100. Todestage, 9. Mai 1905, sind zur Verherrlichung und zum Gedenken des Meisters Kompositionen erschienen. Das älteste dürfte ein Festspiel von F. Ad. Hiller sein „Schillers Mauen" (1812); jünger, aber ebenfalls älteren Datums sind die Orchesterwerke von G. M e y e r b e e r „Schiller-Marsch" und Franz Liszt „Die Ideale". Ohne die chronologische Ordnung weiter zu respektiere» und den Stoff restlos zu erschöpfen füge ich hinzu:
Gemischte Chöre: C. Reinthal er „Hymne an Schiller", m. Orch., gleichzeitig für Männerchor, Frauenchor und Einst. Chor erschienen; G. Meyer beer „Schiller-Kantate" m. Orch., gleich- zertig für Männerchor. I. Reiter op. 70 „Hymne zur Gedenkfeier" m. Orch. H. Wagner op. 50 „Schiller-Hymne" m. Pfte. (Org. Harm.), gleichzeitig für Männerchor, als auch für Frauenchor.
Männerchöre, außer den vorher geuaunten: I. Faißt op. 31 „Schiller-Kantate" m. Blechinstr. u. Pauken, L. Erk „Schiller- Hymnus", Ch. Braun „Schiller-Lied", H. Zöllner op. 86 „Zur Schillerfeier" m. Blasinstr.
Schulchöre: Arth. Hey land „Goethe und Schiller", ein Schnlfestspiel, Fr. Kriegeskotten „Schillerfeier" für höhere Lehranstalten.
Faßt niau die angeführten Zahlen und Angaben zusammen, so ergibt sich daraus, daß Schiller, vom musikalischen Standpunkt aus betrachtet, gegen manchen reinen Lyriker zurücktretcn muß, daß man ihn aber trotzdem am 10. November bei der 150. Wiederkehr seines Geburtstages den Bevorzugten der Komponisten ernsterer Richtung zuzuzählen hat.
Abdul tzamid im Exil.
Als Siebenuudsechzigjährigen traf Abdul Hamid das Schicksal, der Macht, dem Reichtum und dem Luxus zu entsagen, die ihn, den einzigen Beherrscher aller Gläubigen, im Leben stets begleitet hatten. Fethy Bei, der die ersten Monate die Obhut über den Exsultan übernommen hatte und der jetzt als türkischer Militärattache nach Paris versetzt worden ist, erzählt eine Reihe charakteristischer Einzelheiten, die Mo Cullagü in einer englischen Zeitschrift zu einem fesselnden Aufsatz znsammenfügt. Der jähe Wechsel seiner Verhältnisse, der plötzliche Sturz von der Macht und dann die Gewißheit, daß sein Leben trotz allem nicht gefährdet ist, übten zunächst auf Abdul Hamid den günstigsten Einfluß aus. Die Umgebung wunderte sich, wie sehr der entthronte Herrscher von seiner nervösen Reizbarkeit sich befreite; er begann an den kleinen äußeren Dingen des Lebens Anteil zu nehmen; die kleinen Wechselfälle des Tages, die ihm vordem ewig gleichgültig geblieben waren, gewannen für ihn Bedeutung, Sinn und Farbe. Ällnrorgendlich verlangte er Nachrichten, rauchen» wandelte er durch den Garten, er erkundigte sich nach den Namen von Blumen, die er schon tausend Mal gesehen und nie beachtet hatte; ja bisweilen saß er gleich einem kleinen Gutsbesitzer auf irgend einem Baumstumpf und folgte interessiert den Verrichtungen des Gärtners. Seine Vorliebe für Tischlerarbeiten erwachte, er verlangte Geräte und begann eigenhändig Möbel zu entwerfen und seine Einrichtung zu vervollkommnen. Im Geplauder mit seinen beiden Söhnen, dem siebzehnjährigen Abdul Rahmin und dem kleinen vierjährigen Abeddiu, vergaß er seine Bitternisse. Anfangs keimten immer wieder Furcht und Mißtrauen in feiner Seele auf; allabendlich prüfte er selbst die Verschlüsse der Türen und Fenster, in nervösem Bangen belauschte er hinter Vorhängen seine Mitbewohner oder starrte, hinter