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licher Lebhaftigkeit, wie es ihm ergangen ist. So ist man mitten brüt und kann sich ein Bild machen, wie Messina anssieht nnd wie grauenhaft die plötzliche Zerstörung war.

Dabei ist aber das Grauenhafteste, daß matt heute noch uicbt weiß, wie viele Opfer die Katastrophe forderte, ans der sich nur diemisera contribuens Plebs" rettete, wäh­rend die Wohlhabenheit, die Intelligenz, zu Grunde gingen. Messina zählte 160 000 Einwohner, im Augenblick des Un­glücks aber wohl 20 000 mehr; denn wegen des Weih- nackts-- und Neujahrsfestes waren viele Beamte beurlaubt worden, auch viele Verwandte zit Besuch gekommen. Der Schrecken vermehrte sich durch die Dunkelheit nnd durch den wolkenbruchartigen Regen. Die Behörden hatten den Kops verloren, zwei Abgeordnete starben unter den Trümmern, der Bürgermeister floh, viele Offiziere dachten nur an die Rettung ihrer Familie, der Präfekt erlitt einen Mervenchok, der nahezu an Gehirnlähmnng streifte. Keiner dachte daran, die Regierung zu benachrichtigen. Die Osfi- ziere der grauenvoll dezinierten Regitnenter warteten auf Ordre von oben. Wenn nicht das russische Kriegsschiff zu­fällig im Hafen gewesett wäre, das sofort Verwundete sammelte, wentt nicht der Norddeutsche Lloyd helfend eilt» gesprungen wäre, würden der Opfer noch viel mehr sein. Zum Unglück war auch die italienische Flotte auf Uebungs-- reise.

So verging der erste Tag ohne tatkräftige Or- ganisatiottsarbeit, und die Verbrecher der Stadt, verstärkt durch die Gefängnisinsassen, die entsprungen waren, und die Bauern der Umgegend, die scharenweise tritt leeren Säcken anrückteu, konnten nach Herzenslust plündern nnd Feuer anlegen. Zu ihnen gesellten sich am nächsten Tage auch Mitglieder der ehrenwerten Camorta aus Neapel. Wie sagt doch Aeneas im Virgil:Jnfandum, regnia, jubes renovare . . ." Unsäglich, unaussprechlich, unsagbar! Häft­linge erschossen kaltblütig vorübergehende Bürger, um ihre Kleider zu erhalten, damit sie ihre Sträflingsuniform los wurden. Auch schnitten sie Damen, die unter den Trüm­mern lagen, die Finger ab, wenn sie die Ringe nicht ab­streifen konnten. Ein Räuber wurde erschossen, der 400 000 Lire bei sich trug.

Bei alledem hört jede Schilderung auf, aber eine Frage darf man stellen, wie es eigentlich kam, daß ganz Messina in einem Nu zusammenstürzeu konnte und zwar so, daß beim ersten Stoß die Außenwände der Häuser noch blieben, und nur das Innere in sich zusammenbrach? Die Antwort lautet:Tie Sorglosigkeit der Süditaliener." 1894, 1897, 1905 war Messina schon von Erdbeben heimgesncht worden, die Häuser waren also alle mehr oder minder beschädigt, nichtsdestoweniger dachte niemand an Reparaturen, und bei Neubauten studierte man nicht nur den Untergrund zu wenig, sondern baute auch so leichtsinnig, daß man bei fünf­stöckigen Palästen Eisenträger und Eisenbalken verwandte, ohne sie in sich fest zu verankern. Auch waren die Kasernen so leicht mit Pseudo-Stein gebaut, daß es sich erklärt, daß vom 83. Regiment nur 20 Soldaten übrig blieben.

In einem nächsten Briefe werde, ich noch Details bringen. Jetzt drängt es mich, die Schilderungen eines Bahnpostschaff- ners zu geben, der, wie es sich jetzt herausstellt, der erste war, der die Kunde von dem Entsetzen nach Rom drahtete. Er tat Dienst auf der Strecke Messina-Syrakus. In der Nacht vom 27. ans den 28. Dezember hatte er Ruhepause und schlief in der Stadt. Gegen fünf Uhr morgens wurde er wach und konnte nicht mehr einschlafen:Nach, dem ersten Stoß kamen meine beiden Hauswirtinnen nackt zu mir, und flehten mich an, sie zu retten. Durch ein Wun­der gelang es uns, zur Wohnungstüre zu kommen. Ich stieß sie mit Gewalt auf, dann aber widerstand ich den Frauen, die, so wie sie waren, auf die Straße fliehen woll­ten, nahm beide unter meinen Mantel und kauerte mich wit ihnen unter das Gewölbe der Türe, das einen Meter dick ist. Das war unsere Rettung; denn die Tnrmauer hielt aus. Draußen hätten wir den Tod gefunden. Um 5.25 Uhr trat Ruhe ein. Aber ioir erstickten unter dem Staubgewirbel. Dann holte ich schnell ein paar Kleider und dann im Nu die Treppe hinunter, die zum Teil noch erhalten war. An dem Straßentor angekommen, leuchtete ich mit einem Kerzenstumpf und sah, daß die Straße halb­haushoch mit Trümmern bedeckt war, wir mußten also abwarten, bis es Tag wurde. Unterdessen froren die bei­den Frauen fast zu Tode. Ich nahm allen meinen Mut zusammen, kletterte die Treppe hinauf und raffte für sie

