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Und Wenn er die Meisterschaft fahren lassen und Gesell vqn der Früh' biss in die Nacht sich wieder abschindcn mußte, er nahm's willig hin. Für die Lina war ihm nichts zu viel. Daß sie hinfort zusanimengehörten, stand für ihn fest. Niemand sollte es wagen, sich zwischen sie zu stellen, niemand! In diesem Augenblick fühlte er die Kraft in sich, der ganzen Welt die Stirn zu bieten. —<
Heller Sonnenschein durchflutete ihre Kammer, als Lina aus kurzem, unruhigem Schlummer erwachte. Auf dem Flur draußen hörte sie die Mutter hin und her schlurfen. Rasch erhob sie sich. Ein schwerer Traum hatte sie gequält: der Verkehr in der Wirtschaft war so gering geworden, daß oft ein ganzer Tag verging, ohne daß ein Gast sich blicken ließ. In weitem Bogen gingen die Dörfler um das Einhorn herum, als hauste der leibhaftige Satan darin. Die Aecker lagen brach, und die bittere Not klopfte an die Tür. Tie Mutter starb vor lauter Gram. Das Haus kam unter den Hammer. Kauflustige waren wohl da, aber sie kamen gegen den Bürgermeister nicht auf. Der erhielt schließlich den Zuschlag. Die heißen Tränen liefen ihr über die Backen, denn sie war mutterseelenallein und blutarm. Da trat der Bürgermeister auf sie zu und sprach: „Du hast deinen Haß auf mich geworfen. Ich will nicht Böses mit Bösem vergelten. Für dich hab' ich Haus und Hof gesteigert. Komm zu mir. Du sollst's gut haben." Nun siedelte sie in das Bürgermeisterhaus über. Sic hatte leichte Arbeit und gute Kost. Aber der Bürgermeister drückte sich immer schäkernd und schlechte Witze machend um sie herum. Sie tat, als hörte sie das alles nicht. Einmal wag die Bürgermeisterin in die Stadt gegangen. Da kam der Bürgermeister in die Küche, kniff ihr in die Backen und! wollte sie an sich ziehen. ; „Du mußt nicht spröd tun," sagte er, „mußt hübsch brav sein, du sollst's nicht bereuen." Da gab sie ihm einen Stoß, daß er zurücktaumelte. „Augenblicklich laßt du mich in Ruh'. Du bist an die Unrechte gekommen. Ich! bin ein ehrbar Mädchen. Und schickt sich so 'was für einen ver- heirat'en Mann?" Er schlug eine Helle Lache auf . . .
Darüber wurde sic wach. Gott sei Dank, daß es nur ein Traum gewesen war. Der eklige Mensch! Plötzlich trat das Geschehnis des gestrigen Abends, vor ihre Seele. War der Friedmar nicht auch ein verheirateter Mann? Ein Zittern befiel sie, daß sie umznsinken vermeinte. Aber nur einen Augenblick. Dann stand sie wieder aufrecht und fest. Ter Friedmar — das war doch etwas anderes. Den hatte sie unsäglich lieb. Was sie übermächtig zu ihm hinzog, kannte keinen Widerstand und keine Reue. Ihr war's, als müßte sie der Mutter gleich alles gesteh'». Ja, war sie denn bei klaren Sinnen? Der Mütter, die über das halbe Dorf den Stab brach und die „Schande" im eigenen Haus erlebte? Sie war darauf gefaßt, die Mutter würde sie auf die Straße jagen. Und dann? So schwieg sie wohl am besten. Einmal freilich mußte sie's doch erfahren. Ob heute, morgen oder in vier Wochen. Und wenn sich die Mutter von ihr lossagte? So verließ sie ohne Groll das Haus. Sie wußte, wo ihr Hort und ihr Schutz war — Friedmar! Der hielt zu ihr vor allen Leuten. °Da gab's gar keinen Zweifel. Hatte sic ihm doch freudig alles geopfert — alles! Und ein Gefühl unendlicher Liebe erfüllte ihr Herz. Ihre Augen schimmerten feucht, und in ihrem lieblichen Gesicht malten sich .Hingabe und Treue.
VII.
So oft den Bürgermeister von Dietkirchen ein Geschäft in die Stadt führte, sprach er bei dem Eisenwareuhändler Thomas Freigang vor. Herr Freigang, ein Vetter des verstorbenen Pflastermeisters, bewohnte in einem abgelegenen engen Gäßchen ein uraltes, finsteres Haus. Es' war ein öffentliches Geheimnis, daß er den Handel in Eisenwaren nur „nebenbei", ja gewissermaßen zum Schein betrieb, um hinter dem Deckmantel des mühsamen Kleinkrams seiner Geldsucht und Güterschlächterei zu frönen. Der Bürger- cneister, sein gelehriger Schüler, diente ihm als Kundschafter, dergestalt, daß er auf deni Lande herumschnüffelte, wo es etwas zu ergattern gab. In der Regel machten die beiden Kompagniegeschäfte, wobei der Eisenwarenhändler als der schlauere den größeren Gewinn einstrich. Was sie unter- nahineu, war so fein eingefädelt, daß sie niemals mit dem Gesetz in Konflikt gerieten.
