eines Predigers in der Wüste, dessen Wsion vom einigen Deutschland fast noch als Schwärmerei erschien; der andere, der Vollbringer all der stolzen Pläne, die sein Vorläufer mehr geahnt, der Schöpfer des Werkes, dessen ganze An­lage und Entwurf in großen Zügen vor der Seele Steins ge­standen hatte. Stein ist der erste Staatsmann gewesen, in dessen Geist das neue Ideal eines nationalen Staates als eines von innen heraus wirkenden Organismus aus- tauchte und der in praktischen Reformen sein Ziel zu ver­wirklichen strebte, und eine tiefe Tragik liegt in seinem Schicksal, das ihm im entscheidenen Moment die freie Mög­lichkeit des unbeschränkten Wirkens versagte, ihn durch wi­drige Zufälle von der Ausführung seiner zukunftvvllsten Ideen abhielt und ihn so als eine geistige Macht von höchster Bedeutung doch im Hintergründe stehen ließ. An Bismarcks Wesen können wir vielleicht heute ermessen, welch' gering­fügiger Elemente des Genies diesem großartigen Manne zum Sieger und Vollender fehlten, warum die Mischung seines Temperaments und Charakters nicht den glocken- reinen Klang und die eherne Festigkeit zugleich hatte, die den höchsten Erfolg verbürgt. Ihm fehlte die diplomatische Geschmeidigkeit, die spielende Gewandtheit in staats­männischen Verhandlungen, und ein echter suror teutonicus, eine leidenschaftliche Wildheit brachen bisweilen in ihm durch und drohten das feine Gewebe seiner Pläne zu zerreißen« er 1808 seinen Platz am Steuerruder Preußens verlassen, sein eigenes Werk wieder zu vernichten. Darum mußte sich gewaltsam herausreißen aus dem segensreichen Fort­gang seiner Neuerungen und geächtet von Napoleons Haß mit ansehen, wie sein Werk ein Torso blieb.Dieser vul­kanische Geist konnte seine vaterländischen Hoffnungen nicht auf die Dauer schweigsam in sich verschließen das war sein Charakter und also sein Schicksal", so hat es Treitschke formuliert.

Wohl fehlte ihm so ein letzter Tropfen seines heiligen Oeles, mit dem die Könige im Reich der Geister gesalbt werden, aber in seiner Zeit und unter seinem Volk stand er unbestritten als die machtvollste Persönlichkeit da, auf­recht und stark wie eine alte Eiche des germanischen Waldes, um die sich die Stammesgenossen scharen, bei der sie Schutz und Rettung suchen. Dus jahrhundertelange Sehnen und Trachten des deutschen Volkes nach seinem Waterlande, es war in Stein gleichsam Person geworden; sein Name ist uns heute das Symbol aller der ringenden und strebenden Mächte, die aus Zerrissenheit und Knechtschaft empor zur Freiheit und Einigkeit einen Weg sich bahnen wollten. Und dem Sohne des altangesessenen, reichsfreiherrlichen Hanfes Stein, das sich allen Fürsten des Reiches gleichdünkte, war der Gedanke der deutschen Einheit schonin die Wiege gebunden". Um die väterliche Burg zu Nassau dehnte sich das bunte Ländergewirr der Kleinstaaterei, aber sein Blick schweifte früh hinaus über alle engeren Interessen der Einzelstaaten und wandte sich dem ganzen Waterlande zu, das dereinst unter den Sachsenkaisern ein mächtiges, glückliches Reich gewesen. Ein unerschütterlicher Glaube an die Zukunft und Urkraft der Deutschen beseelte den Jiingling, der sich mit Begeisterung den: Studium uuserer Wergangenheit zuwandte, ohne dabei während seiner Lehr­jahre in Göttingen den Blick für die Gegenwart, für die Bedeutung der französischen und besonders englischen Insti­tutionen zu verlieren. In jungen Jahren kannte er auch die lebendige Macht, die im preußischen Staate lebte, und ier als Protestant mitten in einem sonst katholischen Lande fühlte sich zu der protestantischen Großmacht hingezogen, bewahrte sich aber sogleich eine weitschauende, objektive Stellung. Bismarck bemerkt einmal in denGedanken und Erinnerungen", daß die besten Diplomaten ;Preußens k e i n ep r e u h i s ch e n U r p r o d u k t e" ge­wesen feien.Es ist, als ob unsere Staatsmänner wie die Bäume in den Baumschulen zu voller Wurzelbildung der Versetzung bedürften."