Portiören verborgen, auf die Garteneinfahrt. Aber mit der Zeit schwanden diese Merkmale. Oft ließ er Fethy Bei zu sich bitten, verlangte neugierig Nachrichten über alles, was in der Welt vorging. Er begann Zeitungen zu lesen ; zum ersten Male kamen ihm die scharfen und heftigen Angriffe vor die Augen, die manche jungtürkischm Blätter gegen ihn richteten. So verstrichen die ersten Wochen; Abdul Hamid schien sich in seine neue Lebensweise zu finden. Aber dann kam der Rückschlag, die Wirkung des Neuartigen verblich, er wurde wieder nervös. Seine Unruhe äußerte sich im häufigen Umstellen der Möbel, er verlangte die Einrichtungen des türkischen Bades an Stelle des europäischen; die Einrichtung der Billa mißfiel ihm und anderes mehr. Um ihn zu zerstreuen, riet ihm sein erster Ennuch Muhsin« Bei, doch Memoiren zu schreiben und sich vor der Wett zu rechtfertigen. Abdul Hamid erwiderte, damit habe er bereits im Jildiz begonnen, er könne jedoch sein Werk nicht fortsctzen, da alle Papiere in Konstantinopel zurückgeblieben seien. Und nach einer Weile fügte er hinzu, daß künftige Historiker ihn rechtfertigen würden, wenn nicht die türkischen, dann die ausländischen. Als er erfuhr, daß die Regie> nng ihm eine JahreApension von 1000 Pfund— gegen 18 000 Mark — ausgesetzt habe, wurde er wütend ; seinem Bruder habe er 2000 Pfund bewilligt und dem Prinzen Reschad 15 000. „Das ist zu wenig", rief er, „denn alles hat man mir genommen, selbst meine Kleider." Ein neuer Wutanfall kam, als eine Anzahl Personen, darunter einige Frauen, nach denen er verlangt hatte, nicht eintrafen. „Ihr wollt mich durch Angst, Langeweile und Quälerei langsam töten. Ich bin hier schlecht untergebracht, die Zimmer sind kaum möbliert. Wenn ich etwas verlange, so verheißt Ihr mir Erfüllung, aber dann haltet Ihr
nicht Euer Versprechen..." Aber mit der Zeit wichen diese erregten Aufwallungen. In den letzten Wochen ist er völlig apathisch geworden und eine müde Melancholie ist über ihn gekommen. Ein Hauptgrund dieser neurasthenischen Erschlaffung ist die Unmöglichkeit, ihm so viel künstliches Licht zu liefern, als er verlangt. In Jildiz Kiosk war er allnächtlich an den schimmernden Glanz von 4000 Gaslampen und 2000 elektrischen Glühlampen gewöhnt. Seine Vorliebe für diese übertriebene Beleuchtung ist zur Manie geworden; jetzt, wo die Zimmer nur mit einigen elektrischen Glühlampen erleuchtet sind, empfindet er seine neue Lage als furchtbares Unglück. Dazu ist noch die Schlaflosigkeit getreten; oft sitzt er die Nacht durch am offenen Fenster und starrt mit großen weiten Augen in die Richtung nach Konstantinopel. Bisweilen, wenn er allein in Sinnen versunken oasitzt, kaust er plötzlich in wildem Zorn mit der geballten Faust auf den Tisch schlagen, was er früher nie tat. Er schreit dabei: „Ratet! Olsun! Ratet Olsun!" (Fluch, Fluch!) Oft läßt er sich von Frauen die Karten legen und die Zukunft dcuteir, aber ehe sie fertig sind, springt er plötzlich auf und geht davon, bitter vor sich hin murmelnd: „Bachen Scheil" „Bachen Schei!" (Zwecklos, Zwecklos!) Wenn ihn Erschöpfungen und Uebermüdungen daun übermannen, fällt er in tiefen Schlaf, aus hem er jedoch plötzlich aufspringt. Durch die Zimmer eilt er dann, als ob Phantome ihn verfolgten. Er schläft auch nicht mehr anders als in voller- Kleidung auf einem langgestreckten Sessel.
