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Dar Volkslied in OSerhesien.

Most Pfarrer O. Schulte, Großen-Lindeft,

II.

Kommen wir zur For 'm des Volksliedes! Man darf sich unter An kein Kunstwerk vorstellen, das den Regeln des Reims oder auch nur der Grammatik für immer fein Genüge tut. Auch die An­zahl der Hebungen und Senkungen, eines Verses' stimmt immer mit denen des entsprechenden Verses überein. Es gibt ja aller­dings Volkslieder, die diesen Anforderungen genügen. Sie ge­hören eben zur zlunstdichtung und sind aus! ihr in den Volksgesang gedrungen. Und die Zahl dieser Lieder ist nicht klein. Aber tue anderer Teil stammt von Dichtern, die die Regeln der Kunst nicht kannten, wehr unbewußt als bewußt bestimmten Gesetzen folgten imd Ium den Ausdruck nicht rangen. Und diese Art Lieder ersteht noch heute. Zwar sind es nur die Spottlieder, die ich also in Engelrod in ihrer Entstehung beobachten konnte. Ein herumziehcnder Händ­ler, der dabei imi Orte einen kleinen Kameraddn b^, befaßte sich Mit dem Vertrieb von Allem, woraus überhaupt Geld zu gewinnen Ivar. Eines Morgens sand man an einem) Baume der Staatsstraße dje durch Engelrod führt, ein Gedicht mit folgendem Anfang:

Ich bin der Meister Allerhand, Bin bekannt int ganzen Land. etc.

Eine Burschenspinnstube hatte das Lied gemacht. Es dauerte gar nicht lange, da hatte es eine Melodie. Eine fremde war dem Lieds untergelegt. Und nun sangen es die Spinnstuben in Engel­rod. Ein ander Mal hatte eineschlaue" Fran auf dem Markte einen Butterweck verkauft, den sie mit 3 Pfund Salz ausgefüllt hatte. Ein Spottlied auf diese Begebenheit war bald gedichtet Und) eine Melodie gleich gesunden. Auch- hier hatten die Burschen es besorgt. Auch dies' Lied wurde viel gesungen und kam auch auf die Nachbardörfer. Andere Lieder mögen auf solche Art entstanden sein, daß Einzelne Lieder dichteten und Melodien Msetzten. Solche Leute finden sich ja fast in jedem Orte. Genug diese Art des Volksliedes taucht ans der Wese des Volkes) aus, unbekannt bleibt . der Name des Verfassers und Komponisten. Neben diesen beiden Arten gibt's nock)- eine dritte: Kunftstrophen und -zeilen werden mit eigentlichen Volksstrophen Md zeilen zusammengeworfen und ein neues Gebilde entsteht.

,/ Tas Schicksal aber unserer vom' Volke gesungenen Lieder ist ein anderes, als 'das der Knnstliedjer der Gebildeten, über denen philologische Treue Und- historischer Sinn wachen, daß nichts an ihnen verändert werd'e. Ter Volksgeist, der immer in der Arbeit ist, ändert oft und gern. Strophen werden ausgelassen, andere zugefügt, Ausdrücke, die man nicht versteht, werden ver- ballhornisiert, die Melodie muß es sich gefallen lassen, daß bald Tone zngesetzt, bald ausgelassen, bald verändert werden. Beim Samineln der Volkslieder im Vogelsberge habe ich oft sagen gehört:In dem Nachbardorfe singt man dies Siet» anders^, undIm vorigen Winter haben wir das Lied mit dieser Strophe gesungen, nun lassen wir sie aus." Bei einigen Liedern sind dm Veränderungen sehr bedeutend. Ich will nur ein einziges Berschel hier beibringen. In Sandlofs int Schlitzerland habe ist dank der Güte der Frau Lehrer Stephan daselbst ein Lied- aufschretben können, das auch Böckel in Launsbach Bet Gießen sich ausgezeichnet hat (Deutsche Volkslieder, Marburg 1885 Seite 1) Von beiden Lesarten sind die beiden ersten Strophen nachstehend fchedergegebeu:

Sandlofs.

