MZ

Rheinlandstöchter.

Roman von Clara Vie big.

(Fortsetzung.) - (Nachdruck verboten.)

Aergerlich biß Nelda die Lippen wo waren sie denn nur? Da, eure Lichtung hrer ging der steile Kletter- Pfad hinauf zur Ruine der Oberburg. Richtig, dort zwischen dem alten Gemäuer, wo das Gras üppig wuchert, liefen Wefas Ziegen. Sie rannten wild durcheinander. Wo war die Hirtin? Im hohlen Fensterbogen stand sie. Sie klammerte sich an ein Birkenstämmchen, das wie eine grüne Flagge herauswehte. Jetzt flatterte ihr bunter Kattun- rock, sie ließ die eine Hand los und winkte den Bergen gegenüber.

Haha Vefa!" Sie jubelte den eigenen Namen. Und Nelda! Nelda!" rief der Mann, der, hinter dem Mädchen stehend, dessen Leib umschlungen hielt.

Vefa Nelda!" Das Echo schrie sich tot.

Holla, hier!" Nelda zog ihr Taschentuch und winkte. Sie sah, wie der Mann im Jensterbogen beim ersten Ruf stutzte jetzt verschwand er jetzt kam er unterhalb aus dem Gemäuer jetzt jauchzte er auf und stürmte in großen Sähen den steilen Abhang herunter ihr entgegen. Ern Glücksgefühl durchschoß sie. Jetzt stand er vor ihr; mit leuchtenden Augen sah er sie an.

Wie hübsch sie aussehen, Fräulein Nelda," sagte er bewundernd. Und dann treuherzig:Sind Sie auch Pös, Fräulein Nelda?"

Warum denn?" Sie war ordentlich verwirrt und riß einen Dornenzweig von ihrem Kleidersaum.

Ich ' ja, weil ich wollte" er verwickelte sich weil ich Ihren Namen so gerufen hab' und netFräu­lein" vorher! Aber er liegt mir den ganzen Tag auf der Zung'. Sind Sie deswegen bös?"

Böse?" Sie schaute lächelnd auf, ihre roten Lippen hoben sich von den gesunden Zähnen, sie sah lieblich und jung aus, wie noch »üemals im Ballsaal. Er blickte sie beim Aufwärtssteigen unverwandt von der Seite an, halb scheu, halb keck, und dabei pfiff er sorglos.

Oben kam ihnen Vefa entgegen, die vier weißen Ziegen liefen meckernd hinter ihr drein; aber Vefa war nicht munter.Ich geh' heim," sagte sie kurz, nickte und sprang an ihnen vorbei.

Sie hielten sie nicht zurück; sie ließen sich dorn an dem sanften Rasenhang nieder, den die abendliche Sonne mit allerhand wunderbaren Goldlichtern übergaukelte. Nelda setzte sich! Klitten in's Gras: sie lehnte sich hintenüber, daß ihr die blauen Glocken- und weißen Sternblumen auf den leichtbewegten Stengeln.über's Gesicht strichen tote kosende Finger. Sie durfte sich nicht bewegen, sonst kitzelte das. So lag sie regungslos, Er auf dem Rücken, gu ihren

Füßen, so dicht, daß ihre Schuhsohle sein lockiges Haar streifte.

Sie sprachen nicht, nur ab und zu ein verlornes Wort. Unten in der Schlucht rauschte das Wasser ohn' Unterlaß mit nimmersattem Murnreln; ein paar honigschwere Bienen summten müde um Reldas Stirn, sie rührte sich nicht, sie zu verscheuchen. Wie ein Zauber lag's auf ihr. Die Welt so weit, hier war Freude, Genuß, Vergessen!

Leise strich ihre Fußspitze über das Haar des jungen! Mannes; er wendete sich herum, richtete sich halb auf den Ellenbogen in die Höh und lachte sie leise an.Treten Sie zu, Fräulein Nelda, ich leid' et!"

Sie rührte sich nicht.Es ist schön hier," sagte sie ver­träumt. Er nickte stumm, aber er blieb so auf den Ellen­bogen liegen und sah ihr in's Gesicht.

Und nun klang vom Dorf die Abendglocke.

*

Vefa war nicht ganz die alte mehr, sie hatte jetzt etwas Trotziges. Das Lachen Ivar ihr angeboren, das ließ sie nicht, aber manchmal am Abend, wenn Hommes und Nelda mit dem Bürgermeister, oder auch allein, draußen auf der Bank saßen, schlich sie sich in die Tür und stand regungs-- los am Pfosten, die Arme in die Schürze gewickelt. Durch die sommerliche Dämmerung funkelten ihre Augen wie Leucht- käfer. Wurde dann das Gespräch auf der Bank (eifer, oder redete nur noch Dallmer und die beiden antworteten ein­silbigja" undnein", als dächten sie au was ganz an­deres, dann trat sie plötzlich in's Haus zurück und krachte die Tür zu. Was hatte da3 Mädchen nur?

Nelda merkte wohl die Veränderung, aber sie hatte wenig Acht darauf; es gab so viel anderes, was sie jetzt in Anspruch nahm. Ihr früheres Leben lag weit, weit hinter ihr; in ihrem Herzen zu unterst war es eingesargt und eine dicke Sckücht darauf. Sie war ja gar nicht mehr die Nelda Dallmer; sie war eine, die sich tote ein Kind freute über eden schönen Tag, an dem sie mit dem Gefährten umher streifen konnte. Wie rasch die Stunden verrannen! Bald war die Gnadenfrist um; von den vier Wochen waren nur noch kurze Tage übrig, sie mußten genossen werden ohne jedes Besinnen. Ja voll und ganz! Sie hielt Augen und Ohren zu, sie wollte nichts sehen Und hören von der Welt draußen; es war ihr ein unangenehmer Aiiblick, wenn Touristen durch's Dorf wanderten. Die Manderscheider singen an, sich auf Sommergäste zu rüsten.

Heute war ein heißer Tag; vom tiefblauen Himmel prallte die Sonne,' die Luft stand ganz still.

Es gibt ein Gewitter. Ihr wollt wirklich auf den Mosenkvps?" fragte Dallmer erstaunt, als Hommes, am Nachmittag kain, um Nelda abzu'holen.Unsinn, bleibt hier!

Die jungen Leute lachten und tauschten einen raschen Blick.Nein, nein, Onkel, wir gehen," rief NeldaHa, ich denk's mir schön, oben zu stehen, wenn unten im Tal das Gewitter spektakelt!"

Denkst du vielleicht, du bleibst oben trocken? -