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Eine Erinnerung aus dem Jahre W- (Original-Beitrag derGieß. Fam.-Bl.").

Versammlung wurde in Ermangelung von abschafsungsbedürftigeit Einrichtungen, um nicht ganz unverrichteter Dinge auseinander zu gehen, einstimmig beschlossen:Die ABC-Bücher sind abge­schafft und die Strickschule wird aufgehoben." Nach diesem west- erschüttcrndcn Ereignis mochte mau nicht auseinandergehen, ohne zuvor, einem Zuge der Zeit folgend, dem Bürgermeister eine so gl Katzenmusik dargebracht zu haben. Mit Kroppendeckeln, altem Blechgeschirr und allen möglichen zum Hervorbringen von un­harmonischem^ Lärm geeigneten Geräten bewaffnet zogen die : Netter des Vaterlandes vor die Wohnung ihres ahnungsloses Bürgermeisters, wo alsbald ein wüster Lärm in Szene gesetzt wurde. Da .wurde sehr bald, wie wcht anders zu erwarten

Kind!Willst du gleich alles auflesen!" Er denkt ja gar! nicht daran. Die Sache gewinnt aber ein ganz anderes Ge­sicht, wenn ich ihm noch eine Zeitung gebe und sage:Sieh! hier, jetzt pflückst du lauter kleine Schäfchen ab (oder wenn er eine Gänseherde kennt, nennen wir es Gänschen) und bringst sie alle in diesen Stall (eine Zigarrenkiste oder eine: Pappschachtel), und die anderen, die da schon liegen, die? bringst du in den Stall hier (noch eine zweite Schachtel) usiv." Das begreift der kleine Mann, die Augen leuchten/ und er geht an die Arbeit. Ich wette, für eine halbe Stun.de hat Mama den artigsten Jungen und eine aufgeräumte Stube dazu. Der Junge hat keine Schelte bekommen, hak ein lustiges Spiel und eine Anregung für seine Phantasie obendrein.

Ein anderer ist auf Papas Schreibtisch geraten; tief ist er in die Tinte gefahren, und hat vielleicht gerade denj Klebstoff beim Wickel, um ihn mit strahlendem Gesicht an den dort lagernden Papieren anzuwenden. Pst! Nicht schelten, oder gar auf die Finger klopfen! Nein, sondern: Ei, Fritzchen, nicht dort schreiben! Komm her, hier wollen wir schreiben! Ein Bleistift, mehrere Blatt Papier find' zur Hand, und das übrige ergibt sich von selbst. Soll es; durchaus der Klebstoff sein, dann auch gut; auf ein Fläsch­chen Klebstoff für 10 Pf. und eine mehr oder mindiep ' schmutzige Schürze kommt es schließlich nicht an. Der Fungy. wird auf den Fußboden genommen, mehrere ausgebreitetef: Zeitungen oder ein großer Bogen Packpapier verhindern, daß der Fußboden" leidet, und nun kann das Vergnügen los­gehen. Stückchen an Stückchen reihen sich bald zu einer Kette zusammen, oder wie man das Produkt der kindlichen Handfertigkeit sonst nennen Ivill.

Nach diesen beiden Stichproben wird sich die findige Phantasie der Leserinnen das übrige ausmalen und die lästigenUnarten" der Kleinen in fröhliches Spiel ober gar in anregende Beschäftigung umwandeln können. Nach der Eigenart des Kindes ausgewähltes Spielzeug wird das übrige tun. Kleine Aufträge,, dies oder jenes herbeizuholen, an diesen oder jenen Platz zu stellen, bilden eine stets will- kommene Abwechslung im Spiel.

Eins sei noch zu erwähnen gestattet. Man gebe nie­mals allgemein gefaßte Aufträge, wie:Geh hin und spiel!" oder:Räum deine Sachen weg!" oder, wenn die Kinder größer sind:Hilf mir ein wenig!" Daraus wissen dis Kleinen nichts zu machen. Die Anregungen müssen bestimmt sein und Einzelheiten treffen. .Helft den Kindern beim Spiel, gebt ihnen dauernd Anregung und Beschäftigung, dann bedarf es kaum eines Verbots.

Ter Bürgermeister Schutz von H. ich sehe ihn noch lebhaft meinem geistigen Auge stehen, den Mann mit dem feisten, glattrasierten Gesicht und mit dem ortsüblichen kurzen blauen Kittel angetan war ein Koufusionarius und stand mit der Logik aus gespanntem Fuße. Er ließ den Redestrom mächtig stießen bei allen passenden und auch unpassenden Gelegenheiten; seine Worte ließen aber sehr oft ein tieferes Denken vermissen. Er war aber sonst ein guter Mann und erfreute sich ob scincst Wohlwollens und seiner Uneigennützigkeit der allgemeinen Liebe seiner Mitbürger. Da kam nun das böse Jahr 1848 mit seinen Schrecken und Aufregungen, und vorbei !var es mit der Beliebtheit unseres Dorfoberhauptes, wie das damals den meisten Bürger­meistern so erging. ' Das Bestehende sollte abgeschafst werden, das Alte sollte fallen, neues Leben sollte aus den Ruinen erblüh». Nach dem Vorbilde der Neuerer in der nahen Stadt ging mau auch in H, daran, sich hiermit zu befassen. In einer erregten Volks-

