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eigentlich um ihretwillen litte, schlug ihre Stimmung jäh ins Sanfte, Versöhnliche um.Ich konnte mich nicht fassen," fuhr sie in schmerzvollem, fast verzweifeltem Ton fort,ich wollte zu dir; mit Gewalt hielt uian mich zurück. Wenn ich heute noch denke, du hättest mir sterben können, und ich . . . ich wäre im gewissen Sinne schuld daran gewesen, nicht eine Stunde hält' ich weiter leben können ohne dich!" Tränen erstickten ihre Stimme, und sie beugte sich über Heinz, seine Stirn und seinen Mund mit Küssen zu bedecken.

Wie kommst du darauf, dass du die Schuld trügest an dem, was mir zugestoßen ist?" fragte Heinz, als sie ihn endlich wieder sreigegeben hatte.Ich wüßte nicht, inwiefern du auch nur im geringsten ....-."

Ach, du Lieber, du Einziger, tote kannst du fein Komödie spielen!" unterbrach sie ihn rasch und doch mit einem so glück­lichen Lächeln, als bereite ihr die Vorstellung, daß der Geliebte für sie durch Schmerzen und Todesgefahr gegangen, ein Gefühl der Seligkeit, das sie sich auf keinen Fall rauben lassen wollte. Aus welchem Grunde sonst, als weil du ihn für seinen frechen Angriff auf mich gezüchtigt hast, hätte Bartikow dich überfallen sollen?"

Ich weiß nicht, ob Bartikow der war, der mich überfiel," entgegnete Heinz, an Isabella vorbei ins Leere starrend.Es war dunkle Nacht, als das Messer mich hinterrücks traf. Ich kann niemand mit Sicherheit beschuldigen . . . ." Schon seit Tagen Wie er sich zu dem Entschluß durchgerungen, weder Anzeige gegen den Jugendfreund zu erstatten, noch ihn auf Befragen zu verraten.Alles begreifen heißt alles verzeihen,"und vielleicht .... wenn der in die Irre Gegangene sah, daß seine Untat ihm von dem vergeben wurde, gegen den sie gerichtet war, wenn er dessen inne wurde, daß nicht der Haß allein, sondern auch die Güte die Welt regierte .... vielleicht entzündete diese Er­kenntnis ein neues Licht in seinem Herzen, das ihn zurückführte auf den rechten Weg." '

Aber hat man dir denn nicht gesagt-, daß Bartikow seit dem Abend deiner Verwundung auf und davon ist?" fragte Isa­bella. Ihre Stimme klang erregt; es entging ihr nicht, daß Heinz ihrem forschend auf sein Antlitz gerichteten Blick auswich, ein Argwohn schien ihre Seele zu beschäftigen.

Gewiß hat man mir's gesagt," gab Heinz zurück;aber das ist kein Beweis für mich. Bartikow kann sich davon gemacht haben aus Furcht, daß man ihn für seinen Angriff auf dich zur Rechenschaft ziehen würde."

Tas ist ja Unsinn," lachte Isabella.Du selbst hast mir und Werner damals auseinandergesetzt, daß man den Patron für feine Frechheit schwerlich belangen könnte. Ich begreife über­haupt nicht, weshalb du ihn fortwährend in Schutz nimmst. Es kann doch gar kein Zweifel bestehen, das; nur e r und kein anderer den feigen Meuchelnwrd versuchte. Wer sonst als dieser Bube sollte wohl auf den Gedanken kommen, dir ein Leid zufügen zu wollen, dir, der dn allen Menschen nur Gutes tatest?" In ihren Augen leuchtete eine dunkle Glut,-- ihre Brust wogte, und plötz­lich stieß sie heftig heraus:Nimmst du vielleicht Rücksicht auf seine Schwester, auf das liebenswürdige Fräulein, das dir so hingebende und aufopfernde Pflege angedeihen läßt?"

Des Kranken Gesicht war noch blasser geworden; eine Weile verging, ohne daß er imstande geivesen wäre, einen Laut über die Lippen zu bringen. Endlich sagte er, zürnend und bittend zugleich:Isabella!.....

Ich will nicht, daß dieses Mädchen noch länger um dich ist", murrte sie,Tie Leute erzählen, du hättest sie früher gern ge­habt .... unzertrennlich wäret ihr gewesen- Sie soll fort, auf der Stelle. Ich werde eine andere Pflegerin kommen lassen. Niemand soll ein Anrecht an dich haben, als ich. Und sobald mein Vater von seiner Reise zurückgekehrt ist, soll er dich auf­suchen. Sofort. Ihr werdet euch aussprechen, und gleich danach gibst du unsere Verlobung bekannt. Bitte, bitte, schlage mirs nicht ab! Ich habe mich lange genug geprüft; ich weiß, was ich will. Ich frage nichts nach Glanz und Reichtum; ich will nur dich!"

