Donnerstag den 22. Mi
li
hi
&
W
W
Die Pflastermeisterin.
Roman von Alfred Bock.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Da führte ihn der Straßenaufseher ins „Einhorn. Und der Friedmar die Lina sehen unb in Glut stehen, war das Werk eines Augenblicks. Zwar hielt er mannhaft an sich, aber gleich das erste mal packte es ihn so lerden-t schaftlich, daß er nachmittags wie vom Schwindel befallen ganz verstört auf dem Arbeitsplatz erschien. Einst hatte der halbreife Bursche die Mädchen gemieden, weil er zu arm war, ihnen ein Glas Bier zn bezahlen oder ein Lebkuchen-! Herz zu kaufen. Später hatte der Rastlose bei ermüdendem Tagewerk keine Lust verspürt, auf Liebeswegen zu gehen. Jetzt lohte in dem kraftvollen Mann ein Feuer, auf,, das ihm schmerzhaft aus allen Poren drang. Bis dahin, dünkte ihm, war er mit verbundenen Augen herumgelaufen. Sonst hätte er das wunderseltene Mädchen aufspüreu müssen. War's denn möglich, daß die Dietkirchner im weiten Bogen um das „Einhorn" herumgingen, wo es drin solch ein Engelsgesicht zn sehen gab? Die Dummerjane! Und doch gut, daß sie so vernagelt waren. Für ihn blieb das golmge Ding aufbewahrt. Wenn er ihr gegenüber saß und ihre Augen ineinander brannten, befiel ihn ein Zittern, und er mußte sich Gewalt antun, daß er nicht aufsprang „und sie an sich Preßte. Daß sie ihm gut war, hatte er längst gemerkt. Dem fiebernd Verlangenden verhieß ihr heißer Blick Gewährung. Wer das sachte Hinhalten, das linde Vorahnen künftiger Freuden war auch gar wonnesam. Manchmal weinte er, der Kopf müsse ihm zersprungen. Und wenn sie sein war, was dann? Mochte alles zugrund gehen, ivenn sie eins waren. Die letzte Spur nüch-, ferner Ueüerlegung versprühte in dieser Leidenschaftlichkeit. Das Nüchterne, Kühl-Berechnende, das den.Grundzug ferner Wesenheit auszumachen schien, war verschwunden, und alles schmolz in dem drängenden Wunsch zusammen, das Prachtmädchen zu besitzen.
VI.
Die Arbeit in Dietkirchen ging zu Ende. In die Fugen des Pflasters trieb man feinen nassen Sand und überlagerte alsdann die ganze Bahn mit einer dünnen Kiesschicht. Kleine Unebenheiten, die hier und da in der Pflasterung noch hervortraten, glich man mit der Ramme aus. Der Straßen-; ausseher nahm mit den: Bürgermeister und ben Gemeinde- Mten die Strecke ab und fand nichts auszusetzen. Auf seinen Wink fielen die Schranken, die die Straße gesperrt hatten, und gleich darauf rollte zur Ergötzung der ver- jammelten Dorfbewohner das erste Fuhrwerk über das neue Pflaster. Es war ein bedeutungsvoller Tag in der Geschichte Dietkirchens. Seit Menschengedeukeu hatte man ans der Hauptstraße bei schlechtem Wetter durch den dicksten Kot waten müssen, nunmehr freute man sich des Besitzes
einer schönen Pflasterbahn und fühlte sich dadurch den beneideten Städten näher gerückt, wenn nicht ebenbürtig. Friedmar lohnte auf dem Platz seine Leute aus. An den beiden noch verbleibenden Tagen der Woche sollte gefeiert' und den nächst folgenden Montag die Arbeit ut Orteubach ausgenommen werden.
Der Bürgermeister trat auf den Pflastermeister zu.
„Du, Meister, ich steck' bei mir daheim! ein Fäßchen an. Du gehst doch mit?" 1
Friedmar gab seine Zusage. Der Straßenaufseher hatte die Einladung bereits angenommen, dieweil er gern dabek war, wo der volle Becher umging. Die Gemeinderäte machten die Gesellschaft vollständig, die sich alsbald in das Haus des Bürgermeisters begab. Das stattliche, zweistöckige Gebäude lag in der Mitte des Dorfes. Die Männer schritten! die Front ab und traten in die Einfahrt, so daß jetzt der geräumige, von Stallungen und Scheunen umschlossene Hof vor ihnen lag. Alles dentete ans großen Wohlstand. Man machte einen Ruudgang. Das Vieh in den Stallen war wohlgehalten, die Scheunen waren bis unter das Dach gefüllt. Der Aufseher sprach seine Anerkennung uver die Sauberkeit aus, die hier herrschte. Die Dietkircheuer sollten sich daran ein Beispiel nehmen. Die Gemeinderate, dre gerade keine Musterwirtschaft führten, machten verdutzte Gesichter. Wer Bürgermeister aber geleitete seine Gäste schmunzeliid in die „große Stube", wo sie die Bürgermeisterin, ein häßliches zahnloses, altes Weib, nut sauersüßem Lächeln empfing. Ein Faß Bier lag zum mistich bereit, arif dem Tisch luden verschiedene Wurstsorten und frisch gebackenes Roggenbrot zum Imbiß ein. Man ließ sich deiin auch nicht lange nötigen und griff wacker zu, während ein Knecht den Zapfen einschlug mtb die Gläser füllte. Bald fönt Leben in die Gesellschaft. Die Unterhaltung drehte sich zunächst um die neue Pflasterbahn, deren Vollendung man feierte. Dann kam man auf die Straßen im allgemeinen zn sprechen. Der Aufseher, der sich unter den Landlenieu gern das Ansehen eines „studierten" Mannes gab, meinte, daß sich die Welt ans ihre guten Straßen jetzt nicht allzuviel einzubilden brauche. Man solle- sich nur einmal vorstelien, daß die alten Perser schon viele hundert Jahre vor Christi Geburt eine Kunststraße bauten, die hundert Meilen lang war. Und gar die Römer. Die legten ihre Hauptstraßen nicht allein gut an, sie schmück- ten sie obendrein mit Meilenzeigern, Ruheplätzen und Heiligtümern. Der Kaiser Napoleon gab zweihiindertsieben- undsiebzig Millionen Franken für den Straßenbau aus. Damals kam Geld unters Volk. Am schlechtesten war es in Deutschland mit den gebahnten Wegen bestellt. 1816 gab es in Preußen nur fünfhundert Meilen Kunststraßen. Erst in den letzten siebzig Jahren wurden beträchtliche Mittel dafür aufgewandt.
Man folgte dein straßengeschichtlichen Exkurs des, Beamten mit offenem Mund. Der Bürgermeister gab seinem


