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Vergleichung zu ziehen. Mer sowohl hinsichtlich der räum­lichen Ausdehnung, wie namentlich in Bezug ans die dem Gedanken innewohnende Kraft, steht Wilhelmshöhe über jenen beiden." Während eifrige Dokumentenforschung der Entwicklung aller kleinen Kunststätten Italiens nachgeht, war bisher Baugeschichte und Entstehung dieses bedeutenden Monuments allenthalben in Dunkel gehüllt, und erst jetzt gewährt ein umfassendes Werk über alle Einzelheiten er=. wünschten Aufschluß. Paul Heidelbach veröffentlicht nämlich im Verlage von Klinkhardt und Biermann in Leipzig als Frucht fünfjähriger Archivstudien ein Werk überTie Ge­schichte der Wilhelmshöhe", in dem die Schicksale dieses denkwürdigen Flecks deutscher Erde von klösterlichen Anfängen bis zur heutigen Sommerresidenz unseres Kaiser­hauses an der Hand eines reichen Materials geschildert werden.

Der Ort, auf dem jetzt die Wilhelmshöhe steht, wurde wegen der weißen Steinfelsen des Habichtwaldes, die majestä­tisch aus der grünen Wildnis des noch ungerodeten Wäldes emporragten,Weißenstein" genannt und schon um die Mitte dös 12. Jahrhunderts als ein trefflicher Platz für die Grün­dung eines Klosters ausersehen. Am 14. Dezember 1143 be­stätigt der Erzbischof Heinrich von Mainz das Kloster Weißenstein in seinen Rechten, und seitdem entfaltete sich hier bis zur Reformation ein stilles, friedvolles Leben, zumal als das Kloster zu einer Versorgungsanstalt für die Töchter ritterlicher Familien wurde und der melancholische Gesang der Nonnen in der weiten Waldeinsamkeit ver- zitterte. Nur manchmal mag diesen heiligen Tönen der lustige Ruf der Jäger geantwortet haben, wenn der Land­graf von Hessen mit seinem Hof die durch ihre reiche Wild­bahn ausgezeichneten Jagdgründe auf Weißenstein durch­streifte. Als die Lehre Luthers die Klöster in den protestanti­schen Landen aufhob, lag bald auch Kloster Weißenstein verödet, und nun setzten sich hier die jagdliebenden Land­grafen fest; durch die alten verfallenen Klosterräume hallte der Ton des Hifthorns und der Lärm fröhlicher Gesellen bei wohlverdienter Rast. Achtzig Jähre, nachdem die Augustinernonnen, je nach Alter und Sinnesart mit ge­brochenen Herzen oder mit lebensfreudiger Hoffnung, den Weißenstein verlassen hatten, ließ Landgraf Moritz der Ge­lehrte im Jähre 1606 den Grundstein zu einem Lust- und Jagdschloß legen und unternahm die ersten Versuche, durch eilte künstlerische Ausgestaltung aus der bisherigen Wildnis eine prächtige Landschaft entstehen zu lassen. Doch seiner Schöpfung war ein frühzeitiger Verfall beschieden: die Stürme des dreißigjährigen Krieges brausten darüber hin, und so konnten seine Anlagen nur als Keime gelten, aus denen einer seiner späteren Nachfolger, Landgraf Karl, eine herrlich gereifte Ernte erstehen ließ. .Karl, der vom Jähre 16771730 regierte, hat den gewaltigen Plan für die An­lagen um den Weißenstein erdacht; sein Wirken war der Ausgangspunkt für alles, was spätere Zeiten noch im großen Stil nach ihm schaffen sollten. Man hat bisher geglaubt, daß erst Karls italienische Reise im Jahre 1700 ihm die Anregung zu seinen Gärten und Wasserkünsten gegeben habe, aber Heidelbach weist aus den Rechnungen und Dokumenten nach, daß das geniale Werk des Kaskadenbaues dem Fürsten schon vor seiner Jtalienfahrt in wesentlichen Punkten fest­stand, und daß nicht erst fremde Vorbilder seine Seele zur Nacheiferung anfeuerten. Ter stolze Plan reifte selbständig in der Phantasie dieses bedeutenden Herrschers; zu seiner Ausführung aber bedurfte er eines italienischen Künstlers. So ließ er denn kurz nach seiner Rückkehr von Rom unter großen Versprechungen den Baumeister Giovanni Francesco Gttcrniero nach Kassel kommen, der das mächtige oktogonale Wasserschloß schuf und die von diesem Mittelpunkt den Berg sich herabzieheude unabsehbare Reihe von Kaskaden, Grotten und Fontänen anlegte, die den Ruhm des Schlosses als einer erstaunlichen Sehenswürdigkeit begründeten.

