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Tiefer Brief, dachte er, ist ganz gewiß iit einem Kaffeehaus des Boulevard Beaumarchais geschrieben worden'. In welchem? Tas werde ich herausbringen, denn dieser Lachcneur m u ß auf- gefunden werden.
Während die Beamten Von der Polizeipräfektur um den Kommissar herumstanden und berieten, begannen die Aerzte ihre peinliche Aufgabe. Mit Hilfe des diensteifrigen alten Absinth hatten sie den Leichnam' des falschen Soldaten entkleidet und prüsten nun, über ihren „Gegenstand" geneigt, wie Mediziner in der Anatomie, mit aufgekrempelten Hemdärmeln die Beschaffenheit und den Bau des Körpers.
Ter jüngere bon den beiden Aerzten hätte sich gerne mit den pach feiner Meinung lächerlichen und gänzlich überflüssigen Formalitäten möglichst schnell abgefunden, aber der Alte hatte von dem Beruf eines gerichtlichen Sachverständigen eine zu hohe Meinung, um auch mir die geringste Kleinigkeit außer Acht zu lassen.
Mit der peinlichsten Genauigkeit notierte er also die Körpergröße des Toten, dessen mutmaßliches Alter, Farbe und Länge der Haare, sowie die Entwicklung des Muskelsystems.
Hierauf gingen sie zur Prüfung der Wunde über. Lecog hatte ganz richtig gesehen. Tie Doktoren stellten eine Zertrümmerung der unteren Schädelhälfte fest. Diese konnte, so erklärten sie, pur durch 'einen Schlag mit einem Werkzeug von großer Oberfläche oder durch einen Stoß des' Kopfes gegen einen sehr harten Körper von ziemlich bedeutender Ausdehnung hervorgebracht sein. Es war aber durchaus keine Waffe aufgefunden worden außer dem Revolver, dessen Kolbest nicht stark genug ivitr, um eilte derartige Wunde zu verursachest. Daraus ging also mit unabweisbarer Bestimmtheit hervor, daß zwischen dem Mörder und dem falschen Soldaten eilt Kampf Leib an Leib stattgefunden, und daß ersterer, feinen Gegner am Halse packend, dessen Schädel gegen die Wand gestoßen und so zerschmettert hatte. Das Vorhandensein sehr zahlreicher ganz kleiner Abschürfungen am Halse gab diesen Schlußfolgerungen die allergrößte Wahrscheinlichkeit.
Eine andere Verletzung wurde nicht gefunden, feine_ Beule, keine Kratzwunde, nichts ! Daraus ging klar hervor, daß dieser tödlich erbitterte Kamps außerordentlich kurz gewesen sein mußte. Er hatte sich zwischen dem Augenblick, wo die Patrouille einen Schrei gehört und dem', wo Lecoq durch die Oeffnung im Fensterladen das Opfer hatte Hinfinken sehen, abgespielt.
Die Untersuchung der beiden anderen Individuen erforderte Noch größere Vorsicht als die des Soldaten. Man hatte sie in ihrer Lage gelassen, da Mn aus dieser wertvolle Schlüsse mußte ziehen können. Diese Lage war so, daß unzweifelhaft der Tod augen- blicftich erfolgt sein mußte. Alle beide lagen auf dem Wicken, die Beine weit von sich gestreckt, die Hände offen. Keine krampfartigen Verzerrungen der Muskeln, keine Spur von entern Kampfe; sie waren wie vom Blitz getroffen hingesallen.
Dxr Gesichtsausdruck des einen wie des anderen zeigte ein Mf die Höhe getriMnes Entsetzen. Man konnte daraus schließen, haß die letzte Empfindung ihres Daseins nicht Zorn und Haß, fonddru Schreck gewesen war.
• Ich habe allen Grund zu glauben, sagte der ältere Arzt, daß sse durch, irgend eistest ganz unerwarteten Anblick vor Schreck drsMrt tvaren. Diesen Ausdruck höchster Furcht, den ich an synHl bemerkte, habe ich bisher! nur ein einzigesmal gesehen, nämlich M einer alten FrM, die vor Entsetzen gestorben war, als eine Nachbarin, die sich zum Scherz als Gespenst verkleidet hatte, plötzlich in ihr Zimmer trat.
Lecoq schlürfte sozusagen diese Auseinandersetzungen des Arztes in sich eist; er suchte diese Erklärung mit seinen eigenen unbestimmten Vermutungen zu vereinbaren.
Mer wer konnten die Menschen sein, die von einer solchen Furcht ergriffen waren? Würden auch sie, wie bet andere, das Geheimnis ihrer Identität bewahren?
Ter erste, den die Aerzte Untersuchten, hatte das fünfzigste Jahr überschritten. Seine Haare waren spärlich und schon mit weißen Fäden untermischt; sein ganzer Bart war abrasiert, mit Ausnahme eines dichten und struppigen roten Busches unter seinem weit vorspringenden Kinn. Er war elend gekleidet; seine Hosen hingest in Fransest über die ausgetretenen Stiefel; feine schwarz- tzoollene Bluse war mit Flecken übersät. Ter Mann war, zufolge der Erklärung des alten Doktors, durch einen aus unmittelbarer Nähe abgefeuertest Schuß getötet; die Größe der kreisrunden Wunde, das Fehlen von Blut an ihren Rändem; das bloßliegende, vom Pulver geschwärzte, verbrannte Fleisch, bewiesen dies mit mathematischer Sicherheit.