Und wieder beugte sie sich herab und küßte ihn heiß und verzehrend. Als sie sich mit Tränen in den Augen wieder auf­richtete, sagte Heinz:

Ich muß dir deine Bitte dennoch abschlagen, Isa, so gern, so von Herzen gern, ich gewiß alles täte, was du von mir ver­langst. Martha Bartikow kann und darf ich den Stuhl nicht vor die Tür setzen. Sie hat mich wirklich so treu und auf­opfernd gepflegt, daß es ihr ins Gesicht schlagen hieße, wollte ich ihr jetzt sagen: Komm, bitte, nicht mehr wieder. Ich habe aber auch kein Recht dazu, weil ich selbst nur Gast bin im Hause meiner Mutter, und weil meine Mutter Martha so lieb

hat, als wäre sie ihre eigene Tochter. Wenn die Leute erzählen, Martha und ich wären früher unzertrennlich gewesen, so ist das übertrieben. Immerhin aber.....ich habe sie gern gehabt

ich sagte dir ja, wir sind befreundet von Jugend auf, und ich habe sie heut' noch gern, etwa wie man eine Schwesters gern hat." Er machte eine Pause, sich von dem langen Sprechen, das ihn sehr angestrengt hatte, zu erholen. Aber mehr noch als er körperlich unter seiner Schwäche und der jetzt doppelt schmerzlich empfundenen Unfähigkeit, sich zu bewegen, litt, litt er seelisch unter dem Mißtrauen und dem zähen Trotz Isabellas, die schweigend, den Blick finster ins Leere gerichtet, vor ihm stand und brütend an ihrer eingekniffenen Unterlippe nagte. Und er dachte voll Bitterkeit: ,Wie rücksichtslos von ihr, dich mit all diesen Dingen zu quälen, so lange du krank und hülslos bist.' Mit dem Aufwand seiner letzten Kraft fuhr er endlich fort:

Mit deinem Vater will ich mich gern aussprechen. Doch braucht er sich darum nicht zu mir zu bemühen. Denn ich werde zu ihm kommen, sobald ich nur erst wieder das Bett verlassen kann. Nachdem du dich ihm anvertraut hast, er­kenne ich es natürlich als meine nnabweisliche Pflicht, ihm klar darzulegen, wie ich zu dir stehe, wie ich über unsere Zu­kunft denke. Doch wisse" seine Rede wurde stoßweis, abge­rissenwie meine Unterredung mit deinem Vater auch en­digen mag, au dem, was wir beide miteinander vereinbart haben, kann ich nichts ändern. Tu mußt dich noch prüfen, reiflich mußt du dich noch prüfen, ich sehe es jetzt deutlicher als je vorher!" Er brach ab, seine Lippen be­wegten sich noch ein paarmal lautlos; dann fielen ihm die Augen zu.

Isabella erschrack bis ins Herz, als sie den Ausdruck tiefster Abspannung und Erschöpfung gewahrte, der sich über des Kranken Züg-e gelagert hatte.

Mein ®ott,_ Heinz, mein Heinz", rief sie, ganz außer sich, und faßte seine Hand,wie kannst du dich denn so erregen ? . . . Ich bitte dich . . . vergib mir, vergib mir doch . . . Ich wollte dich ja gewiß nicht kränken.-"

Eben trat Fran Vollrath ein. Einen prüfenden Blick schickte sie über Isabellas Antlitz weg zu Heinz hin, trat dann rasch an fein Bett und legte ihm sie runzlige, zerarbeitete Hand be­hutsam auf die Stirn.

Fühlst dich schlecht, mein Junge?" fragte sie, und Angst und Entrüstung zugleich bebten durch ihre Stimme.

Es ist schon wieder vorüber, Mütterchen", antwortete Heinz, hob mit offenbarer Anstrengung die Lider und versuchte zu lächeln.

Sie dürfen mir's nicht Übelnehmen, Fräulein", wandte sich Frau Vollrath in fast unfreundlichem Ton an Isabella;aber der Doktor hat mir auf die Seele gebunden, ich soll niemand Fremdes länger als ein paar Minuten bei meinem Sohn lassen."

Es tut mir furchtbar leid . . . Ich. - . ich. . . wenn ich gewußt hätte . . ." stotterte Isabella und verabschiedete sich rasch mit einem Gefühl der Erbitterung und des Zornes auf diese Frau, gegen die sie vom ersten Augenblick an insttnitive Abneigung empfunden hatte, wie sie sich jetzt erst eingestaiid.

Frau Vollrath sah ihr mit einem finsteren Blick nach; dann setzte sie sich an ihres Sohnes Bett und faltete die Hände.

,Tas ist keine Frau für ihn', dachte sie, ,die macht ihn nicht glücklich, nun und nimmermehr. Und ich . . . ich habe kein Anrecht mehr an meinen Sohn wenn die seine Fran wird.' (Fortsetzung folgt.)

Aus Heinrich Dernburgs Studentenzeit.

(Schluß.)

Mit dem Verpuffen der Frankfurter Bewegung war indessen den Behörden der entsunkene Mut wieder gekommen. Das erste Exempel sollte an Heinrich Dernburg vollzogen werden. Er saß, als ich nach Gießen zurückkam, in der Tat hinter Schloß und Riegel in dem Arresthause, das noch heute nächst dem Gießener Bahnhofe zu sehen ist. Ganz Gießen war voll von der Geschichte. Das Haupt der roten Arbeiterpartei, ein kleiner, verwachsener Schuster, aber ein gewaltiger Redner, sprach von dem edelsten Sohne Gießens, der in der Bastille aus dem Seltersweg schmachte, und drohte, ihn gewaltsam zu befreien. Die Bastille war in­dessen nicht gar so schrecklich. Von Verehrern und Ver­ehrerinnen lvurde er mit Gaben und Sendungen über­schüttet. Er wurde dann vor das Schwurgericht gestellt, das erste, das im rechtsrheinischen Hessen tagte. Ein Führer der Konservativen hatte seine Verteidigung über­nommen, er wußte die Geschichte als einen unbesonnenen