etwas ungemein Frisches und Nettes, etwas so wohltuend Ungekünsteltes! Mit unwillkürlichem Bedauern glitt es ihm über die Lippen: t
„Schade, daß Sie heute abend nicht bei Lylanders sind! Schade!"
„O," — sie lachte fröhlich — „wenn ich will, kann ich herüber kommen! Bei Lylanders kann ich auch ungeladen erscheinen, sie haben mich oft genug dazu aufgefordert; ich tu' es nur selten, das ist's. Aber wenn's Ihnen angenehm ist — natürlich komme ich! Ich will es nur meiner Mutter sagen." Ein augenblickliches Bedenken ließ sie inne halten. „Ah was, sie muß es erlauben!"
„Also auf Wiedersehn?"
Er hielt ihr die §ottb hin, sie schlug ein.
„Auf Wiedersehn!"
Mit einem Nicken sprang sie in's Haus.
*
Während Ferdinand von Rainer mit einem gewissen angenehmen Gefühl der Erwartung die Schelle an Hauptmann Lylanders Tür zog, platzte Nelda in die Küche, wo Frau Rätin auf dein weißgescheuerten Tisch nnter'm Fenster Wäsche legte.
„Mama, ich geh' heut abend zu Lylanders. Ja, laß misch! gehen?!"
„Was füllt dir ein? Jetzt auf einmal zu Xylanders?! Nein, du mußt nachher mit mir die großen Stücke recken, die Laura hat keine Zeit; du weißt, morgen fängt der Hausputz oit, sie will sich vorher alles beiseite räumen!"
„Aber ich — ach Mama, laß mich doch gehn! Ich bitte dich, liebe gute Mama, laß mich doch gehn!"
Frau Dallmer war ganz erstannt. Ihre Nelda so bitten — ?!
„Na meintewegen," sagte sie schwach. „Wenn ich nur wüßte, wie du auf einmal "die Idee ntit Xylanders kriegst! War einer direkt hier und hat dich aufgefordert? Das wäre was andres!"
Es schwebte Nelda auf der Zunge, „Ja" zu sagen, aber sie schämte sich der Lüge. Eine ganze Lüge wär's zwar nicht gewesen, aber — so schüttelte sie den Kopf.
„Es war keiner direkt hier, aber ich möchte doch gern — bitte, laß mich !"
„Ach Gott, was soll ich machen?! — So--so greu
lich verzogen!" Die kleine Frau hatte eben ein großes Tischtuch vor und zerrte dran aus Leibeskräften.
„Dem Papa wird's auch nicht angenehm sein, du solltest Ujirt heut abend vorlesen. Jet meinetwegen lauf' nur! Aber — Nelda, Nelda!" Die Tochter war schon z-ur Küche hinaus. „Binde deinen großen Spitzenkragen um, es könnte noch jemand da sein. Hörst du?!"
Nelda stand vor dem schmalen Spiegel in ihrer Stube und legte den Spitzenkragen über ihr einfaches Kleid. Er stand ihr gut. Der Spiegel zeigte ihr gerötete Wangen und belebte. Augen; aus den Spitzen des Kragens hob sich der Hals schlank und weiß. Nelda starrte sich an — war sie das? Stand hier voc'm Spiegel und putzte sich, einem Manu zu gefallen?! Was taten die andern Mädchen denn Schliinmeres?
„Nein!" Sie riß den Kragen vom Hals und schlenderte ihn in den Kommodenschnb, dann löschte sie hastig das Licht und rannte im Dunkeln die Treppe hinunter.
Zu ihrem Mater guckte sie einen Augenblick herein, es brannte noch keine Lampe in der Stube." Der Rat war angegriffen und ruhte, dazu brauchte er kein Licht. „Sünde, das teure Petroleum so zu verkokeln," pflegte Frau Rätin zu sagen.
„Papa, bist du böse, wenn ich zu Lylanders gehe?"
„O bewahre, amüsiere dich, mein Kind!"
Sie lief auf ihn zu und drückte ihre frischen Lippen auf seine heiße Stirn.
„Mein guter Papa — du bist sehr warm — adieu> adieu!"
Sie war so flüchtig, in Gedanken schon halb fort.
*
„Ah, Nelda! Welche Ueberraschung!"
Fran Hauptmann lkylander öffnete selbst, eine Schüssel Heringssalat in der Hand, sie wollte eben damit ttt die Eß- stube gehn. „Ah!" Frau Elisabeth war aufrichtig erfreut, nur schoß ihr gleich ihnrch den Kopf: „Da reichen die Eier nicht, ich muß noch zwei kochen lasset:; Nelda hat guten Appetit."
