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'MulvekSLplostsn in Mainz am 18.Msv m8sr1857.

Mrigi',ml-Artikel dcr Gießener Familicnblätter.)

Bon einem Augenzeugen.

Im Jahre 1857 bot die Stadt Mainz ein wesentlich anderes Bild als jetzt, wo die Umwallungen gefallen sind. Damals erhob sich unmittelbar hinter den letzten Häusern die erste Umwallung, hohe Maner- und Erdwerke mit Kase­matten. Um ins Freie zu gelangen, mußte man zuerst lange dunkle Torwölbungen passieren, woran sich Brücken schlossen, die über teilweise mit Wasser gefüllte Wallgräben führten. Dann kam die zweite Umwallung mit anderen Toren, bis man zu den Außenwerken gelangte. Bier Tore führten hinaus, das Raimundtor nach Bingen zu, das Miünstertor in der Nähe des jetzigen Bahnhofs nach Gonsen­heim zu, das Gautor nach derPfalz" zu, das Neutor nach Worins zu. Die beiden letzteren ivaren am stärksten befestigt, denn sie schauten nach Frankreich aus.

ltnd doch war damals das Straßenbild bunter. Lagen doch verschiedene Trnppenkörper dort, die Oesterreicher, die Infanterie mit blauen Beinkleidern und schmucken weißen Waffenröcken, die Pioniere ganz blau, die Artillerie mit braunen Waffenröcken, die Windischgrätz- Dragoner in grünen Waffenröcken und weißen Mänteln. Sodann die jPrenßen, die 34 er Pommern mit ihrem bekannten Kapell­meister Parlow, die 37 er Schlesier, die 39 er Rheinländer, dazu weiße Kürassiere. Auch Hessen stellte sein Kontingent als Wachmannschaft für die Gefängnisse vom 1. Regiment zu Worms. Kamen Sonntags dazu von Wiesbaden und Biebrich die Nassauer, Infanterie grün mit orangefarbenem Lederzeug, die Jäger schwarzgrün mit netten Käppis und Haarschweif, so war das Straßenbild wirklich bunt ab­wechselnd.

Wenn man damals durch das Gautor auf die über den Festungsgraben führende Brücke gelangt war, so sah man hinter der ersten Umwallung rechts einen mächtigen viereckigen Turm herausragen, ivie man ähnliche in Mainz am Holztor und Eisernen Dor hatte. Es Ivar der sogen. Martin sturm, ein alter Festungsturm. Dicht neben ilnn befand sich ein mit vielen Zentnern Pulver angefülltes Magazin, halb in der Erde steckend, halb über die Erde herausragend. Einige Schritte von dem Magazin begann der sogenanntealte Cästrich", eine nach Osten sich hin­ziehende Straße mit kleinen Häusern, meist von geringen Leuten bewohnt. Heute kann man es nicht begreifen, ivie in unmittelbarer Nähe von menschlichen Wohnungen solche Pnlvermassen aufbewahrt werden durften, wenn auch das Pulver nur in starker, Fäßchen transportiert und gelagert werden durfte und jeder, der das Magazin betrat, in Filzschuhen eintreten mußte. Dieser grobe Fehler sollte sich Am 18. November 1857 schwer rächen.

Es ivar nachmittags kurz vor 3 Uhr. Ich stand mit einigen Mitschülern im Hvfe des alten Gymnasiums in der Gymnasiumstraße; da die katholischen Schüler von 23 Uhr Religionsunterricht hatten, sollte unsere Stunde ;ltm 3 Uhr beginnen. Wir sprachen durch die Tür mit der Familie des Schuldieners, die gerade ihren Kaffee -trank. Da, 2 Minuten vor 3 Uhr, bekamen wir plötzlich einen heftigen Stoß, daß ivir taumelten, zugleich klirrten neben und unt uns die Fensterscheiben, die Kamine rollten lioit den Dächern. Unwillkürlich fingen wir an zn laufen, -um den Ausgang aus dein Hofe zu gewinnen. Da er­dröhnten drei Donnerfchläge, als wollte die Welt in Trümmer gehen. Eine unbeschreibliche Verwirrung ent­stand, Lehrer und Schüler liefen ratlos durcheinander, eine Unzahl Schüler blutete, die Glassplitter waren ihnen in das Angesicht geflogen, Schreien und Lärmen Überall, denn noch hatte man keine Ahnung, ivas eigentlich los war, weil man von dem Hofe des Gymnasiums keinen Fernblick hatte. Ich sehe noch unseren Lehrer der Natur­wissenschaft, Dr. Bitthardt, im Hofe herumlaufen, die Hand Wer die Augen halten und nach dem Himmel sehen. Da,

