Donnerstag den 10. Dezemver

W

ii

(BH-

[iffi

Der alte Musikant.

Bo» Wilhelm Holz am er.

(Nachdruck verboten.)

Den Alteit hatte er fchoit zum Tanz aufgespielt und letzt spielte er auch den Jungen, beit Enkeln, mit den: Froh­mut und fast mit dem Feuer der Jugend. Und wo der alte Jakob Veit spielte, da ging's immer noch am lustigsten her, da Ivar am besten tanzen. Da war auch der rechte Genuß, der den Alten immer eine liebe Freude, den Jungen eine reine Erinnerung blieb, weil in allem das rechte Maß war. Denn dafiir sorgte schon der Veitjakob, und er genoß auch das Ansehen dazu. Er hielt auf Ordnung. Wenn er vom Orchester herunterstieg, sein schwarzbraun Samtkäppchen auf deut langen, grauen Haar und die große Stahlbrille auf der starken Adlernase, daun machte ihm jeder Platz, wie's nur oem Pfarrer geschah oder dem alten pensionierten Schul­lehrer Andreas Krafft, der schon der Eltern Lehrer gewesen war. Jakob Veit ging dann zu den Alten und machte seine Scherze mit ihnenMusikantenspäß" nannten sie's und trank ihnen zu. Und er ging zu den Jungen, erzählte eine Schnurre und hing gefällig und unaufdringlich eine Lehre daran, die ihr Verhalten betraf. Daun nahm er auch gern das angebotene Weinglas, wenn er fröhliche Gesichter und helle Augen sah, stieß mit den Burschen an und mit den Mädeln und trank ihnen einen kräftigen Schluck zu. Lustig fein", meinte er immer,das sei das einzig Gute und Rechte einem lustigen Burschen und einem fröhlichen Mädel, denen fei immer zu trauen nur den Heimlichen nicht und den Kopfhängern. Tie könnten nie abwarten, bis der Tanz zn Ende sei, um sich dann fortzustehlen die aber eine rechte Lust am Tanzen hätten und sich dabei so aus ganzem Herzen freuen könnten, denen käme kein anderer Gedanke^uud arger Wunsch." ,

Dabei ging sein Köpflein flink wie bet entern Starlem, und wenn "er so ein wenig einhielt und mit den Lippen leise schmatzte, sah er jeden und jede im Kreise herum an, liebenswürdig, scharf denn e inmal mein le er, man Müsse mit der Jugend über alles reden und reden können, das fei das Beste und einzig Richtige und dann meinte er, nur bei einer offenen Rede könne man wirklich in dte Herzen sehen. Uni) er tat's allemal.

Hiernach ging er beruhigt auf sein Orchester hinauf denn er wusste, wie's bei der Jugend stand, und er kannte ihren Sinn. Er lächelte still vor sich hin, und beim nächsten Tanze sprang sein Bogen nur leichter und munterer über die Saiten. Dann sahen die Alten ans, lachten und lauschten; die Jugend aber ward noch fröhlicher. Betts Spiel ging dann allen ins Gemüt. Die Alten aber sagten:Hort mal wieder den Beitjakob! Wie der wieder da hort nur mal! Wenn der Beitjakob mal iiicht mehr geigen kann, dann stirbt er! Daun stirbt et - das Geigen ist sein Leben!

Jakob Veit aber wußte, wie jetzt fein Spiel wirkte

er blickte über die Brille weg hinunter und nickte da und dort hin und husch war ihm ein Lauf oder ein Triller oder Doppelschlag aus den Fingern gesprungen, keck zwischen die Melodie hinein. Und dabei sprang sein Herz mit.

Ja, dies Herz! Das war das ganze Geheimnis von der Wirkung seines Spiels. Fröhlich hatte er sich sein Herz behalten, so recht kindlich und jung. Daß es immer nach dem Heiteren und Leichten verlangen mußte, und immer das Heitere und Leichte auch fand. So hatte er sich's be­halten in allen Lebenslagen.

Seine schönsten Freuden aber, die drückte er in Tönen aus, in ein paar ganz einfachen Tönen in einem Triller, einem Lauf, einem Doppelschlag, wenn sie ihm wie lustige Lacher in die Stücke hineinsprangen. Und vieles von dem, was er spielte, war ja nichtssagend für sich, aber er sagte etwas damit. Das Unbedeutendste ward bedeutend in seinem Empfinden, und für alles hatte er die gleich innige Hin­gebung und Liebe. Er liebte die Musik und lebte sie, und vor jedem ihrer Töne hatte er eine so hohe Achtung, daß er jedem den gleichen Wert gab und die gleiche Sorgfalt an- gedeihen ließ.

Und so war's gekommen, daß er alt und grau geworden war, aber jedesmal kinderjung wurde, wenn er seine Geige strich. Und das hatte sich ihm auch auf alles im Leben übertragen. Er sah die Welt mit den Augen seiner Jugend an, und nur selten kam sie ihm anders vor. Ebenso selten berührte ihn eine Veränderung tiefer. Er sah in allem Leben das Lichte und fielen Schatten in seine Seele, wußte er, wo er eine Zuflucht finden konnte und fein Heil. Dann geigte er eben so lange, bis es wieder hell ward in ihm. Für alles hatte er einen Trost in der Sprache der Tone, und von manchem guten Wort, das er zu sagen wusste, konnte man beinahe behaupten, daß es sich aus seiner Musik

herausgesormt habe. ,

So war er ein rechter Künstler, tote er seiner 9Jcit|u lebte, obgleich er nur ein simpler Musikant war. Die hohe Schulung war ihm ja wohl fremd geblieben, aber da er den Ausdruck des Elementaren voll erfaßt hatte und sich darin genügen konnte, empfand er nie eine Sehnsucht nach ihr.

Er war glücklich. Ein altes Kind und ein jugendlicher Greis und sein Lachen war zn allen Zeiten frisch tote Bergwasser und quellhell. ,

Niir dann schlich sich in neuerer Zeit 'Ctite leichte Be­trübnis in sein Herz ein, wenn neue Noten kamen. Er sagte nichts zu den anderen, oder nur selten wenigstens zeigte er ihnen, daß er nicht so recht begeistert war.

Das wollte nicht in seinen Sinn, was da neu kam. Es war ihm gar oft eine fremde Sprache, weltfremd sozn- sagen und sein Herz blieb kalt von ihr. Er konnte e» nicht lieben es war ihm kein Genuß. Damm verwarf er's in feinem Sinn. Und war er zu §flufe allenr, dann orholtM er sich, kramte, einen ganz alten Marsch oder Walzer hervor, spielte sich den und fang und pfiff ab­wechselnd dazu so ganz allein in seinem Stübchen, wo-