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Dio Richtung dieser Jugend war eine durchaus gesunde, wenn auch der gestrenge Herr Rektor das „lateinische Leipzigertum" vertrat. Es war die Zeit, als volkstümliche Körperübungen mit einer gewissen Deutschtümelei vereint wurden, und es sür patriotisch galt, den Körper zu stählen. Wanderungen in- die Umgegend, verbunden mit Naturstudien, der lebhafte geschäftliche Verkehr Leipzigs, dessen Messen Fremde in die Stadt zogen, — alles das trug dazu bei, die Interessen des Jünglings zu erweitern, ihn nicht einseitiger Gelehrsamkeit anheimfallen zu lassen.
So kam es denn, daß, als Schulze im Jahre 1827 die Universität Leipzig bezog, um, dem Wunsche des Vaters gemäß, Rechtswissenschaft zu studieren, er neben dem Hauptstudium noch fleißig historische und literaturgeschichtliche Studien betrieb. Eine poetische Begabung, die sich frühzeitig zeigte, wurde eifrig gepflegt und im Innersten des Herzens keimte Wunsch und Hoffen, dereinst als Dichter berühmt zu werden.
Indessen war Schulze viel zu praktisch-realistisch veranlagt, um dxs stille Sehnen seines Herzens allzu sehr über sich Macht gewinnen zu lassen. Er war fleißig hinter seinem Nechtsstudium her, bereitete sich in Halle zum preußischen Juristenexamen vor, bestand beide Prüfungen, wurde Referendar und 1830 Auskultator zu Naumburg.
Dann war es ihm vergönnt, eine Reise nach Italien zu machen, dem er bis ins hohe Alter hinein eine große Liebe bewahrte, und ein gut Stück von ganz Deutschland zu sehen. Die Eindrücke dieser Reisen mußten natürlich seine poetischen Träume wieder aufleben lassen, und in einem Büchlein, das 1838 bei F. A. Blockhaus in Leipzig erschien („Wanderbuch. Ein Gedicht in Szenen und Liedern") ließ der junge Jurist sein poetisches Empfinden ausströmen.
Im selben Jahre ward Schulze als Assessor an das Kammergericht in Berlin versetzt und hatte hier Gelegenheit, das preußische Staatswesen näher kennen zu lernen, dem er bei seiner Begeisterung für das konstitutionelle Sachsen damals wenig Geschmack abgewinnen konnte. Doch schon im Jahre 1841 kehrte er, zum Patrimonialrichter in Delitzsch ernannt, nach seiner Vaterstadt zurück.
Noch viele Jahre später, als er längst aus dem Staatsdienst ausgetreten war, erzählte man sich in Delitzsch von dem „tyran- nischen" Richter allerlei Stückchen, doch hatte diese Tyrannei lediglich in seiner strengen Rechtlichkeit ihre Begründung. Galt es dem Recht zum Siege zu verhelfen, so kannte Schplze keine Rücksicht. Vor allem zog er gegen mancherlei Schlendrian in der Verwaltung zu Felde.
Trotzdem wurde er beliebt in der Bürgerschaft, die ihn bald als echten Bürgerfreund erkannte. Damals ging durch die kirchlichen Kreise Preußens ein stark pietistischer Zug, der aber in der Provinz Sachsen durch die freireligiöse Bewegung der „Licht- freunde" eine starke Gegenwehr fand. Als der Sturm des Jahres 1848 heranbrauste, war er als kirchlich und politisch liberaler W.nn unter den Bürgern bekannt; man wählte ihn in die preuß. Nationalversammlung und seitdem führte er den Namen Schulze- Delitzsch, der eine weltberühmte historische Bedeutung erhielt.
Er gehörte zu den Gemäßigten, war demokratisch-monarchisch gesimn, und wollte Preußen an der Spitze Deutschlands sehen. Als Vorsitzender in der Kommission zur Prüfung der Notstände im Arbeiter- und Handwerkerstand kam er bereits damals zu der Ueberzeugung, daß die Kleingewerbe die Konkurrenz der Großindustrie nur überstehen können, wenn sie sich auf der Basis der Selbsthilfe zu gemeinsamer Beschaffung des Kapitals und der anderen die Großindustrie ansziehenden Produktionsmittel vereinigen würden. Auch in die zweite preußische Kammer wurde er gewählt, doch da diese bald aufgelöst wurde, und die demokratische Partei aus Beteiligung an der Neuwahl verzichtete, so hatte sür ihn vorläufig die parlamentarische Tätigkeit ein Ende, nur hatte sie für ihn noch ein gerichtliches Nachspiel. Er war einer jener der Steuerverweigerung angeklagten Abgeordneten, aber er führte selbst seine Verteidigung in so glänzender Weise, daß er freigesprochen wurde.
