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, Schmückt man schon das ganze Jahr die Gräber seiner Lieben, so ist das am Allerseelentag eine durch das Herkommen doppelt teure Pflicht. 'Die letzten Blumen windet selbst der Aermste zu Kränzen und legt sie in liebevollem Gedenken auf das Grab entschlafener Angehöriger oder teurer Freunde. In Norddentsch- land hat sich diese Sitte der Grabschmückung auf den protestantischen Toten-Sonntag, den letzten Sonntag des alten Kirchenjahres, auf Ende November verschoben. Das geschah, uni den Gegensatz zur alten, Kirche zu markieren; sie änderte den Termin, aber nicht die, Sitte. Schon im germanischen Heidentum gedachte man in diese Tagen der Toten. Der 1. November galt dem Gedächtnis der großen Helden und Vorfahren, der zweite Tag Allerseelen dem Gedächtnis aller Verlebten, und der dritte jetzt völlig verschwundene, galt der Jagd und der lärmenden Waldfreude. Nach germanischem Glauben weilten die Seelen im Winter — d. h. bis zur Frühjahrs- Tag- und Nacht-Gleiche — in der Nähe der zurückgebliebenen Verwandten, ja sogar in deren Wohnungen. Den Frühlingsanfang sah man aber als den Zeitpunkt an, zu welchem die abgeschiedenen Seelen das Reich der Lebenden verließen, um im Seelenreich Aufenthalt zu nehmen. Diesen Aufenthaltsort aller gestorbenen, nicht im Kampfe gefallenen Menschen, stellte man sich als ein herrliches Wicsengesilde, voll der lieblichsten Blumen, vor. Namentlich Rosen wuchsen in jenen Gärten, weshalb noch heute manche Friedhöfe, namentlich in Tirol, Rosengärten heißen. Zu der Wanderung der abgeschiedenen Seelen brachte man im Herbst und Frühling den Toten Liebesopfer, Blumenkränze, Lichter und Speisen dar. Wir haben also in den Totenkränzen nicht nur einen Schmuck zu sehen, sondern auch eine Erinnerung an die blumenreichen Auen, wo die Seelen in ewiger Freude lustwandeln. Die Seelen der im Kampfe Gefallenen trugen Walküren vom Schlachtfeld nach Walhall zu Odins ewigem Frcudensaal, wo sich die wackeren Kämpen an üppigen Mahlen und fröhlichen Kämpfen erfreuten. Auch sonst ist der Gedanke an den Tod und das Sterben bei den Germanen eine so allrägliche Vorstellung gewesen, daß es kein Wunder nehmen kann, wenn sich die Erinnerung daran nicht so leicht umüilden ließ. Für die germanische Weltanschauung war eben der Tod keine Freude störende Schreckgestalt. Bei der fest begründeten Anerkennung der Unsterblichkeit und der höheren Bestimmung des Menschen war vollendete Sittlichkeit das Hauptbestreben, und als der Sittlichkeit stärkster Hebel galt die Religion, die dem braven, treuen Mann, dem int Geschient der Züchtigkeit lebenden Weibe Walhalls Freuden mit heiterem Glanze ausmalte. Den lebensfrohen Griechen schreckte Charons dunkle Fahrt, den Römer die Höllenhunde. Der Kelte verließ als dünnes, ohnmächtiges Gespenst die leibliche Hülle, dem Skandinavier zerschnitt die böse Norme den Lebensfaden, den Deutschen aber küßte Freund Hain, und es führte ihn zum freudenreichen Saale der Äsen eine freundliche Elfin (Fee oder Fey, wovon das deutsche Wert feig (Fey-ig) für zaghaft in die deutsche Sprache gekommen ist; dieses Wort bedeutet in niederdeutscher platter Mundart noch heute nichts anderes als „dem Tode nahe".). Die heiligen Haine, die Wohnsitze der Götter, wurden vom Volke gern besucht. Dort dachte man die abgeschiedenen Lieben sich gegenwärtig und versammelte sich an ihren Gräbern. Es wäre nach germanischen Begriffen unmöglich gewesen, die Toten zu beweinen, mau gedachte ihrer vielmehr im Heldenlied und bei fröhlichen Mahlen. Ein allgemeiner Festtag war dem Gedächtnis der Toten geweiht. Man hatte dafür die Jahreszeit gewählt, wann des Waldes fallendes Laub an die Vergänglichkeit irdischer Dinge mahnt und die verödende Natur an den