AreiLag den 23. August
1907
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Steuermann Worringer.
Novelle von Luise Schulze-Brück.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Und morgen, da ist's vorbei! Tn hat er seine Vergeltung! Wie die Greta weinen mag und jammern! Mag sie doch, mag sie doch!
In weitem! Bogen umging er die Helle des' Budenplatzesf In dein Wagenwinkel stand er noch lange- Mit heißem, trockenem Mund, mit häntmernd klopfendem Herzen, gierig und unaus!- gesetzt spähend-
Und als der ganze Trupp wieder zunt Tanzboden ging, da schlich eine dunkle, schwere Gestalt hinter ihnen drein, stand außen an einem Fenster spähend und schauend-
Es war schon graues, fahlÄl Morgenlicht, als Greta Worringer nach Haus ging- In einem' ganzen Schwarm lustiger Menschen. Sie ging schwer am Arm Georg Hessemers, schwer, müde, glücklich! — Ach, nun war's vorüber! Nun mußte sie heim! Sie schrak plötzlich zusammen- Sie hatte ihn vergessen, ihren Mann, ganz unb1 gar1 vergessen- Ob er zu Haus war? Mus sie wartete? Sie schüttelte sich plöM.ch vor Angst- Ihre Füße waren wie gelähmt, ihre Hände flogen- Am liebsten wäre sie heimgegangen zu ihrer Mutter- Ja, wenn sie allein gewesen wäre! Aber so ging das nicht- Was sollten die anderen denken. —
Mit zitternden Fingern schob sie den schweren Schlüssel ins Loch- Kaum', daß sie ein „gute Nacht" mühsam horvorbrachte. Sie sah den Georg Hessenter gar nicht an- Seinen Händedruck fühlte sie nicht, huh, wie sie Angst hatte- I
Aber drin war alles still- Sie horchte nach der Kämmest, vielleicht war er noch nicht da- — Sie hörte nichts. — Vorsichtig im Dunkeln tastete sie nach der Bodentreppe, mit brechenden Knien schleppte sie sich- Sie betete: „Ach Gott, lieber Gott, laß ihn noch fort sein! Hilf, lieber Gott!" — Und wie ein Blitz fuhr's ihr durch den Kopf, daß er nicht helfen wird,, daß sie heute nwrgen nicht zu ihm gebetet hatte, sondern in seinem Haus von Tanz und Lust geträumt- Und da, als sie schon den Fuß auf der Stufe hatte, ging die Tür- Sie schrie leise auf. D« stand ihr Mann int Dämmer- Seine Hand griff nach ihr, daß sie glaubte, ihre Schulter würde zersplittern, und zog sie in die Stube- — Ein heißer Atem wehte sie an.
i Er schüttelte sie sinnlos, er keuchte heiser-
Sie hörte gar nicht, was da in schrecklichen Beschiutpfun'gen Über sie strömte- Sie wollte schreien, Hilfe rufen. :— A-ber. kein Ton kam aus ihrer Ksthle!
Sie rang nach Luft, nach Atem- IM grauen Morgenlicht war sein Gesicht fahl, verzerrt, entstellt, die Augen blitzten wild, sein Haar ging toirt-
, , O Gott, er brachte sie W, ei! würgte sie- Lj >,Mach mich — net bot", rang sie aus-
Das brachte ihn zu sich- Er lachte laut und schrill. — l ■ >,Dafor ferchst du dich, vor'm Dotmache? — Nä, brauchscht fei Aengscht ze hawwe uni bei bißche Lewe! — Awwer ich will her dafost sorge, baß es ber net ze wohl wirb! Daß bei sauwerer
Schatz Net Vieh mit bir erum streiche kann! Ich leg der's, dir und ihm! Unb das Behänge mit bene Fetze, des heert uff." Er riß an dem dünnen, weißen Zeug ihrer Bluse, daß es in Fetzen herumslog — er zerrte den Gürtel auseinander und warf ihn in die Ecke — „DeMvelskraM, Sündezeug" —
i „Loß mich Du duhscht mer weh," stammelte sie.
< „Los; mich, loß mich!" höhnte er- „Des is dei Gebet alle Dag! — Ich hawwe dich zu viel gelosse! — Im Zaum und! Zügel miß mer dich Halde wie & wilde Gaul! Un ich will'sl Ich brch's Du svllscht mer spüre, wer dei Herr is!"
, Sie zog den blauen Stoff um ihre bloßen Schultern hoch — Er lachte-
' „Aach noch! Hab dich aach noch! Des heert aach uff, des Gespreizt" —
' In Todesangst duckte sie sich zusammen- Mit einem Sprung war sie an der Tür, auf der Treppe, in der Stube oben- Ter Riegel flog vor, der Schlüssel kreischte im Schloß- — Und auf dem Bett kauerte sie sich zusammen, wühlte den KVpf in die Kissen in rasender Furcht- — Gleich würde er an der Tür sein. Sie lauschte! Wenn er kam, wenn er versuchte einzubringen, sprang sie aus dem Fenster- — Wer er blieb still. Sie hörte ihn in ber Stube unten auf- unb abgehen, hastig, schwer —■ abgerissene Worte, Flüche ausstpftend- Und sie grub sich tiefer in die Kissen.
Ihre Gebanken flogen- — In wistreM Durcheinanber kreiste es in ihrem Kopf- Musik unb Lichter. Georg Hessemers Gesicht! war ganz nahe bei ihrem) unb sie fühlte seinen Arm an ihrer Schulter. Und dcann ihres Mannes rauhe Faust unb seinen heißem Atem. O, tote schrecklich sie sich fürchtete. — Was hatte sie beim getan? Nichts groß Unrechtes! Sich amüsiert wie die anderen alle, die da waren mit ihren Männern oder mit ihrem Schatz- Nur, baß ihr Manu nicht da war, und ber Georg nicht ihr Schatz. Ihr Schatz nicht! Aber sie hatte ihn lieb. _ Sal Das konnte ihr Mann ihr nicht nehmen, nicht mit all seinen wüsten Schimpfworten unb Trohungew — Aber sehen würbe sie ihn wohl nicht mehr, nicht oft, nicht mehr mit ihm reben bürfen, das hatte ihr Mann gesagt, unb was er sagte, bas setzte er auch burch- — Ach, es war alles vorbei, alles. Er nahm, ihr alles, was ihre Fveube war, was das Leben noch ein bißcheN hell machte- Sie würbe sich ducken müssen unter seiner Eifersucht, würbe kuschen müssen, demütig fein, tun, was er wollte- Es kroch ihr kalt ans Herz- — Sie richtete sich auf unb JaQ mit wirren Blicken in ber Stube umher- -— Hier oben würbe sie auch nicht mehr lange sein- —• Er hatte es gesagt. Er würbe sie zu sich zwingen, wie sie's heimlich schon lange gefürchtet- — Aber sie wollte nicht- — Nie unb nimmermehr! Ihr armer Kopf pochte, ihre Abern barsten beinah! Und sie fürchtete sich vor ihm, o so sehr- Ach, wenn ber Georg wüßte, was geschehen war- Wenn' fiel ühm es' klagen könnte. Er würde sie in seinen Arm nehmen, ganz sanft und weich, würbe sie Herzen und streicheln^ Wie sie sich auf einmal banach sehnte- Nach Mitleid, nach Siebe. Sie konnte nicht ohne den Georg leben, sie fühlte es auf einmal^ — Sie Möchte ein Loch in die Wand reiften, um zu ihm zuLommen, nM' ihm ihr Leib zu klagen- Dazu trieb sie ihr Mann, ihr