Freigang, ein Fünfziger mit blatternarbigem Gesicht und kleinen lebhaften Augen, hatte eben den „narrigeu Balduin", der im Laden allerlei Hokus-Pokus aufgeführt, unsanft zur Tür hinausgeschoben, als der Bürgermeister von
Dietkirchen eintrat. Man schüttelte sich die Hände und begab sich in das drei Stufen höher gelegene Ladcn- stübchen. In diesem Augenblick tauchte, von: Hofe kommend, der „narrige Balduin" ivieder auf, hockte nieder und zwar so, daß er das Gespräch der Männer bequem erlauschen konnte.
Die Geschäftsfreunde hatten mancherlei zu verhandeln. In Orlenbach war ein Bäuerlein, das der Bürgermeister in die Mache genommen, am Verlöschen. Bei der bevorstehenden Subhastation des Wohnhauses und der Grundstücke sollte der Eisenhändler als Bietender hervortreten, während der Bürgermeister sich in seiner amtlichen Würde bescheiden im Hintergrund hielt. Sie entwarfen einen förmlichen Feldzugsplan, erwogen die Chancen des Geschäfts und wurden über die Verteilung des.zu erwartenden Gewinns einig. Der Händler holte aus dem Wandschrank eine Flasche Likör und stellte sie vor den Bürgermeister hin. Wie stets, schenkte sich dieser selbst ein und leerte schnalzend drei Gläschen rasch hintereinander. Freigang, der jede Linie im feisten Gesicht seines Geschäftsfreundes und Gesinnungsgenossen kannte, sah ihm an, daß er noch irgend eine Neuigkeit aus- zupackeu im Begriff stand. Indessen verriet er' keinerlei Nengier, sondern sagte nur mit freundlichem Grinsen: „Trinken Sie, Bürgermeister, trinken Sie." Der Dorf- Häuptling goß ein viertes und fünftes Gläschen hinunter und erzählte endlich umständlich, was sich in seinem Hanse mit dem jungen Pflastermeister zngetragen. Der Händler, der, wie seine ganze Verwandtschaft, Friedmar, den Eindringling, tödlich haßte, spitzte die Ohren und verschlang die Worte, die der Bürgermeister schwerfällig und bedächtig zur besseren Veranschaulichung des Vorfalls zusammensuchte. „Ja, was meinen Sie dann, Herr Freigang?" endigte der zerzauste Gastgeber, „so was kann man sich doch nicht gefallen lassen?"
(Fortsetzung folgt.)
Napolesn I. und Käuferin Marie Luise.
N a ch Briefen*) Napoleon I.
Am 7. Februar 1810 hatte sich Napoleon nach der Scheidung von Josephine Beauharnais nm die Hand der l9 jährigen Erzherzogin Marie Luise von Oesterreich beworben. Der „gute" Kaiser Franz I. gab sein Jawort, und die Wiener ließen sich einreden, „wie Gott seinen eingeborenen Sohu für die Erlösung der Menschheit dahiugegeben, so opfere Kaiser Franz seine Tochter für die Rettung des Vaterlandes".
Die Gründe für eine verwandtschaftliche Verbindung mit dem Hause Oesterreich legt Napoleon in einem Briefe an feinen Minister des Aenßcrn, Herrn v. Champagny, dar. Der Minister wird angewiesen, sämtlichen auswärtigen Gesandten das wichtige Staatsereignis bekannt zu geben und für einen würdigen Empfang der neuen Kaiserin an den Höfeu in! München, Stuttgart und Baden Sorge zu tragen. Der Brief lautet in der Uebersetzung:
Herr v. Champagny, Minister der äußeren Angelegenheiten! Paris, den 26. Februar 1810.
„Sie werden darin (in einem Zirkular) sagen, daß ciucs der hauptsächlichsten Mittel der Engländer, den Krieg auf dem Festlande wieder auznfachcn, dies sei, mir zu unter- schieben, es läge in meiner Ab si ch t, die Herrscherfamilien zu vernichten. Nachdem mich die Umstände dazu geführt haben, mir eine Gemahlin zri wählen, hätte mich die Absicht geleitet, ihnen (den Engländern), diesen verhängnisvollen Vorwand zu benehmen, wodurch sie die Völker anfwiegcln und Zwietracht säen, die stets Europa mit Blut befleckt hat.
Nichts schien mir geeigneter, die unruhigen Gemüter zu besänftigen als eine eheliche Verbindung mit einer Erzherzogin von Oesterreich. Die glänzenden und ausgezeichneten Eigenschaften der Erzherzogin Marie Luise, denen ich hauptsächlich Rechnung getragen hatte, haben mich dazu bestimmt, so zu h a udclu, wie es meiner P o l i t i k c n t s p r i ch t. Nachdem die Bewerbung stattgefunden, und der Kaiser seine Zustimmung gegeben hat, habe ich den Fürsten von Neuchütel abreisen lassen, um in aller Form um die Hand anzuhalten. Derselbe soll auch als Zeuge fungieren bei der Vermählung, die in Wien am 6. März von einem von mir beauftragten Erzbischof vollzogen werden soll. Iw freue mich auf diese Gelegenheit, um zwei große Nationen eng miteinander zu verbinden und einen Beweis zu geben von meiner Achtung für das österreichische Volk und die Bewohner, der Stadt Wien.
Cie (Champagny) werden noch hinzufügen, daß ihre (der Gesandten) Sprache nach dem verwandtschaftlichen Band sich richten möge, das nnch mit bem Hause Oesterreich verbindet, ohne
*) Lettres inödites de Napoleon I. Par L. Lecestre.


