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Peter Seipels Glück.

Vpst G. Zi tzer, Nieder-Eisenhausen.

(Schluß.)

Peter, der Unterdessen sein hölzernes Bein ganz gut hatte! gebrauchen lernen, humpelte denn auch richtig mit dem Rest seiner Ersparnisse zur Eisenbahn, fuhr nach Frankfurt und legte sich eine Drehorgel zu. Keine ordinäre Musikmühle, sondern nach Aussage des Händlersein erstklassiges Werk, ein Elite- snstrument von unübertroffener Güte und hervorragend stabilem Bau, mit Präzisionsmechanik und allen technischen Errungen­schaften der Neuzeit ausgestattet". Das aus imitiertem Mahagoni­holz hergestellte Gehäuse war mit wunderbaren Bildern geschmückt: Adam und Eva im Paradies, Siegfrieds Kampf mit dem Drachen stud Orpheus im Hades. Dazu in jeder Ecke einen fliegendes Engel, der mit unglaublich dicken Backen in die Posaune stieß. Diesem prächtigen Aeußern entsprach auch selbstverständlich die Leistung der Orgel/ Sie hätte beliebig auswechselbare Walzen Mit einem Spielplan, für jeden Geschmack passend.

Peter schaute verstohlen in seinen Geldbeutel und begnügte sich vorläufig einmal mit zwei Stück. Nr. 1 nach der Meinung des freundlichen Verkäufers fürs bessere Publikum. Sie spielte den i,Brautinarsch aus Lohengrin", dieFreisMtz-Ouveriure" und ein Ragout aus derLustigen Witwe". Nr. 2, für ländliche Hörer berechnet, entlockte dem Pfeifenwerk dasLied an den Mond", den ChoralLobe den Herren" und dieLoreley".

Der glückliche Besitzer zahlte, bekam zu seinem ungemessenen Erstaunen noch 10 Prozent Rabatt bewilligt und die Zusicherung, daß die Ware sofort, packungs- und spesenfrei, nach der gewünschten Bahnstation abgehen würde, wo sie pünktlich am folgenden Tage tintraf und vom Schreinerlui kunstgerecht auf das Untergestell eines ausgedienten Kinderwägelchens aufmontiert wurde.

Auf diese Weise ist aus dein strammen Maurergesellen -in Invalider Drehorgelspieler geworden.

Peter, durchaus nicht unmusikalisch, hätte die Kunst desOrgel- kpielens bald heraus. Man wende ja nicht ein, daß dazu kein vesonderes Talent gehöre, es ist noch lange nicht einerlei, wer die Kurbel in Bewegung setzt. Peter verstand es, Gefühl in seine Musik zu legen. Das mußte ihm jeder Kenner bestätigen.

Leider waren der Verständigen zu wenig und die Banausen n der Mehrzahl. Er machte mit seinem Leierkasten die denkbar chlechtesten Geschäfte und lernte die Welt nun erst recht von ihrer chlimmen Seite kennen. Gleichviel, ob er sein Wirkungsfeld in >ie Hinterländer Dorfgassen oder frt die Straßen der größeren! Städte verlegte. Mitunter erwarb er tagsüber kaum das nötige Geld für Essen und Nachtquartier. Am besten ergings ihm noch, wenn in der Nähe seiner Heimat ein Krieger- -oder Sängerfest war. Dann opferten die Bekannten und früheren Arbeitskollegen gern einen Nickel und kauften ihm eine Ansichtspostkarte ab. Aber die Gelegenheit bot sich zu selten.

Einmal das war in Marburg gewesen hatten sich zwei junge, vornehme Herren mit Schlapphüten auf den lockigen Haaren und wallenden Schleifen im Westenausschnitt mit lebhaftem In­teresse denBrautmarsch" angehört und, stehen bleibend, ein Eifriges Gespräch über Tonwerte, plastische Motive, harmonische iund theoretische Melodiebehandlung, Kolorit und dergleichen Zeug ängefangen, von dem der Peter kein Wort verstand. Schon hatte er, seinen Hut emporhaltend, sich äuf Ertrabatzen gefaßt gemacht, als sie bei Erörterung der Krage, ob die Drehorgel berufen sei, guch klassische Musik demVolke" zu vermitteln^ hart aneinander gerieten und mit den Armen fuchtelnd weitergingen, ohne einen toten Pfennig abzuladen. Damals hätte Peter am liebsten das ganze Orgelgeschäft aufgesteckt. Auf der Stelle packte er seinen Kram zusammen und Ährte die Leier an diesem Tage nicht wehr an.

