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Das ideale Theater.

Bon Geo r g L e n g b a d).

Bum Baue eines Theaters (Musentenipets) wühle man einen freien Platz, der fürs Publikum von.allen Seiten leicht zugänglich ist. Gut ist die Nähe eines Droschken-Standplatzes. Das neue Theater schietze geräuschlos wie ein Pilz über Nacht empor. Langes Bauen erhöht die Kosten, weckt Hoffnungen und reizt zu Betrach­tungen über die Zweckmäßigkeit des Unternehmens. Hauptsache ist der Fassnngsraum. Vorn hat jedes Theater eine Anfahrt und hinten einen Bühneneingang. Ter Jnnenraum zerfällt erstens in den.Kassenraum (auch Entree genannt). Derselbe soll bequem und für jedermann ungemein leicht zugänglich sein. Zweitens in den Zuschauerraum. Derselbe hat in den letzten Jahren keine Stehplätze mehr; dafür sitzt man schlecht. Aber schließlich geht man doch nicht ins Theater, um bequem zu sitzen. Drittens der BühneNrauM. Auch eine Bibliothek. Dies hat nicht viel Sinn. Alte Stücke führe man nie auf, Klassiker existieren im Bedarfsfälle in Reklam tuinb moderne Literatur sowie Novitäten versenden Bloch, E,lisch, Eirich usw. mit Vergnügen. Man prüfe alles und warte dann den Erfolg der eingesandten Stücke an anderen Bühnen ab; ausgenommen sind Detektivstücke, krasse Tendenz­dramen usw., die man ohne weiteres uraufführen soll wenn man sie bekommt. Der Zug der Zeit geht ins Kriminelle und Perverse- Nicht genug Vorsicht ist . den sogenannten heimischen Talenten gegenüber zu empfehlen.

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Eine noch in der Entwicklung begriffene Erscheinung ist der Dramaturg. Eigentlich gehört er nicht ins Theater, denn er hat meistens literarische Bedürfnisse, die den eisernen Bestandteil des Theaters schädigen. Er verachtet oft ganz gute kassemachende Stücke. Da ihm viele Regisseure und auch Dichterlinge, deren Stücke er nicht befürwortet, ans Leben wollen, geht er nie allein, sondern in Begleitung eines Schutzmannes. Seine Gage ist gering, aber er führt meistens eine gute Feder und daher verhalte man sich mit ihm, denn man kann nie wissen . . .

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Zur Leitung eines Theaters gehört ein sogenanntes Direk- tionsbnrean; dasselbe enthält eine gutgeölte Schreibmaschine, einen etwas größeren Pqpierkorb, eine eiserne, feuerfeste Kassa und ein Waschbecken. Manche Bühnen haben selbstredend Dreh­bühne. Man kann damit bequem, wem, gut gedreht wird, 2 Nachmittagsvorstellungen und abends mehrere Zugstücke aufführen. Finanzieller Vorteil. Die Drehbühne wird mit einem automatisch funktionierenden Orchestrion versehen, um das lästige Geräusch des Drehens zu verdecken. Dadurch entfällt die Zwischenaktsmusik und Bezahlung der Musiker. Bleibt Raum, dann baue man auch Schauspielergarderoben, falls dieses un­möglich geworden, mögen sich die Mitglieder auf dem Korridor, Schnürlboden oder in den Versenkungen ankleiden, dabei achte man aber auf strengste Moral und Disziplin.

Zur Leitung - gehören noch Disziplin und Sinn für zug- kräftiges Repertoire.

Disziplin wird hervorgerufen durch Rollenhunger, Geldstrafen oder Urlaubsverweigerungen (also nicht schwer). . Heikler ist die Re­pertoirefrage. Dazu gehören gute Augen. Ich meine zum Lesen all der Zeitungen, die über Uraufführungen «. und bereu Er­folge berichten. Wichtige Blätter sind: Berliner Börsencourier, Jllustr. Wiener Extrablatt, Frankfurter Zeitung, Münchener, Hamburger und Dresdener N. N. nsw. Schlager finden meistens andere Bühnen, daher soll man nie kostbare Zeit mit Suchen vertrödeln. Abwarten und rasch zugreifen ist das einzig Richtige.

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Der Betrieb des Theaters ist innig mit der peinlichsten Pflichterfüllung von Regie und Ensemble verwoben. Regie ist eine unsichtbare Tätigkeit. Jich meine das Publikum sieht selten etwas davon. Der Regisseur liest gewöhnlich das ganze Stück von Anfang bis Ende durch und trifft dann die Anordnungen bezüglich der Inszenierung. Er trägt meistens einen Bart und spielt manchmal mit, aber selten gut. Ein Ensemble soll der Stolz des Theaters sein. Nur erste Bühnen verfügen über ein solches. Man versteht darunter eine Gesellschaft von Mitgliedern, welche derart auf einander eingespielt sind, daß sie weder auf Text noch auf Stichworte reflektieren, die Gewohnheiten älterer Kollegen und Kolleginnen ehren und auch nicht durch eigenes oder fremdes Steckenbleiben, vorzeitiges Vorhangfallen, plötzliches Ver­sagen der Souffleuse ans der Fassung gebracht oder in der vollen Kuustentsaltnng behindert werden können, über welche sie kontrakt­lich zwischen 7 und 10 Uhr abends zu verfügen habe«.