Die Regierung aber wollte ihn nicht ganz uugestrast lassen, sie versetzte den in seinem heimatlichen Leben tief Wurzelnden im Jahre 1850 nach Wrescheu in der Provinz Posen in eine sehr unwirtliche Umgebung und in Verhältnisse, die ihm wenig angenehm sein mußten, und als er dort gezwungen war, zur Wiederherstellung seiner Gesundheit einen Urlaub zu nehmen, verweigerte man ihm diesen. Entrüstet legte er seine Stelle als 'Kreisrichter nieder und bat um die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft. Aber auch das ward ihm versagt, und er war nun gezwungen, als Privatmann zu leben. Er zog wieder nach Delitzsch zurück und betätigte sich literarisch, wobei ihm die Freundschaft mit Ernst Keil in Leipzig sehr zu statten kam.
Dann aber begann seine volkswirtschaftliche Tätigkeit, zu der er durch seine Erfahrungen im Parlament angeregt wordeck war. Er gründete in Delitzsch eine Kranken- und Sterbekasse und veranlaßte die Schuhmachermeister der Stadt Delitzsch und der Umgebung zur Begründung eines Rohstoffvereins. Später ward dann ein Vorschußverein mit solidarischer Haftpflicht begründet, dem ein Konsumverein folgte. Die Erfolge dieser Vereine wurden sehr bald auch auswärts bekannt, in anderen Städten fanden sie Nachahmung, man schrieb an ihn um' Ratschläge, er pepfaßte Statuten, veröffentlichte die Schrift „AsfoziationsbuH
für Handwerker und Arbeiter", das als Wegweiser für derartige Genossenschaftsvereine dienen sollte, und ehe fünf Jahre vorbei waren, zählten die Vereine dieser Art in Deutschland nach Hunderten; Hunderttausende kleiner Handwerker wurden durch sie in den Stand gesetzt, den Existenzkampf gegen die Großindustrie weiter zu führen. Unter jubelndem Beifall tonnte Schulze-Delitzsch im Jahre 1857 auf dem internationalen Wohlfahrtskongreß in Frankfurt am Main die Resultate der Genossenschaften vorlegen, die bereits im Ausland Aufmerksamkeit zu erregen Begannen.
Indessen bei allen diesen Erfolgen hatte der Mann, der Hnn- derttauseuden zur Verbesserung ihrer wirtschastlichen Existenz verhalfen hatte, selbst einen schweren Existenzkampf durchzuführen. Die Stadt, Erfurt wollte den verdienstvollen Mann zum zweiten Bürgermeister machen. Aber die Regierung konnte noch immer nicht vergessen, daß er einst zu den Steuerverweigerern zählte, und versagte die Bestätigung. Da ward ihm auf dem ersten Vereinstage deutscher Vorschubvereine zu Weimar im Jahre 1859 die Leitung des Zentralbureaus übertragen, und von diesem Tage an führte er die Leitung des Verbandes der Genossenschaften als deren Anwalt bis zu seinem Tode.
Er hatte in Potsdam seinen Wohnsitz genommen, um seine geschäftliche Tätigkeit in der Nähe von Berlin ausüben zu können, aii das ihn fortgesetzt die parlamentarische Wirksamkeit fesselte, ward er doch ins preußische Abgeordnetenhaus und in den Reichstag gewählt.
