—. 762
greulichen Frauenzimmer! Die Nelda ist so angegriffen — „eine Nervenerschütterung" sagt der Doktor — und eine tüchtige Erkältung dazu. Vielleicht hat sie sich auch den Magen verdorben; ich hab' ja auch seit der Alteration immer Magendrücken. Kein Wunder! Nein, nein, ich gebe die Pension auf, einmal und nicht wieder — so ein Gesindel!"
„Die Arme," sagte Nelda matt und preßte die heißen Lider über die Augen. Nur das Bild nicht sehen, das immer tind immer wieder cniftanchte!
Kalt und starr und langgestreckt, so hatte sie im Leichenschauhaus gelegen, kaum wieder zu erkennen. „Neldachen, ne, das ist die Berg nicht, i tvo! Kommen Sie man lveg, es wird einem ganz übel," hatte Schmolke gesagt, an dessen Arm sie sich klammerte.
„Doch, sie ist's!" Nelda streckte zitternd den Finger aus und drückte das Gesicht an die Glaswand, die sich trennend zwischen ihr und der Leiche erhob. Bor ihren Augen schwankte alles, die Glaswand, der ganze Saal.
Das war nicht mehr Vera Berg, die da lag — das war sie selbst, Nelda Dallmer, deren verzerrtes Totenautlitz hinter den Scheiben grinste. Hatte sie nicht auch einmal das Leben von sich werfen wollen, zu feig, nun es zu ertragen? Das war der Rhein, der vor ihren Ohren rauschte; der Winterwind pfiff, Eisschollen rieben sich knirschend an einander — tot, tot, sich feig aus dem Staub gemacht, und nun da liegen, verzerrt, angegafft, ohne Weihe -es Todes — huh! Nelda hatte sich geschüttelt wie ein schwanker Baum, dem der Sturm die Krone zaust; sie hob abwehrend die Hände und schrie auf: „Nein, nein!"
„Na, sehn Sie, ich sagte es ja schon! Die Berg hatte ’ne viel rundere Physiognomie, sie war auch 'ne ganz hübsche Person, die hier ist ja infam gräßlich!"
„Sie ist es — sie ist es!" 9ie(ba klammerte sich fester an Herrn Schmoltes Arm. „Das ist Vera Berg! Ich — ich" sie griff taumelnd mit der freien Hand um sich — „ich i— kommen Sie heraus — ich" — Ihre Lippen zitterten, sie konnte nicht weiter sprechen.
„Um Gotteswillen, Neldachen, 'raus mit Ihnen! Sie kriegen mir doch am Ende nicht ’ne Ohnmacht? Nanu, wer hat recht gehabt, habe ich nicht gleich gesagt, nich damit hem engen!"
Geräuschlos glitt hinter ihnen die Tür zu, sie standen wieder draußen in freierer Stift, aber Nelda schwankte. Sie konnte nicht gehen, sie mußte sich an die Wand lehnen, ihre Knies drohten, zusammen zu brechen.
„Na, na," tröstete Schmolke, „man uich so aufgeregt; gleich en guten Cognac genommen, det rappelt wieder! Sehen Sie, Kind, hätten Sie mich man alleine gondeln lassen, das ist nicht für's schöne Geschlecht. Puh, mir ist aber auch ganz eklig hier herum geworden, wahrhaftig!" Er rieb sich die Weste über der Magengegend. „Kommen Sie, daß wir uns ’nen Cognac zu Gemüte führen. Pfui" — er spuckte aus — „so eMg! Na, wir haben sie ja nun, da werden Sie wohl Rühe kriegen."
„Nun kommt sie doch nicht in die Anatomie?" Nelda konnte kaum sprechen, die Zähne schlugen ihr wie im Frost Mfeinander.
„Na ne, bei Leibe nicht! Denken Sie mal die Mutter, ’ne Kreissekretärin! Doch immer 'ne ganz honette Stellung, wenn sie auch in Meeschen ist. Ne, ne, die paar; lumpigen Märker schieße ich schon vor. Der da drin" — er wies mit dem Daumen über die Schulter — „ist das zwar ganz schnuppe." Er wiegte den Kopf bedauernd hin und her. „Arme Jähre!"
Schmolke war doch wirklich gut! Er nahm eine Droschke und redete während der ganezu Tour auf Nelda ein; sie lehnte stumm, wie versteinert, in ihrer Ecke. Was waren das siir gräßliche drei Tage gewesen, ein Laufen zur Polizei, eine Aufregung, ein Gefrage! Der Polizeileutuaut ioar mehrmals selbst dagewesen. Heute morgen war die Meldung gekommen: „Eine weibliche Leiche im Leichenschauhaus eingeliefert!" Die Beschreibung paßte ungefähr.
Kein Mensch wollte gehen, sie zu rekognoszieren. Frau' Rätin schrie laut auf und hielt sich die Ohren zu. Dr. Müller, der eigentlich, als Arzt, der Berufenste gewesen ioäre, hatte schon gestern, telegraphisch gerufen, nach Hause reisen Müssen; sein Vater war plötzlich schwer erkrankt. „Ich werde gehen," sagte Nelda fest.
