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ein paar Flaschen Sekt getrunken und sich „ausgesprochen". Ausgesprochen — wahrhaftig! Und mir sagte er, ich möchte mich endlich einmal in die große Welt zu schicken verstehen."
Fritz war blaß geworden. Der alte Mann neben ihrck war unbarmherzig. Der kannte keine Schonung.
„Ich weiß nichts Näheres über den Fall, Opa. Weiß nur, daß Eldringen seit Jahresfrist nicht mehr zu uns kommt. Hat er die Mama kompromittiert?"
„Ah was — lassen wir das Gewesene! Die Geschichte ist aus — dein Vater hat sich wie ein „Kavalier" benoiw- men, ohne daß es zum Kugelwechsel kam — und deine Mutter ist geblieben. Deine Mutter. Es geht mir nahe, Fritz, daß ich so sagen muß. Mutter war sie dir immer nur dem Namen nach. Aber ich w-ill alle Bitterkeit vermeiden, nun ja doch ihr Entschluß festzustehen scheint. Halten wir uns an das Tatsächliche. Sie will auf Reisen gehen. Gut. Da tut es nicht mehr das stipulierte Nadelgeld: es muß ihr eine feste Rente ausgesetzt werden."
„Sie deutete das schon an."
„Natürlich — was wird sie nicht! Und ihre Ansprüche gingen hoch?"
„Sie erwartet Wohl unsre Vorschläge. Ich denke, wenn wir ihr das zugedachte Nadelgeld verdoppeln, wird sie zu- frieden sein können. Ich werde Papa bitten, ihr fünfund- zwanzigtausend Mark auszusetzen."
„Hoho! Davon lebe ich zehn Jahre und lege noch Ersparnisse zurück. Aber wie ihr, wollt. Auch bei dieser Summe macht ihr immer noch ein gutes Geschäft. Nur bitte ich um notarielle Fixierung. Die Dame muß sich schwarz auf weiß verpflichten, keine weiteren Anforderungen zu stellen. Na, und dann —" er ließ sein Fernrohr in eine der Taschen seines weiten Röckchens gleiten und rieb sich die Hände —, „dann ist ja Aussicht vorhanden, daß wir noch einmal auf einen grünen Zweig kommen!" —
Fritz lehnte sich gegen das Rückenbrett der Holzbank, verschränkte die Arme und schaute träumend auf den grünen Strom hinab, über den schon die ersten Schleier der Abenddämmerung zogen, während im Wasser noch immer das Gold des Sonnenuntergangs glitzerte.
Ein scharf beobachtender Seitenblick aus dem schwarzen Auge des Opas traf ihn. Die Hand des Alten glitt mit zärtlicher Bewegung über seine Schulter. „Fritz," sagte er, „ich versteh deine Stimmung. Sie kommt von innen und ist begreiflich. Dualismus würden die Leute sagen, die sich auf Seelenkunde verstehen. Die Mischung halbsüß. Aber das Leben ist herb, und die Zuckerung verdirbt nur den Charakter. Heraus aus der Süße! Heraus aus dem Halben! — Du willst es, ich weiß es. Ich habe dip manches abzubitten. Bist ein viel forscherer Junge, als ich geglaubt habe. Hast offene Augen, und die sahen gleich, wo bei uns die Fehler stecken. Dein Vater kann sich gab keinen besseren Kompagnon wünschen. Er hat die Erfahrung für sich — du bist der Couragiertere, der sich den Teufel um die Ansichten der lieben Nächsten kümmert, wenn sie den eigenen nicht zuträglich sind. Ihr Beide ergänzt euch prächtig — und schließlich ich — ich lebe ja auch noch und möchte noch einmal zu Worte kommen! Aber daM tut eins not: deine Mutter muß fort. Muß unbedingt! fort!"
„Ja — sie muß," widerholte Fritz. „Opa, ich wehre mich ja gar nicht. Ich sehe die Notwendigkeit ein. Ich möchte nur jede Harte vermeiden. Können wir Uns die notarielle Verpflichtung, von der du sprichst, nicht schenken?" ,
„Nein," sagte der Alte barsch. „Warum nicht? Werl dann endlose Nachforderungen kommen würden. Nimm an, deine Mutter wäre in Paris. Es gefiele ihr in einem! Schauladen ein Schmuckstück im Werte von fünfundzwanziA- tausend Mark. Sie kriegt es fertig und kauft es sich für eine Jahresrente. Fritz, ihr kommt ohne Bindung nicht zu Rande mit ihr. Ihr kommt ohne eine gewisse Härte nicht durch. Und übrigens — ich meine, auch für sie ist diese Härte am Platz. Sie wird sie Selbsterziehung lehren."
Fritz neigte den Kopf. Er mußte sich zugestehen, daß in den Worten des Opas viel Wahrheit lag. Er sprach noch am selben Tage mit seinem Vater. Der Kvmmerziew- rat spielte wie gewöhnlich ein bißchen Theater; auch eine Träne gelang ihm: sie sollte der ersten glücklichen Zeit seiner Ehe gelten. Dann wurde er rasch vergnügt: die Aussicht auf eine fröhliche Jun ggesell en wir tsch oft entlockte ihm ein
auch den Vater verkannte Fritz nicht — und das Herz wurdei hm schwerer und schwerer. Er kam sich unsäglich verwaist vor.