Noch mancherlei Erfolge wurden dem verdienstvollen Alan ne beschieden. Da er, der uneigennützig seine ganze Kraft dem öffentlichen Wirken widmete, immer noch in sehr bescheidenen Verhältnissen leben mußte von dem kleinen Gehalt, das der Verband ihm gewährte, forderte der bekannte für alles Edle begeisterte Präsident des Landes-Oekonomie-Kollegiums Lette Schulzes Gesinnungsgenossen zur Sammlung einer nationalen Ehrengabe für den verdienten Volksfreund auf. Die Sammlung brachte die schöne Summe von mehr als 50 000 Talern, doch nahm Schultze-Delitzsch nur die Zinsen an und bestimmte das Kapital zu einer Stiftung, aus der solche Männer belohnt werden sollten, deren Wirken, und Tatkraft zum Besten des Vaterlandes in nationaler, politischer oder sozialer Hinsicht dienen würde.
Aus diese Weise war ihm ein sorgloses Alter beschieden. In seinem Hause in Potsdam iistte er eine liebenswürdige Gastfreiheit ans. Parlamentarier von Bedeutung, Schriftsteller wie Auerbach, Gutzkow u. a., Künstler, Komponisten unb Gelehrte verkehrten dort.
Da er im Jahre 1865 auch eine volkstümliche Bank, die „Deutsche Genossenschaftsbank", die bald einen großen Aufschwung nahm, gegründet hatte, mehrten sich die Ansprüche, die an ihn gestellt wurden, immer mehr, aber unermüdlich wirkte er für feine Sache bis ins Greifenalter hinein, unbeirrt, wie auch das Anwachsen der sozialdemokratischen Partei, die feine Bestrebungen besonders heftig anfeinbete, ihn zum Kampf für seine Ideen immer von neuem aufrief.
Nicht der Kampf für seine Sache, nicht die Arbeit, die er int Uebermast zu leisten hatte, ermüdeten ihn in seinem Wirken. Aber die Natur verlangte ihr Recht. Allerlei Leiden stellten sich bei ihm ein, als er die biblische Grenze überschritten hatte. Die unbegrenzte Verehrung von Millionen Menschen, die ihm bis ans Ende treu blieb, die Anerkennung, die ihm in der Wissenschaft gezollt wurde — die Universität Heidelberg hatte ihm 1873 ein von Bluntschli verfaßtes Doktordiplom übersandt — hielten ihn aufrecht, wie auch die Altersleiden ihm zusetzten.
Nach einem Besuch, den Berthold Auerbach ihm im Juni 1881 machte, schrieb dieser in einem Briefe: „ich traf den getreuen Menschen in seinem Garten, wo er leider durch sein Hüftenleiben oder eine Art Schlag nur schwer umherhumpelte. Sein Weseck ist noch srisch, aber der dreiundsiebzigjährige Mann ist doch sehr baufällig, und das Gesicht und der Kopst scheinen mir kleiner geworden."
Das war umso bemerkenswerter, als der Kopf des Volks- maunes ungemein ausdrucksvoll und bedeutend in seinen gesunden Jahren wirkte, wie überhaupt die ganze nicht große Per- fönlichkeft ungemein lebensvoll in ihrer Erscheinung war. Max Ring gibt von seinem äußeren Wesen die folgende Schilderung; „Aber keine Not vermochte den Mut des lebenskräftigen über- zeuguckgstrenen Mannes zu beugen, feinen tapferen Geist zu trüben' und ihm den angeborenen Humor zu rauben. Es war mir eine Freude, die gedrungene breitschultrige Gestalt mit dem offeneck Gesicht, der breiten, gewölbten Stirn und den treuen klaren Augen zu sehen, seine kräftige Bruststimme und sein herzer- guickendes Lachen zu hören. Er erschien mir wie der Typus eines echten Deutschen, von demselben Stamm wie Marfin Luther. Kuhck und bedächtig, fromm und freisinnig, ideal in feinen Anschauungen unb Gesinnungen, aber praktisch in allen Verhältnissen bes täglichen Lebens, rasch auflodernd und ebenso schnell wieder besänftigt, streng unb doch gutmütig wie ein Kind, selbstbewußt aber innerlich bescheiden, unermüdlich tätig, einfach ick seinen Genüssen aber lebenslustig, wie Luther Wem, Weib und) Gesang liebend."
Und diese Lebenslust hat Schulze-Delitzsch auch noch bi», ick seine letzten Lebenstage sich bewahrt; sie gab ihm die Arbeitskraft, um die mannigfachen Geschäfte Noch' als Greis zu, bewältigen; die feine .Stellung als Leiter der Genossenschaftsvereine.mit fiH


