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beim Spaziergange. Natürlich ohne sie wachsam aus dem Auge zu lassen. Freie Entwickelung in freier Natur zieht ein frei denkendes und frei han­delndes Geschlecht groß!

Die Kinder der Mittelklasse sind nicht, !vie die kleinen Proletarier, daran gewöhnt, selbst auf sich aufzupassen; da sie sich immer unter Aufsicht fühlen, werden sie unacht­sam und sind viel mehr Gefahren ausgesetzt als die anderen.

Also laßt eure Wachsamkeit die Kinder nicht fühlbar werden. Sie werden sich selber schützen lernen. Selbstschutz aber ist der sicherste Schutz.

Der 9. deutsche Nsngrch Kr VM§- Md Jugmdspkk. i.

Der Kongreß, der in Kiel vom 19. bis 21. Juni tagte, erfreute sich eines sehr zahlreichen Besuches aus allen Teilen des deutschen Reiches. Der preußische Kultus­minister Dr. Holle war mit dem Ministerialdirektor Schwartz- kopsf erschienen. Das preußische Kriegsmiuisterium war durch Hauptmann von Frausecky vertreten, das württembergische durch Major von Hoss. Der preußische Minister des Innern von Moltke hatte an den Vorsitzenden des Kongresses, Abg. von Schenckendorsf, geschrieben, daß er den Bestrebungen des Zentral- ausschusses zur Förderung der Volks- und Jugendspiele wärmstes Interesse entgegenbringe und stets bemüht sein werde, ihnen Förderung und Unterstützung zuteil werden zu lassen.

In den Technischen Ausschuß wurde zugewählt Prof. Keßler, Stuttgart, und in den Ausschuß für die deutschen Hochschulen, Universitätsprofessor Dr. Unser, Kiel.

Der Kongreß bot bei seiner Eröffnung durch den Vorsitzenden des Zentralausschusses Abg. v. Schenckendorff am 20. Juni ein glänzendes Bild. Der Vorsitzende führte aus, daß bei allen Kulturvölkern im Lause des letzten halben Jahrhunderts sich eine Minderung an Kraft, Widerstand und Leistung zeige. Da­durch ist aber die Volksgesundheit bedenklich in Mitleidenschaft gezogen; das alte Gleichgewichtsverhältnis iw Menschengeschlecht ist gefallen und ein anderes zwischen Körper und Geist hat sich noch nicht herausgebildet. Das uns zu Gebote stehende Mittel sind natürliche Lebensweise und Mäßigkeit, vor allem aber regel­mäßige gymnastische Schulung und kräftige Bewegung in freier Luft. Dann begrüßten den Kvngreß Epzellenz Dr. Holle, Admiral v. Prittwitz und Gaffron, Geh. Oberregierungsrat Dr. von Seefeld im Anftrage des preußischen Ministers für Handel, Ober- präsidialrat von Bülow, für die Kieler Universität der Rektor .Prof. Harter, für die Braunschweiger Regierung Prof. Dr. Koch, und Oberbürgermeister Dr. Fuß.

Sodann sprach Sanitätsrat Prof. Dr. Schmidt-Bonn über Die Notwendigkeit der verbindlichen Spiel- nachmittage für die städtische Bolksschuljugend.' Die Erhebungen an unseren Volksschulen zeigen, daß es keine gesunde kräftige Jugend ist, die uns heute in unseren stadtiscqen Volksschulen heranwächst. Hier muß mehr und anderes geschehen. Das Turnen allein genügt nicht. Ebensogut wie das Turnen müsse auch das Spiel zu einer festen Einrichtung werden: jebem deutschen Knaben und Mädchen sei ein von Schularbeiten treter Spielnachmittag zu schaffen. Was alles auch von Regierungen, Behörden und Städten geschehen fei: die Spielbewegung m un­seren Volksschulen gerate ans den toten Punkt, nut der Frei­willigkeit komme man nicht weiter, wenn nicht die Teilnahme <ui den Spielen der Volksschulen zu einer für alle Kinder ver- bindtichen Sache gemacht werde. (Lebhafter Beifall.)

