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Menschenteöen, die lügen.
Romanvon tz. Ehrhardt,Veriafserin von „Mittellose Mädchen" Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Unter dem blauen Türvorhang stand im schwarzen Neiter- mantel, so wie er ihn einst zum ersten Male gesehen — totenblaß mit starrem Gesichtsausdruck — Joachim von Tressenberg. Nun trat er ein Paar Schritte vor. Unwillkürlich hatten die Herren sich erhoben. Keiner von ihnen hatte je viel Sympathie für ihn gehabt, im Moment aber gaben sie ihm alle Recht. Er konnte nichts anderes tun, als was er tat, indem er völlig beherrscht sagte:
„Ihre Bemerkung, Herr Hauptmann von Poseck, die ich unfreiwillig mit anhörte, enthält eine so schwere Beleidigung meiner Ehre, daß ich Genugtuung von Ihnen fordere. Ich werde Ihnen morgen früh meine Zeugen senden."
Der Hauptmann hatte sich straff aufgerichtet.
„Ich werde jederzeit für die Herren, zu sprechen sein."
Der Freiherr klappte die Sporen zusammen.
„Guten Abend."
Sein Blick flog über die erregten Gesichter und blieb auf dem des Grafen Scherrentin haften, wie in ernster schwermütiger Frage. Da wallte in dem „guten kleinen Kerl" eine großmütige Regung auf. Er erhob sich
„Ich begleite Sie, Tressenberg!" sagte er und wurde glutrot. Eilig schnallte er sich den Säbel um, fuhr in seinen Uniformpelz und nahm seine Mütze. Dann verließen die beiden Offiziere das Zimmer.
Auch den übrigen war die Lust zum längeren Bleiben vergangen. Zwar fanden sie sich als Männer ohne weitere Erörterungen mit der vollendeten Tatsache ab, doch im Inneren waren sie nicht gerade angenehm berührt von dieser Wendung der Dinge.
Leutnant Schmieder, Posecks intimster Freund im Regiment, hatte sich ihm als Sekundant zur Verfügung gestellt. Sie traten gemeinsam den Heimweg an. Der Sturm hatte sich gelegt. Die Natur lag jetzt ganz ruhig da, weiß, tot und kalt. Hell schien der Vollmond herab auf die winterliche Erde und beleuchtete grell Posecks hübsche von Sorge geschärfte Züge. Er sprach kein Wort. Aber in seinem Herzen tobte ein Sturm der Verzweiflung.
„Marga!" schrie es in ihm, „meine, liebe, arme Marga, wie wird das enden? Werde ich je den Weg zu dir finden?"
Riesengroß wuchsen die Hindernisse vor ihm empor und erstickten mit ihrer Wucht jedes Nestchen Hoffnung. Wen» er fiel bei diesem Zweikampf? In seiner Brust meldete sich etwas wie eilt empörtes Aufbäumen seiner noch unverbrauchten Manneskraft, ein heißes forderndes Glücksverlangen. Der Tod war ihm ein unheimlicher Gesell, dem er gern noch recht lange aus dem Wege gegangen wäre. Nun stand er auf einmal dicht vor ihm und hielt ihm triumphierend das Stundenglas mit dem ablaufenden Sande seiner Lebensuhr entgegen. Der Gedanke an seine Mutter erhöhte noch seine Verzweiflung. War er ihr deshalb ein so guter Sohn gewesen, um ihr jetzt durch eigene Schuld den vernichtendsten
Schmerz zuzufügen. Er sah ein, daß er Tressenberg gegenüber im Unrecht gewesen. Ans bloßer instinktiver Abneigung verurteilt mau einen Menschen nicht in so harter, ehrverletzender Weise, wie er es getan.
Er hätte auch nicht vergessen dürfen, daß es trotz allem doch Margas Bruder war, den er tödlich beleidigte. Jetzt kam die Neue zu spät.
Er hatte nur noch eine ganz sachgemäße Besprechung mit Schmieder wegen des zweiten Zeugen. Der Laudrat, den er sonst um diesen Freundschaftsdienst gebeten, reiste am nächsten Morgen zum Provinziällandiage nach B., und so einigten sie sich auf einen der ihm näherstehenden Hauptleute im Regiment. Schmieder faßte die ganze Sache sehr kühl auf. Mit ein paar Scherzworten überließ er de» Kameraden seinen einsamen Grübeleien und schritt, eine Operettenmelodie vor sich hinsummend, davon.
In Walter von Posecks Zimmer brannte die Lampe noch lauge au diesem Abend. Er saß an seinem Schreibtisch und verfaßte Abschiedsbriefe für den Fall seines Todes.
Joachim von Tressenberg aber rührte zu diesem Zweck keine Feder an. Er lag stundenlang wach in seinem Beit, ober irr ihm war es glanz ruhig. Selbst kein Groll gegen seinen Beleidiger kam in ihm auf. Er war fest entschlossen, vorbei zu zielen, aber er erhoffte für sich den Tod von Posecks Hand. Er sehnte sich nach Ruhe.
Es war ein stetes Kämpfen in ihm zwischen Recht und Unrecht. Bon Tag zu Tag ward ihm klarer, daß er nicht fähig war, sich zu der bequemen Moral so vieler seiner Standesge- nossen zu bekennen. Er konnte sich selber nicht mehr achten.
Wenn er dem Landrat gegenüber stand, der ihm mit seinem ernsten vertrauensvollen Blick die Hand bot, kam er sich geradezu erbärmlich vor.
Daß eS gerade Hauptmann von Poseck war, von dessen Hand er fallen sollte, war ihm eine schmerzliche Freude. Er hatte ihn hochschützen gelernt in den zwei Jahren, seinen festen ehrlichen Charakter, seine sonnige Liebenswürdigkeit--Und er hatte
eine Mutter, die ihr Letztes in ihm verlieren würde.
So schoß er an dem kalten, fahlen Wintermorgen ohne zu zielen, ins Blaue hineiir. Auch Hauptmann von Posecks Kugel ging fehl. Die Sekundanten, zu denen auf Tressenbergs Seite noch ein blutjunger Offizier, ein Herr von Lettwitz und einstiger Schulkamerad Joachims getreten war, und die beiden Unterärzte, sahen sich mit einem halben Lächeln an. Schmieder strich sich gleichmütig den weichen, lichtblonden Schnurrbart. Er hatte es ja gewußt. Wo würde man nur am besten frühstücken? Zuerst leistete er sich einen Grog. Es war bitter kalt und ihn fror.
Beim zweiten Gauge dasselbe Bild. Es war ersichtlich, die beiden Gegner wollten sich nicht treffen. Sie betrachteten das Rencontre nur als einen Zwang, den das Ehrengericht ihnen auferlegt hatte.
Nun hob der Freiherr zum letzten Male die Pistole. Aus dem Unterholz des Wäldchens, in dem man eine Lichtung zum Schauplatz des Duells gewählt hatte, tönte das Geräusch brechender Zweige, als ob ein Mensch sich gewaltsam hindurch dränge.