einige Röcke und Tücher auf. Sie bekleideten sich not­dürftig. Gegen i/k? mußte ich die Frauen ihrem Schick­sal überlassen, denn ich durfte wohl mein, aber nicht ihn Leben riskieren. Und nun begann ein Klettern auf Le­ben und Tod, wobei mir immer Steinchen und Kalkstücks auf den Rücken fielen, der zum Glück von meinem Dienst­mantel geschützt war. Unter mir hörte ich nur Seufzen/ Wimmern von Lebendig-Begrabenen. Wie, das weiß ich nicht. Aber ich kam auf den Rathausplatz, wo ich mich verschnaufen koirnte. Dann eilte ich über Trümmerberge bis zum Strande. Horribles Schauspiel! Auf dem Meere schwammen Leichen zu Hunderten, bte das Meerbeben mit seinen 10 Meter hohen Wellen verschlungen hatte. Nach s/t Stunden kam ich an die 10 Minuten entfernte Hasen­station. Hier traf ich einen reichen Bürger und mit ihm zusammen lief ich nach der Zentralstation, wo ich einen Zug zu finden hoffte. Aber auch die Zentralstation war zerstört, ich fand nur hier und da einige Beamte, die herzzerbrechend über ihre Kameraden weinten, die unter den Trümmern lagen. Jetzt begriff ich erst die ganze Größe des Unglücks. Messina war nicht nur ganz zer­stört, sondern auch alle telegraphische und telephonische Verbindung unterbrochen. Drob entschloß ich mich, längs den Schienen zu Fuß gehen. Nach vierstündigem Marsche kam ich an der Station Scaletta hinter Taormina an und ließ mich zum Zentralpostämt begleiten, wo ich an den Provinzialpostdirektor von Syrakus das folgende dringende Telegramm aufgab:Wunderbarerweise das Leben ge­rettet, weiß nicht, was aus meinen Kollegen geworden, Messina ist zerstört. Antoninv Barrera, Bahnpostschasf- ner." Am Abend kam ich mit vielen Verwundeten hier in Catania an . .

Man kann wirklich das Lied vom braven Manne !vie- der anstimmen; denn sein Telegramm war das erste, das in Rom ankam, wo es an den Postminister ging. Zuerst wollte man an der Zentralstelle die Sache gar nicht glau­ben, man dachte, man hätte es mit der Uebertreibuug eines Exaltierten zu tun. Aber nach und nach kanten bestätigende Meldungen durch Torpedoboote, die von Messina aus nord- wärts längs der zerstörten kalabrischen Küste gefahren waren, bis sie ein Telegraphenamt fanden, das intakt war. Die Regierung traf alle Vorkehrungen, die geboten waren, verheimlichte der Presse aber lange Zeit die ganze Wahr­heit, tote es auch in Palermo geschah, nm nicht einen Aus­bruch der Panik und Wut lei den vielen Messinesen zu er­regen, die um das Schicksal ihrer Angehörigen besorgt waren. Das Unglück wollte, daß das Kabel zwischen Messina und Neapel (das einzige!) zerrissen war, daß die Eisen­bahn in Kalabrien auf 18 Kilometer hin zerstört war, also auf dem Landwege feine Hilfe gebracht werden konnte. Dazu kam, daß auch das einzige Kabel zwischen Palermo und Neapel beschädigt war (heute noch werden alle Privat­telegramme aus Sizilien per Post bis Neapel gesaudt),- und die Eifenbahnlinie im Norden von Sizilien 10 Kilo­meter vor Messina unbrauchbar ioar. Der Rettungsdienst war also von hier aus erschwert.

Erschwerend fiel noch ins Geivicht, daß die ersten Ret- tuugsexpeditiouen ohne Haken und Schaufeln, ohne Le­bensmittel abgiugeu, ja daß selbst die Soldaten, die am zweiten Tage zu Schiff nach Messina kamen, keine Werk­zeuge hatten. Am schlimmsten aber war, daß es nicht nur in Messina an Verbandszeug und an einem trockenen Orte zum Verbinden der Verletzten fehlte, sondern daß auch viele Abteilungen des roten Kreuzes von auswärts ohne chirurgisches Besteck abginaen, so daß viele Verwundete daran zu Grunde gingen, daß man ihnen nicht die Arme und Beine amputieren konnte, die brandig zu werden droh­ten. Freilich, man darf nicht ungerecht sein, vom sicheren Winkel aus hat man leicht kritisieren, wer wäre auch in anderen Städten für eine Katastrophe vorbereitet gewesen/ die in 20 Minuten 200000 Menschenleben vernichtete. Das hindert aber nicht, daß Italien jetzt für seine uralten Schä­den büßt, die es mit allen lateinischen Ländern gemeinsam hat, ich meine die Vielregiererei, den Gegensatz zwischen" Militär- und Zivilgewalt, die Unselbständigkeit aller unter­geordneten Beamten, den Geist der Eifersucht zwischen den höchsten Offizieren re. Darüber erzählt man sich hier das saubere Stückchen: Der palermitanische Korpskommandant war krank. Deshalb erkannte die Regierung den römischen Korpskommandanten zum Diktator von Messina. Ms dieser dort ankam, wurde er sofort zurückberufen; denn der Ka-