Hieran schloß sich der Vortrag des Dr. KNörk über:Fort­bildungsschulpflicht und körperliche Ertüchti­gung der Lehrlinge und jugendlichen Arbeiter. Der Redner wies darauf hin, daß Schule, Wirtschaftsleben uno Politik die einzelne Individualität nicht mehr zu ihrem Rechte lassen. Gerade für die schulentlassenen, in die gewerblichen und kaufmännischen Betriebe eintretenden und mannigfachen beruf­lichen und sittlichen Gefahren ausgesetzten jungen Leute sei eine planmäßige geistige und körperliche Ertüchtigung von der größten Bedeutung. ' ®iefe führe sie zu persönlicher und wirtschaftlicher Selbständigkeit. Bisher aber sei nur etwa Vs aller Fortbildungs- Pflichtigen einer geordneten Körperpflege zugänglich gewesen, mehr als eine Million junger Leute zwischen 1417 Jahren stehen dieser, für ihr ganzes weiteres Wohlergehen so wichtigen Frage teil­nahmslos gegenüber. Das habe auch für die Wehrpflichtigkeit des deutschen Volkes die bedenklichsten Folgen. Da könne nur ein Eingreifen der Reichs- und Handelsgcsetzgebung gründlichen Wandel schaffen. Mit der wünschenswerten allgemeinen Einfüh­rung der Pflichtfortbildungsschule in ganz Deutschland müße aua> die gesetzliche Grundlage geschaffen werden, die Leibesübungen obligatorisch zu machen. Dafür sei aber in her Woche bei. der Ueberlastung der jungen Leute durch Geschäfte oder Werisiatt, Schule und weite Wege kein Platz. Da müsse schon am Sonntag für eine gesunde körperliche Erholung die erforderliche Zeit ge­schaffen werden. Das bewahre die jungen Leute auch vor dem Besuche von Gelagen und größeren Gefahren an dem. einzigen, ganz freien Tage der Woche. .

An die Vorträge schloß sich eine lebhafte Aussprache, an welcher sich u. a. Direktor Dr. Platow-Zehlendorf, Geh. Ober­regierungsrat Dr. von Seefeld-Berlin und Sanitätsrat Dr. Schmidt beteiligten.

Das war ein herzerfreuender Anblick, beit der Kieler Sport- und Spielplatz bot. Das für die ganze Anlage von der Stadt hergegebene Gelände ist 23 Hektar groß. Für Volks- und Jugendspiele stehen 120 000 Quadratmeter zur Ver­fügung. Das Spiel, welches uns Süddeutsche am meisten fesselte, war das Schlagballspiel ohne Einschenker. Insbesondere überraschten uns die gewaltigen Schläge mit den über ein Meter langen Schlaghölzern, durch die der harte Lederball meist in hohem Bogen über das weite Spielfeld getrieben wurde, sowie die große Geschicklichkeit, mit welcher der Ball von der gegnerischen Partei mit einer Hand aus der Lust gefangen wurde. Außer Schlagball wurden Faustball, Tamburinball, Fußball gespielt; außerdem fanden Wettläufe, Barlauf, Eilbotenlauf und Wett­kämpfe im Tauziehen und dergleichen statt. Jfür den Bericht­erstatter war es überraschend, zu sehen, daß die Mädchen ebenso kräftig und schneidig spielten Ivie die Knaben und meistens in Hosen ohne Röcke, so daß sie zuweilen nur schwer von dem männlichen Geschlecht zu unter­scheiden waren.

Sodann fanden Wettkämpfe und Vorführungen fremder und einheimischer Spiel- und Sportvereine statt. Unter anderen kamen zwei eigenartige norddeutsche Wettkampfarten, das Trillspiel und Boßeln, zur Ausführung. Das Boßeln ist ein Kampfspiel der Bewohner der schleswig-holsteinischen Westküste. Es toirb mit einer hölzernen Kugel geworfen, die sieben mit Blei ausgegossene Bohrlöcher besitzt. Beim Trillspiel wird eine runde Holzscheibe der Trill" mit kräftigem Wurf vorwärts getrieben, so daß sie möglichst weit rollt.

