1907 Mr. 126

WoAag den 26, August

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Steuermann Worringer.

Novelle von Luise Schulze-Brück.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.),

5.

Der Bergzüg fuhr in die Station Bingen ein. Ein HaA stützend Steuerleute stiegen aus, alle von den Mopgenschrffen kommend, die sie talabwärts gesteuert hatten- Alle kräftig, braunrot von Wasserluft uui> Sonne, mit lauten Stimmen redend und mit schaukelndem Schifferschritt cinherschreitend- Ter letzte war Worringer- Er sah schlecht aus. Das Braunrot wareiner fahlen Blässe gewichen, seine Augen lagen tief in den. Höhlen- Er hatte kein Wort gesprochen während der ganzen Fahrt, nur finster vor sich hingestarrt- Die anderen liehen ihir auch in Ruhe- Für gewöhnlich war schon nicht gut Kirschen essen mit ihm, heute schien er ganz besonders schlecht aufgelegt- Ms sie sich betroffen hatten, hatte ihn einer harmlos ge­neckt mit seiner Abwesenheit am ganzen gestrigen Tag-

Wann ich so ä schee jung Frau hätt, do hält ich Extraschiff Extraschiff sei losse und wär mitr danze gange, un uff die Kärb-"-

Ta hatte der Worringer ihm einen bösen Blick zugewvrfen- >,Wann ich so ä Scherzeknecht wär wie du!"

Jetzt stand er auf deut Perron und spähte nach dem Rhein- Mer die in.langen Reihen aufgefahrenen Güterwagen hemmten die Aussicht. Und es war auch noch zu früh am Tage für dass was er sehen wollte, sehen mußte- Er war wie in einem bösen, schweren Rausch! Er fühlte, wie die wilde Wut in ihm fraß, wie er willenlos war gegen das Rachegefühl, das' ihn ganz er­füllte- Ter Schuft sollte büßen büßen mit 'fernem Leben. Wie er ihm heimtückisch die Iran gestohlen, so sollte er auch heimtückisch von der Rache ereilt werden, wehrlos, gerade wie er, der Worringer, wehrlos war gegen den Jüngeren, den von seiner Frau geliebten Mann- Das war sein Recht, das er sich nahm, ja, das ihm zukam-

Er stand aM Bahnübergang, der geschlossen war- Ein endws langer Güterzug rangierte hin und her- lind da l drüben ging plötzlich etwas vor geschah etwas- Ein paar Schiffer kamen eilig gelaufen, der Mann am Uebergang machte einen langen Hals, er fühlte, wie ihm das Blut zum Herzen schoß, wie es ihm rot vor den Augen Uvurde- Es schien ihm, als schwanke Himmel und Erde, als zöge sich ihm der Erdboden unter den! Füßen weg- Und durch das Geräusch der rangierenden Wagen hörte er verworrene Rufe- Und er konnte nicht hinüber, konnte nicht sehen, wie seine Rache sich vollzog, nicht dabei sein, nicht

Jetzt hielt der Zug plötzlich still- Der Lokomotivführer-, schrie etwas, der Bremser gerade vor ihm sprang in seinem Häuschen hoch und fuhr mit beiden Händen in die Lust-

Er riß die Schranke zurück, er kroch unter dem Wagen durch, sinnlos-

' Jetzt, jetzt hatte er, was er wollte, jetzt geschah es- j Und während er da auf den Schienen kroch, fühlte er, wie sein Herzblut stockte und. dann wieder in wildem' Strom nach

dem Kops schoß- Und mit einem wilden Schrei richtete er sich auf und rannte nach deM Ufer, während seine von der wahn^ sinnigen Erregung getrübten Augen das Wasser absuchten, r-j Jetzt, jetzt!

Da, da war es- Da kam von oben ein Kahn stromab, trt deM ein Mensch schrie, laut und gellend- Ein Kahn, in dem! der Mensch nicht allein saß, sondern allmächtiger Gott eine Frau n nd ein Kind! Und der Kahn trieb schon so tief in den Wellen, daß man nicht viel mehr von ihm sah- DeÄ Mensch da drüben hantierte im Kahir und schrie zwischen­durch in kurzen Pausen:Hilfe Hilfe-" ;

Am Ufer hatten sich die Leute zusammengedrängt ganz' betäubt, stumpfsinnig, tatlos-

Was is nor? Was macht er nor?"

Ah, Steuermann Worringer wußte, was der da machte- Was er in Todesangst versuchte, und was doch nicht helfen! konnte- Tas Loch zustopfen, das durch das ausgebrochene und lose wieder eingefügte Brett entstanden war, das nun nachge-t geben hatte, genau wie er berechnet hatte, durch das das Wässer hereinkam in einem dicken Strahl- Ein paar Minuten noch, und der Kahn war ganz versunken in den Wellen- Er würde dann noch unter Wasser eine Weile treiben, allmählich sinken, schneller, als er selbst berechnet hatte, durch die dreifache Saft.' Barmherziger Gott!

Steuermann Worringer war schon am Ufer, hatte schon' einen der verblüfften, betäubten Menschen mitgezerrt, war schost mit ihm am Kahn- Tie Kette, die das schwere Fahrzeug am Ufer festhielt, flog heraus mitsamt dem Pflock, mit einem Ruck war der Kahn im Wasser- Im letzten Augenblick sprang noch jemand herein, mit einem Ruder, das er Gott weiß wo er* wischt hatte:

Keuchend, mit aller Kraft arbeiteten die drei-

Von Steuermann Wortingers Lippen tropfte Blut- Tie Ruder ächzten, das Wasser spritzte aus- Der ganze Kahn -krachte in allen Fugen- Sie kamen dem M>ot schnell näher, das ihnen stromab entgegentrieb. Sie konnten jetzt den Mann er- -kennen, der drin saß-DL Georg HesseMer," murmelte einer.

Um Sekunden gings- Wenn der Kahn vorbeitrieb, ehe sie ihm nahekamen, dann war alles verloren- Aber sie kamen ihM näher, immer näher. Waren es nur, Augenblicke, waren es lange Minuten? Keiner von den dreien wußte es- «ie arbeiteten wie Riesen, mit fahlen Gesichtern, mit sttervndeu Augen«. Das Boot war kaum zwanzig Schritte von ihnen- Die drei waren ganz still geworden- Von der Fran sah Man nur die Umrisse- Sie hatte das Kind an sich gedrückt, sich ganz zusammen- gckauert in Todesangst- Ter Bootrand war kaum! mehr zu sehen, er trieb schon unter Wasser-

Und jetzt die drei int Kühn schraken zusammen richtete sich der Mann blitzschnell auf, hob die Wirte, deutete auf die Frau und schwang sich ins Wässer-

Tie Frau regte sich nicht- Das Boot, uni eine Last er­leichtert, schien sich etwas zu . heben- Wer iM nächästen Angxn-! blick verschwand die zMMmengerauerte Gestalt, wie verschluckt vom Wasser, ganz plötzlich