Wie die Gansbacher merkten, daß er so böse Erfahrungen Wachte, hielten sie nicht mit ihrer Weisheit hinter dem Berge !md erklärten:Der Peter bett kein bische Glück, er därf oan- ange, was et will, es zieht schepp."

Nun glaubte er's beinahe selbst. Geschah ihm übet recht, warum hatte er sich nicht beizeiten bei einem erfahrenen Mann md Praktiker erkundigt? Jetzt erst, wo der Karren im Dreck tak 'und ihm die Wässer der Trübsal bis an den Hals reichten, >egab er sich auf den Weg zum alten Gelbert. Vielleicht konnte! hur der mit einem guten Rat dienen und aus der Patsche helfen,

Wer Willkomm, den er dort fand, war nicht gerade ermun­ternd. Etwa so, wie der ergraute Beamte a. D. seinen jungen Nachfolger im Dienst zu empfangen pflegt und dann erst austaut, Wenn jener seine Unerfahrenheit und Ratbedürftigkeit betont.

Kenn Wunder," brummte Vater Gelbert, nachdem ihm Peter seine Leidensgeschichte erzählt,Do hättste gleich bei maich komme Müsse, alleweil weeßte, wn der alt Gelbert wohnt. Haha, wann det Ei gescheuter sein will wäi des Hinkel! No, dann spiel Mol e Stückelche!"

Peter fing gehorsam an zll drehen und leierte alles herunter, Was et auf der Wälze hatte. Seines Zuhörers Miene wurde Mit jeder Minute unzufriedener. Wiederholt spuckte er ver­ächtlich auL

r.Boubche," nahm er dann zur Kritik das Wort,Diost kannst joa gastz echt aespiele, oawer Deist Orjel taugt nix, goarnaut. Aich will der's mol gesttmme, wann Dir's raicht ts." Er hätte nichts dagegen, erwiderte Peter. Darauf klappts Vater Gelbert mit geübter Hand den Deckel auf undstimmte," mit Hilfe seines Taschenmessers einzelne Pfeifen, die er aufs Geradewohl herausgriff. Etlichen erweiterte er die Stimmritze, andere schnitt er oben einen Finger dick ab, da ihnen seiner! Meinung nach die richtige Mensur fehle. Einige erklärte er direkt für überflüssig, weshalb er sie einstweilen in die Tischschublade verschloß. Mit dem Stimmen fertig, holte er eine schäbige, zer­schlissene Wachstuchdecke herbei und nagelte sie, ohne des Eigentümers verzweifelten Einspruch zu beachten, über das Paradies, die Unter­welt und die Drachenhöhle.

So," schmunzelte er dann, nachdem er sein grausames Werk vollendet,alleweil wolle mer mol sehe, oab dp nit en ganz anner Musik rauskommt."

Jawohl, eine ganz andere Musik, aber was für eine! Hundert wahnsinnige Katzen schienen in dem Kasten ihr Spiel zu treiben, ein Lied zum Steinerweichen. Am schlimmsten war dasLied an den Mond" mitgenommen. Gelberts Brotmesser hatte dis große Quinte in eine übermäßige verwandelt, und die so unent­behrliche Terz war nicht mehr vorhanden. An ihrer Stelle entwich ein zischender Seufzer vorwurfsvoll bent beraubten Pfeisenbäukchem

Guter pff Pff Pff - eh st so stille Durch die pff pff Wolke-pff hin. Deines Pff Pff Pff - eifer Wille Hieß auf psf pff-Bahn di-Pff ziehst!"

Der arme Peter sank vernichtet auf feinest Stuhl zurück.- Vater Gelbert zeigte sich nicht im mindesten gerührt. Er eröffnete dem so empfindlich Geschädigten, daß er bereit sei, jederzeit beit vollen Kaufpreis der Orgel zurückzuerstatten, nur müsse ihm Peter versprechen, einen vierzehntägigen Versuch zu machen, wahr­scheinlich würde er ihm noch auf den Knieen danken. Peter, durch ine zuversichtliche Sprache des Alten eist wenig getröstet, versprach, das Wagnis zu unternehmen.

