Donnerstag dm 2. Ianna
1908
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Kesmntk von Longen,
Roman von Ursula Zöge von Manteuffel. (Nachdruck verboten.)
I.
Das Regiment rückte ein.
Bon den beiden alten Kirchtürmen der kleinen Stadt schlug eS Zwölf. Trompetengeschmetter übertönte die tiefen brummigen Schläge.
Es Ivar Fclddienstübung gewesen in der weiten Ebene zwischen Klippingen, Dobrau und Rotthofen: die Spuren angestrengter, vielstündiger Reitarb-eit zeigten sich noch an den mit Lehmcrde bespritzten Pferden und dem leichten Dunst, der über den heißen Tieren schwebte und ihren Nüstern entströmte. Das schnob, pustete und stampfte. Der ganze Reitcrzng bot ein glänzendes, farbenfreudiges Bild, und es musste jedes junge Blut mit Genugtuung erfüllen, im Rahmen des Bildes mitwirken zu dürfen.
Tie Sonne funkelte auf Helmspitzen und klirrend schwingenden Pallaschen, sie entriß den blankpolierten Mündungen der Trompeten blendende Blitze und ließ die Uniformen der Kürassiere schneeig anfleuchten gegen den rostbraunen Hintergrund der alten Stadtmauer, über welche sich Giebeldächer und kahles Geäst emporreckten.
Fähnlein flatterten an scharfer Lanze, in regelmäßigem Takt klappten die Pferdehufe, die Hornmusik schmetterte heller, man hatte das alte Stadttor passiert, die Mauern der großen und kleinen Häuser warfen den Schall zurück. Hier und da öffnete sich verstohlen ein Fenstcrlein und ein blonder oder brauner Kopf spähte herab., Gassenjungen liefen pfeifend und mit ihren Holzschuhcn klappernd daneben her, und mancher Ladeninhaber stand wohlgefällig schmunzelnd an seiner Tür. Tenn der Bürger von Klippingen hielt große Stücke auf sein Regiment. Der Bau einer Kaserne draußen beim Reitplatz war ja in Aussicht genommen, aber bis jetzt lagen Gemeine wie Offiziere in Privatquartieren und fast jedes Haus hatte seinen Kürassier. Gegen gute Köst und freundliche Behandlung ließ sich der Soldat wohl auch herab, Kindsmagddienste zu leisten oder seiner Wirtin Wasser und Kvhleu zu tragen.
Auf dem Marktplatz mit dem altertümlichen Brunnen vor dem altersgrauen Rathaus ließ der Oberst Halt machen und auseinandergehen. Das Getrappel verhallte, das Bild löste sich auf. Der Oberst verabschiedete sich grüßend von den Offizieren und ritt seiner nahegelegenen Wohnung zu, gefolgt vom Adjutanten. Doch auch einen blonden Oberleutnant, der ein besonders rassiges Pferd ritt, winkte cv an seine Seite.
„Wir haben ja denselben Weg, lieber Loysen," sagte der Gestrenge väterlich — „also schließen Sie sich nur der Bewegung an!"
Dabei ruhte sein Blick wohlgefällig auf der schlanken Gestalt und dem leicht gebräunten, frischen Reitergesicht des jungen Mannes.
Diese Aufforderiing wiederholte sich fast jeden Tag. Der- sonst etwas grämliche Herr hatte immer ein freundliches
Wort zur Hand, um den Blonden für das Wegstückchen an seins Seite zu fesseln. Die andern wußten das schon. Man blieb neidlos, denn Helnmth von Loysen war einer, der das Leben frisch und fwh anfaßte und, die Hand an« Pallasch, mit Hellen Augen in die Zukunft blickte. Sein Schwert, das sollte ihm nur der Tod, aus der Faust winden — natürlich der Tod auf dem Schlachtfeld, an der Spitze seines Regiments. Tas war sein Lcbenstraum.
Dem-Obersten tat eS immer gut, dies Gesicht zu sehen, das ans purer Freude «m Beruf aufstrahlen konnte, in fast knabenhafter Begeisterung.
„Nun denken Sie nur, lieber Loysen", sagte er gemütlich, während sie über das hestprige Pflaster ritten — „nächsten Dienstag ist wieder einmal der Geburtstag meiner guten Schwester^ und ich habe es wieder einmal total vergessen!"
Ter Oberst war Hagestolz und eine alte Schwester, in« Regiment „Tante Kvmmandöschen" benannt, führte ihm den Haushalt und repräsentierte, wenn er ein Tiner geben mußte.
„Bis Dienstag ist noch Zeit, Herr Oberst."
„Zeit! Nun eben nicht! —Denn ich Habs durch ihre Jungfer in Erfahrung gebracht, sie wünscht sich ein Cape. Hören Sie? Ein Cape! So'n Ting, wissen Sie, was meine Mutter einfach! Mantille nannte. Na, also. Wo soll denn ich bis Dienstag ein Cape hernehmen? Erstens verstehe ich nichts davon und dann werde ich doch nicht wegen so'n Lappen nach Berlin fahren."
lieber das Gesicht des Blonden fuhr ein schalkhaftes Lächeln, — er blinzelte zum Adjutanten herüber, aber der starrte gelangweilt auf den Hals seines Gaules.
Gut! dachte Loysen, ich ließ dir die Chance, — nun komm ich dran. Laut sagte er respektvoll:
„Wenn der Herr Oberst mich damit beauftragen wollen —" Ter stutzte zuerst, dann zog sich sein grauer Schnurrbart herauf.
„Schlaumeier! Also wieder einmal nach Berlin rutschem Tanzte denn die kleine Waldheim wirklich so famos? Es ist wohl wieder ein Ball in Sicht?"
„Bitte gehorsamst, Herr Oberst, ich melde mich nur zum Dienst. Die Mantillcn des gnädigsten Fräulein sind gewissermaßen Regimentssache."
„Schön, lieber Loysen, aber Hand aufs Herz, können Sie ein solches Cape von einer Kuh unterscheiden?"
„Bitte mich nur auf die Probe zu stellen!"
„Ah, ah, — ich vergaß Frau von Troß. Ersuche Sic aber dringend, die Gnädigste, nicht damit zu inkommodieren."
„Bitte ergebenst. Meine Kommissionen pflege ich selbst zu besorgen. Dürfte ich nur nm Angabe der Farbe und der Preislage bitten?"
Der Oberst rieb sich grübelnd die Hakennase.
„Ja, wissen Sie, die Farbe, die muß doch wohl schwarz sein, aber nicht so simpel, sondern ein bischen mit Kaviar ausgcputzt . , . . man sieht das so."
„Schmelz," berichtete Loysen ernsthaft.
„Richtig. Ja, und der Preis? Hm!" — In vertraulichem Flüsterton gings weiter: „Nobel soll es sein, habe aber keine