Der Italiener hat trotz unendlicher Schwierigkeiten und vieler Anfeindungen sein. Werk glücklich vollendet. Recht eingelebt hat er sich in die fremde Umgebung nicht, auch

die . deutsche Sprache nicht erlernt, wie seine Eingaben und Rechnungen beweisen. Jin Jahre 1715 verschwand er plötz­lich; er baute sich in Rom ein schönes Haus mit dem Getde, das er in der nördlichen Fremde reichlich verdient, und ist auf heimischer Erde gestorben. Sein Werk aber, auf der Anhöhe des sogenanntenWinterkastens" erbaut, blickt stolz und groß mit seinem Turin über die hessischen, Lande. Ein Riese sollte das Riesenwerk krönen; eine ins Ungeheure gesteigerte Nachbildung des farnesischen Herkules war dazu ausersehen. Sie wurde nicht, wie man bisher angenommen hüt, von dem Kasseler Kupferschmiedemeister Otto Philipp Küper, sondern von dem Augsburger Goldschmied Johann Jakob Anthoni geschaffen, und ist ein Meisterwerk der Schmiedekunst aus Kupfer, mit dein Sockel mehr als 12 Meter hoch, innen hohl, so daß inan bis zu der Keule des Riesen hinanssteigen kann, in der acht Personen Platz haben. 1718 war der ganze Bau fertig, und nun bot sich das irnponie- rendste Werk der im Barock so beliebten Wasserkünste dar, das man bisher in Deutschland geschaffen. Ein Gewimmel von Grotten, Bassins, Fontänen, Kaskaden und Wasser­fällen war zusammengeschlossen. Von der 250 Meter langen und II1/2 Meter breiten Riesentreppe stürzten die Wasser­fluten herab; in den Bassins kauerten Gestalten von Riesen, aus deren Mündern mächtige Wasserstrahlen hervordrangen, Tritonen und Zentauren, deren kupferne Hörner durch den Druck des Wassers dumpfgrollende Töne hervorbrachten; in der Mitte erhob sich das in einem regelmäßigen Achteck von 270 Fuß diagonalem Durchmesser erbaute Oktogon wie eilt von Giganten getürmtes Felsenschloß. So wurden die Kaskaden des Weißensteins auf lange Zeit ein vielbesuchtes Schauspiel, das Klopstock und später noch die Romantiker begeisterte, das auch Goethe mit dem jungen Fritz von Stein besuchte. In den Gärten mit ihren wunderlich ausstaffier- tcn Grotten, dem bunten Mummenschanz der Skulpturen/ all den merkwürdigen Spielereien von Kunst und Natur, wie sie die Zierlichkeit des Rokokos und die Phantastik der englischen Gartenkunst hervorbrachten, versetzten den Wan­derer in eine magische Märchenwelt, in ein Reich der Ueber- raschung, der absichtlichen Verwilderung und des Traums.

Das Werk des Landgrafen Karl setzte Landgraf Wil­helm IX. (17.851806) fort, der der Mode des Klassizismus und der.Ruinensentimentalität mit dem Bäu des Aquädukts ein Opfer brachte, jenes Wasserfalls, der eine verfallene altrörnifche Wasserleitung därstellt; er aber erbaute auch das neue Schloß, das noch heute steht und das 1798 zu Ehren seines Schöpfers den noch heute üblichen NamenWil­helmshöhe" erhielt. Der Bau, von JUssow und Du Ry ausgeführt, ist ein Muster durchaus klassizistischen, einfach strengen Stils; er bildete einen seltsamen Gegensatz zu der ebenfalls von Wilhelm IX. angelegten Löwenburg, in der die sentimentale Ritterromantik mit ihrer phantastisch grau­sigen Belebung des Mittelalters und die spielerisch behan­delte Neugotik mit ihren theatralischen Effekten den leben­digsten Ausdruck gewann. Da gab es eine Rüstkammer und ein düsteres Burgverließ, einen von Gestrüpp um­wucherten Burghof und Gärten, eine Wolfsschlucht, ja sogar ein Gespenst kurz die ganze Welt der Bürgerschen Balladen. Hier spann die Sage ihre silbernen Fäden; hier träumte und dichtete die Romantik.

Doch das wirkliche Leben und der eherne Tritt der Ge­schichte schritten schonungslos hin über diese von Kunst und Poesie geschmückte Stätte und machten sie zum Schauplatz farbig wechselnder, tragischer und frivoler, ergreifender und rührender Ereignisse. Nicht lange nachdem eine herrliche Illumination den Besuch Friedrich Wilhelms III. und der qöuigin Luise auf Wilhelmshöhe verschönt hatte und 1803 die neue Kurfürstenwürde des Herrschers rauschend gefeiert worden wär,hörte das Haus Hessen zu regieren auf" nach dem Dekret Napoleons und Jerome Napoleon, derKönig Jmmerlustick", zog ein mit dem prunkenden Pomp des Par­venüs, mit der kichernden leichtgeschürzten Schar seiner- wenig spröden Hofdamen. Aus den versonnenen Mvnd- scheingärteit der Romantik ward noch einmal ein leicht-