— 766 —
sie ihr Gesicht an die Wange des Vaters, konvulsivisches .Schluchzen erschütterte ihr zartes Figürchen.
„Du hast gar nicht die rechte Art, Agnes," sagte er Unwirsch. Und nun tänzelte er mit der Kleinen aus dem Arm im Zimmer herum, gab ihr tausend Schmeichelnamen, pfiff und sang. Es war ein reizender Anblick, der schöne Mann und das schöne Kind; Felicitas lächelte schon wieder, jetzt lachte sie laut.
Agnes stand dabei, die Arme schlaff am Körper herunter hängend; in ihrem langen weißen Morgenrock sah sie aus wie ein Geist.
„Und nun gehst du, mein Engel, nicht wahr?" Osten stellte die Kleine zur Erde. „So!"
Noch eine schmeichelnde Liebkosung. Felicitas schüttelte ihre schönen Locken zurück und warf Kußhände.
„Adieu, Papa, Papa!" Dann rannte sie mit ausgebreiteten Armen auf die Mutter zu. „Ich bin lieb, küß mich, Mama!"
Mit einem unsäglich zärtlich-wehen Gefühl drückte Agnes ihr Kind an's Herz.
Die T'ür hatte sich hinter der hübschen Kindergestält geschlossen, geräuschlos begann die junge Frau Tee ein» Kuschenten.
„Laß das," sagte er und zerkaute den blonden Schnurrbart.^ „Ich habe,mit dir zu sprechen!"
Sie stellte sofort die Tasse hin und neigte ergeben den Kopf.
_ Er vermied, sie anzusehen und ging hastig im Zimmer tmf und nieder. Er suchte nach dem rechten Wort.
— du — es ist mir sehr fatal — wirklich auf .Ehrenwort — ich will dich nicht kränken — aber — aber —"
„Sprich nur ganz ruhig, ich kann alles hören!"
Er beobachtete fte einen Augenblick von der Seite; ihr zartes Profil zeigte keine Regung, und doch sah er’§ >— he wußte alles. Sie saß da wie geknickt. Er wurde dunrelrot, ein Zorn überkam ihn gegen das blasse Geschöpf, das so langweilig, so regungslos dasaß, dem kein Blut in beit Adern floß. „Agnes," stieß er brüsk heraus, „es tut mir leid, wir müssen uns scheiden lassen!"
„Scheiden —? Nein!"
Er starrte sie fassungslos an; sie wagte „nein" zu sagen, wenn er „ja" sagte?! Dicht vor ihr blieb er stehen itttb schleuderte ihr ins Gesicht: „Ich liebe dich nicht mehr, liebe eine andre! Ich will, ich muß sie — du mußt dich scheiden lassen!" Sein Stiefel trat sporen kl irrend den Boden. „Dies Zusammenleben ist eine Qual für mich — auch für dich! Denkst du, ich sehe nicht, daß du leidest? Es tut mir weh, und ich kann dir doch nicht Helsen! Ich muß, ich muß, ich muß!" Er drückte die geballten Fäuste an die Schläfen. „Agnes, mach mich nicht rasend, ich muß!"
Sie gab keinen Laut von sich. Er griff nach ihrer Hand, sie entzog sie ihm nicht, schlaff hingen ihre eiskalten Finger zwischen den seinen
„Agnes, überlege, ich will dich nicht drängen. Es kann dir unmöglich wünschenswert sein, mich zu hal.cn. Ich liebe eine andre, hörst du, eine andre! Weißt du, was das heißt?" Unsanft drückte er ihre Hand. „Eine andre! Laß mich frei!"
Ein Zittern überlief ihr Gestalt, es war, als wollte sie ihre Hand aus der seinen reißen, aber die Finger glitten nur sacht zurück. „Ich weiß, daß du Ansclma von Koch — Frau Arnheim," verbesserte sie sich —? liebst! Ich kann das wohl begreifen; nur das begreife ich nicht, du kennst sie so lange wie mich, warum hast du sie nicht gleich gewählt? Du warst zu Haus so viel mit ihr zusammen, ihr habt getanzt, ihr rittet aus, sie war immer schön — warum jetzt erst?" Ihre Augen sahen ihn traurig fragend an. „Als du sie lieben durftest, warum hast du sie da nicht geliebt?" Sie sah so unschuldig aus, es war eine rührende Klage in ihrer Stimme. „Warum nicht, als du sie lieben durftest?"
„O du!" Er lachte schneidend auf. „Als ob man dann liebte, wenn's gerade gestattet ist! G-rade was man nicht haben darf, reizt! Daß sie dem andren gehört, der sich Mit ihr groß macht — dies stolze göttliche Weib — daß man zusehen muß — ha —!" Wie ein wildes Tier rannte er auf und ab. „Was weißt du von Leidenschaft?! O diese Madonnengesichter, man langweilt sich tot!" Fast roh schrie er sie an: „Ich habe dich längst betrogen, habe es gemacht, tme's alle machen. Wer jetzt will ich frei sein, hörst du, Laß dich scheiden — gegenseitige Abneigung, ganz leicht — hörst du, scheiden!"
„Nein nie!"
