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im Wartezimmer. Die übrigen Reisenden drängten ein­ander im Erfrischungssaal. Und unter Schluchzen und Kuchenkauen erzählte mir die alte Moti eine der sonder­barsten Geschichten, die mein Ohr jemals vernommen hat.

-,Die Sandukleute sind an allem schuld.

Ihr habt nie von diesen Menscher? gehört, Sahib? Daß ich sie Menschen nenne! Schlimmer als Tiere sind sie, und sie haben keine Kaste; denn sie stehen tief, tief, tief unter allen Kasten. Ein Paria würde sie nicht an­speien, sie wären ihm zu schlecht dazu.

Die Sanduks wohnen in einem langen, wilden und finstern Tale, in beit Nordbergen des Himalaja, auf die das Eishaupt des Nanda Devi, des Götterthrones, in ewigem Zorn herabfunkelt. Sie sind ein gelbes, schlitz­äugiges Geschlecht, den Tibetern ähnlicher als irgendeinem indischen Stamme.

Bon allen Göttern der Hindus verehren sie einzig Schiwa, den Gott der Zerstörung, der Vernichtung. Sie beten ihn an in Gestalt eines riesigen Panthers, der in dem Dschungel am Fuße der Berge haust.

Ihr wißt, Sahib, daß meine Herrin die Tochter des britischen Residenten in Ghasipur gewesen. Das Fürsten- tum Ghasipur grenzt im Norden an das Gebiet der Sandukleute; aber es hat keine Macht über sie, ebenso­wenig wie die Kaiserin-Königin selber. Ihtb da jene Sanduks als die übelsten Räuber und Mörder weit und breit verrufen sind, hatte der Sahib Mae Laren seiner Tochter aufs strengste verboten, bei Spaziergängen und Ausflügen die Nordgrenze von Ghasipur zu überschreiten.

Sahib! Ihr habt Miß Mary- ich will sagen meine Herrin Madame Buroff gekannt; und da wirb es Euch nicht Wundernehmen, wenn ich berichte, daß sie nichts sehnlicher ivünfchte, nichts brennender verlangte als dies: das Gebot ihres Vaters übertreten zu können. Das häß­liche Ländchen der Sanbnklente schmückte sich für sie mit allen Farben von Indras Regenbogen, und die Zauber­gärten Nur Jehans schienen ihr Wüsten im Vergleiche mit ihm.

Sie pflegte iy der Morgenkühle mit mir ausznfahren, in einem Buggy, das zwei weiße Ponys zogen. Ein paar berittene Ghasipuris bildeten unsere Schutzwache.

Eines Morgens kamen wir ich weiß nicht mehr, wie es zugiilg; feindselige Dschinn müssen uns dahingeleitet haben an ein uraltes steinernes Tor von furchtbarem Aussehen, das wir nie zuvor gesehen hatten. Es über­wölbte den Eingang in eine tiefe und enge Schlucht. Kahle Hügel erhoben sich zu beiden Seiten des Tores. In tausend fürchterlichen Gestalten witterte Schiwa der Zerstörer auf uns herab, und gerade über den» Torbogen war er dargestellt im Sinnbilde eines Ungeheuern Panther- kopfes, der aus einem Halskragen von Totenschädeln dem Eintretenderr entgegenfauchte.

Die Gljasipurirester hielten ihre "Pferde zurück. Einer voil ihnen sprach, indem das Blut aus seiner narbigen, braunen Wange wich: .Hier geht es in das Land der Sandukleute. Herrin, befiehl uns, daß wir ttmkehren/

Aber Mary trieb hell auflachend mit ihrer Gerte die Ponys an und rief: .Da haben uns die Geister selbst hergeführt; sie haben dieses Tor in den Bergen vor uns aufgeschlossen, danrit wir furchtlos einziehen in das ge­heimnisvolle Wunderland/

Und der leichte Wagen rollte unter die dunkle, ver­ruchte, heimtückisch lauernde Wölbung des Schiwa-Tores. Die blanken Pony schimmerren wie Silber in der Nacht dieser Wölbung. Und der Schall der Hufe klang ängstlich wider voir den schwarzen, ausgehöhlten Felsen. Marys Lachen verstummte. In dieser Stunde fuhr meine Herrin in das Reich des Todes ein all ihr Elend war die Tochter dieser Stunde.

Gleich hinter dem Felsentore bog die Schlucht nach links ein. Wir waren kaum um diese Ecke, da stürzte sich eilt dichter Haufe gelber Teufel auf uns, wie eine Schar von Aasgeiern auf den Abfall, den der Fleischer auf die

Gasse geworfen hat. Bevor sie noch ihre Waffen ge­brauchen konnten, waren unsere Reiter aus den Sätteln gerissen, zu Boden geschleudert, erwürgt, erdolcht, zertreten, zertrampelt. Die ledigen Rosse rasten in wahnsinniger Angst dem Ausgange zu und stürmten wiehernd durch Schiwas dunkles Tor hinaus ins freie, morgendlich lachende Land.

