sarmtag den t August
SKT
1909 — Nk. 122
Peter Nockler.
Die Geschichte eines Schneiders von Wilhelm Holz am er. (Nachdruck verboten.)
Ein Schneider, sag ich, ist immer ein girier Kerl. Einer, der's nicht gewesen wäre, ist mir noch nicht begegnet. Sollt's aber doch einmal geschehen fein, muß ich das als Ausnahme bezeichnen. Und ich bleibe dabei — ein Schneider, sag ich, ist immer ein guter Kerl.
Ich habe darüber nachgedacht, — warum? Es ist so leicht nicht, das zu ergründen. Vielleicht weil ihm das Herz wächst bei der Arbeit. Wenn er mit seiner Schere so ins Zeug schneidet, tut ihm die Seele weh. Und damit nicht genug — Fetzen um Fetzen verstichelt er mit seiner Nadel, daß ihn ein Erbarmen ankommen muß.
Es könnte auch dies sein: er kann nicht gut reden bei der Arbeit — er spart sich seine Sprüche lieber für draußen auf — denn geht's Reden an, hört die Arbeit auf. Und der Sonntag läßt sich nicht aufhalten und rückt näher heran, und Graf und Kutscher will sich da fein machen. Von der Schere, die beim Reden neben 'naus, der Nadel, die in den Finger geht, nicht zu sprechen.
Der tiefste und triftigste Grund dürfte aber der sein: ein Schneider verfällt nicht mit dem Leben. Auch das hat ihn sein Beruf gelehrt. Er weiß, alles, was auseinander ist, ist auch wieder zusammenzubringen. Er weiß, wie breit und dünn und flach etwas liegen mag, es ist ein Ganzes draus zu machen. Er weiß, allem ist Form zu geben und Fasson im Leben, und Stichelchen um Stichelchen, das gibt eine Naht, und Stückelchen nm Stückelchen, das gibt einen Frack. Und er weiß, ivo's mal nicht recht will und eine Falte ist, da zieht.man ein wenig und zupft zurecht, und hilft das nicht, macht man sich mit dem Bügeleisen drüber her, kalt erst, und wenn's' nicht fruchtet, warm, und ist auch die Gewalt nicht ausreichend, gibt man sich eben drein und legt Watte unter, und man hat's schließlich doch bezwungen. . Oder wenigstens, man ist zu feinem Ziele ge- kommen. Zu seinem Ziele kommt der Schneider immer, er ist ein Aufbauer. Und er glaubt an sein Ziel. Und ist etwas ganz und gar Verschnitten, und will die Hofe gar nicht sitzen, irgendwo gibts noch ein Mittelchen, ihr noch zu helfen, und gäb's das auch nicht mehr, tät's eine gute Rede.
Also bleibt der Schneider gelassen und gewappnet und voller Zuversicht. Er zerfällt nicht mit sich und mit dem Leben und scheut feinen Umweg und Umstand, alles glatt und rund zu bringen. Und glatt und rund, das ist ihm die Hauptsache — und gar oft verdecken gerade Achseln schiefe Schultern. Aber das ist gut so, es muß nicht alles nach außen gehängt werden zu aller Leute Anblick; es geht auch so.
Das, denk ich mir, legt sein Geschäft in den Schneider, es wächst mit ihm und bleibt mit ihm verwachsen, so sehr, daß er ohne das gar nicht zu denken wäre.
Drum sag ich: ein Schneider ist immer ein guter Kerl.
Ein recht guter aber war der Peter Nockler daheim, der schon beinahe grau war, als ich meine fünfzehn, sechzehn zählte, und heute erst recht ein weißes Männchen ist. Immer noch mit demselben vergriffenen Stulpkäppchen, das Anno dazumal wohl mit Silber und Gold gestickt war und auch ein grünes oder rotes Quästchen gehabt hatte, immer noch mit der halblangen, gelben Rohrpfeife und dem dicken, braunkrustigen Pfeifenkopf. Und immer noch mit dem gutmütigen Blick, trotz der großen Stahlbrille, und dem gütigen Lächeln um die Lippen, die fast nie ein hartes Wort gesagt, die sicher nie einen verdammt haben. Kein „Ideal" aber, der Peter Nockler. Er machte seine Witze und Schnurren und lächelte still zu ihrer Bedenklichkeit, wenn's gerade eine ist. Auch zu lügen versteht er — und er verstand es einstmalens wohl noch besser —, wenn er eine Arbeit nicht zur rechten Zeit geliefert hat, ans dem Effeff, und ist ihm ein Stück mißraten und sieht er das gleich ganz deutlich selber eilt, hat er hundert Ausreden und macht den Leuten immer seine Wippchen vor. Und seine Aeuglein zwinkern hinter der Brille, und er geht heim und klimpert mit dem Geld im Sack. Auch sein Schöppchen trinkt der Peter Nockler gern, und er trinkt auch mal eins mehr. Er hat gewiß seine Untugenden, die Fastnacht macht er mit, und auch zur Kirchweihzeit drücken ihn die Sorgen nicht gar zn sehr. Er ist eben ein rechter Sohn seiner Heimat. Mit den Jahren freilich ist alles ein wenig „kurzatmiger" bei ihm geworden, wie er selbst sagt. Und freilich ist auch zu sagen, daß er so recht leicht und unsolid doch eigentlich nicht war. Dafür hat ihn das Leben zu früh am Kragen gefaßt und festgehalten. Und schlug er mal über die Stränge, war's hauptsächlich, weil ihm etwas über den Kopf wuchs, wenn ihm Mühen und Strampeln nichts mehr hals.
„Und 's War auch so gut," meint er noch heut. „Es hat mich vonn Aushängen bewahrt. Und das wär doch der allergrößte Unsinn gewesen, den Raben und Atzeln auch noch den Spaß mit einem dürren Schneider zu verderben."
Aber ein paar Mal wär's ihm doch nahe dran gewesen, und er habe sich den Strick schon kaufen gewollt. Doch hab er sich gefunden.
„Ein jeder hat sein Bündelchen im Leben. Dem einen macht's das Leben so, dem anderen so. Da muß mau's tragen, wenn's einem grab mal ein bißchen mehr den Buckel drückt."
So hat sich der Peter Nockler durchs Leben geholfen. Und er ist nicht schlecht dabei gefahren.
Gelernt hat der Peter Nockler beim alten Michel Sieben. Es war die beste Lehre grade nicht. Im Essen war's ein bißchen knapp. Das garstigste war aber, daß der Peter manchmal aus der Schneiderbude hinaus ins Feld mußte, Kartoffeln hacken oder häufeln, Mist tragen, Rüben stecken, oder auch, daß er manchmal Kindermädchen spielen mußte. Das Kiiiderhalten machte ihm aber gar keine Freude, und er verwünschte ein paar Mal ganz für sich und auch bann


