was ganz Komisches. Ich sag oft zur Frau Belzig: „Unser Haus hat Gefühl!"' Sie sollten mal öfter in mein Stübchen am Bergabhang kommen, Frau von Hilbach. Wenn ich da ruhig sitze und stricke, dann fangen auf einmal die Wände an, mir was zu erzählen, gerade heute noch, wie der Sturm so prasselte, hab ich zuhören müssen. Das war, als ob jemand um Erbarmen flehte, und bann wieder, wenn die Sonne scheint, bann fängks so froh an zu knistern, als lachte einer. — Gott ja, man kamt ja für alles eine natürliche Erklärung haben; einer, ber keine Phantasie hat, würde sagen: es ist die Tapete, die sich von der Wand löst, weil die Mauern austrocknen! Aber ich sind es schön, wenn man sich immer was besonderes denkt. Meine Dielen zum Beispiel, die sind richtig wie eine Geige, ich kann da ein ganzes Lied drauf spielen. Die mittelste hat zwei Töne; wenn ich mit dem rechten und dem linken Fuß austrete, ruft sie zweimal: „still, still!" das eine Mal ruft sie's hoch, als ob ein Kind spricht, das zweite Mal ganz tief. Wenn ich mal so recht ärgerlich bin und gleich lostoben möchte, geh ich auf der Diele hin und her, unb wenn ich so zehn oder zwanzig Mal gehört habe: „still, still!" bann ist alle Wut vorüber.
„Nu, unb bie rechts baneben, bie kann „ja" und „nein" sagen, bie hat richtig ihren eigenen Willen. Den einen Tag sagt sie konstant „ja", den andern „nein!" Wenn ich mal im Zweifel but, was ich tun soll in irgend einer Sache, tret ich auf bie Diele. Sagt bie „ja", bann weiß ich, baß ich's getrost tim kann, sagt sie „nein", bann muß jch's lassen, ob ich will oder nicht.
„Was meinen Sie, Frau von Hilbach, an beut Tag, au bent unser Doktor mir zuerst gesagt hat, baß er wieber- kommen will, bin ich gleich heranfgelansen unb hab meine Diele gefragt, unb die hat ein „Ja" geschrien, baß ein Tauber ss hätte hören müssen."
Der kleine Erwin sah bie Kosy mit großen Augen an, und Frau von Hilbach blickte träumerisch vor sich hin. Es tat ihr wohl, daß bie Alte basselbe buchte wie sie.
Ihr Haus war nicht tot und kalt, ihr Haus hatte eine Seele, aber bie meisten Menschen waren zu vernünstig, um so etwas zu glauben.
(Fortsetzung folgt.)
zu
Fürstenstadt. c ,
Die Knospen der Kastaniett reckten unb dehnten stch unter den ersten, kosenden Sonnenstrahlen, und die grünen Fingerblattchen lugten, noch gefaltet, ans der brannharzigen Hülle.
Das herzogliche Schloß lag noch in tiefsten Frieden, nur int Souterrain schafften die Hofköche eifrig, aber lautlos.
Nach Morgen zu besaß das Palais einen rteftgen, aus mächtigen Quadern gefügten Altan, der von einer buntgestreiften Markise überspaitnt war und durch eine weitgeschweifte Freitreppe mit dem Park verbunden war.
Ein Lakei öffnete die vom großen Gartensaal nach bent Altan führende Glastür und trat heraus. Er blickte nach dem Himmel, nickte vor sich hin und rollte dann einen Läufer von
Die Mqrtenstadt.
Novelle von Max Karl Böttcher-Chemnitz.
Goldener Frühlingsmorgen lag über dem herzoglichen Park
der Schwelle bis zur Freitreppe.
„Gnädigste Baroneß können immer heraustreten, es rst vollständig trocken, und ein schöner Morgen."
„Danke, Bolbe," sagte Freifräulein von Doberenz, die Hofdame Ihrer Hoheit, der Prinzessin Clarissa zu Fürstenstadt. „Sie meinen also, es ist nicht zu frisch zu einer Promenade mit Ihrer Hoheit?"
„Ich denke nicht. Und diese herrliche Ruhe!"
„Na, wir wollen lieber noch ein ©tünbdyen warten. Bis dahin kam: der Leibarzt da fein und Sie wissen, der alte Herr wird höllisch grob, wenn man etwas gegen seine Verordnung tut.
„Aber gnädigste Baroneß, es ist doch so mild und Herr voN Selffers ist auch schon int Park."
„Ach was sie sagen, der Herr Major?!" Leichte Röte Wt* zog das feine, jugendliche Gesicht der Hofdame. „So will in) Die Prinzessin holen."
Fräulein von Doberenz nahm das lange Schleppkleid hoch und ging durch den Gartensaal und durch die Korrtdore nach den Gemächern Ihrer Hoheit.
Im Vorzimmer fa§ die Kammerfrau der Prinzessin. „Sott ich gnädigste Baroneß ntelben?" fragte sie. „Danke, Fran Bolbe. -


