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Montag den 50. August
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Peter Nockler.
Die Geschichte eines Schneiders von Wilhelm Holzamer.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Und die Elise genas. Nachwehen blieben ja, aber der Peter half ihr brav und mit Eifer, alles zu überwinden. Er sorgte für kräftige Kost und tat alles, was er sich nur ausdenken konnte, was gut wäre. Er trug sie auf Händen.
Sie hatte genug gelitten. Sie sollte nicht mehr leiden. Ihren Fehler hatte sie längst gebüßt. Und sie war nicht schlecht, sie war gut, und eine treue Seele. Jetzt wollten sie das Kind zusammen aufziehen und sorgen für das Würmchen, und sie wollten sich zusammen freuen, wie es wuchs und groß und klug wurde. Und immer gut wollte er gegen die arme Elise sein, dachte der Peter, daß sie alles, alles vergessen könnte.
Und so tat er. Und das Kind wuchs enger und enger mit seinem Herzen zusammen — und wie es die ersten Laute „köderte", wie es Papa rief — und Mama viel später, wie es die ersten Zähnchen bekam, die ersten Schrittchen übte, da tote der Peter ganz vernarrt in den kleinen Michel.
Ganz wieder jung wurde es in ihm. Und alles Liebe und Schöne sann er für den Kleinen aus. Und so oft er von. Mainz heimkam, wenn er Arbeiten abgeliefert hatte, hatte er was für ihn in der Tasche, etwas Süßes oder ein Spielzeug. Und oft etwas sehr Unzweckmäßiges, daß ihn die Elise sogar zanken mußte.
Auch die Elise vergaß er nie. Auch für sie hatte er immer etwas. Sie selbst ging ja nicht mehr aus dem Hause. Ins Dorf fast nur, weyn sie in die Kirche ging, vors Dorf, ins Feld nur mit dem Peter, am Sonntagnachmittag durch die Wiesen hin, vielleicht auch mal auf den Hügel, den „Neuberg" oder auf die „Platte". Denn auf die Höhen ging sie so gern. Sie dachte dann an die Berge ihres Odenwaldes, an ihren Wald zu Hause. Sie hätte sie gerne wieder mal gesehen. Aber nein — nie, nie, nie mehr!
Sie sagte nichts, nichts von ihrem Entbehren, nichts von ihrer Sehnsucht, aber gar nichts von ihrem Vorsatz. Ihre Heimat war ihr verleidet.
*
Sie lebten gut miteinander, der Peter und die Elise. Sie taten einander, was sie sich an den Augen absehen konnten. Die Elise, wenn das möglich war, mehr noch als der Peter. Sie war stets ängstlich besorgt um ihn. Sie sürchtete jede Trübung, jeden kleinsten Schatten, der ihr Zusammenleben hätte stören können. Nur einen Tag, nur eine Stunde. Und so hütete sie geradezu alle Stunden ihres Lebens.
Besonders ängstlich war sie jedesmal, wenn der Peter nach Mainz ging, die fertigen Arbeiten abzuliefern. Und jedesmal fragte sie ihn bis ins kleinste aus, wen er gesehen und gesprochen bade. Jedesmal atmete sie erleichtert
auf, wenn er keinen bekannten Namen nannte. Denn sie hatte so eine Furcht vor den Menschen, vor ihren garstigen Bemerkungen, ihrer heimlichen Bosheit, daß sie mit einem bösen, schmerzenden Wort all das mühsam Errungene und in leidvoller Aengstlichkeit Bewahrte vernichten und Umstürzen konnten. Sie fürchtete den Stachel, der dem Peter hätte ins Herz gesetzt werden können, daß er ganz fest saß und eine Wunde riß, und nicht ruhte, bis die Wunde größer und größer war und am Herzen fraß. Die Furcht wär ihr größtes Leid jetzt geworden. Sie ließ nicht von ihr. Sie weckte sie aus dem Schlafe. Sie malte ihr schwere Szenen int 'Traume aus. Sie hielt sie ganz im Bann, und die Elise wurde scheu dabei und abgekehrt.
Und sonst waren sie doch glücklich. Es ging ihnen güt. Das Kriegsjahr 1866 war vergangen, die guten Geschäftsjahre Ende der sechziger Jahre gekommen — das Geld rollte nur so, und Wein gäb's in Rheinhessen, ein feines Weinchen! — und die Rheinhessen tranken ihn wie Wasser. ■ War das doch ein Zechen daheim! War das ein Aufpochen und Sichfühlen! Denn der Rheinhesse hat so schon seinen haushohen Stolz — erst wenn er das Geld kann springen lassen, dann kocht das gallische Blut in seinen Adern, dann fordert er die Welt. So war's damals. Freilich sind ihm solche Zeiten nicht wieder beschert worden.
Ein gutes Fahr war ja auch noch 1870. Dann aber war's wie abgeschnitten. Die siebziger Jahre waren alle schlecht. Die Bahn wurde da allerdings gebaut, das trug noch was ein durch die vielen fremden Arbeiter, aber sonst lag das Leben brach.
Der Peter Nockler spürte das auch ganz gehörig. Seine Ortskundschaft wollte nicht mehr viel heißen, die Konkurrenz war auch stärker geworden, seine Stadtkunden waren jetzt die Hauptsache. Er beschäftigte immer noch zwei Gesellen und hielt noch einen Lehrjungen. Na aber — wenn's auch ^nal langsam ging, er konnt's aushalten. Er hatte sein Schäfchen im Trocknen.
Er hatte den Michel Sieben ausbezahlt, das Häuschen war sein Eigentum geworden — ein paar Morgen Aecker hatte er sich gekauft, und einige hundert Mark hatte er ausgeliehen. Dann kam noch ein günstiger Ackerverkauf, als Bauplatz — es war mal was Erstes geschaffen, das sich vermehren konnte, das einen vor den schlimmsten Sorgen schützte, Ivie's nun halt auch wurde.
Ja, sie hatten ein ganz hübsches Vermögen erspart. In der Elise wuchs auch dadurch die Furcht. Es gehe ihnen zu gut, da werde einmal ein großes Unglück kommen. Es war ihr in den Haaren angst. Nach welcher Seite das Unglück tvirken würde, darüber war sie kaum inr Zweifel. Es würde ihre Ehe zerstören, es würde ihr Leben vernichten. Es würde all aus dem einen Fehltritt erwachsen. Und es würde kommen, es würde kommen.
So wollte sie mit doppelter Sorge alles tun, es recht weit fern zu halten, soweit es in ihren Kräften stehe, es recht lange hinanszuschieben.


