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„Wie du willst. Auf meinem Schreibtisch findest du alles, ivas du wünschest."
Nach wenigen Minuten überreichte der Doktor seinem Freunde ein Blatt Papier, auf dem folgende Anzeige stand:
Ein älteres, gebildetes und sehr gemütliches Ehepaar, kinderlos, sucht zur Gesellschaft und zur Leitung seines kleinen Haushaltes eine junge, womöglich alleinstehende, gebildete Dame. Stellung einer Tochter selbstverständlich.
Ausführliche Mitteilungen über Bildungsgang, persönliche Verhältnisse nebst Photographie wolle» reflektierende Damen gütigst senden snb — -— a. d. Exped. d. Bl.
„Ich verstehe dich nicht, Fritz. Ich und Babette bilden doch kein „älteres, gebildetes und sehr gemütliches Ehepaar"! Was soll 'das?"
„Junge, sei doch nicht so dämlich. Erkennst du denn gar nicht meine Schlauheit? Sieh, auf eine solche Anzeige kann sich jede, auch die prüdeste Dame melden. Wir bekommen eine Menge Photographien und ausführliche Mitteilungen über «die Originale. Wir können Erkundigungen cinziehen, und — das andere findet sich!"
„Aber das ist ja Betrug, Fritz."
„Papperlapapp, Hans. Sei nicht närrisch. Wen wollen wir denn betrügen? Jede Reflektantin bekommt das Ihrige wieder zurück. Getäuschte Hoffnungen hat jedes Gesuch zur Folge, wenn sich mehr als ein Reflektant meldet."
„Aber was soll es nützen? Gesetzt den Fall, wir finden eine passende Persönlichkeit, was dann? Dann säßen wir ja erst recht in der Patsche."
„Pfui, Hans! „Passende Persönlichkeit" — wie trivial. Doch laß das nur. Das andere findet sich später. Dies Inserat trage ich 'morgen in die Expedition der „—Ztg." Morgen ist Mittwoch — Freitag abend bringe ich dir die Offerten."
„Auf deine Verantwortung, Fritz. Ich wasche meine Hände in Unschuld." — —•
Einige vierzig Offerten brachte Doktor Fritz am Freitag abend seinem Freunde.
„So, Hans, nun trollen wir praktisch verfahren. Paß auf! Wir trennen vorerst alle Photographien voit den Briefen, und damit wir sie wieder zusammenfiuden, versehet! tvir Photographie und Brief mit einer gleichen Nummer. Nun frisch gn's Werk!"
„Aber wozu das, Fritz?"
„Tu wirst es schon sehen. Schnell an die Arbeit! So ist recht — 1, 1 — weiter! 2, 2 —. Immer die Rückseite der Photographie numerieren, 3, 3 —• die Briefe ohne Photographie kommen zuletzt daran, Hans, 4, 4 — nicht erst lesen, alter Junge, 5, 5 ■— Donnerwetter, ist das ein hübsches Gesicht, 6, 6 — hu, die alte Schachtel, 7, 7 — die Nachteule! 8, 8 — Ah superb, 9, 9 . . . ."
Endlich waren alle numeriert. Wvhlgezählt: 32 Offerten Mit Photographien, die übrigen ohne eine solche.
„So, Hans, jetzt sehen wir uns die Bescherung an. Alle Bilder hübsch nebeneinander gelegt, stramm in Reih und Glied, wie eine wohlgeschulte Kompagnie Linientruppen. Jetzt scheiden wir aus. Hier — alt und häßlich, weg damit! Hier eine dito, und noch eine dito, und noch eine dito. Diese auch, Hans; man erschrickt ja förmlich bor dieser Habichtsnase. — So, Freund, die Zahl ist schon kleiner geworden. Jetzt scheide du aus; bin doch neugierig auf deinen Geschmjack, altes Haus!"
„Hier, weg damit!"
„Nun, das Gesicht ist doch nicht so übel."