Die Probe fiel über Erwarten glänzend aus. Seither hattest! ihn die Leute ungebührlich lange leiern lassen, ehe sie den Geld­beutel öffneten, nun brauchte er nur ein paar Umdrehungen zst vollführen, und sogleich schrie man entrüstet:Pfui Deubel, macht, daß Ihr fortkommt!" Manche schimpften auch in stärkeres Ausdrücken, aber zahlen tat schließlich jeder. Wer so einest Jammerkasten mitschleppte, der mußte wirklich sehr bedürftig sein. Mitunter schenkte man ihm auch einen größeren Betrag, damch er sich bald ein neues Instrument anschaffen könne. Hatte mast ihn bis dahin für das Spielen nicht oder doch schlecht gelohnt, so schien man es sich nunmehr allenthalben in den Kopf gesetzt M haben, ihn für das Nichtspielen umso besser zu bedenken.Eistä verkehrte Welt!" dachte Peter bei sich, indessen seine Bewunderung des großen Menschenkenners in Muckershausen von Ang zu Tag mit den wachsenden Einnahmen stieg.

Die Not hatte nun ein Ende. Wenn das ine Amrei noch erlebt hätte! Aus seinen Ueberschüsfen ließ ihr der Peter einest so kostspieligen Grabstein setzen, daß man glauben konnte, die reichste Bauernfrau int Dorf sei darunter zur eiutgen Ruhe bestattet. Balzersch Woase, über diese Verschwendung empört, griff in ihren Sprüchwörtervorrat und erklärte jedem, der es hören wollte, wann der Bettelmann auf den Gaul käme, rette! er Leute stm. Auch seiner Dankespflicht gegen Vater Gelbert ent­ledigte sich Peter, indem er ihm eine silberne Taschenuhr zuM Präsent überreichte. Dann wurde fleißig Geld auf dte hohe Kante gelegt. Jeden Monat mit Sicherheit em bescheidenes

Sümmchen. , ,.L . r.. , ..

Ein Unglück kommt selten allem," heißt es, aber auch das Glück liebt die Gesellschaft. Wenigstens bei Peter war es so. Durch den Erfolg ermutigt, begann er allerlei Nebengeschäsle zst treiben, und was er anfing, geriet. So war er nicht einmal sonderlich verwundert, als ihm durch einen eingeschriebenen Brief eines schönen Tages die Mitteilung wurde, daß er in der Gießener Pferdelotterie mit einem Hauptgewinn herausgekommen sei auf ein Gratislos, das für den Vertrieb zehn anderer in feinen Besitz übergegangen war und ihn über Nacht zum Eigentümer von zwei stattlichen Braunen mit silberplattiertem Geschirr und einem ele­ganten Landauer dazu gemacht hatte.

Die Gansbacher schlugen die Hande uberm Kopf zusammen Der Bürgermeister überlegte sofort, wie hoch man den Peter zup Kommunalsteuer heranziehen müsse. , ,

Ei Du, ei Du!" verwunderten sie sich,der Peter hett woahr- haftig mehr Glück wäi Verstand, weeß Gott, wer Glück hett, bent fein Geiß gibt das ganze Joahr die Milch und die Kaffees bohne dobei." . ,, , r ....

Peter verkaufte fein Gespann so schnell und so gut wie möglich und erstand dafür einige jener Bilderbogen für große Kinder, die einem der Bankier in der Stadt herzlich gern über- läßt, sofern man die erforderliche Anzahl blanker Goldstücke auf den Zahltisch legen tarnt. Im übrigen blieb er ferner bisherigen Lebensweise und feiner Orgel treu, wahrend im Verhalten feiner! geschätzten Mitbürger ihm gegenüber ein bemerkenswerter Um­schwung eintrat. Um einiges hervorzuheben, durfte er feststellen, daß man ihn jetzt vielfachHerr Seipel" titulierte, daß die Schar seiner' Neider und versteckten Feinde M vermehrte M.d haß HaM-