Tod erinnert. Dann zog matt in gxpßen Scharen in die Haine, schmückte die Gräber, sang und erzählte von bcn Taten der Verewigten und stellte ihre Tugenden den Kindern als Muster vor und pries sie glücklich in Walhall der ewigen Freudenwohnung. Für die christliche Kirche Ivar es nach allem Gesagten eine Notwendigkeit, ein Totenfest anzusetzen, wie ein solches alle anderen Religionen auch haben, es war eine bewußte Anknüpfung an das Alte, wenn man dieses Fest auf ursprünglich heidnische Festzeiten verlegte. Zu Hilfe kam der Kirche das lebhafte Naturgeftihl der Germanen, das sich mit den biblischen Bildern vom Hinsterben des Menschen „wie des Grases Blume" leicht vereinbaren ließ. Das jetzige Allerseelenfest entstammt aus der gleichnamigen Feier, welche 998 der heilige Odilo, Abt von Cluny, in den Klöstern des Benediktiner-Ordens einführte. Die Veranlassung zur Stiftung wird verschiedentlich erzählt. Sigebertus Gemblacensis meldet, Odilo habe, als er einst dem Aetna sehr nahe gewesen, die abgeschiedenen Seelen jämmerlich schreien und um Errettung aus dem Fegefeuer flehen hören, worauf er zur Erfüllung ihres Verlangens in seinem Kloster zum Feste Allerseelen Anstalt gemacht, daß aber um der ausgebreiteten «Brauchbarkeit willen hernach von Johann dem XVII. bestätigt und zur allgemeinen Wohltat gemacht worden. Bereits Um 1100 finden wir das Fest allgemein, itnb so tief wurzelte es im Volksgemüt, daß, sogar Luther bei der kursächsischen Kirchenrevision sich vergeblich bemühte, den Allerseclentag abzuschaffen.
Des Volkes Denken spricht sich im Volksaberglauben aus, und dieser bewahrt uns oft ehrwürdige Reste längst verschwundener Kulturepochen. In wunderlicher Weise verquicken sich germanische Bestandteile mit christlichen Vorstellungen. Den armen Seelen int Fegfeuer ist au diesen Tagen Ruhe gegönnt, und ihre Qual hört bis Mitternacht auf. Die stets mitleidigen Menschen früherer Zeiten haben denn auch in naiver Weise ihr Mitleid bezeigt.
In Trrok läßt man titon dem Abendessen auf den Tisch stehen! und zündet reichlich Kerzen an, denn wenn Alles schlafen gegangen, kommen die armen Seelen aus der ewigen Pein zu den Häusern rhrer ehemaligen Angehörigen, um sich dort an dem Essen zu laben, ^n anderen Gegenden setzt man große Schalen mit geschmolzener Butter auf den Tisch oder legt Fettstücke bereit, damit die Seelen damit ihre Brandwunden bestreichen können. Im Egerland setzt man den armen Seelen kalte Milch mit Semmel vor, welche kühlend wirken soll. Wieder an anderen Stellen heizt man in der Allerseelemracht tüchtig ein, damit diejenigen, die „die kalte Pein" erdulden, einmal sich wärmen können. Auch glaubt man, daß die. armen Seelen um Mitternacht zunt Opfer (d. h. zur Messe), in die Kirche gehen, und diejenigen, welche ihre Strafe verbüßt haben, dürfen bei dem Läuten der „Wandlung" in den Himmel auffahren, die andern aber fliehen mit dumchem Weheruf Schlag 12 Uhr zurück zum Ort der Qualen. Arme Seelen sind oft in Kröten gebannt und suchen namentlich an Allerseelen unbemerkt in die Kirche zu kommen. Kröten sind überhaupt schon nach ältestem Glauben Tiere der Unterwelt, so z. B. schon bei den alten Parsen. Auch bei den Slaven ist die Kröte das Symbol des unterirdischen Geistes Zelu. Tiroler Volkssagen berichten vielfach, daß Personen, die ein Gelübde im Leben un- erfiillt ließen, dieses nach ihrem Tode in Gestalt einer Kröte vollbringen müßten. Deswegen sieht das Volk es als schweres Unrecht an, diese Tiere auf ihrem Wege zu stören und ist ihnen oft sogar behilflich. Es ist daher verboten, diesen Tieren wehe zu tun. In Niederösterreich ist es Sitte, daß heiratsfähige Mädchen sich um Mitternacht auf einen bestimmten Kreuzweg begeben. Dort fragen sie den ersten begegnenden jungen Mann nach