. Mie außerordentliche Verschiedenheit der Schußwunden, je uach- beut die Waffe aus größerer oder geringerer Entfernung abgefeuert ist, sprang ist die Augen, als die Aerzte mit der Leichenschau .Hess letzten Unglücklich^ begannen. Die, Kstgel, die ihm den Tod,
gebracht, mußte mindestens einen Meter von ihm entfernt ab- geschosfen fein; die Wunde hatte daher nichts von dem entsetzlichen Aussehen der anderen. Dieses Individuum war mindestens 15 Jahre jünger als seist Kamerad, klein, gedrungen und auffallend häßlich. Sein vollkommen bartloses Gesicht war von Blatternarben zerfressen. Seiner Kleidung Nach war er einer von den gefährlichen Bummlerst, die sich bei den Barrieren herumtteibcn. Er trug eine dunkel- und hellgrau gemusterte Hose und eine offene Bluse mit Umlegekragen. Seine Halbstiefel waren gewichst gewesen. Die kleine Mütze aus Wachsleinwand paßte zu feinest geölten und sorgfältig in die Stirn gekämmten Haaren und zu seiner in einen großen Knoten geschlungenen Krawatte.
Weiteres ging aus der Untersuchung der Aerzte und aus der Visitierung der Polizeibeamteu nicht hervor. Vergebens kehrte man die Taschen der beiden Männer um; sie enthielten nichts, was einen Anhaltspunkt für die Feststellung ihrer Persönlichkeiten, ihrer Namen, ihres Berufes hätte bieten können. Nichts! leist noch so unbestimmtes Kennzeichen, keinen Brief, keine Adresse, keinen Fetzen Papier. Nichts! nicht einmal einen jener kteinenj Gegenstände zum täglichen Gebrauch, wie einen Tabaksbeutel, eist Messer, eine Pfeife, die zuweilen zur Erkennung führen können. Tabak in einer Papierdütc, Taschentücher ohne Zeichen, Zigarettcn- schachteln — das war alles, was man fand. Ter ältere von beiden hatte 67 Franken lose in der Hosentasche, der andere trug zwei Louis bei sich.
Selten hatte die Polizei ftch einem so schweren Fall mit so wenig Anhaltspunkten gegenübergesehen. Wgesehen von der Tat selbst, die durch die drei Opfer nur zu klar begrenzt war, wußte sie gar nichts, weder von den Umständen noch vom Beweggrund, und die in weiter Ferne sich zeigenden Wahrscheinlichkeiten machten das Tunke! nur noch dichtest anstatt es auszuklären.
Der Mörder war verhaftet, aber wenn er bei seinem Schweigen beharrte, wie sollte man ihm seinen Nanien vorhalten? Er beteuerte seine Unfchuld; wie konnte man ihn mit den Beweisest seiner Schuld erdrücken?
Ueber die Opfer wußte man überhaupt nichts ; und das eine derselben hatte sich selber angeklagt! Ein unerklärlicher Einfluß band der Witwe Chupin die Zunge. Zwei Frauen, von denen die eine einen Ohrring im Werte von 5000 Franken verlieren konnte, waren bei dem Streit zugegen gewesen, dann aber verschwunden. Ein Komplize war entwischt, nachdem' er zwei Handlungen von unerhörter Kühnheit gewagt hatte.
Und alle diese Leute: der Mörder, die Frauen, die Wirtin, der Komplize und die Opfer waren in gleicher Weise verdächtig; seltsam, von ihnen allen war anzunehmen, daß sie lischt das wären, wonach sie aussahen. , .
Der Kommissur zählte mit ziemlich trauriger Stimme noch einmal alle seine Eindrücke auf. Vielleicht dachte est diese Geschichte würde ihm auf der Präfektur ehte unangenehme Viertelstunde bereiten.
Vorwärts! sagte er endlich. Tie drei Individuen müßen nach der Morgue gebracht werden. Dort werden sie ohne Zweifel er- kamtt werden.
Und nachdenklich setzte er hinzu: „
Wenst vielleicht einer von den Toten Lacheneur wäre!
Das ist nicht sehr wahrscheinlich, bemerkte Lecoq. Der falsche Soldat, der die beiden anderen überlebte, hatte seine beiden Gesellen fallen sehen. Wenn er Lacheneur für tot hielt, so würde er nicht von Rache gesprochen haben. r
Gßvrol, der seit zwei Stunden mit offenbarer Absichtlichkeit sich abseits gehalten hatte, trat aN die andern Heran. Er war nicht der Mann, selbst dem Augenschein gegenüber von seiner Meinung abzugehen, und sagte daher:
Wenst der Herr Kommissar mir glauben will, so schließt er sich meiner Meinung ast, die denn doch ein bißchen mehr auf Tatsachen beruht, als die Träumereien des Herrn Lecoq.
Ein Rüdergcrafsel vor der Tür der Schenke unterbrach ihn, und einen Augenblick später trat der Uittersuchungsrichter eist.
(Fortsetzung folgt.)
Wie die Mei zu einer Verfassung kam/)
Stambul, Ende August 1908.
Die Türkei und eine Verfassung — noch vor wenigen Wochen schien sich das gerade fo zusammenzureimen wie ein Gorilla und eine Bartbinde I Wer nun haben wir die Konstitution — und Westeuropa ist baff. Westeuropa ist
*j~ Mit Erlaubnis des Rose-Verlag, G. m. b. H., Berlin SW. 48, entnehmen wir diese Geschichte dem von Paul Kelter heraüsgegebenen „Guckkasten", illustrierte Wochenschrift für Humor, Kunst und Lehen, *


