1909
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Auf Liebespfaden.
Roman von H. Ehrhardt.
'Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
_ „Aber nun sind Sie doch frei, Lena!" sagte er halblaut, tröstend, „und noch so jung! Jetzt hindert Sie nichts mehr daran, Ihr Herz der Liebe zu öffnen, bei.einem Manne, der Sie versteht Und liebt, endlich- eine Heimat zu finden. Oder hat eine schlimme Erfahrung Sie zur Ehefeindin gemacht?"
Sie schüttelte freimütig den Kopf.
„Nein, ich bin auch darin ganz und gar Frau, ich leugne nicht, daß ich allein in einer neuen Ehe mein ruheloses, glückloses Leben für ewig zu begraben hoffe, aber —"
Sie mußte abbrechen und kam mit der ihr eigenen Sicheret sofort auf ein neues Themfa, da der lautlose Kellner ihnen soeben mit einiger Umständlichkeit den Nachtisch servierte, rot- goldene Orangen, wachsfarbene Tiroler Aepfel, blaßgelbe Knackmandeln, durch dunkle Zweige von Traubenrosinen schimmernd, umrahmt von fahlfarbenen Feigen und braunglanzenven Datteln. Auch eine zweite Flasche Pommery hatte er lautlos entkorkt und füllte geschickt die geleerten Gläser.
Oben in der Mufiklvge spielten die Zigeuner eine weiche, schwermütige Melodie, nachdem sie sich bis jetzt mit ihren Weisen der oberflächlichen Genußstimmung ihrer Zuhörer angepaßt hatten, daß man ihr Spiel kaum mit bewußtem Sinn erfaßt, sondern als einen Teil des Ganzen, als eine harmonische Abrundung der vielfachen, zusammenklingenden Geräusche ausgenommen hatte.
Nun klang den beiben jungen Menschen an dem kleinen! Tischchen die traurige Melodie wie ein Sehnfuchtsruf nach der Heimat, nach einem anderen Glück als dem flüchtigen einer Souperstunde.
Lena von Meding griff nach ihrem' Glase.
„Wollen wir auf das Wohl Ihrer Eltern, überhaupt puf das Glück der Familie Hassingen-Mensdorf anstoßen, Hans?"
Ihm stieg wahrhaftig ein feuchter Schimmer in die graublauen Augen. Die zusammengepreßte Kehle brachte nur einen gemurmelten Dank hervor.
Ihm! stieg atemberaubend die Vorstellung auf von dem Freuden- taimtel der Seinen, wenn er ihnen morgen seine Verlobung mit Lena von Meding melden könnte. Wie aus weiter Ferne hörte gr ihre Stimme:
-Haben Sie nicht ein Bild Ihrer Eltern bei sich, Hans?" Ebenso mechanisch zog er die abgeschabte Brieftasche. . ©rft als er sie öffnete, wurde er auf einmal ganz nüchtern.
Wie mit Flammenschrist leuchteten die flüchtigen Buchstaben auf der Rückseite von Helenens Bild ihm entgegen: „Ihrem heißgeliebten Hans seine ewig getreue Helene."
Er hatte das kleine Bild seit dem Abend des Maskenballs Nicht mehr betrachtet und es damals nur lose wieder in die Tasche gelegt.
Nun schob er es äußerlich ruhig in ein Seitenfach und
nahm aus dem zweiten die Photographie der Seinen, sie der jungen Fran neben sich hinreichend.
-Sein Blick streifte sie dabei. Auch sie sah ihn an, heimjq lich forschend, mißtrauisch, ober bildete er sich das nur ein in dem niederdruckeuden Gefühl, das ihm das Blut stocken Machte, die Glieder schwer wie Blei.
Das goldbraune Haupt neigte sich sehr tief über das kleine Bild.
Sie betrachtete es lange.
„Wie ernst Ihr Vater aussieht, wie gut Ihre Mutter, tote lieblich Ihre Schwester!" sagte sie leise, und ihr Gesicht überflog der weiche Zug, der es so jung werden ließ. „Die Drei müssen ganz bestimmt noch einmal glücklich werden."
„Ja, wenn's eine Gerechtigkeit gäbe, müßten sie's werden!" meinte Hassingen, das Bild wieder in seiner Brieftasche bergend-. „Ich hab sogar lange Zeit in der kühnen Zuversicht geschwelgt ich würde der Glückbringer für meine Familie fein —" Er stockte, und als er die goldbraunen Frauenaugen groß und ruhig auf sich gerichtet sah, stieg aus Scham und Schmerz, die in ihm wühlten, befreiend der verzweifelte Entschluß empor und trief ihm die Worte auf die Lippen: „Warum soll ich's nicht am sprechen? Ich habe tote jeder arme Leutnant auf die gute Parttö gehofft, keiner der Meinen hat es je vor mir erwähnt, aber sie dachten es alle, und wenn ich jetzt etwa den Abschied nehmen muß, so beklagen meine Eltern nicht so sehr den Verlust der zweifelhaften Öfsizierskarriere für mich, als den der Heirate chancc, die sich nun einmal au den bunten Rock knüpft, der noch immer, trotz aller Angriffe und Verleumdungen, hoch genug itrt Wert steht bei reichen Parvenüstöchtern und törichten kleinen Goldfischen."
Eine kleine Pause. Unter Lena von Riedings schlanken Fingern krachte die gelbliche Schale einer Knackmandel. Sie loste den Kern daraus und schob ihn zwischen die roten Lippenh Dann erst hob sie die Lider. Sie blickte ernst, aber unbefangen.
„Warum haben Sie diese Heiratschance nicht rechtzeitig ausgenutzt, Hans? Es hat Ihnen doch sicher nicht an Gelegenheit dazu gefehlt."
Wie ruhig sie das sagte, so als ob es sich um einen Gelegenheitskauf handelte, den er sich hatte entgehen lassen. Nein, big Frau fühlte ganz sicher nicht mehr für ihn. wie die Teilnahme einer Schwester, die königliche Laune der verwöhnten Weltdame, die sich darin gefällt, den armen Jnfanterieoffizier, den ein Zufall ihr in den Weg geführt hatte, einen Strahl der Sonne zu spenden, bereit voller Glanz sonst über ganz anderen Höhen! leuchtete.
Diese Erkenntnis wirkte beruhigend auf ihn, sie erleichterte ihm das Geständnis, das ihm auf dem Herzen brannte, feit die kleine Helene ihn schüchtern gemahnt hatte mit der „ewigen! Treue", die sie ihm halten wollte, und die sie von ihm ersehnte.
Er atmete tief auf, als müsse er Kraft schöpfen zu beut' Kommenden.
Seine Augen irrten ab, schweiften über die weißen Wände des Saales, an denen das Licht goldig herniederrieselte, gedämpft durch den feinen, bläulichen Schleier des Tabakscanches, über


