Sie wisten, daß ich für meine Leute immer- -U sprechen bin, Rennert," lautete die freundliche (gntgegnuny. „Kommen Sie nur getrost in mein Arbeitszimmer, wenn Sie etwas -auf dem Herzen haben."
Rach Verlauf von kaum einer Piertetstunbe stand der Kutscher, ein ebenso blonder und stattlicher Mann wie fein Herr, mit allen Anzeichen der Befangenheit immtien des luxuriös ansgestattete« Gemaches, in welchem Neuhofs vor seinem'mächtigen, mit Briefschaften und Papieren üverpftett Schreibtische saß.
„Nun, mein Lieber, womit kann ich Ihnen helfen?"
Rennert würgte ein bißchen; dann platzte er heraus: „Ach, Herr Direktor, ich bin etn unglücklicher Mensch."
„Unglücklich? Weshalb?"
„Weil ich von hier weg muß, wo ich es doch so gut habe. Aber es geht nicht anders, ich könnte die Schande nicht überleben, und Sie müßten sich ja doch nach einem anderen Kutscher umsehen — so oder so."
„Ich verstehe Sie nicht. Was für eine Schande' ist es denn, von der eie reden?"
„Ich bin ein bestrafter Mensch, Herr Direktor — das heißt ich habe meine Strafe noch nicht einmal verbüßt. Ich werde sie auch nicht verbüßen. Ehe. ich. ins Gefängnis gehe — lieber gleich ins Wasser."
„Na, na, so reden Sie doch mal vernünftig und in ordentlichem Zusammenhänge. Welche Bewandtnis hat es mit Ihrer Bestrafung, und tvarum haben Sie mir das bisher verschwiegen?"
„Weil ich mich so schämte und weil ich auch immer noch im stillen hoffte, die Herren vom Gericht wurden es vielleicht vergessen. Es war doch ganz oben in Ostpreußen, wo ich verurteilt wurde, und es ist auch schon sieben Monate her."
„Bei Behörden Pflegt dergleichen, nicht vergessen zÜ Werben, mein Lieber. Weshalb wurden Sie denn verurteilt? Sie haben doch nicht gestohlen?"
Der Kutscher errötete bis über die Stirn hinauf. „Rein, Herr Direktor, so was werden Sie mir hoffentlich nicht zutrauen. Es war wegen Körperverletzung. Aber wenn ich auch sechs Monate dafür gekriegt habe, so brauchen Sie mich darum noch nicht für einen Totschläger zu halten. Ich war damals im Dienst bei einem Gutsbesitzer, und der Streit kam Wegen der Kammerjungfer von der gnädigen ?finit. Sie war so gut wie meine Braut, und kein Mensch ounte es mir Übelnehmen, daß ich wild wurde, weil ich hinter die Geschichte mit dem Zierbengel, dem Wirtschafts- eleveu, kam. Aber ich wollte ihm nicht ans Leben — ganz 6>'wiß nicht, Herr Direktor. Bloß einen kleinen Denkzettel sollte er haben, und ich hatte mein Lebtag noch nichts davon gehört, daß ein Peitschenstiel ein gefährliches Werkzeug ist, wie die Herren vom Gericht nachher bei der Verhandlung sagten. Ra, kurzum, ich wurde wegen Körperverletzung angeklagt und zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt."
„Wie ging es zu, daß Sie die Strafe noch nicht verbüßt haben?" '
„Ich kriegte einen Aufschub, iveil mein damaliger Herr, Der Baron v. Riebenow, sich für mich verwandte. Meine f»e Mutter war nämlich zu jener Zeit todkrank, und sie sollte die Lxyande nicht an mir erleben. Drei Monate nach- her ist sie gestorben."
„Wo wurden Sie verurteilt?"-
„Vom Landgericht zu Bartenstein, Herr Direktor."
„Und nun sind Sie vermutlich anfgefordert worden, Ihre ipchs Monate abznmachen?"
Der Kätscher schluckte die aussteigenden Tränen her- purer. „Jawohl. Vorgestern, während ich mit dem Wagen Unterwegs war, hatte sich schon ein Polizist nach mir erkundigt, und heute habe ich das amtliche SchrftMick bekommen. Da ist es."
<v> brachte mit zitternder Hand das Blatt aus seiner Brusttasche zum Vorschein und überreichte es dem Bank- „ "die sollen sich also innerhalb einer Woche beim Di- wtior der Strafanstalt in Neustadt zum Antritt Ihrer Strafe melden. Ja, da wird Ihnen wohl nichts anderes ubrrg oleibeu, mein Bester, als sich in das Unvermeidliche zu fügen. L«tis Monate kosten ja auch noch nicht das Leben."
Aber Rennert schüttelte mit großer Entschiedenheit 'einen lurzgeschorenen Kopf. „Nein, Herr Direktor, oas Mit nicht. Ins Gefängnis bringt mich kein Mensch."
