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Der dicke war ganz bleich geworden.
Ah, dieses Schurkengesindel! rief er. Nun wundere ich mich nicht mehr über das Trinkgeld, das sie mir gegeben haben. Jur ganzen dreißig Franken für die Fahrt. Berdammtcs Geld. . . wenn ich's nicht ausgegeben hätte, schmiß ich's . . .
Und wohin haben Sie sie gefahren?
Rue de Bourgogne. Die Nummer hab ich vergessen; aber ich werde das Haus wiedererkennen.
Leivcr werocn üc nfdlt bei ihrer eigenen Wohnung ahge- stiegenfein.
Wer weiß? Ich habe sie klingeln sehen. Die Schnur wurde angezogen, und gerade als ich abfuhr, gingen sic ins Haus hinein. Soll ich Sie hinfahren?
Lecoq sprang in die Droschke und tief: Ja, ja!
14, Kapitel. <
Durfte man annehmen, daß die Frauen, die im Augenblick des Mordes aus der Schenke der Witwe Chopin entflohen waren, jeder Vernunft entbehrten? Nein!
War cs denkbar, daß die beiden Fliehenden, die sich ihrer gefährlichen Lage wohl bewußt waren, fich in einer auf offener Straße angehaltenen Droschke nach ihrer Wohnung hatten fahren lassen? Abermals nein!
Tic von dein Kutscher ausgesprochene Hoffnung war also unwahrscheinlich. Lecvg sagte sich dies alles, trotzdem war er ohne Zögern in beit Wagen gestiegen. Er folgte dabei einem auf reiflicher Ueberlegung beruhenden Grundsatz, dem er später seinen großen Ruf verdankte, und der also lautete:
Statt man einem Kriminalfall nachgeht, so mißtraue man der Wahrscheinlichkeit. Int Anfang glaube man immer das anscheinend Unglaubliche.
Andererseits machte sich Lecoq den Kutscher zum guten Freund, Indem er seinen Vorschlag annahm; er konnte also auf reichlichere Auskunft hoffen. Und endlich !var es ein Mittel, mog- lichstj schnell nach dem Innern von Paris zurückzugelangen.
In einem Augenblick war der Wagen itt den Straßen der Stadt, und Lecoq nahm seine Fragen wieder auf, indem er sagte:
Hören Sie, guter! Mann, Sie haben mir die Geschichte im Groben. erzählt, jetzt hätte ich noch die Einzelheiten nötig. Wie war es, als die beiden Frauen Sie ansprachen?
Tns war sehr einfach. Ich hatte am Faschingssonntag einen verflixten Tag gehabt. Sechs Stunden auf bett Boulevards gewartet, und die ganze Zeit über Regen! Eilt wahres Elend! Uni Mitternacht hatte ich int ganzen dreißig Sous Trinkgeld. Aber mir tat das Kreuz so weh, und mein Pferd war so Müde, daß ich beschloß, nach Hanse zu fahren. Ich war Astig, das können Sie glauben! Da bemerke ich in der Rue du Chevaleret, eben bei der Rue Picahd vorbei, von weitem! zwei Frauen unter 'einer Gaslaterne stehen. Natürlich bekümmere ich mich nicht Um sie, denn die Weiber... in meinem Alter. . .
Weiter! unterbrach ihn der junge Beamte.
Ich fahre also an ihnen vorüber, und als sie anfangen, mich zU rufen: „Kutscher! Kutscher!", da tue ich, als höre ich nichts. Aber da läuft die eine mir nach und ruft: „Einett Louis! eilten Louis Trinkgeld!" Ich überlegte schon, da setzte sie noch hinzu: -„Und zehn Franken fijr die Fahrt!" Sofort halte ich.
Lecoq kochte vor Ungeduld, aber er fühlte, daß er mit direkten Fragen doch nichts erreichen würde. Es war das Klügste, alles anzuhören.
Sie begreifen, fuhr der Kutscher fort, daß man sich um solche Nachtzeit in der Stadtgegend auf derartige Frauenzimmer nicht verläßt. Ich sage also zu ihnen, als sie herankommen um ein» Ansteigen: Halt ihr! kleinen Fräuleins, man hat dem Papa Mo- neten versprochen! Wä sind die? Sofort reicht die eine mir netto dreißig Franken hin und sagt dabei: Vor allem, gut zugefahren!
Man kann wirklich nicht genauer sein! lobte Lecoq, Nun sagen Sie mal, wie sahen diese beiden Frauen aus?
Sie meinen?
Ich frage, wonach sie aussahen, wofür; Sie sic gehalten haben?
Ein breites Schinnnzeln verklärte das gute rote Gesicht des Kutschers, als er antwortete:
Na! sie sahen mir aus wie zwei — wie zwei, an denen yiicht Viel Gutes ist!
Aha! Und wie waren sie angezogen?
Wie die Fräuleins, die zum Tanz nach dem „Regenbogen" gehen, verstehen Sie? Das heißt, die eine war gut angezogcii, die andere dagegen — oh je, oh je! was sich 'ne Schlumpe!
WeW ist Ihnen ttachgelaufett?