Es wollt eilte Jungfrau früh aufstehn. In den Garten wollt sie gehn, Sie wollt' brechen eine Rose ab. Eine Rose, Rose brach sie ab.

Und als sie in den Garten kaM, Sieh, da stand ein weißer Kuab. «Wer hat dich herein gelassen?/ 'Ich hab alles wohl verwahrt.

L a u n s b a ch. Regina wollt' in Garten gehn, Irr Garten wollt' sie gehn; Rote Röschen wollt' sie brechen ab, Tie in dem Garten stehn.

Und- als sie in den Garten kam', Schaut sie gleich neben sich, Lieh, da stand ja ein zartes Knübelein; Sag an, wer hat dich herein getan?"

.... Mer trifft dieses Schicksal wirklich nur die Volkslieder, die Mündlich ja sich werter verbreiten? Ich erinnere mich, von dem verstorbenen Professor H A. Köstlin, deut Verfasser einer be- fmniten Musikgeschichte, der ja auch s. Zt. als Lehrer der Theu- Mw an der Gießener Universität,wirkte, einmal folgende feine Bemerkung gehöre zu haben. Er beschäftigte sich damals eingehend Mt dem cv. Kirchenlieds und fand bei dem bekamttesteir: Ein ieste Burg ist unser Gott, ein überraschendes Ergebnis!. Er vtcr ersten Zeilen sinduach dem baherischen, ivürttem- vnzischen, rheimschen, fachstschen und hessischen Gesangbuche alle

MangettsckM .einig,; Tenn- in allen diesen heißt es stberein- Wmmend: - . .

Ein feste! Burg ist unser Gott, Ein gute Wehr und Waffen, Er hilft uns frei aus' aller Not- Tie uns jetzt hat betroffen.

,, Aber dann konmtt der alt böse Feind, und- da geht die, Uitcuugfeit los, in Text und Melodie der Gesangbücher, wie! bet den Menschen. Wenn es aber bei dem Hauptliede der evau- geltschcn Kirche so steht, daß selbst der Bücherdruck dem Wechsel nicht widersteht, ist es beim Volks'liede so sehr zu verwundern, daß es so veränderlich ist?

Wichtig ist auch die Frage: Wie singt denn eigentlich unser) Volk seine Lieder? Entweder einstimmig oder zweistimmig, di« einfache Terz bildend; aber anders nicht, dabei am Liebsten in größerer Gesellschaft. Ich will nichts dagegen sagen, daß man Text und Melodie auch- dem Kunstgesange dienstbar macht. Am Volkslied hat ja die Kunst einen reich fließenden und- noch laug« nicht ausgesch-öpften Born. Aber wenn Man z. B. Text und Melodie eines Volksliedes einem vierstimmigen Chor zn Grund« legt, sollte man das Kunstwerk nicht mehr Volkslied nennen. Tie Harmonien der Stimmen des Kmistgesangs' sind dem Volkslied« durchaus fremd. Diese Bearbeitung nimmt ihm seinen Charakter, das Feine, Zarte. Denken wir uns' einmal unsere Feld- und Waldblumen in die Gürten verpflanzt. Gewiß, auch da können sie gefallen. Aber ihre eigentliche Schönheit haben sie da, wo die Lerche' singt uiid das Grillchcn zirpt, oder wo der Kuckuck ruft, und die Kronen des Waldes das Licht der Sonne halb gedämpft auf die BluM-en fallen lassen. Unser Volkslied' ist ein Kintz des Landes, der einfachen Verhältnisse.