auf einmal wälzt sich von Westen her schwer und langsam! eine weiße Wolke.Pulver", kam es aus aller Munde. Nun stürzte alles hinaus auf die Straße, wo fort und fort kleine Steinbrocken zur Erde niedersausten, dem Kästrich zu. 9('od) aber hatte man die zur Terrasse führenden Treppen nicht erreicht, als die ganze Menge mit dem Schreckensruf:Fort, es geht noch einmal los" zurückflutete. Mittlerweile wurde für Militär und Feuer­wehr Alarm geblasen, und beide rückten aus, das erstere, um die Berfchütteten herauszugraben, die andern um die in der Erde sortbrennenden Balken zu löschen, zumal ganz in der Nähe ein Magazin voll gefüllter Granaten sich befand.

Hilfe war nötig, denn der ganze alte K ä st r i ch lag in Trümmern, ebenso waren die in anderer Richtung liegenden Straßen von dem fallenden Gestein be­schädigt, wenn auch die größere Masse des Gesteins nach außen in die Festungswerke geschleudert worden war. Das Gasthaus zum Donnersberg in der Gaustraße war, als ivenn man es mit Kartätschen beschossen hätte. Die alt- ehrwürdige S t e p h a n s ki r ch e ivar total d e m o l i e r t, Fenster, Altar, Orgel, Kanzel, alles zerschlagen; der mäch­tige Stephanskirchturm selbst hatte dem hinter ihm liegenden Stadtteile viel Unheil abgehalten. In ganz Mainz war keine ganze Fensterscheibe mehr. Die Straßen glitzerten von Glassplittern. Ich sehe noch den General von Boni«, Gouverneur vou Mainz, wie er stumm von der Straße aus sein fensterloses Palais beschaute.

Zahlreich waren die Opfer, die die Kata­strophe gefordert hatte. Die innere Gautorwache, welche bei ' der Explosion unter das Gewehr geeilt war, wurde von fallendem Gestein verwundet. Das in der äußeren Umwallung befindliche Wachgebäude war ein Trümmer­haufen; fast alle Soldaten waren tot oder schwer verwundet, nur der Mann auf Posten stand noch, aber sein Gewehr war ihm von einem Stein zerschlagen worden^ da hatte er kurz entschlossen sein Seitengewehr gezogen und hatte aüsgehalten, bis Ablösung kam. Der Posten, der an dem Pulver türm selbst auf Wache gestanden hatte, wurde auf dem Dache eines Hauses der Stadt tot g esu «den. Einer Wteilung Artillerie, die im Festungsgraben exerzierte, wurden mehrere Leute ge­tötet. Ain Abend lagen 18 Soldaten in der Totenkammer.

Nicht iveniger Menschenleben hatte die Explosion von den Beivohnern von Mainz gefordert. In einem einzigen Hause direkt am Turm wurden Vater, Mutter und drei Kinderer schlagen, es ivar die Faiuilie Klingen- schnridt; in einen, anderen Hause drei Personen, ebenso in der Weißgasse. Bon ersterer Familie war das jüngste Kind gerade in der Schule und der älteste Sohn diente bei den Chevaulegers iu Darmstadt. Als der Großherzog Lud­wig III. einige Tage nach der Katastrophe nach Mainz kam, gab er den Sohn sofort vom Militär frei. Eurem Mitglieds des Mainzer Stadttheaters, das in einer Entfernung vou einer halben Stunde spazieren ging, wurde ein Bein zerschlagen, zwei Brüder aus Bretzenheim fuhren im Augenblick der Explosion gerade einen Wagen mit Heu über die Festungsbrücke, sie ivurden samt ihren Pferden erschlagen. Der Direktor des Gym­nasiums Dr. Grieser befand sich gerade unter dem Gautor, als die Explosion stattfand, und ward so gerettet.

Wunderbare Lebensrettungen kamen vor. Die Haushälterin des altehrwürdigen Pfarrers Mertz von der Stephanskirche saß an ihrem Nähtisch am Fenster. Sie stand auf, etwas vou draußen heremzuholen, ung noch war sie nicht au die Tür gekommen, cus ein Sten» durch das Fenster fuhr und Nähtisch und Stuhl in stucke schlug. Dem jetzigen Besitzer der Konditorei Janson irrt Domgäßchen, der mit andern Knaben iu der StephauskirchL zur Beichte war, wurde die Fußsohle von einem Stein ge­spalten, doch wurde er nach längerem Lager wieder geheilt. Welche Gewalt die Explosion gehabt hatte,. beweist der Stein, der 'teilte noch im Hofe eines Hauses am Ball-