1908
Samstag oen 12. September
■ Der Dorfkönig.
Roman voll Karl Böttcher- Ehemnitz.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Es war zu Mldeutschlands Jubeltag!
Draußen in Versailles erhoben deutsche Fürsten den greisen Preußenkönig auf Barbarossas Thron.
An diesem höchsten Festtage pilgerte am frühen Morgen jener Müllerbnrsche fort aus Oschatz. Diesmal mit warmer Kleidung und hoffnungsvollen Herzens.
In der Dämmerung zog er in Leipzig ein. Doch da spürte ntan nichts von Dämmerung, das glänzte unb gleißte alles in totem und grünem Buntfeuer, das flackerte alles in tausend und abertausend Aeuglein auf den Fensterstöcken und Häusersimsen bis hoch hinauf unter die Dächer. — Und auf den Straßen jubilierte das Volk, die Polizisten drückten sich in die Ecken, denn auch ihr alteS Soldatenherz bebte in stolzer Freude ob der Einigung Dcntsch-- lands — und fotoen sie an diesem Tage einen überlauten Schreier, der Deutschlands Ruhmestag zu kräftig feierte, am Kragen packen?!
Aber den Handwerksburschen, der an beit Häusern hinschlich und den großen Kasten auf dem Rücken schleppte--den
konnten sie sich genauer ansehen. — Der Bursche ging ruhig mit.
„Desto besser," dachte er, „so können sie mir eine Mühe ersparen; — so erfahre ich doch am besten, wo der Kommerzienrat Enkau wohnt."
Auf der Wache revidierten sie sein Buch. — Das stimmte.
„Und was haben Sie in dem Kasten?" fragte der Wachtmeister.
„Ein Mühlmodell."
„Ja so, Sie sind Müller. — Und wohin wollen Sie nun?" „Zum Kommerzienrat Enkau."
„Na — Schönborn, führen Sie den jungen Manu hin!"
Nun girtg'9 wieder fort, durch Straßen und Gäßchen und Gäßchen und Straßen. — Endlich standen sie vor der kompakten Villa.
Dem Burschen ward cs ängstlich ums Herz. Beklommen starrte er zu den hohen, hellerleuchteten Fenstern empor. Er trat etliche Schritte näher bis zur Einfahrt. Das wehte warnt und wohlig daraus hervor. Da kam ein alter, graubärtiger Diener.
„Was will er?" fragte “er gutmütig.
„Ich möchte Herrn Kommerzienrat Enkau mal sprechen.
„Das wird schwer halten. Wir haben heute große Gesellschaft — Na — komm Er wenigstens mal ’rein!",
Der Müllerbursche trat zögernd ein. Nach etlichem Hin- und Herreden ging der Lakai in die Festsäle.
„Wenn der Herr ist wie sein Diener, dann mag es sein," dachte der Müllerbursche.
Da kant auch schon der Lakai zurück. „Was Sie vom Herrn KdmMerzienrat wünschen, läßt er fragen."
„Ich Hütt' ihm eine wichtige Mitteilung zu machen."
Der Bedienstete schlürfte fort. Nach geraumer Weile kehrte er zurück und winkte dein Burschen.
Nun ging cs durch mächtige Vorsüle und über breite Marmor- treppen, bis endlich der Lakai eine Flügeltür aufriß und den Burschen durch eilte Gebärde aufforderte, einzutreten.
Im selben Augenblick öffnete sich an der andern Seite eilte Tür und ein hoher, alter Herr trat ein.
Der Bursche prallte zurück. ,
„Na nu, junger Freund, warum erschrecken Sie so?"
„Weil--weil Sie gerade so aussehen, irrte unser neuer
Kaiser," sagte der Bursche treuherzig.
Der Kommerzienrat lächelte gütig. „Und was bringen Sie?"
„Zunächst einen Brief."
Der Herr öffnete ihn und fuchte nach der Unterschrift.
„Ah — — von meinem alten Freunde Naumann in Oschatz!" --- Während er las, glitten seine Augen öfters und immer erstaunter nach dem in bescheidener Haltung dastehenden Jung- ling.
„Herr Naumann schreibt. Sic hätten eine äußerst praktische. Mahlvorrichtung erfunden, die er in feinem kleinen Betriebe nicht verwerten könne, in unserm großen aber von unschätzbarem Werte sei.---- Zeigen Sie mal her! — In dem Kasteit Mer haben
Sie doch wohl--?"
„Das Modell — gewiß."
Alle Scheu war bei dem Burschen verflogen; er erklärte dem Kömmerzicnrat eingehend das peinlich und sauber gearbeitete Modell und führte cs auch vor.
„Famos, ganz famos! — — Wie heißen Sie?"
„Harald Emmrich!"
„Nun Herr Emiurich; wenn sich die Sache bewährt, was! wollen Sie haben für das Ding?"
Harald trat einen Schritt zurück und biß die Lippen aufeinander. Vor dieser Frage hatte ihm gebangt. Im letzten, tiefsten Winkel seines Herzens lauerte eine Hoffnung. Die hieß: Hundert Taler.
Aber keine Macht der Erde hatte ihn vermocht, diese Forderung zu stellen, sie lag festgeknebelt, geknebelt von der Angst, als Unbescheidener hinausgetvorseu zu werden samt seiner Erfindung. ।
„Machen Sie ein Angebot!" sagte er endlich zum Kommerzienrat.
Enkau überlegte einen Augenblick und überflog noch einmal prüfend das Modell.
Das waren Augenblicke schrecklicher Qualen für Herald.
„Vorausgesetzt, daß sich Ihre Erfindung bewährt, biete ich Ihnen — zwanzig tausend Taler."
Herald Emmrich wankte.
„Ist Ihnen das zu wenig?"
„Zu viel! — Zu viel!!--Geben Sic mir weniger, die
Hälfte oder den zehnten Teil und dazu eine Anstellung in Ihrem! Werk."
„Die bekommen Sie natürlich obendrein — müssen doch nach erfolgtem Umbau das Werk leiten. Dafür sollen Sie ein Jahresgehalt von--na — zunächst mal tausend Talern haben, später
mehr."
Null klingelte der Alte dem Lakai,.


