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Spätinghof.
Roman von K. V. d. Eid LU
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Am Sonntagmittag nach elf Uhr, als die Kirche aus war, trat Niels Söukseu, der Großknecht von Harbekshof, noch mit dem Gesangbuch in der Hand, in das Häuschen mit der Sonnenuhr.
Niels hob schnubbernd die Nase, als er eintrat, ein Wohlbekannter, ach so lieblicher Duft strömte ihm in die Janne deckte gerade den Tisch mit einem weißleinenen Tischtuch und blanken Messern nnv Gabeln. Von der Küche Merein tönte ein Zischen und Brutzeln.
Tine saß in ihrem Rohrlehnstuhl am offenen Fenster. Sie hatte ein Mssen hinter dem Rücken und eine große Reisedecke über sich gebreitet. Die Luft war frühlingsfrisch und doch warm. Die blühenden Lindenzweige hingen fast ins Fenster hinein. So saß Tine im Schatten und atmete doch die schöne Frühsommerluft.
Niels Eintritt tvar nicht bemerkt worden. Er räusperte sich, trat einen Schritt vor und.sagte laut: „Guten Tag." Zaune wandte sich um: „Guten Tag, Niels, Sie haben gewiß was von Harveks zu bestellen. Setzen Sie sich. Das ist meine Mutter."
Niels setzte sich nicht, er sah nicht auf das junge Mädchen, er stand schon vor >r bleichen Frau, die sich in ihren Kissen aufgerichtet ,..^e und ihn entsetzt anstarrte.
Während er noch dachte: „Solche braunen Augen hat nur eine auf der ganzen Welt," stieg vor Tines geistigem Ange das Vaterhaus, die Kate am Ramstedter Deichwege, auf; die Tür, die zu Schaue Sönksens Stube führte. Fast zu gleicher Zeit riefen beide: „Tine!" — „Niels!"
Tine hatte sich erhoben. Die Decke war heruntergeglitten; schwankend, gebückt, ein Bild des Jammers, stand sie vor ihm.
P: umfing sie mit beiden Armen und drückte sie sanft Mf ihren Stuhl. Er hob mit ungeschickter Hand die Decke Ms und breitete sie über ihre Knie.
„Tine, meine alte Deern, was machst du für Geschich- ten? Ich freue mich gräßlich, daß ich dich wiedersehe."
Als Tine den alten .Lieblingsausdruck hörte, trat ein Lächeln in ihr Antlitz und blieb darauf liegen, wie der Wbglautz des Sonnenscheins.
Janne tvar hinausgeschlüpft, ganz geräuschlos, ohne daß es jemand merkte. Sie stellte sich neben Liese an den Herd.
„Tante," sagte sie, „bei Mutter ist ein alter Freund, sie sagen du zuerirander."
„Ich tvill mau lieber 'reingehen."
„Nein, laß uns draußen bleiben. Die brauchen uns jetzt nicht; die bekümmern sich nicht um die ganze Welt!"
Liese war noch nicht ganz von ihrer Unentbehrlichkeit überzeugt. Sie sah aber nur durch die Türspalte, da kam sie zurück. „Du hast recht, Janne, wir tvolleu sie allein lassen. Wir gehören nicht dazu. Ach, meine schönen Eierkuchen !"
Unterdessen saß Niels bei Tine und streichelte ihr? blasse, schmale Hand. „Bist du krank, mein alte Deern? Du siehst man nties aus."
„Ja, ein bißchen. Die Brust — tvir werden alt, Niels!"
„Ja, ja!" Niels faßte nach seinem .Haarschopf. „Ich kriege auch schon gräßlich graue Haare. Aber sag mal, mein Deern, wie hast du das bloß zuwege gebracht. Warum! bist du davougelnufen? Ich dachte, du säßest da auf Spä- tinghof in einem Fettpott."
„Ja, Niels, aber ich passe umn nicht in einen Fettpott hinein. Jan und ich verstanden uns nicht."
„Was nicht! Ihr habt euch nicht vertragen? Gr jvür doch so leitsam und du doch auch."
„Ja, es war anders, als du denkst. Wir liefen so beieinander her itne zwei Räder an einem Wagen, und als die Achse brach, da gingen wir weiter auseinander, statt zusammen."
„Ja, so." Niels ließ einen Pfiff hören.
„Ja, Niels, die Schuld lag tvohl meistenteils an mir!: ich war zu dumm. In der Schule bei Niklas .Heuseu habe ich nicht viel gelernt, und nachher war ich schon zu hartlehrig gewordeil."
„Ja, bei Niklas Heuseu lernten tvir nicht viel. Gr war kein Baas, und dann hatte er immer den Kinderwagen beim Pult stehen; das lenkte ihn ab."
„Ja, und uns auch."
„Aber darum brauchtest bit doch nicht davonzugehen."
„Ich hatte es nicht nötig; aber Syenit ich nicht gegangen wäre, dann tväre Jan gegangen, und das paßte sich doch nicht. Er svar doch der Herr und ich bloß eine arme Dieustdeern."
„Aber du warst seine Fran. Sag mal, tvir meinten alle, du wärest nach Amerika gegangen?"
„Das wollte ich auch; es ist ja man bloß so tvieit. Wie geht es Jan?"
„Gut, sehr gut!"
„Ich sah ihn neulich von ferne, es war am Markt. Er sah ganz gut aus, aber nicht vergnügt. Hat er Frauke Steffens geheiratet?,"
„Ne, mein Deern. Er darf doch keine zwei Frauen haben. Du bist doch noch feine Frau!"
„Ach, ich dachte, nach so viel Jahren."
„Ne, das geht nicht. Frauke Steffens ist als Mamsell bei ihm. Die Leute schnacken dies und das; ob etsvas Wahres dran ist, weiß ich nicht. Ich glaub' nicht, daß sich Jan glücklich dabei fühlt."
Tines Augen füllten sich mit Tränen. „Darum bin ich ja gerade davongegangen. damit er glücklich würde," flüsterte sie.


