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er nmr hilflos und wie in einer Falle eingeklemmt. Umsonst versuchte er sich aus der Lage zu befreien, der Fuß begann rasch anzuschwellen, imb überdies stellten sich heftige Schmerzen ein. Es war eine niederträchtige Situation, und noch dazu auf so einer einsamen Landstraße. So was, so dachte er, das konnte auch nur ihm passieren! Wenn doch nur irgend jemand käme, aber bald, recht bald, Nur ihur zu helfen, denn die Schmerzens wurden unerträglich.
So kauerte er nun am Wegrand wohl gut zehn Minuten schon, indes er wütend mit seinem Geschicke haderte, da endlich tauchte weit in der Ferne, wo Pie Chaussee sich in den Wald verlor, int Sonnenschein etwas Blitzendes aus. Gottlob, eine Radleukstange! Ein Mensch, der ihm entgegenlam! Oder genauer eine Radlerin! Ach einerlei, wenn überhaupt nur jemand kam.
Er zog sein Taschentuch und winkte, mochte sie sich doch beeilen! Es war wahrscheinlich irgend ein Landmädchen, die jetzt ja auch schon meistens Stab fuhren.
In merklich beschleunigtem Tempo kam die Helle Bluse auch wirklich näher. Da sah er plötzlich, daß es der Kleidung und Figur nach doch eine Dame war, und, tote es schien, eine junge und elegante noch dazu. Fatal! Wären nicht die Schmerzen so groß gewesen, so würde er das Peinvolle der wenig imponierenden Situation jetzt noch 'weit mehr empfunden haben.
Da endlich kam sie auch um die letzte Biegung herum. Jetzt sprang sie ab, indes er seiner Retterin kläglich entgegensah. Und Plötzlich überfiel ihn, den fonft mehr als Robusten, beinahe eine Ohnmacht. Um alles in der Welt — täuschte er sich?! Konnte so was möglich sein?! Sie, Margret Fliedner war’s!
Freilich, ihr Heimatdorf mußte, soweit _er sich noch entsann, und nach der Bahnstation zu schließen, auf der er ausgestregen war, in unmittelbarer Nähe liegen. Aber wenn auch, er hatte sie hier in der Heimat, zumal ihre Eltern nicht mehr lebten, doch kaum vermutet. Solch eilt Zusammentreffen, das konnte man nicht mehr Zufall nennen, das war weit eher ein raffiniertes! Arrangement der boshaftesten Vorsehung! So manchesmal er heimlich auch wohl gewünscht hatte, sie nochmal wieder zu sehen, nun da der Wunsch erfüllt wurde, hatte er, Wenns möglich gewesen wäre, am liebsten guerfeldein eilen mögen und wenn er die Wahl gehabt, lieber im tiefsten Eis,des Nordpols stecken, als hier in fo einer elenden Verfassung auf der sonnig schönen Heide- chaussee vor Margret Fliedners Augen. Und was das schlimmste war, ohnmächtig aus ihre Hilfe angewiesen sein!
Aber sie, die allem Anschein nach ihn gleichfalls alsbald erkannt hatte, obschon sie ihn gerade hier auch w-ohl zu allerletzt vermutet hatte, half ihm voll Takt über die Pern des Augenblicks hinweg. Ja, es schien beinahe, als sei sie weniger fassungslos und weniger peinvoll berührt. , .
Nur blaß war sie geworden bis ut dre blühenden Lippen, im übrigen besann sie sich nicht lange, übersah blitzschnel dre Situation, und ehe er noch so weit kam, sie stockend, in sichtbarer Qual zu bitten, ihm nur für einen Augenblick behmlich zu sein, damit er sich wieder anfrichten könne und nochmals mit aller Kraft versuchen, sich zu befreien, war sie schon kürz entschlossen niedergekniet und hatte ihm den Stiefel aufgeschnurt. Dann bog sie mit einer Gewandtheit und Kraft, die man den schlanken Händen kaum hätte zutraueu sollen, die Speichen so weit auseinander, daß es ihm, während er sich gegen einen Baumstamm stützte, gelang, mit aufeinander gebissenen Zähnen den stark geschwollenen Fuß wieder herauszuziehen. .