Die schlumpige, die. . .
Er unterbrach sich; eine Erinnerung kam ihm plötzlich so lebhaft, daß er mit aller Macht am Zügel zog.
Tonnerwetter! rief er, ich habe dabei eine Bemerkung gemacht. Die eine von beit beiden Spitzbübiiincn nannte die andere „Madame", Madame hinten und Madame vorne, während diese sie duzte und anfuhr.
Oh! oh! oh! rief der junge Polizist dreimal in verschiedenem Ton. Und, bitte, welche sagte du?
Die schlecht ungezogene. Mit der war nicht gut Kirschen essen. Sic schüttelte die andere wie einen Pslaumenbaum. „Unglückliche!" sagte sie zu ihr, „tvillst du uns ins Verderben bringen. Tn kannst ohnmächtig werden, wenn wir zu Hause sind. Marsch!" Und die andere antwortete weinerlich: „Wahrhaftig, Madame, wirklich und wahrhaftig, ich kann nicht!" Und sie sah dabei so aus, als ob sie nicht konnte, daß ich bei mir dachte: >,,Na, die hat aber einen guten Schluck über den Durst genommen!"
Tas waren ungeheuer' wichtige Einzelheiten, die Lecoqs erste! Vermutungen bestätigten und zugleich berichtigten. Also, die gesellschaftliche Stellung der beiden Frauen tvar, wie er angenommen hatte, nicht die gleiche. Nur hätte er sich getäuscht, indem er die Frau mit beit feinen Stöckelschuhen, der die Kräfte ausge- gangcn waren, für die Herrin hielt. Dies war vielmehr die andere, die nach ihren Fußspuren zu schließen, breite und platte Schuhe getragen hatte. Dem höheren Range hatte auch die höhere Energie entsprochen. Lccog war jetzt fest überzeugt, daß die eine die Dienerin und die andere die Herrin gewesen war.
Ist das nun alles? fragte er den wackeren Kutscher.
Alles! antwortete dieser. Nur habe ich noch bemerkt, daß die, die mir das Geld gab, die in den schlechten Kleidern, eine Hand hatte, oh, eine richtige Kinderhand, und trotz ihrem Zorn war ihre Stimme so süß, wie 'ne Musik.
Haben Sie ihr Gesicht gesehen?
Nur ein wenig. #
Können Sie wenigstens sageii, ob sie hübsch, ob sie braun oder blond ist?
So viele Fragen auf einmal machten den würdigen Kutscher ganz wirbelig.
Warten Sie 'n bißchen! antwortete er. Nach meiner Idee ist sie nicht hübsch, ich halte sie nicht für jung, aber ganz gewiß ist sie blond, mit viel Haar.
Ist sie groß oder klein, dick oder dünn?
So zwischen beiden.
Das war unhestiutmt!
Und die andere, fragte Lecoq, die nett angezogene?
Ja, von der habe ich nichts gesehen! Sie schien mir klein, sonst weiß ich nichts.
Würden Sie die andere, die Jhneit das Geld gab, wiedcr- erkennen, wenn man sie Ihnen verstellte?
Nä, das nicht.
Ter Wagen war in der Rue de Bourgogne angekommen; der Kutscher hielt sein Pferd an und sagte:
Achtung ! Da ist das Haus, wo die beiden Frauenzimmcv hincingegaugen sind... da drüben!
(Fortsetzung folgt.)
Die pflege des Volkslieds.
Vor kurzem wurde uns die erfreuliche Kunde von dem Zusammenschluß eines größeren Teils der Bünde und Münnergesangvereine unseres engeren Vaterlandes zu einem „Mitteldeutschen Sängerverbande". Der Verband trat unter dem Vorsitz des Provinzialdirektors Herrn Geheimer«! Dr. Breidert ausschließlich mit dem hohen und idealen Ziele: „der Förderung des Volksliedes und des volkstümlichen Liedes", ins Leben und legt dantit das beredteste Zeugnis dafür ab, daß man sich nicht nur in einigen wenigen Kreisen von der Wichtigkeit des Volksliedes überzeugt hat, sondern daß gerade aus dein Herzen unseres Volkes heraus der Wunsch nach regerer Betätigung auf diesem Gebiete laut wird. In Erkenntnis dieses Umstandes mag es für unsere Kunst- und Musikfreunde von besonderem Interesse sein, zu lesen, was einer der hervorragendsten und eifrigsten Förderer der Pflege des Volksgesanges — der bekannte' Lautenspieler und Gesangsmeister Robert Kothe aus München — über den ideellen Wert des Volksliedes im allgemeinen und dessen Pflege bei der Hausmusik schreibt:
Jin Garten uitserer Kunst sprudelt ein Jungbrunnen, aus dessen klarem Born sich unzählige Geschlechter Jugend, Glück und Erlösung vont Drucke des grauen Alltags getrunken haben. Die Wäge freilich, die zu ihm führen, sind rugewachsen und von fremdem Laubwerk überwuchert worden; doch immer wieder dringen Wanderer durch das Dickicht zu dem verschwiegenett Quell, der aus tiefstem Erdreich siA