Einzelkräfte. Werden von den Theateragenten (53 Pro;. Provision) in beliebigen Quantitäten geliefert. Die Provision zahlen nur die Mitglieder. Bei der Wahl der Kräfte vergesse man nie, daß heute nur originelle Individualität, niemals das Normale interessiert. Man engagiere z. B. keinen landläufigen eleganten Bonvivant. Wozu? Elegante Bonvivants bringt der Alltag in Menge. Ans der Bühne soll der Bonvivant zum Widerspruch reizen, seine Körperfülle soll nachdenklich stimmen, seine Krawatten melancholisch, seine Sprechweise ungeduldig machen, sein erstes Auftreten soll Kopfschütteln, sein ersehnter Ab­gang Erleichterung erzeugen. So fesselt man das Publikum, reizt seine Denk- und Widerspruchskraft und es verläßt höchst ani­miert das Theater. Auch alle anderen Fächer sollen intereffant vertreten werden. Die Naive muß einen Hängezopf haben alles andere ergibt sich von selbst. Der komische Alte muß mit Schlotterbeinen über die Bühne gehen und hinten ein farbiges, ge­brauchtes Schnupftuch heraushängen lassen. Der junge Held muß sehr schön sein. Wichtig wegen der Backfische und der Ausichts- farteninbuftrie. Der schüchterne Liebhaber mutz den Besitz einer wenig benützten semmelblonden Perücke nachweisen. Die komische Alte ftemmt die Arme in die Hüsten und schleudert derb einige saftige Gemeinheiten ins Parkett, worüber immer riesig gelacht wird. Die Tradition hat all diese Gewohnheiten geheiligt und man hat damit bei dcr Akquisition der Kräfte zu rechnen.

Zum Betriebe des Theaters gehört noch ein Gagenetat. Doch ist dies eine so geringfügige Sache, daß man nicht gerne darüber spricht.

Reklame. Im Namen der Kunst fordere das neue Theater von den Zeitungen energisch einen Raum für seine Ankündigungen. Natürlich gratis und womöglich an der Leitartikelstelle. Ge­kürzte Theatcrnotizen sollte man polizeilich bestrafen; jedenfalls nehme man solchen Unfug ad notam wegen der Freibilletts. Mindere Theatergenüsse müssen dem verwöhnten Publikum ge­schickt mundgerecht gemacht werden. Das Einfachste: Man kündige sie mit fettgedruckten Lettern eine Woche lang ununterbrochen vorher mit den kräftigsten schmückenden Beiworten an. Das Gute lobt sich selbst wer aber lobt das Schlechte? Das Mindere, mit dem man doch schließlich auch ein Geschäft machen muß? Sonnenthal, Kainz usw. pompös anzukündigen, hat eigent­lich wenig Sinn. Ueberhaupt Reklame! Lieber an den Gagen sparen als an Auslagen für Reklamezwocke. Die Leute müssen von einer geplanten Premiere reden wie von Odol. Warum sollte mau für Margarinbutter oder den amerikanischen Normalschuh mehr Reklanle machen als für einen neuen Lohengrin?

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Kritik! Sehr böses Thema. Kritik arbeitet immer unter dem Deckmantel literarisch-ästhetifch-idealistischen Strebens und vergällt der Theaterleitung die besten Kassenrapporte. Böse Kri­tiker und sonstigeMießmacher" beschenkte man mit Plätzen an zugigen Stellen des Theaters, wo sie nichts hören und Gesichts­rose ober Rotlauf bekommen. Bei wichtigen, voraussichtlich Kasse machenben Schund-Premieren labe man sie in bie Direktionsloge, zeige ihnen bas neueste Buch über Shakespeare Baocn Rut- latib ainb biete ihnen Tee mit vergifteten Sandwiches. Doch sei man dabei sehr höflich und lasse nichts inerten. Manche nehmen Geschenke, aber das ist auch so eine Sache sie verlangen sie dann auch!, wenn keine Premiere ist und einem Kritiker soll man nichts abschlagen außer den Kopf.

Der Verkehr mit den Mitgliedern sei voll Güte, Wohlwollen und Liebenswürdigkeit. .Es kommt vor, daß erregte Schauspieler wutschnaubend sofort den Direktor zu sprechen wünschen. Das geht natürlich nie! Solche Leute lasse man vorerst 3 Stunden im Vorzimmer warten, bann lege man sie zur Abkühlung in den für solche Zwecke existierenben Direktions-Eiskasten, in dem man vorher einige gute Rollen wie Hamlet, Lear, Vogelhändler re. deponierr hat. Inzwischen entfernt sich das Bureau. Oesfnet man nach 24 Stunden den Eiskasten, so findet man den in das Studium der guten Rolle vertieften Querulanten oder ein Himbeergefro­renes. *

Gagenerhöhung, Extrahonorare, Vorschüsse usw. gehören selbst­verständlich in die Rubrik für Fliegende-Blätter-Witze. Man ge­währe nie und nichts. Für rasches Ueberneljmen von großen Rollen hat sich der Betreffende am nächsten Tage im Frack mit frisch geputzten Handschuhen beim Theaterdiener für das in ihn (den Uebernehmer) gefetzte Vertrauen zu bedanken. Zuwider­handelnde erhalten durch 4 Wochen nur Anmelderollen oder müssen ein Pferd über die Bühne führen, das leicht erregbar ist.