„Mer nun legen Sie ab! Das ist wirklich lieb von Ihnen! Wie oft habe ich schon umsonst gebeten! Nein, ich bin ganz erstaunt! So — herein mit Ihnen! Paul, Herr von Ramer, wen bringe ich da?" Die lebhafte Fräst drehte das Mädchen um und um. „Nun, sage, Paul, bist du nicht ganz verwundert?"
Nelda war eigentümlich berührt — dieses Erstaunen?! Hatte Rainer sie nicht angemeldet?
Nein! Hauptmann Lylander war ebenso überrascht wie seine Frau, nur betonte er's nicht so; er zeigte bloß seine Freude.
„Wie hübsch, Fräulein Nelda, daß Sie uns das Vergnügen machen!"
Er hielt ihre Hand etwas länger, als gewöhnlicher Brauch, und sah das Mädchen wohlgefällig an. „ Sie kommen so selten, verzeihen Sie daher unsere Ueberraschung!"
Nelda lachte, aber ihr Lachen hatte etwas Gezwungenes — warum hatte Leutnant Rainer nichts von ihr gesagt? War ihm das unangenehm gewesen?
Sie tnaß ihn mit einem eindringlichen Blick. Er machte eine tadellose Verbeugung.
„Sehr erfreut, mein gnädiges. Fräulein! Habe lange nicht den Vorzug gehabt!"
„Lange--?!" Es sprudelte in Nelda heftig auf,
fast wider Willen fuhr es ihr heraus: „Es ist doch höchstens eine halbe Stunde her! Sie wußten ja, daß ich kommen würde, Herr von Ramer, warum haben Sie Lylanders nichts davon gesagt?!"
Eine augenblickliche Stille folgte den Worten; das Ehepaar sah sich ganz, verwirrt an. Keiner antwortete. Eine verlegene Pause.
Ueber des Mädchens Gesicht flog Röte tun Röte; sie zürnte Ramer, zürnte sich selbst — wie laut und häßlich waren eben die Worte im Zimmer verklungen! Wäre sie doch lieber nicht gekommen! Das eigene Benehmen schiest ihr plötzlich unpassend, verletzend; sie war dem fremden Menschen nachgelaufen, und er fand's nicht einmal der Mühe wert, ihrer zu erwähnen? Blitzschnell flog ihr Blick zu ihm hinüber, da stand er und kaute an seinem Schnurrbart; man sah ihm das Mißbehagen an, er war ganz blaß!. Nun begegneten sich ihre Augen.
„Ich bitte um Entschuldigung," murmelte sie plötzlich und streckte ihre Hand nach ihm aus. Ihre Wirte fest ansehend, fuhr sie mit Hast fort:
„Bor einer halben Stunde traf ich Herrn von Rainer vor unserer Tür, wir sprachen miteinander, er ging hierher; ücks hekam auch Lust, ich sagte, ich würde kommen, ich wollte gern. Es war sehr taktvoll von ihm, nichts zu erwähnen; ich habe mich taktlos benommen, ich bitte, verzeihen Sie!"
Sie senkte'den Kopf.
„Mein Gott, das ist ja urkomisch!" Frau Elisabeth lachte' und lachte in einem fort; sie wußte nicht recht, was sie. sagen sollte.
(Fortsetzung folgt.)
Zur Geschichte der Universität.
Als im Jahre 1623 dem Landgrafen von Hessen-Darmstadt die ganze „Marburger Erbschaft" von Kaiser Ferdinand II. zu- gesprochen worden war, ließ der Landgraf bekanntlich die Nni- versität Gießen aufheben. Um das Marburger Erbe entspann' sich in der an sich schon traurigen Zeit des 30 jährigen Krieges zwischen den beiden verwandten Staaten Hessen-Kassel und Hessen- Darmstadt ein Bruderkrieg, der erst mit dem westfälischen Frieden durch Vergleich geschlichtet wurde. Marburg fiel an Hessen-Kassel', Gießen an Hessen-Darmstadt. Landgraf Georg II. ließ nun int Jahre 1660 die Universität Gießen wieder eröffnen, und u. ä. wurde auch der Rat der Stadt Grünberg anfgefordert, einest Vertreter zu dem „rcstaurations akt" zu entsenden. 'SaS1 mit der Unterschrift des Landgrafen Georg versehene Einladungs^ ^reiben^ befindet sich 'im Archiv zu .Grünberg und hat folgenden!
Abschrift.
(Adresse:) „Denen Ersamen, Unfern liebest getreuen, Burger- nteister Und Rath der Statt Grünbergk."
Von Gottes gnaden Georg, Landgraf zu Hessen, Graf zu Catzenelnbogen'/.
Ecsame liebe getreue. Nachdem wir entschlossen seind. Unsere eiste Zeitlang suspendirt gewesene Universität zu Giessen, Gott zst ehren, sodast Unsernt Fürsteutnmb, Landen und Leuthen, Uno sonderlich der ststdirestdcn Jugend zum Besten, zwehtrünstigest


