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Das schlafende Heer.

Roman von Clara Viebig.

(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Lehrer Rudas Besuch war heute nicht der einzige in der Propstei. Draußen sah Förster Frelikowskis Tochter schon eilte lange Weile bei der Köchin Zuzanna und wartete auf Vorlaß.

Die blonde Stasia sah verweint aus und gar nicht guter Dinge. Auf ihrer weichen Wange brannten fünf rote Strie­men, als hätten fünf kräftige Finger ihren Abdruck daraufgelassen.

War's möglich, sie war entlassen worden von der gnä­digen Herrschaft in Chwaliborczyce? Und so auf einmal, mir nichts dir nichts, Knall und Fall? Wegen dieses kleinen, kleinwinzigen Späßchens, das man sich gemacht hatte?! Die Pfarrköchin tat ganz außer sich und schlug die Hände zusammen:Heilige Mutter!" Aber im .Grunde gönnte sie es der Stasia wohl: die war denn doch gar zu üppig !

Was wirst du nun beginnen, mein Täubchen, mein armes, was fängst du nun an?" sprach sie.Einen so guten Dienst kriegst du nie wieder! Heilige Mutter, er­barme dich um deines heiligen Sohnes und seiner heiligen Wunden willen!"

Stasia saß auf dem Schemel beim Küchenherd, holte nun ihr Schnupftuch hervor ein batistenes der Herrin Und wischte zierlich die Tränen, die ihr über die Wangen tröpfelten. Ja, und der Vater war so entsetzlich grob ge­worden! Beim Arme hatte er sie gegriffen und gerüttelt, daß ihr die Nadeln aus den Flechten geflogen, die schönen Schildpatt-Nadeln, und zerschellt waren auf dem Ziegel­boden!

O heilige Mütter!" Sie schluchzte laut auf. Und gar nicht behalten wollte er sie zu Hause, sie sollte gehen und Geld verdienen aber wo denn jetzt so schnell? Sie mußte sehen, daß sie Stellung fand in der Kreisstadt oder in Posen ach, und die Pani hatte sie doch mitnehmen wollen nach Paris! Es war viel Schmerz in diesen Tränen, immer reichlicher begannen sie zu tröpfeln. Aber noch mehr Wut war dabei: also das war der Lohn dafür, daß man all die Jahre ein Sklave gewesen war, weiter nichts als ein Sklave?! Mochte die Pani ihre Blusen für sich behalten, die Schmuckfachen und den Sonnenschirm auch! Aber beit Schlaf der Nächte sollte sie ihr ersetzen, den jungen gesunden Schlaf, den sie versäumt hatte, weil sie immer aufsitzen ge­mußt beim Kratzen der alten Nepomucena! So viele Nächte geopfert! Und nun ntait einmal eine einzige Nacht für sich genommen hatte, da, ja da ei, was hatte die Pani für einen Lärm geschlagen:Verführerin, Dirne, Kanaille!" Und der Herr würde ste niedergeschmettert haben mit der erhobenen Faust, wäre nicht grade der Vikar dazu gekommen und Hätte sie geflüchtet aus'dem Zimmer!

Das hübsche Gesicht des Mädchens verzerrte sich, bei der Erzählung, das weiche Grau der Augen bekam einen schielenden, grünlichen Schiller, auffahrend ballte sie di« Faust. Aber dann lachte sie spöttisch: nun, eine Erinnerung würden die auch behalten! Bolek, das gehütete Herrens söhnchen, war nun auf eium'al kein Kind mehr; mochten sie ihn nur hüten, das nützte jetzt alles nichts mehr! Et, war der ein verliebtes Jungchen! Und betrunken hatte ec sich, daß er krank gelegen hatte drei Tage lang! Das gönnte sie ihnen. War sie denn eine Nepomucena, so ein altes dummes Tier, das die Hand noch leckte, die es quälte?! Nein, ein Gutes war doch dabei, daß die Deutschen ins Land gekommen: nun wußte man, daß man nicht mehr eilt Sklave luar wie früher! 1

Die Zuzanna sah ganz verblüfft drein, so heftig lachte: jetzt Stasia. ',

Weißt du," sprach sie dann und, trocknete sich ebenso zierlich die Lachtränen, wie vorher die Schmerzenstränen'/ ich wundere mich nur, daß der Herr Propst noch immer nicht wird gerufen zur ulten Nepomucena. Sie hat Wasser. Wenn sie sich bückt beim Kratzen, so gluckst es!"

Sie wird doch nicht gerade sterben zur Winterszeit?" sagte die um ihren Herrn besorgte Pfarrköchin.Da darf! der Herr Propst nicht selber hin zur Oelung! Mer, mein Seelchen, titein Täubchen, was schwatzen wir! Geh du jetzt und klopfe un der Hungerleider, 6er Lehrer, ist fort, ich hörte die Tür klappen. Sieh aber zu, daß du dich beeilst! Polnischer Karpfen ist fett und süß und das Leibgericht von Hochwürden, da muß er um sechse schon nachtmahlen, damit er ihn im Bette nicht drückt!"

Der Köchin Zuzanna Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt, ihre Karpfen drohten zu zerfallen, so lange blieb die Besucherin drinnen. Ein paar Mal schon hatte sie an dec Tür gehorcht was redeten die?! Ins Studierzimmer hineinzugehen getraute sie sich nicht, so blieb ihr.nichts übrig, als mit den Herdringen zu rasseln, mit den Topfdeckeln zu klappern und das Mädel zu verwünschen, die He^e, die schielige, die einen nicht gerade ansehen konnte. Die war sicherlich, bevor sie getauft war, dreimal unter einem Tisch und zwischen dessen Beinen durchgezogen worden! Betrachte nur einer ihre Augen: der Augenstern war ja nicht rund> sondern länglich wie bei einer Katze. Die hatte den bösen Blick. Alles, was die anschaute, mußte eingehen!

Auf den .Hund den bösen Blick!", Zuzanna spuckte drei­mal aus und bekreuzte sich dann dreimal. Die würde doch nicht etwa Pfarrköchin werden wollen?!

Es war schon längst dunkel, als Stasia aus der Studier-' stube wieder herauskam. Sie hatte dem Herrn Propst ge­beichtet und viel dabei geweint. Sie schluchzte noch, als der Herr Vikar sie hinausgeleitete in den Flur. Er schloß fest die Küchentür, die Zuzanna aufgelassen hatte; so konnte diese gar nichts mehr hören. Es dauerte wiederum noch eine geraume Weile, bis die Haustür klappte und der Herr Vikar zurück ging ins. Studierzimmer.