Deinenr Betätigungstrieb Richtung und Ziel zu geben, das ist deine Sache; das ist Erziehung. Erziehung durch Arbeit, oder wie man es zu nennen beliebt, durch produktives Schaffen, ist in der Gegenwart das wichtigste, weil grund- legende Erziehungsproblem, das die besten Köpfe und- die besten Federn der pädagogischen Welt beschäftigt. Es ist das pädagogische Problem der Zukunft schlechthin. Dies Problem zu lösen, ist freilich nicht der Zweck dieser Zeilen, sie sollen nur ein Beitrag dazu sein.

Langeweile ist die schrecklichste Plage, aber auch die größte Gefahr; das wissen wir alle. Absolute Untätigkeit ist die schwerste Fornr der Kerkerstrafe und hat bisher die allermeisten zum Stumpfsinn, ja zum Wahnsinn ge­trieben. Ob es angeborenen Stumpfsinn gibt, ist eine offene Frage; in der Mehrzahl der Fälle aber ist er an­erzogen, und zwar ohne Zweifel schon in den ersten Jahren der Kindheit.D a s d a r f st d u n i ch t",D a s s o l l st d u u i ch t"; das sind die täglich rasselnden Ketten, mit denen der kindliche Frohsinn, aber auch die kindliche Schaf­fe n s l u st in Fesseln geschlagen werden, nicht bloß ,in der Familie, nein, auch in der Schirle; leider spielt das fürchterlicheEs ist verboten..." auch im öffentlichen und staatsbürgerlichen Leben eine unheilvolle Rolle. Was soll denn aber in der Kinderstube an die Stelle des Verbots treten? Die Arbeit. Bei den Kleinsten Arbeit? Nun gut, nennen tvir's Beschäftigung oder meinetwegen auch Spiel. Man hat von einer Zerstörungssucht der Kinder gesprochen. Die Tatsache, die diesem häßlichen Wort zugrunde liegt, fei zugegeben; die Kinder zerstören tatsächlich viel; aber der Name ist grundfalsch. Schaffenstrieb ist es, die Lust, sich zu betätigen. Schlägt nicht schon das Kleinchen mit der leeren Milchflasche auf den Wagenrand, daß die Scherben fliegen? Aber wo man eingesehen hat, daß ein Verbot zwecklos ist, wie bei dem bewußten Kleinchen, da hat alte Erziehungsweisheit auf Ersatz gesonnen; man hat ihm die bekannte Klapper in die Hand gegeben. Darin haben wir den Schlüssel zu dem ganzen Erziehungsproblem: Die Neigungen des Kindes darf man nicht unterdrücken, son­dern muß sie lenken und fördern. Freilich ist das Verbot bequemer und leichter als Anleitung und Förderung, da­für aber in den allermeisten Fällen völlig wirkungslos und sehr oft verderblich. Den Neigungen des Kindes Rech- nung zu tragen und sie zu benutzen zu zweckdienlicher Be­schäftigung ist ungleich schwieriger und erfordert unaus­gesetztes Beobachten und Nachsinuen. Der Erfolg aber wird dich, verehrte Mutter, beglücken: du erziehst dir nicht nur ein fröhliches und lebhaftes, ein geschicktes und geistig regsames, sondern auch ein anhängliches und dankbares Kind. Wer denkt nicht hierbei sofort an jene unglücklichen Menschen, die nach schweren Verirrungen von ihren Eltern sagen:Sie hatten kein Verständnis für meine Neigungen; sie hatten nur Strenge für mich und stießen mich von sich."

Wie aber ist der Schaffenstrieb des Kindes zu nützen und zu fördern? Ja, das kann dir, sehr geschätzte Mutter, im einzelnen niemand anders sagen, als dein Kind. Karl ist anders veranlagt als Fritz, und Lotte neigt zu anderen Dingen als Liese. Auch die häuslichen Verhältnisse int all­gemeinen, die der Wohnung im besonderen, üben einen entscheidenden Einfluß aus. lieber die Beschäftigung der älteren Kinder braucht kaum ein Wort verloren zu werden. Wenn überhaupt der Gedanke einer dauernden Beschäftigung der Kinder zum feftcit Grundsatz geworden ist, so drängt sich da eine Fülle von praktischer, lernender oder spielender Betätigung ganz von selbst auf.

Schwieriger jedoch liegt die Sache bei beit Kleinsten. Es ist zwar unmöglich, auf bie tausenderlei Kleinigkeiten des alltäglichen Lebens einzugehen; aber an einigen Stich­proben soll doch gezeigt werden, wie eine richtige Leitung des in sogenanntenUnarten" sich äußernden Schaffens­triebes bet Kleinsten möglich ist. Da hat bas zweijährige Karlchen soeben eine Zeitung in hundert Fetzen zerrissen und diese in der Stube nmhergestreut, die Mama soeben auf­geräumt hat. M ist fürchterlich! .Solch ein W,artiges