VöL'rM??ebtes.
*• Der Erfolg der Stiefel. Bon der wetterwendischen Launenhaftigkeit des von Dichtern und Direktoren weidlich gefürchteten Theaterteufels erzählt „Mon Timancke" eine amüsante Anekdote, die sich in der Nähe von Moutsliinar auf dem Lande ereignete. Eine wandernde Schauspielertruppe gab im Genieiude- h-aus den „Tour de Nestes". Der Saal war gedrängt voll, alle Plätze ausverkanft, die Schauspieler in bester Laune; in einer übermütigen Aufwallung beschlossen die Mitwirkenden, der Aufführung einen besonderen Reiz zu verleihen. Wan' hatte ein Paar alte verbogene Stiefel, die man nun während der Bor-- stellnng fortwährend auf di« Bühne schleppte und wieder davan- trug. Ein jeder, der auftrat, brachte in der Hand die Stiefel', stellte sie gravitätisch auf den Boden . . . Ein jeder, der abging, nahm die Stiefel wieder mit.. Tas Publikmu amüsierte sich königlich, immer wieder klatschte man die Schauspieler hervor und'mit gutem Recht vergaß das fröhliche Künstlervolk auch nicht die Stiefel, die ein ehrliches Verdienst nm den Beifall hatten. Zwei Jahre verstreichen. Eine neue Wandertruppe kommt durch das Städtchen und ladet ein zur Vorstellung von „La Tour de Restes". Aber schon zu Beginn der Vorstellung geht eine seltsame Unruhe durchs Publikum. Sie steigert sich,. wird immer aufgeregter, nun ertönt auch eine Stimme, die voller Empörung ftagt: „Und die Stiefel?" DaS Murmeln wird hier zum Zischen, Pfeifen, zum Skandal, unter den wütenden Ptauchen des erregten Publikums müssen schließlich die Schauspieler die Fortsetzung des Spieles aufgeben. Während die Künstler apatisch und in traurigster Laune dem Stationsgebäude zustreben, begegnen sie dem Bürgermeister, der sich hoch emporreckt und den erforglvsen Komödianten energisch den Standpunkt klarmacht. „Meme Herren, so beginnt der Bürgermeister Korngerötet seiner Rede Fluß, „wenn' man keine Stiefel' hat, so tut man besser, im eigenen Heime zu bleiben, anstatt mtf Gastspiele zu ziehen und das Publikum enter kultivierten und aufgeklärten Stadt zu nasführen."
* Eine mitleidige Seele. OrtsvorsteAr: „Nun erzählen Sie, wie kamen Sie dazu, gleich alle beide Nachtwächter so zu prügeln?" — Bauer: „Na, ich dachte mir, daß so viel Keile zu viel für den einen lvüre, er sah ein bißchen schwächlich aus!"
Diamantr«itsel.
.. In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben aaaaaeeef ffggm rrrrstttnyy derart einzutragen, daß die wagercchten Reihen folgendes bebeuten:
1. Einen Buchstaben.
2. Eigenschaftswort.
3. Nordische Göttin.
4. Deutschen Dichter.
5. Schädliches Tier.
6, Nebenfluß der Donau.
7, Einen Buchstaben.
Die senkrechte nnb wagerechte Mittelreihe ergeben das Gleiche.
Auflösung in nächster Nummer r
Auflösung des Ergänzungsrätsels in voriger Nummer r
Sei hochbeseligt oder leide:
Das Herz bedarf ein zweites Herz;
Geteilte Freud' ist doppelt Freude,
Geteilter Schmerz ist halber Schmerz! Tiedge.
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Bruhl'schen Universitäts-Buch- und Skeindruckerei, R. Lange, Gießen.