„ „Freilich! Aber sieh einmal diesen Hut, auf dem ein großes Stück eines Botanischen Gartens seinen Platz gefunden hat! Wie kann mau nur so geschmacklos sein? Hier ist noch eine Modenärrin. Weg dankit!"
„Plebejer, du!"
„Sei es darum. Mir einen Kleiderständer eines Modewaren- geschästes danke ich bestens."
„Hans, Hans! Esl passieren bekanntlich viele Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen der Mensch sich nichts träumen läßt; aber toenn du je zu einer Frau kommst, will ich in zweimal vierundzwanzig Stunden kein Glas Bier trinken."
„Ties Gelübde nehme ich nicht au, Fritz. Grausam war ich nie."
„Spötter!"
Die Freunde schieden unter Scherzen und Lachen und Streiten weiter aus, so daß zuletzt ein engerer Wahlaufsatz von drei Schönheiten übrig blieb.
„So, Hans, nun lesen wir die Briese. Lies du laut vor."
„Das können wir bequemer haben. Als gläubiger Anhänger der Graphologie wollen wir erst 'einige -©riefe, ohne sie zu lesen, ausscheiden."
Sechs wurden auf die Seite geschoben.
„Jetzt scheiden wir alle aus, die mit den Worten beginnen: Bezugnehmend auf Ihre Anzeige in der „—Ztg." usw."
(Schluß folgt.)
Zhukalonkorn, der „König der Könige".
Bon Tr. I. Wiese.
(Nachdruck verboten.)
Zurzeit besucht der Beherrscher des „Reichs des Elefanten" auf seiner Europareise auch das Deutsche Reich, unter dessen Schiffsflagge er den Weg vom fernen Osten nach dem europäischen Festlande zurücklegen wird. Da ist es -gewiß von Interesse, Näheres überden König von Siam, Chulalonkorn, zu erfahren.
Vielleicht kein Herrscher der Welt trägt eine solche große Anzahl von Titeln, wie unser demuachstiger Gast. Hier sind sie: Chulalonkorn, der „Fürst, der vonr Himmel gekommen ist, um i ,zu regieren", nennt sich eigentlich : Somdetsch — Phra — Chao — Luck — Pah — Jo — Chaofa — Chulalonkorn — Brodinthara —• Thephaya — Maha — Mvngkut — Burutsaya — Ratana — Rat — Räwiwougs — Wurutana — Pongs — Boriphat — Sri — Watana — Racha — Kumau. Für die Siamesen bedeutet er die lebende Inkarnation Buddhas. Daher war es früher verboten, die Augen zu erheben, um Se. Majestät zu betrachten Nur auf dem Boden kriechend nahten die Untertanen sich ihm, die Stirn im Staube rund die Ellenbogen auf die Erde gestützt. Bor wenigen Jahren noch war es ihnen verboten, an denr Palast vorbeizugehen, ohne niederzuknien und ohne die Hand zur Stirn zu erheben zum 'Zeichen der Ehrfurcht. Heute dürfen sie bei der Vorüberkunft des Königs stehen bleiben, aber nur unbedeckten Hauptes.
Die Regierung in Siam ist der Despotismus in der schrofssten Anwendung des Wortes. Der König ist dort absoluter Herr der Menschen und Dinge, alles gehört ihm: der Boden wie der Bewohner, er kann nach Belieben darüber verfügen. Ter König ernennt die hohen religiösen Beamten, er ist tauch zugleich oberstes Haupt der Kirche. Siam ist eine Erbnwnarchie; obwohl das älteste von den Kindern des verstorbenen Königs nicht Kraft des Rechtes als Nachfolger den Thron besteigt, geschieht es doch tatsächlich so. Tie Thronfolge ist durch eine Unzahl von Vorsichtsmaßregeln geordnet, nm Palastrevolutionen zu vermeiden. Alles wickelt sich auch gewöhnlich in Ruhe ab.