Die Versetzung in anderen Boden, die volle Entfal­tung seiner Fähigkeit fand Stein während seiner von weit­

reichenden Erfolgen getragenen Tätigkeit in Westfalen« Hier nahm er die Ideen auf, die Justus Möser aus der Betrachtung des deutschen Volkstums, aus der Anknüpfung an altgermanische Ueberlieferungen gewonnen hatte. Auf diesem historischen Boden, auf dem die Bauern noch in ungebrochener Kraft saßen, wie sie später Immer- manu imOberhof" geschildert, in dieser engen tätigen Verbindung mit den in ruhiger Entwickelung gewordenen Verhältnissen formte sich eine Weltanschauung, die eine Aufhebung aller mittelalterlichen Ueberreste in Wirtschaft und Politik anstrebte und immer an das Gewordene an­knüpfend weiteren Schichten eine Anteilnahme an der Ver­waltung ermöglichen wollte. Ein Feind der Bureaukratie, der Federfuchser, die nur schreiben und nicht ins Leben handelnd eingreifen, setzte er als Oberpräsident von Münster eine Vereinfachung der Geschäftsführung, eine Verminde­rung der Schreiberei durch und drang auf eine Dezentrali­sation der schwerfälligen Regierungsformen, ans Selbst­verwaltung, reformierte die Landstände, die Städteordnung« schuf eine Neuorganisation -der Behörden, der Steuern^ der Schulen, des Heerwesens. Noch weiter gingen seine Pläne, als sein Ziel, das ihm deutlich vorschwebte, bezeich­nete erdie gänzliche Freiheit der Person und des Eigen­tums". In vorbildlicher Form hat Stein durch diese seine erste Verwaltungstätigkeit einen neuen Geist, eine neue; Art des öffentlichen Lebens zum ersten Mal durchgeführt« Es war ein glänzend gelungener Versuch, der nun auf ein größeres Gebiet ausgedehnt werden sollte. Der Oberpräsi­dent von Westfalen wurde zum Helden der Regeneration! von Preußen. Die Staatsideen, die Stein in Zeit in sich aufreifen ließ und befestigte, sind auf der politisches Freiheit des Volkes aufgebaut; sie wollen den Einzelnen; zum tätigen Mitglied des Ganzen erziehen und sie knüpfen an die einfachen und freieren Anschauungen der Altvor­deren ebenso an wie an die große Zeit unserer idealen Bildung und erhabensten Kultur;sie berühren sich", sagt Treitschke,so nahe mit dem sittlichen Ernst der Kantischeü Philosophie und dem wiedererwachenden historischen Sinne' der deutschen Wissenschaft, daß sie uns Nachlebenden wie' der politische Niederschlag der klassischen Zeit unserer Lite­ratur erscheinen." Die unveräußerlichen Menschenrechte; eines jeden vertrat der Reichsfteiherr, der über allen klein­lichen Privilegien und Vorrechten stand, so energisch, daß er von den in ihren Standesvorurteilen befangenen Aristo­kraten als ein Revolutionär verschrieen wurde. Wohl hatte er sich mit freieren englischen und französischen An­schauungen erfüllt, aber nie verlor er den Respekt vor der Autorität des Gewordenen. Eine Verfassung bilden, sagt er, heißt das Gegenwärtige aus dem Vergangenen ent­wickeln. So hat er sich denn anch bald von dem Einfluß Montesquiens und der französischen Revolution frei ge­macht. Statt dessen entwickelte sich als treibende Grund­kraft seines Wesens ein leidenschaftlicher Franzosenhaß, der sich dann zu einer tief erregenden, sein Innerstes auf­wühlenden Verfluchung Napoleons als der Inkarnation; alles Bösen steigerte. Der große Korse hat keinen ent­schlosseneren, keinen zäheren Gegner gehabt als den deutschen Freiherrn von Stein. Ein unversöhnlicher Gegensatz der Charaktere, eine physische und moralische' Antipathie lag diesem dämonisch starken Gefühl im Tiefstes zu Grunde und als äußeres Zeichen dieser einzigartigen! Gegnerschaft kann die Acht gelten, die Napoleon über Steiw verhängte und durch die er dem verbannten Staatsmann; wie einer souveränen Macht den Krieg erklärte. Einen! Kampf auf Leben und Tod hatte Stein mit Frankreich begonnen, als er die ungeheure Umwälzung in der inneren und äußeren Stellung Preußens mit seiner Reform begann« Das hatte Napoleon erkannt, und mit der brutalen Gewalt! des Angegriffenen, der sich eines gefährlichen Gegners mit! allen Mitteln wehrt, machte er ihn zum Friedlosen, der von Land zn Land ziehen mußte, auch in Oesterreich nur ungern geduldet, bis er beim Zaren Alexander eine Zu­fluchtsstätte fand und in dem Einfluß, den er aus dest