seinem Taufnamen, geben ihm einen Kuß und laufen eiligst davon, denn nun wissen sie den Namen des künftigen Gemahls. Man nennt dies „Üosengehen" und ist ebenso fest von dem Eintreffen desselben überzeugt, wie man im Jnntal behauptet, daß demjenigen alle Wünsche in Erfüllung gehen, der in der Allerseelennacht zwischen 11 und 12 Uhr eine Totenbahre dreimal um die Kirche herumzieht. Hierbei muß eine Person die Bahre ziehen, die andere muß mit dem Kirchenschlüssel Bei jedem Umgang dreimal auf die Bahre klopfen, um zu verhindern, daß sich Geister auf dieselbe setzen. Am Allerseelentag geht man in Böhmen zur Messe für die Verstorbenen und dann auf den Kirchhof, um die Gräber zu schmücken. Es ist dort auch noch üblich, — sonst in Deutschland nur vereinzelt — kleine Lichter auf die Gräber zu sehen; (bie Lichter sind das Symbol der Seele, wie wir ans zahlreichen Liedern und Bolksbräuchen wissen). Nach dem Gottesdienst geht der Priester in vollem Ornat, von seinen Ministranten begleitet, unter dem Gesang der Gemeinde zwischen den Gräbern herum und segnet dieselben durch Besprengen mit Weihwasser und Räuchern. Dann begibt sich, wie im Passeier Tal, der Zug in die Kirche zurück, und es erfolgt die Verlesung der Toten des letzten Jahres von der Kanzel. Die Verwandten zahlen für jeden Namen „sechs Dreier", und der Priester kann sich durch deutliche Aussprache des Namens sehr beliebt machen, denn das erhöht den Kredit und den Ruf der Frömmigkeit der Hinterbliebenen. In Steiermark und Kärnten findet die erwähnte Prozession erst Nachmittags statt, und die Verwandten beten dann bis Mitternacht beim Schein der Kerzen für ihre Lieben, die unter dem ebenfalls reich geschmückten Hügel schlafen. Dasselbe geschieht in Schwaben und am Rhein. Dort ist es auch noch üblich, während des Schlagens der Mitternachtsstunde ein auf jedem Grabe angebrachtes Stroh- kreuz zu entzünden, was den Teufel, der auf Seelen lauert, die zum Himmel auffahren, vertreiben soll. Allgemein üblich ist die Spendung reichlicher Mmosen an Allerseelen, viele Gemeinden lassen auch noch sogenannte Seelwecken verteilen. In Bayern und Schwaben erhalten die Kinder Gebäck in Form von Hasen, Pferden, Hennen usw., Tieren, die nach germanischem Volksglauben mit der Seelenwanderung in Beziehung stehen.
Zu Allerheiligen beschenkt noch in ^manchen Gegenden der Pake oder die Patin das Patcnkind miFeinem großen mürben! Seelenzop? oder -Spitz. Der Bäcker verehrt seiner täglichen Kundschaft einen überzuckerten Seelenwecken. Die Bcttelkinder, die Seelleute, auch arme Seelen sprechen in wohlhaberrden Bürgerhäusern und Mühlen vor, beten im Hausgang ein Vaterunser für die armen Seelen in der Verwandtschaft und erhalten dann besonders reiche Spende. In Mittenwald läßt der Bäcker für diese Tage eigene Arme-Seelenbrotr aus Buchweizenmehl backen. Im Schwäbischen Unterland (Donautal) wurden früher die Allerseelenzöpfe auf die Gräber gelegt, so daß die Kinder, wenn sie morgens den Friedhof besuchten, dort mit reichen Spenden überrascht wurden. Dieser Brauch wird schon durch den Freiburger Professor Lorichius im 16. Jahrhundert bezeugt, denn er berichtet, daß man an Allerseelen Wem, Brot und andere Speisen auf bte Gräber gestellt habe, (wie angeführt zur Labung der armen Seelen).
Abweichend von der vorbezeichneten Zeit der allgemeine«! Totenehrung begeht die protestantische Kirchengemeinde Erlangen- Altstadt das alljährliche Totengedächtnis mit Schmückung der Gräber auf dem Friedhöfe am Markustag (11. November). In Nürnberg und Umgebung feiert man Allerseelen auf Johanni int Sommer, also zur Zeit der üppigsten Rosenblüte. . Da brannte und duftete dann der berühmte ehrwürdige Johannisfriedhof mit feen Gräbern der großen Söhne Nürnbergs, wie ein einziger Rosm-