Wer hatte der zarten Stimme diese Festigkeit zugetraut, der Heuten Gestalt diese Haltung? Sie stand am Tisch rn dem schleppenden farblosen Kleid- die Hand auf die Platte gestemmt. Langsam, aber fest fielen die Worte mit metallnem Klang. „Ich lasse mich nicht scheiden. Ich will nicht. Felicitas soll nicht das Kind geschiedener Eltern sein, em Makel wäre auch au ihr. Das Kind liebt dich. Biel mehr als mich," setzte sie leiser, mit zuckenden Lippen hinzu. „Es würde nach dir jammern. Und ich kann und will es dir nicht lassen, selbst wenn du es haben wolltest; es darf nicht werden wie du. Ich mache dir keinen Borwurf, ich glaube du kannst nicht anders sein." Sie senkte ben Kopf. „Ich verstehe ja auch so vieles nicht — aber ich lasse mich nicht scheiden!"
,Mso mit Gewalt hälft du mich?!" Seine Stimme schlug in Hohn über. „Das also ist die gepriesene Weiblichkeit?! Frauenwürde — ha ha!"
Eine tiefe Röte stieg in ihr Gesicht. „Ich halte dich nicht für mich, ich halte dich für das Kind. Denk' an Felicitas!" Eine unendliche Bitte lag in ihrem Ton, sie streckte flehend die Hände ans. „Unser armes Kind!"
„Laß mich!" Er wehrte sie ab, und bann packte er sie bei beiden Handgelenken, die zarten Arme röteten sich unter seinem heftigen Druck. „Laß dich scheiden — du willst nicht? Es gibt ein Unglück — du — du!" Er rüttelte sie in sinnloser Wut, daß sie hin und her schwankte, dann ließ er sie plötzlich los; zurücktaumelnd wäre sie fast gestürzt. Und dann warf er sich mit einem dumpfen Stöhnen auf den Stuhl am Tisch- das Gesicht in den Händen verbergend.
Sie stand noch am selben Platz, wohin seine Hand sie geschleudert, mechanisch rieb sie die dunkelroteu Abdrücke der kräftigen Finger an ihren Armen.
Jetzt klang seine Stimme wieder, aber anders; fast lallend flehte er: „Agnes, laß mich, ich bitte dich! Ich kann nicht sein ohne sie — es verzehrt mich, macht mich toll — geh zu deinen Eltern, hast es da besser — beklage dich, schrei meine Schuld aus — willige nur ein — willige ein!" Er war außer sich
„Nein!" Jetzt stand sie neben ihm und blickte auf ihn nieder; er sah nicht den Ausdruck tödlichen Schmerzes, mit dem sie dann die Augen schloß und nach Atem rang. „Ich gehe nicht zu meinen Eltern, ich beklage mich nicht. Hier ist mein Platz. Innerlich sind wir von einander geschieden, vor der Welt bleibe ich deine Frau. Für Felicitas trag' ich alles!" Eine große Energie lag in ihren Worten; sie stand schwankend am Tisch, ihre Kniee trugen sie kaum, abe rdie Stimme war fest.
Verstört sah er auf — war das seine Frau? Ihre Blicke trafen sich; ernst und traurig, ohne mit der Wimper zu. zucken, sahen ihn die braunen Augen an. Mit einem schmerzlichen Lächeln nickte sie leicht. „Ich bin dir überlästig, schon lange, dein bißchen Liebe war rasch verflogen. Aber letzt hast du Pflichten. Ach" — sie fuhr zusammen, der alte schüchterne Ausdruck breitete sich wieder über ihr Gesicht; es klang fast tote ein Hauch — „ich hatte dich früher sv lieb!"
„Agnes!" Er erschrak vor dem zitternden Weh in ihrem Flüstern, für einen Augenblick versank die berückende Gestalt Anselmas; das arme Geschöpf in dem schlaff nieder- hängenden Kleid tat ihm unsäglich leid. Sain Herz zog sich zusammen. , Nein, er war' nicht schlecht, .eine wilde Wut gegen sich selbst überkam ihn. Er schlug sich mit der geballten Faust vor die Stirn. „Ich elender Kl>rl!"
„Arme," sagte sie leise. „Arme Frau!" Mau wußte nicht, meinte fie jene oder sich selber. Wie ein Geist glitt sie hinaus und zog geräuschlos die Tür hinter sich zu; draußen lehnte sie sich an die Wand und brach in huf- loses Weinen aus. Da war niemand, zu dem sie slüchteu konnte. Doch — Nelda!
(Fortsetzung folgt.)
Der schmiösr.
Bon Otto S t v e ß l (Wien).
Ich war meinem bisherigen Schneider weitergegaugen. ©eine' englischen Stoffe stammten geradewegs aus Brünn und seine Anzüge waren so knapp zugemessen, daß Ellenbogen und Kniee nach kurzer Zeit allzu dreist hervorstachen. Als ich diese Nachteile zergte, meinte er, der Schneider müsse auf zahlreiche Bestellungen hmarbeiten und könne nicht für die Ewigkeit schaffen. Eine uw verschämte Benrerkung, die ich als Anspielung auf meinen Beruf nicht leicht verzeihen wollt«. Kurz«, ich suchte einen besser«!!