Tie Etikette verlangt, daß der König wenig ausgeht; aber Chulalonkorn ist durchaus nicht gewillt, sich allem zu unter- wersen, was seine Launen genieren kann. Er fährt oft in einer Barke, noch öfter in einer Kutsche spazieren seit der Einführung der Wagen in Bangkok und der Anlage neuer Wege. Ist die Entfernung zu groß, z. B. bei einer Reise von einer Provinz zu einer anderen, vom Winterpalast zum Sommerpalast, so reift der König in seiner Damipfjacht. In seinem Palaste zu Bangkok oder in dieser Stadt läßt sich Chulalonkorn in einer reich geschmückten Sänfte durch Sklaven in. Livree tragen. Trabanten schreiten voraus, Lanzen und Fackeln tragend. Bei großen Feierlichkeiten ziehen die Mandarinen, gleichfalls je nach Rang und Würde in Sänften getragen, der des Königs voraus, und die königliche Hymne wird gespielt. Oft auch besteigt Se. Majestät einen reich aufgezäumten Elefanten, dessen Zähne mit goldenen Zieraten geschmückt sind.
Tie Etikette des Hofes von Siam ist durchaus lästig. Iw einem alten Zeremonialkodex Phra-Aja-Kan-Montheraban ist alles bezüglich der Etikette geNau geregelt: das Aufstehen, das Bad, die der Lektüre der Gesetze und den Annalen des. König-, reiches gewidmete Zeit, die Äudienzstunden, die Almosen, die Unterhaltung mit der Königin und den Tiamen des Harems. Chulalonkorn würde der erbarmungswürdigste Sklave des ganzen Reiches sein, wenn er nicht sehr weise nach dem Grundsatz zu handeln verstände: der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig.
Ter Palast des Königs von SiaM ist ein gewaltiges Gebäude u nd umfaßt für sich allein die Hälfte des Terrains, das in die Befestigungen — was man in Bangkok die „City" nennt — eingeschlossen ist. Er ist vollständig von hohen Mauern unt- geben; mehrere Tore ermöglichen den Zutritt. Betreten wir das Innere, so bietet sich ein herrlich in chinesischem Geschmack errichteter Square zunächst unseren Blicken, dar. Man sieht dort eine Menge seltener Pflanzen in vielfarbigen Porzellankübeln.. An Jll u m i n a t io n s.ab enden bieten diese exotischen Blumen einen herrlichen Anblick. In der Mitte erhebt sich der hohe Uhrturm, gegenüber trägt der Pavillonmast, höher als diejenigen aller Konsulate, die Flagge in den siamesischen Farben. Um diesen Mast zieht sich ein geräumiges Zelt, in dem täglich die Musiker des Palastes ein Konzert geben. Diese sind nicht etwa, wie man vielleicht.annehmen sollte, jene alten Musiker, bereit Kunst darin bestand, mehr oder weniger stark in lange antike Trompeten zu blasen, ähnlich denen, die man den Engeln auf den Gemälden des letzten Gerichts in die Hand. gibt, sie sind auch nicht jene leidenschaftlich das Gong-gong oder Tamtam schlagenden Künstler, sondern ausgezeichnete Musiker, die geschickt die schwierigsten Stücke iunserer großen Opern ausführen und einen Euq ropäer als Kapellmeister an ihrer Spitze haben. ,
Tie Privatgemächer Sr. Majestät sind niemals zugänglich. Sie sollen sehr luxuriös ausgesifattet sein. Nimmt der König seine Mahlzeiten ein, so wird er gewöhnlich von jungen Leuten aus guten Familien bedient. Alle Gerichte, die auf den Tasch kommen, find versiegelt. Bezeichnet der König ein Gericht, so zerbricht der „Mundoffizier" das Siegel, hebt den Deckel ab und ' kostet, bevor er es Sr. Majestät darretcht. Das geschieht-