Nach der Kirche begannen die weiteren Kongreßverhandlungen. Prof. Keßler-Stuttgart überbrachte Grüße des Vorsitzenden der Deutschen Turnerschaft Dr. med. F. Gsietz. Prof. Dr. Kohl­rausch-Hannover überbrachte gute Wünsche des Deutschen Turn­lehrervereins und Prof. Dr. Schmidt-Bonn solche des Deutschen Vereins für Schulgesundheitspflege. Prof. Dunker aus Rends­burg sprach über das Thema:Der 2. September, ein Nationalfesttag der deutschen Ingen b." Der Red­ner stellt es als sine Notwendigkeit für ein Volk hin, regel­mäßig nationale Feste zu feiern. Allerdings müßten Volksfeste würdig gefeiert werden und zwar mit Wettkämpfen in Leibes­übungen, die so wichtig sind für die Jugend in Bezug auf die Charakterbildung durch Selbsterziehung und Enthaltsamkeit gegen­über dem Genüsse von Alkohol. Prof. D. fordert, daß in Zu­kunft das Sedansest tunlichst überall in Deutschland regelmäßig mit Wettkämpfen in den Leibesübungen gefeiert werde.

Den zweiten Vortrag hielt Universitätsprofessor Dr. Unzer- Kiel:Zur Geschichte der deutschen Spielbewe- g u n g." Dieser Vortrag wurde plötzlich durch ein Trompeten- signal unterbrochen, und in den Saal kam der letzte Bote voM Eilbotenlauf von Schülern höherer Lehranstalten durch Schleswig-Holstein vom Knivsberg an der Nordgrenze bis Kiel. Er überbrachte in einer verschlossenen Rolle aus Eichenholz eine mit dem Bilde des Knivsberqdenkmäls geschmückte Pergament­rolle. Nahezu 700 Schüler von 12 höheren Schulen von Prima bis Quarta hatten sich freiwillig an dem großen Eilbotenlaus beteiligt. Die Strecke von rund 125 Kilometern war in 5% Stunden durchlaufen worden, das sind 2,76 Minuten für den Kilometer! Der ganze Lauf war ohne i ebenUnfall ausgeführt worden. Den Schluß des Kongresses btfbete nn Fest­essen. ________

Vermischtes.

* lieber römischen und germanischen Getreide bau stellte Universitätsbibliotheknr Dr. Gradmann-Tübingcn m. einem Bortrage, den er im Anthropologischen Verein m Stutt­gart hielt, neue Gesichtspunkte auf, die für die geschichtliche Bo­tanik und für die Ethnographie von nicht geringem Interesse sind. Veranlaßt wurde der Redner zu eingehenden Studien aus dem Gebiet des römischen und germanischen Getreidebaues durch einen Getreidekörnerfünd bei der Ausgrabung einer römischen Villa in Betzingen bei Reutlingen. Bei seinen Fortsetzungen kam Dr. Gradmann zu dem Ergebnis, daß im Gegensatz zu der herrschenden Ansicht, die Landwirtschaft der Germanen sei von der römischen völlig abhängig gewesen, es der Wirklichkeit ent­spreche, daß eher der germanische Getreidebau besser und an Arten reicher gewesen sei als der römische. Schon vor der römischen Zeit waren die Germanen mit dem huhern Ackerbau, mit Pflug und Rind bekannt, und während der römischen Kaiser- zeit war der germanische Getreidebau so blühend, daß wiederholt von der Einfuhr deutschen Getreides, sogar von der Ansiedlung deutscher Getreidebauern in Italien die 3ir.be ist. Auch die Be­trachtung der einzelnen Getreidearten nach ihrer Verbreitung be­stätigt das Uebergewicht der Germanen. Denn die Ansicht der alten Kultnrhistoriker, die drei gemeinsam auftretenden Arten Weizen, Gerste und Hirse seien von den Römern aus die Ger- 1 menen gekommen, ist durch die Funde widerlegt, wonach b~ e