Noch.ein Zweites muß ich an ddr Singweise hervorheben'. Man Macht beim Aufschreiben der Melodien zuweilen merkoürdige Erfahrungen. Der Takt wechsett mitten im Lied-. Nach 3A Takt kommt i/i Und umgekehrt. Und das ist noch das geringste. Manch­mal findet man überhaupt nicht den Takt. Will man das Siebt richtig auffchreiben, Muß man in dem Takte, der am passendsten scheint. Rotem künstlich verlängern oder verkürzen. Einige Samm­ler haben sich einfach dadurch geholfen, daß sie dem Takte zuliebe! Noten_ streckten oder kürzten, ein Verfahren, bei dem man der! Melodie Gewalt antut. Worin liegt aber wohl diese Eigen­tümlichkeit begründet? Sollte so viele Volkslieder ein anderer Rhythmus beseelen, als wir ihn aus der Musik kennen? Oder liegt es vielleicht daran, daß sich- im VvlMiede dieselben Einflüsse! geltend machten, die auch das Kirchenlied von 50, 60 Jahren unrhythmisch gesungen werden ließen? Tas Langsame, ®e tragen« o mancher Lieder wäre dann diesen Einflüssen entgegengekommen, und- es ist dann möglich- gewesen, unbekümmert um den Takt be- feeutfamen Worten durch Verlängerung von Noten einen besonderen Ausdruck zu verleihen. Jedenfalls' verdient die Frage ernst« Beachtung. Man wird sie am ehesten lösen können, wenn man nicht auf das Einzelsingen, sondern auf das Chorsingen achtet.

Ich komme auf die Verb r c i t u n g des Volksliedes in Ober- 1 reffe«. Man kann sagen, daß es, je weiter von Kultur und Ver­kehr die Gegend entfernt ist, umsomehr gepflegt wird. Von diesen weicht es zurück. Böckel sagt in dem Beregten Buche:Ties drin in den Gebirgen, wo die Tampfpfeife der Eisenbahnen noch nicht -ertönt, da hört man noch den Klang der alten Lieder; da, wo die alte Volkssitte noch unverfälscht, unbelächelt in Kraft steht, da, wo noch- Treue und- Redlichkeit wohnt, da leben Volks­lieder, Volksglaube und Märchen noch immer beim Landmann." Ter Grund- ist wohl ber,_ daß in den Städten u!nd in den dem! Verkehre und der Industrie dienstbaren Orten das Leben der Menschen, wie ihre Anschauungen und, Verhältnisse andere ge­worden sind. Eine neue Zeit ist gekommen, vor ihr weicht das Kintz tzer alten zurück. <

Demgemäß ist heute in Oberhessen der Vogelsberg noch das Land, in dem das Volkslied am meisten blüht, wie es für Starken­burg der Odenwald ist. Mer auch- an diese beiden Gebirge fluten chon die Wellen der neuen Zeit. Unaufhaltsam! fällt das Alt« ihnen zur Bente, jedes Jahr bröckelt von dem alten Lieder-, Sagem- und Märchenschatz mehr ab. Es tut not, das Vorhandene zu retten, ehe es zu spät ist. Nicht bhoß in Oberhessten, nein, in ganz Deutschland. In dieser Erkenntnis hat auch der Verbantz der deutschen Vereine für Volkskunde beschlofsen, eine Immediat­eingabe an den deutschen Kaiser zu machen, daß die Volkslieder, ähnlich wie in Oesterreich, überall gesammelt werden.

Ein paar Worte über die eigentlichen Hüterinnen Nutz Pflegerinnen des Volksliedes, in Oberhessen mögen diesen allgemei­nen Teil schließen. Es sind die Spinnstuben, d. h. die Gesellschaften' von ledigen Mädchen und Burschen, die sich im Vogelsberge nutz bis in die Wettcrau hinein in jedem Orte finden, die aber, näher sie den Verkehrs- und industriereichen Orten kommen, desto mehr ihren ursprünglichen Charakter der Arbeits- und Unter­haltungsstätten perlieren, nur dem Vergnügen dienen und des' Unterganges hier ivert werden. Wer Ausführlicheres wissen will, mag meinen in den hessischen Blättern für Volkskunde, Band 2, Heft 2 erschienenen' Aufsatz: Tie Spinnstube im Vogelsberge 'Nach­lesen. Hier nur so- viel: Tie Spinnstuben werben den Mutes hindurch täglich mit Ausnahme von Sonnabend abgehalten. Nur an warmen Sonntagabenden im Frühlinge in der Zeit zwnchm