So nun stand er glücklich wieder, tote cs dem Menschen zukam, aufrecht auf seinen Füßen, und zwar auf einer «eite beschubt, aus der andern nur bestrumpft, tu einet immer noch wenig imponierenden, beinahe Lächerlichen Position, sie aber schien, indes er in peinvollster Verlegenheit sm) bedankte, das Komische kaum zu bemerken, sondern erkundigte sich nur steil- nehmend, ob auch die Schmerzen nicht zu groß seien und ob sie einem Wagen besorgen solle. '
Doch nein, davon wollte er durchaus Nichts wissen. Er wollte wieder aufs Rad und selber ins nächste wors fahrens, da würde das weitere sich dann finden, würde nötigenfalls auch wohl ein Arzt zu requirieren sein .
Allerdings, Sie haben Glück ber allem Unglück, Herr Rechtsanwalt," versuchte sie zu scherzen, „mein Bruder ist zu Haus, ist grab’ von einer Landtour heimgekehrt! ......
„Ihr Herr Bruder ist Arzt und hier m der Nahe an, astig? Ach ja, wie die Zeit vergeht-," setzte er hinzu, „er war ia noch Student — damals!" , .
Sie aber beachtete das leise „Damals" nicht, ihre Rupe und Unbefangenheit schienen unerschütterlich. Und jetzt lachte sie gar ein kleines befreiendes Lachen, aus dem nun doch etwas wie keife Belustigung ob der Komik des Anblicks mit herausklang.
Nun wenn Sie meinen und Ihre Kräfte nicht überschätzen, Herr Rechtsanwalt, dann wollen wir zusammen zu meinem Bruder fahren denn so allein kann ich Sie in der Einsamkeit mit .chrem kranken Fuß doch nicht gut lassen, aber — Sic müssen dann in Ihrem bunten Ringelstrumpf aufs Rad, denn anziehen können SW den Stiefel nicht!" . , „ ....
Er lachte jetzt gleichsalls wie befreit mit aus: „Nun, gnädige — Frau . . ." es lag eine Frage in der Anrede, und sie erwiderte rNhia: „Nein, ich bin unverheiratet!" — Worauf er, beinahe
tzerbstsonns auf der Heide.
Novellctte von Anna Gade.
(Nachdruck verboten.)
Ein wundervoller LktobermorgeN mit lachendem Sonnenschein tnid ferner sichtig klarer Luft tuie nur der Herbst sie bringt. Tie Beeren der Ebereschen glühen in Gelb- und Purpurrot, und die Birken, bereit schlanke weiße Stämme bie einsame Landstraße umstehen, die durch die braune Heidelandschaft führt, prangen im schönsten Festtagsschmuck. Einstmals, da jie dem Frühling sich vermählten, standen sie in lichtgrünem Hochzeitskleid, NUN da sie des Herbstes Braut geworden, schmückt sie ein goldenes Gewand. Sie sind im lachenden Sonnenschein so prächtig anznsehen, daß auch der Wind, der lose Kurmacher, sich nicht versagest kann, in neckischem Spiel ihnen leise Schmeicheleien ins Ohr zu flüstern, und wenn sie verschämt darob die Köpfe schütteln, dann riefelt es gleich einem goldenen Regen von ihrem Braut- geschmeide herab. „ „ ,
So ähnlich hieß -es ja wohl in der „Herbstsonne auf per Heide". Und wirklich, ganz unzutreffend waren derart poetische Vergleiche nicht, wenn auch nach Tichterart "natürlich ein bigchen phantastisch. Aber schön, einfach schön war doch so’n Herbstmorgen auf ber Heide, das stand entschieden fest und sah wohl jeder ein, auch jeder ganz alltägliche Mensch, der nicht die Dichterei betrieb und sich schon glücklich pries, wenn er nur jedes Ding beim1 rechten Namen nennen konnte.
So dachte Tr. Heinz Wedenberg, während er zu Rad die Landstraße dahinsuhr. Er war an der See und in Tirol gewesen und wollte nun zum Schluß seiner Ferien, noch mal einen Abstecher durch die Heide machen, ehe er in seine Großstadt heim- kehrte. .