„Du — ?" Die Mutter geriet ganz außer sich. „Du gehst nicht, ich will es nicht, die Berg war sicher liederlich. Das fehlte noch, meine Tochter, ein Mädchen ans guter
Familie! Vergiß nicht, der Papa war Regierungsrat! Was hast du in solch einer mediokren Umgebung zu suchen? Es tut mir ja sehr leid um die Berg; wenn ich nur wüßte, was sie gehabt hat? Ich ja, irgend einer hat sie fitzen lassen, so was soll öfters vorkommen. Wer weiß, am Ende ist sie auch im Dunkeln unversehens ausgeglitscht, oder sie hat eine Ohnmacht bekommen, oder es hat sie einer hereiugestoßen — ja, wirklich hereingestoßen — man muß das so erzählen, es wirst ja sonst auf uns ein häßliches Licht. Es wird sie einer hereingestoßen haben, ja, ja!"
„Aber, .Verehrteste," sagte Schmolke, „bedenken Sie doch den Zettel, den Zettelt'
„Ach ja, den Zettel!" Fran Rätin fuhr sich an den Kops. „Mein Gott, ich bin ganz verwirrt! Muß. einem! das noch passieren?" Sie rang die Hände. „Meine Pension kommt in Mißkredit, in das Zimmer zieht mir ja keiner! Nein, ich geb's überhaupt aus, ohne Mann, ohne Beschützer ist das nichts, jeder denkt, er kann auf einer armen Witwe herumtrampeln! Ich kündige, ich ziehe auf den Hof!" Sie weinte bitterlich.
,-Aber, Teuerste, Verehrtest«:!" Herr Schmolke trat unruhig von einem Fuß auf den anderen, er konnte niemanden weinen sehen. „Seien Sie doch nicht so! Ich bin doch da, ich, Moritz Schmolke!" Er schnäuzte sich gewaltsam und hob bann mit zwei Fingern die herabgesunkene .Hand der Rätin in die Höhe. „Liebe Geheime, beruhigen Sie sich, ich bin ja längst nicht mehr für die Pension — wo wollen Sie wohnen? Berlin W natürlich. Und soviel Treppen sollen Sie auch nicht klettern, wozu? Gott fei Dank, wir habews ja; umsonst hat man sich fein Lebtag doch nicht geschunden. Und nu lassen Sie man gut fein; die liebe Seele muß Ruh' haben, ich gehe mit Neldachen — i wo, wir werden das Mächen doch nicht allein laufen lassen!"
Nelda hatte ihn dankbar angesehen, sie sah ihn auch auf der Rückfahrt in der Droschke dankbar an, als er ihr Zusprach Md mit seinen roten, fleischigen Fingern jhre eiskalte Hand klopfte. Und doch schauerte sie — ivas hatte ihr toter Vater für eine feine, blau geäderte Hand gehabt, eine Hand, die so oft liebkosend auf ihrem Scheitel gelegen! Eine grenzenlose Sehnsucht nach dem Toteti überkam sie; nie würde sie zu dem hier „Vater" sagen -können, und er würde es verlangen, bald! Seit heute war ihr gewiß,, was sie bisher nur dumpf geahnt.
Schwerfällig stieg sie die Treppen hinan; auf dein langen Gang schlich sie an der Tür der kleinen Hinterstube vorüber, es war ihr, als würde die anfgerissen — Vera Berg stand auf der Schwelle, triefend, mit langem Haar und schleppendem schmutzigen Kleid. So hättest du aus- gesehen, du — du — du----!
In Schweiß gebadet warf sich Nelda anf’s Bett, ihr war sehr elend/ lieber ihr hing eine kleine schlechte Photographie des Vaters, auf die heftete sich ihr fiebriger Blick unverwandt. „Papa, siehst du mich? Papa, wenn sie inich so aufgefischt hätten? Was hätte ich dir angetan, verzeih!" --Ha! Klopfte es nicht, trat da nicht Fräulein Berg über die Schwelle, blaß wie der Tod?---„Rein, ich bin
nicht feig, nein, ich will leben! Papa," schrie Nelda und bäumte sich kerzengrade im Bett auf.
Und bann brückte sie sich in bie Kissen und zog schaudernd die Decke bis über die Augen. Wilde Phantasien jagten über sie hin.
(Fortsetzung folgt.)
Dar Neujahrsfest -er Chinesen.')
Von Ernst Zeh, Gießen.
Als Knabe las ich einst in einem alten Sagenbuchs von! beit heiligen Raucht ächten zur Zeit des Mittwinterfestes. Da! sollen dis Seelen und Dämmen durch die Lüfte ziehen und alle Götter durch dis dunklen Winternächte dahinbrausen. Wart, dachte ich, wenn dis heiligen Nächte herangekomnicn find, wandere ich einmal hinaus auf das dunkle Feld, ob nicht vielleicht mit Sturms gebraus hoch oben am Himmel der wilde Troß vorübersieht. Ich hatte von meinem elterlichen Hause nur wenige Schritte zu gehen, mit mitten in einem freien, fern vom Verkehr der Menschen gelegenen Gelände zn stehen, das von den ernsten und scl-wstg- famcn Nadelwäldern des Fichtelgebirges umsämnt wurde.
In der Dunkelheit versinkend, lag hinter mir die lleme Stadt. Einsam, mutterseelenallein stand ich auf dem schneebedeckten Felde, über das ein scharfer Wind hinw eg fegte.
*) Für einzelne Notizen bin ich Herrn Professor Forkel Berlin, zu Tank verpflichtet.