Einige von den Sanduks faßten die Zügel unserer Ponys und schleppten uns, ehe wir noch recht zur- Be­sinnung gekommen, in eins ihrer armseligen Dörfer; dort sperrte man uns in eine finstere, übelriechende Hütte ein. Mary lag in meinen Armen und schluchzte vor Angst: .Ayah, Ayah, was werden sie uns wohl alles antun?' Draußen schnatterte das ganze Dorf wie besessen. Nach' einer Weile aber wurde es still. Und diese Stille war entsetzlicher als der Augenblick des lleberfalles, unheil­verkündender als das pöbelhafte Geschnatter des Sandnk- volkes.

(Schluß folgt.)

Deutsche Familiennamen.

Der du von Göttern bist, von Goten ober vom Kote, Goethe, sei mir gegrüßt dies Herdersche Wort weist mit erfrischendem! Humor und hinlänglicher Deutlichkeit daraufhin, daß wir Men­schen zum großen Teil Zeit unseres Lebens ein Rätsel mit uns herumtragen, ohne daran zu denken ober uns viel darum zu kümmern. Bei der Taufe, bei der Beilegung des Vornamens, wird heutzutage dem Kinde schon vielfach ein Name gegeben, dessen Bedeutung den Elwrn unbekannt ist, unb bei dessen Mahl entweder Famikienüberlieferung, Wohlklang, Anpassung an herr- schenden Geschmack, Loyalität usw. usw. entscheiden. Dieser Vor­name oder Personenname ist einst die alleinige Bezeichnung des Menschen gewesen, und in den Personennamen spricht sich das Wesen des Volkes in chrrakteristischer Weise aus. Dem dich­terisch hochbegabten griechischen Volke ist eine Fülle schwungvoller Namen eigen, wie Kleophancs (rühmstahlend), Thrasuüalos (kühn int Rat), Timotheos (Ehregott), Nikvphams (siegprangend), denen die Römer nur so prosaische Namen wie P-orcius, der Schweine­züchter, Agricola, der Landmann, Niger, der Schwarze, Claudius, der Lahme, Quintus, der Fünfte entgegenzustellen haben, wäh­rend die Namen der alten Deutschen von Waffen, Krieg, Kampf und Sieg vor allem erzählen. Da finden wir die mit Hild (Kampf) zusammengeschten Namen, von denen wir nun die noch gebräuchlichen Hildebrand, Hildburg, Hildegund nennen wollen, ferner Ekkehart (Schwertstark), Bertrand (leuchtender Schild), Theudobald (sehr kühn).

Mit diesem einen Namen kamen die Menschen der früheren! Jahrhunderte bei den einfacheren Verhältnissen aus. Freilich haben die Römer schon, ihren juristischen, die menschlichen An- gelegenhriten nüchtern regelnden Anlagen entsprechend, den Bürger auch äußerlich, dmrch Namengebung, in den Familienkreis, ja ttt den Ring des Geschlechtes hineingestellt, so daß er drei Namen trügt, wie Marcus und Quintus Tullius Cicero, die dem Ge­schlechte der Tullier und der Familie der Cicero entstammten. Mit Hilfe van ehrenden Beinamen konnte es ein bedeutender Römer aus ein recht stattliches Namenschild bringen. In Deutsch­land aber erhielt sich bis an das Ende des 11. Jahrhunderts die Sitte des einen Namens, bis die Mißstände, die durch sie hervorgerufen wurden, zur Zufügung unterscheidender Bezeich­nungen und damit zur Schaffung von Familiennamen zwangen. Hatten doch im Laufe der Jahrhunderte eine Reihe der zwei­gliedrigen Namen im gewöhnlichen Gebrauch eine gleiche Form! angenommen, wie z. B. für Godbttaht, Go do mar, Godosrieb, gleichmäßig Gobo, für Baldharb, Batdram, Balbctvin, gleichmäßig Baldo gesagt wurde, eilt Vorgang, der sich auch heute bei den Vornamen wiederholt; kam doch auch in den größeren Ort­schaften derselbe Name bei verschiedenen Personen vor. Wenn! wir z. B. in einer Urkunde von 1095 aus dem Bistum Basel zwei Unterzeichner Burchardus, zwei Cnono finden, welchen Mert hat dann der Name zur Feststellung der Persönlichkeit?

Die Einführung der Familiennamen ist nun, tote wir dem! Werke von Albert Heintze über die deutschen Familiennamen ent­nehmen, durchaus nicht überall in dem deutschen Sprachgebiet zu gleicher .Zeit vor sich gegangen. Natürlich sind hierbei vor allem die Verkehrsverhältnisfe, die Entwicklung des Handels und! Gewerbes und des gewerbtretbenden Büraerstandes maßgebend ge­wesen, so daß es selbstverständlich ist, daß der Brauch, Familien­namen auzunchmen, in den Städten angefangen hat und von dort erst, und zwar vielfach recht langsam sich auf das platte .Land verbreitet hat. Zuerst begegnen uns bie Familienname^ in Süddeutschland und am Rhein, in Köln im Jahve 1106, ist Zürich 1145, in Basel 1168; dann dringen sie nach Mitteldeutsch- land unb int Verlaufe des 13. Jahrhunderts nach Norddeutjch- land; die erften tauchen ini Hamburg erst nach 1250, in Pommerst sogar erst nach 1300 auf. Der alte eingejeffene Adel bekannts sich am frühesten gn der Irenen Sitte, unb, indem er zu denk Geschlech-tsnameir den Namen der Burg, des Schlosses unb dev-