Freilich, er kam ein bißchen spät, die Heide hatte fchon abblüht. Aber wenn auch, er wollte trotzdem doch mal ine Biel- geschmähte und neuerdings so Bielgerühmte kennen lernen, und wenn sie sich auch nur in braunem Kleide präsentierte., Die Dichter und Maler wußten sie in ihren Machwerken so raffiniert in Szene zu setzen, daß man doch schließlich neugierig wurde und es nachgerade zum guten Ton gehörte, sie mal durchquert zu haben. Was übrigens die Dichter anbetraf, so las er „lyrisch gefärbtes Zeug" im allgemeinen aus Prinzip nicht, aber da war ihni kürzlich doch mal solch Buch, die „Herbstsonne auf der Heide", durch Zufall in die Hände gekommen.
Erica Weber nannte sich die Verfasserin., Er aber wußte es besser, hatte er sie doch sofort in jeder Zeile erkannt. sie, Margret Fliedner war's, die. jenes Buch geschrieben! Sie, hatte ja schon damals heimlich geschriststellert, alles mit ihren Dtaster- augen angesehen. Sie liebte auch ihre Heimat so unk ihrem schwermütigen Zauber. Und war ja ein Kind der Heide, obschon er sie in der Großstadt kennen gelernt. Damals— vor gut zehn Jahren. Da hatten sie sich kennen und hatten sich lieben gelernt. Und dennoch sich getrennt— um: kalter Vernunftsgründe wegen. Die junge 'Erzieherin war ihm zuguterletzt, da sie ohne alles Vermögen war, doch nicht zur Ehe passend erschienen. Unb da er selber als junger Rechtsanwalt ohne alle Privateinkunste^ dabei aber ein anspruchsvoller Mensch war, so hatte er sich eben den Mut nicht zugetraut, des Lebens Miseren auf sich zu nehmen. So hatte er sich, wenn auch mit schwerem' Herzen, zurückgezogen!, von ihr. Und war dann schließlich, trotz seiner später glänzend aufgeblühten Praxis und einer ihm unverhofft gewordenen Erbschaft, auch für die Zukunft ledig geblieben. Vielleicht, weil ihm das Junggesellentum besonders lag, vielleicht auch, Weil er keine zweite Margret Fliedner auf seinem Lebensweg gefunden.
Tenn lieb hatte er sie gehabt mit ihren großen Träumer- tilgen und ihrem wundervollen Haar. Er hatte fie nur schwer vergessen können, obschon sie jhm bald aus dein Gesichtskreis gekommen war. n c „ ,,
Wo sie wohl in der Welt geblieben war? Unb tote es ihr erging? Der „Herbstsonne" nach gut. Es war ein glückatmendes unb friedvolles Buch. Vielleicht war sie verheiratet, wahrscheinlich sogar. Und hatte Kinder mit ebenso großen Träumernugen, so wundervollem Haar. Denn wäre sie ledig geblieben nach den Erfahrungen, dann hätte sie wohl eher nach Frauenart ein pessimistisches Buch geschrieben und mit einem Titel tote: „Die Heide ist braun, einst blühte sie rot!" ......
Das wäre freilich ein schwerer Vorwurf litt ihn gerne,en, aber ihn dünkte plötzlich, als hätte er ,sich über bett Borwurss weit eher freuen können. Nun schrieb sie statt dessen so sonnig heiter, als hätte sie nie beit Ernst des Lebens kennen geierni, als hätten niemals herbe Erfahrungen ihr frühzeitig den Blick getrübt. Und darum fühlte er auch beinahe etwas wie Groll' gegen die Verfasserin, etwas .wie stillen Neid. Sie hatte also leicht verwunden!
Freilich, es hieß ja, daß grab’ der sonnigste Humor oft unter Tränen lächle. Tas mochte manchmal stimmen, aber pb ^"Doch weiter kam er mit feinen Betrachtungen nicht, da hätte ihn urplötzlich, ein tückisches Geschick ereilt. Hart neben ihm aus dein Graben wär nämlich ein Hase aufgesprungen, lief bltnb» linas gegen das Rad, überschlug sich — da strauchelte ber Radler auch schon und trat im: Fallen, ums Unglück ganz zu machen, Mit ci.nent Fuß zwischen bie Speichen des Hinterrades. So lag


