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Donnerstag den 29. Oktober
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Herr Lecoq.
Kriminal-Roman ton E. GaboriaU.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
23. Kapitel.
Wenngleich der menschliche Wille keine Schwanken kennt, so sind doch leider die menschlichen Mäste begrenzt. Der junge Beamte hatte auf der Straße noch keine zwanzig Schritte gemacht, als ihm schwmdlich wurde und seine Beine unter ihm zitterten. Die Natur verlangte gebieterisch ihr Recht; seit zwei Tagen und Nächten hatte er keine Minute Schlaf gehabt und den ganzen letzten Tag noch keinen Bissen gegessen.
Ich werde doch nicht etwa unwohl? dachte er besorgt bei sich selbst, sa'ls er sich vor Erschöpfung auf. eine Bank setzen mußte. Er hatte noch so unendlich viel zn tun. Zunächst — — um Nur das allerdringlichste zu erwähnen — den Bericht des alten Absinth entgegenzunehmen, dann in der Morgue uachzu- fragen, ob eines der Opfer erkannt wäre, sich in den Gasthöfen in der Nähe des Nordlmhnhvfes zu vergewissern, ob Mais Angaben auf Wahrheit beruhten, endlich sich die Adresse von Polhte Chupins Frau zu verschaffen, um ihr die Borladung zuzustellen.
Die Notwendigkeit drängte zu gebieterisch, er musste seiner Schwäche Herr werden und es gelang ihm auch; er stand auf, indem er murmelte:
Ich will aus jebeit Fall in der Rue de Jerusalem und in der Morgue vorsprechen; nachher werden wir dann sehen.
Aber auf der Präfektur fand er den alten Absinth nicht und Niemand wußte etwas von diesem. Der gute alte Absinth war Nicht dagewoscn. Auch wo die Schwiegertochter der Witwe Chupin wohnte, konnte er nicht herausbeklommen. Dafür machten sich Nicht wenige von feinen Kollegen ganz offen über ihn lustig.
Ach, du bist ja ein wahrer Glückspilz! sagten sie ihm, du hast, wie es scheint, eine großartige Entdeckung gemacht. Man spricht davon, ldn würdest das Kreuz bekommen.
Gevrols Einfluß war deutlich erkennbar. Der Inspektor erzählte itt der Tat jedem, der ihm in den Wurf kant, der arme Lecoq wäre vor Ehrgeiz verrückt geworden und versteifte sich daraus, einen ganz gemeinen Galgenvogel für eine vornehme Persönlichkeit zu halten.
Bah! dies Gerede konnte Lecoq nicht berühren; „wer zuletzt lacht, lacht tarnt besten!" dachte er bei sich.
Nur des alten Absinths langes Ausbleiben beunruhigte ihn ernstlich; ihm kant sogar der Verdacht, ob nicht etwa Govrol in seiner rasenden Eifersucht imstande wäre, absichtlich die Fäden der Untersuchung zit verwirren.
In der Morgue wurde ihm feilt besserer Bescheid zuteil. Nachdem er drei- oder viermal geläutet hatte, fort endlich ein Aufseher und erklärte ihm, die Leichen wären immer noch nicht erkannt, und den alten Kriminalschutzmann hätte man seit dem frühen Morgen nicht wiedergesehen.
Der .Anfang ist entschieden schlecht, dachte Lecoq bei sich.
Ich will Nur einen Bissen essen gehen; vielleicht wendet sich! inzwischen das Glück, und jedenfalls habe ich die Flasche guten! Wein, die ich mir leisten will, redlich verdient.
ES war wirklich ein guter Gedanke von ihm'. Eine SuPW und zwei Gläser Bordeauxwein flößten ihm neuen Mut u«8 neue Tatkraft ein. Die Müdigkeit war nicht ganz geschwunden- aber sie war jedenfalls erträglich geworden, als er, eine Zigarre int Munde, die Speisewirtschaft verließ. In diesem Augenblick hätte er gern den Vater Papillon mit seiner Droschke und seinem guten Pferde zur Stelle gehabt. Zum Glück fuhr gerade eine andere Droschke vorbei; er sprang hinein und fuhr nach dem Nord« bahuhof. Es schlug gerade acht Uhr, als er auf dem Bahnhossplah ansstieg. Einen Augenblick überlegte er, dann begann er feine Nachforschung.
Natürlich trat er in den Gasthöfen nicht in feiner Eigen« schäft als Kriminalbeamter auf; das wäre das beste Mittel gewesen, gar nichts zu erfahren. Er setzte sich den Hut in den Nacken und stülpte den Kragen seines Ueberziehers hoch; das gab ihm schon ein ziemlich ausländisches Aussehen, das noch verstärkt wurde durch einen ausgesprochen englischen Akzent, wo» mit er sich nach einem fremden Arbeiter erkundigte. Aber vergeblich bot er seine ganze Gewandtheit auf; überall erhielt er die gleiche Antwort:
Kennen wir nicht! Haben wir nicht gesehen!
Eine andere Antwort würde Lecoq auch sehr überrascht habest- denn er war überzeugt, daß der Mörder diese Geschichte von einem! im Hotel hinterlassenen Reisekoffer nur erfunden halte, um feinet Geschichte das Gepräge größerer Wahrheit zu geben.
Trotzdem fuhr er in seinen Nachsuchungen fort und notiert- in seinem Notizbuch alle bereits abgesuchten Gasthöfe; denn et wollte den Angeklagten bei der nächsten Vernehmung der Lüge überführen können.
In der Rue ide Saint-Quentin war der erste Gasthof, den er besuchte, das Hotel du Marienbourg, ein Haus von bescheidenem- aber sauberem und nettem Aussehen. Lecoq trat durch eine! Glastür in den Hausflur ein und von dort in das Bureau des Gasthofs, ein hübsches Zimmer, das von einer Gasflamine i.n matter Glasglocke erleuchtet wurde.
In dem Bureau befand sich eine Frau. Sie kniete auf einem Stuhl, das Gesicht gegen einen mit schwarzem Glanzkattun verhangenen Vogelkäfig geneigt und wiederholte beständig drei oder vier deutsche Worte. Sie war in diese Beschäftigung so vertieft) daß Lecoq husten und mit dem Fuße scharren mußte, um ihres Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Endlich drehte sie sich unk.
Ah! schönen guten Abend, Madame! sagte der junge Beamte. Wie ich sehe, sind sie dabei, Ihren Papagei sprechen zu lehren. Das ist kein Papagei, den ich hier habe, mein Herr! antwortet« die Fmn von ihrem Stuhl herab; es ist ein Star; ich möchte, daß er stuf deutsch sagen könnte: Hast du gefrühstückt?
Ach, die Stare können sprechen?
So gut, wie manche Leute, jawohl, mein Herr! sagte die Fraik- zur Erde springend.
In diesem Augenblick fiitg der Vogel, als hätte er begriffest, daß von ihm die Rede Ivar, ganz deutlich an zu rufen;