Er streifte den Nachmittag über planlos durch die Weinberge und wanderte dann hinunter an den Rhein. Er ärgerte sich über die „Gefühlsduselei". Früher hatte sie ihn nie gepackt, und jetzt schien es ihm auf einmal, als zerflösse er in Weichheit. Das grimmte ihn, und er konnte es doch nicht ändern.
Als er beim Umherschlendern an dem kleinen Hause des Opas vorüberkam, entschloß er sich zu einem kurzen Besuch bei ihm. Er wollte ihm als erstem von seiner Unterredung erzählen und von ihm hören, welche Zuschüsse man der Mutter gewähren könne, um ihr in der Fremde ein anständiges Auskommen zu sichern.
In dem hübschen, völlig von Reben umsponnenen Häuschen traf Fritz nur Frau Wendler, die alte Aufwärterin des Opa, die ihm aber sagte, der Herr sei im Garten und wohl jedenfalls „oben auf der Ruine". Das war sein Lieblingsplätzchen: der letzte Ueberrest eines alten Schloßturms, der einst zu der Veste der Grafen Jonni- Mieg gehört, von dem heute aber nichts übrig geblieben war als ein halbmannshoher Feldsteinkranz auf einer kleinen Anhöhe, von der man einen schönen Ausblick auf den Rhein hatte. Um dieses Ausblicks halber liebte der Opa dieses Fleckchen besonders. Eine Bnche wuchs dicht an der Mauer, unter ihr stand eine Bank, und hier faß der Alte, ein Fernglas in der Hand, das er von Zeit zu Zeit vor das rechte Auge führte, wahrend er das linke dabei zukniff.
Er sah Fritz zwischen den Weißdornhecken daherkommen Und itvinkte ihm. „Sieh, sieh, Fritzchen," rief er ihm entgegen, „besuchst du den Opa auch einmal? Das ist eine seltene Freude, und ich möchte wetten: irgend eine besondere Ursache liegt ihr zugrunde. So bloß um der Liebe willen — dazu sind wir Friedels zu praktische Leute. Setz dich, Fritzchen, und leg los: was hast du aüf dem Herzen?" —
„So bloß um der Liebe willen" — die Wendung fiel Fritz auf. Sie traf das Richtige. So bloß um der Liebe trnllen — dafür hatten die Friedels nie viel übrig gehabt. Es ging ein nüchterner Zug durch das Geschlecht.
Er nahm die sich eigentümlich trocken anfühlende, steif- ßingrige Hand des Opas und setzte sich neben ihn.
„Was ich auf dem Herzen habe," wiederholte er. „Es sst rasch gesagt. Ich habe eben mit der Mama gesprochen."
Der Alte hob den Kopf. „Hat sich die Dame gefügt?" fragte er kurz.
„Nein. Sie will auf Reisen gehen. Ich glaube zu ahnen, daß sie nicht mehr zurückkehren wird."
Der Opa antwortete nicht sogleich. Er überlegte. In feinem Haßgefühl gegen Margot witterte er allerlei Unheil auch hinter dieser vorgeblichen Reise.
„Man muß es notariell abmachen," sagte er.
„Was, Opa?"
„Mein Junge, die Sache liegt klar. Ohne Auto, ohne Wierelang, ohne Toiletten und Perlenketten, ohne Gesell- schaftszauber und glänzenden Haushalt hält es deine Mutter bei uns nicht aus. Alles das, nur das noch fesselte sie an uns. Die Frau eines simplen Schaumtveinfritzen, der morgens in sein Geschäft geht und abends müde heimkommt, kann sie nicht sein. Abgesehen von allem andern: sie ist eine viel zu unruhige Natur dazu. Da zieht sie ein Reiseleben mit seinen wechselnden Vergnügungen selbstverständlich vor. Soll ihr gegönnt werden — ohne weiteres . . . auch auf die Gefahr hin, daß sie eines schönen Tages irgendwo da draußen irgend einen findet, der sie veranlaßt, um Scheidung der Ehe zu bitten."
„Großvater!"
„Was willst du? Erschreckt dich das Wort Scheidüng? Mein lieber Fritz, ich kann dir sagen, es wäre für uns alle das Beste gewesen, wenn dieser Spott einer christlichen Ehe schon vor Jahren in Scherben gegangen wäre. Jeder Mensch rann einmal eine Dummheit machen. Die Heirat deines Vaters war eine solche, 's scheint beinah, als hätte sich der Bazillus der Heiratswut grade hier im Gau festgesetzt. Der Helldorf und der Spannuth sind ihm auch erlegen!. Wer dein Vater hätte sich längst freimacheu "können. Einmal war's schon so weit. Da hatte der Eldringen den Anlaß gegeben. Dein Vater schnaufte vor Wut und stürzte zci ihm i— er wollte ihn nmbringen. So schrie er. Und dann kam er ganz vergnügt wieder nach Hause. Er hatte im Klub mit ihm