„Wollen Sie sich etwa aus dem Staube machend
Verlegen schaute der Gefragte vor sich hin. „Ich dachte, die holländische Grenze ist Doch nicht sehr weit, mtb wenn der Herr Direktor die Güte haben wollten, mir meinen Lohn suszußahlen--"
'„Das könnte natürlich geschehen. Ich will Sie auch keineswegs an der Ausführung Ihres Vorhabens hindern, aber, mit den paar Mark werden Sie nicht weit kommen. Haben Sie denn sonst noch Ersparnisse?"
„Neunzig Mark, Herr Direktor."
„Ra, das ist auch nicht gerade sehr viel. Wenn Sie sich der Verbüßung Ihrer Strafe wirklich dauernd entziehen wollen, so mihft'n Sie übers Meer. Könnten Sie sich dazu entschließen?"
„Ich möchte wohl: aber der Herr Direktor sagen ja. selbfft daß ich mit meiner kleinen Barschaft nicht so weit komme."
Neuhofs dachte ein wenig nach; dann sagte er mit behutsam gedämpfter Stimme: „Sie tun mir leid, Rennert, und darum will ich Ihnen behilflich fein, obwohl ich mich damit geradezn einer strafbaren Handlung schuldig mache. Sie werben mich ja hoffentlich nicht verraten."
Beteuernd legte der andere die Hand anfs Herz. „Ich! zyürde lieber sterben, Herr Direktor."
„So werde ich Ihnen also fünfhundert Mark geben, die Sie mir später wiener zurückgeben müssen, denn geschenkt werden Sie sie nicht haben wollen. Damit können Sie ganz gut von einem holländischen Hafen aus im Zwischendeck nach Amerika gelangen. Aber hüten Sie sich, daß man Sie beim Einschifsen nicht erwischt!"
Er hatte seiner Brieftasche schon die fünf blauen Scheine entnommen und sie auf den Rand des Schreibtisches gelegt.
Der Kutscher aber schien noch gar nicht recht an die Wirklichkeit dessen zu glauben, was er da erlebte. Er zitterte am ganzen Leibe vor freudiger Erregung. „Herr Direktor, wenn ©te das für mich tun wollten! Aber ich kann es ja gar nicht annehmen. Wie soll ich denn das toieder gut machen?"
„Sie sollen nichts weitet tun, als reinen Mund halten, wenn man Sie doch verliaften sollte, damit ich nicht zum Dank für meine Gutmütigkeit schließlich noch Ungelegenheiten habe. Und gehen Sie lieber heute als morgen über die Grenze. So lange, bis ich einen Nachfolger für Sie gefunden habe, kann der Friedrich die Pferde schon versorgen."
Jetzt mußte Rennert ivohl glauben, daß es Ernst sei, und mit bebenden Fingern raffte er die Scheine an sich. „Wenn ich dann den Herrn Direktor vielleicht auch noch um meine Papiere bitten dürfte —"
„Ihre Papiere? Ja, mein Lieber, die habe ich nicht hier bei der Hand, sondern sie liegen in meinem Tresor unten in der Stadt, wo ich alle mir anvertrauten Dokumente ausbewahre. Und außerdem — was sollten Ihnen denn diese Legitimationen nützen? Unter Ihrem mach gen Namen dürfen Sie doch nicht reisen, die Papiere könnten Sie höchstens verraten,"
„Aber wird man nicht auf dem Schiff irgendeinen Ausweis von mir verlangen?"
„Jedenfalls. Doch es Wird Ahnen nicht schwer fallen, sich etwas dergleichen zu verschaffen. I t den Hafenkneipen der Einschiffungsplätze finden sich immer Leute, die für einen kleinen Betrag jedes gewünschte Legitimationspapiev liefern, und die Auswanderungspolizei wird Ihnen keine großen Schwierigkeiten mache«. Sie sind ja kein steckbrieflich Verfolgter."
Der Kutscher schaute so glücklich drein, als ob er sich bereits in Sicherheit befände, und er würde, seinem gütigen Dienstherr« in überströmender Dankbarkeit die Hand geküßt haben, Wenn Neuhofs ihn nicht daran gehindert hätte.
„Machen Sie doch keine Geschichten, Rennert — es ist schon gut." ' ' '
Rennerts Augen standen voll Tränen, als er endlich nach einigen ungeschickten Abschiedsworten das Arbeitszimmer verließ.
Lin paar Minuten nach seiner Entfernung öffnete der Bankdirektor, dessen Miene einen eigentümlich nachdenklichen Ausdruck angenommen hatte, ein verschlossenes Fach seines Schreibtisches und entnahm demselben verschiedene Rechnungspapiere, in die er sich eifrig vertiefte.
Während der nächsten Tage legte Neuhofs den Weg zwischen dem Bankgebimde und feiner Billa zu Fuß zurück.


