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man auch auf dem Lande noch viele Veteranen aus den großen Jahren 1870/71. Wie ihre Augen leuchten, wenn sie von diesen Zeiten sprechen, und wie sie nicht müde werden, von ihren Erlebnissen vor Metz und von der gefährlichen Klemme an der Loire bei Briare zu erzählen. Aber auch die jungen Soldaten, die noch kein Pulver gerochen haben, jerinnern sich mit Freuden ihrer Dienstzeit in Gießen oder in Darmstadt. Ich werde nach den Offizieren aus ihrer Zeit gefragt, die ich meist gekannt habe. Sie sind in alle Welt zerstreut, mancher ist schon zur großen Armee ab- marschiert. Der Sohn des 86jähr. Veteranen hat in Gießen gedient, er rühmt sich Flügelmann der 5. Kompagnie ge­wesen zu sein, er will mich zu seiner Zeit auch gekannt haben. Durchaus soll ich eine Flasche Wein mit ihm trinken. Scherzhafterweise kehre ich den Vorgesetzten heraus und be­fehle ihm, er habe eine Flasche Wein mit mir zu trinken. Nachdem das geschehen, belädt er sich mit meinem Hand­gepäck, begleitet mich zur Bahn, löst sich eine Bahnsteig­karte und reicht mir mein Gepäck in den Wagen. Mit feuchten Augen verabschiedet er sich von mir.

Gern zeigen mir die Landwirte ihre Rindvieh st ü 1 l e. Ich treffe ganz moderne, sehr gut eingerichtete Stallungen. Als wir zu dreien die Schwelle eines Stalles überschreiten, sagt mein Begleiter etwas zu dein Besitzer, der sich daraus sehr förmlich bedankt. Ich wittere etwas Besonderes, einen Brauch dahinter und erkundige mich später. Mein Be­gleiter erklärt mir den Vorgang: Es ist Sitte bei uns, wen» wir einen fremden Stall betreten, dem Besitzer zu wünschen Glück im Stall", für diesen Glückwunsch dankt derselbe.

Für den Wandernden spielen die Wirtshäuser in den Dörfern eine Rolle. Jin allgemeinen verläßt sich der Wanderer am besten auf die im Rucksack uritgebrachten, wohlverwahrten Eßwaren. Meist fehlt es in den Wirts­häusern jedoch nicht an guter Butter, Eiern, Handkäse. Das Brot ist leider oft schlecht. An guten Getränken fehlt cs niemals. Man. erhält überall gutes Lauterbacher oder Alsfelder Bier, aber auch gutes Selterswasser, Limonaden undQuatsch" find zu haben. Dies letztere Getränk kann ich besonders empfehlen, es besteht aus einer Mischung von Erdbeer- oder Himbeersaft mit ganz frischem, kühlen Brun­nenwasser. Auf einem Plakat, das in jeder Wirtsstube hängt, nennt sich das GetränkSquash", da aber Wirt oder Wirtin sich nicht gern mit der englischen Sprache befassen, so nennt man das Getränk allgemein Quatsch. Wirte und Gäste verstehen sich. Es ist erfreulich, Ivie rasch diese alko­holfreien Getränke auf dem Lande Eingang gefunden haben. Die meisten jungen Leute, welche auf ihrer Wanderung Raft und Erquickung im Wirtshanfe suchen und von der Mittagssonne erhitzt eintreten, fordern in der Regel nicht Bier, sondern Quatsch oder ähnliches.

Immer wieder muß man sich freuen über die guten E r n t e a u ssich t e n trotz der Ungunst des Sommers. Ich komme zurück bis nach Burg-Ni cd er-Gemün den, zurück bis ins obere Lumdatal. Ueberall prächtige Halm- frucht. Bon Deck en buch aus erreiche ich das Ohmtal, der Wald tut sich plötzlich vor mir auf und ich sehe in eine sonnenbeschienene lachende Landschaft. Zur Rechten das so malerisch gelegene Homberg a. d. Oh>u, in dem weiten Wiesental, das sich zu beiden Seiten des Flusses hinab- zieht bis nach Kirchhain, erkennt inan die uralte turm- reiche Wasserburg Schweinsberg, und noch weiter unten trägt der plötzlich aus der Ebene anfsteigende gewaltige Basaltblock auf seinem breiten Rücken das sagenreiche Städt­chen A m ö n e b u r g.

Als ich mit einem Landwirt vor einem prächtigen Weizenfeld stehe und er int Laufe des Gesprächs angibt, daß die Ernteaussichten sehr gute seien, fährt er fort:Ja, da habe ich zu meiner Militärzeit in Darmstadt viel aus­stehen müssen. Als ich Rekrut war, da erzählten wir uns abends aus der Stube, wo wir her seien und so. Und als ich dcnnit herauskam, ich wäre hier zu Haus, da lachten mich die Rheinhessen und die Starkenburger aus und sagten: So, aus so einer .armen Gegend bist du, da verhungern ja

die Spatzen in der Weizenernte! Ich habe mich ärgern! müssen über das Gerede. Wenn ich was sagen wollte, dann hieß es gleich wieder, ja ihr dahinten mit euren ver­hungerten Spatzen!"

II.

Ich habe die Nacht in der Krone in Alsfeld zu- gebracht. Am frühen Morgen weckt mich das Gewieher von Pferden, dem die feinen Stimmen der ganz kleinen Füllen lebhaft antworten. Auf dem Platze vor dem Hause halten stattliche Schwälmer Bauern, die einen Morgentrunk nehmen wollen, mit ihren Pferden. Die Bauern scheinen in ihren zieurlich eng anliegenden laugen Kitteln, in den hohen Weißen leinenen Gamaschen und bei ihrer guten geraden Haltung auffallend groß. Sie ragen auch, neben ihren Pferden stehend, weit über den Widerrist. Die scharf ge« schnitteuen Gesichter der Männer, die gut geformte Aase, die stolze Haltung lassen sie wie ein Herrengeschlecht er­scheinen. Die mutigen Pferde tänzeln ungeduldig, schein­bar nur leicht am Zügel gehalten, nm ihre Herren herum, die auf die aufgeregten Tiere kaum achten und ihnen nur gelegentlich einmal beruhigend über den glatten Rücken streichen. Heule ist in Alsfeld Prämienmarkt, die ganze Stadt ist in Aufregung und ans der weiten Um­gebung strömen die Menschen zusammen: zu Fuß, zu Roß, ztt Wagen, mit der Eisenbahn. Die Schwälmerinnen in ihren ungezählten Röcken, den buntfarbigen Miedern, Bändern, Hauben, schlohweißen Hemdärmelu ziehen, die schwere Last der Röcke kokett schwenkend, mit dem zierlichen Henkelkörbchen am Arm durch die alten Straßen Alsfelds dem Festplatze zu. Leider kann ich mir die Prämiierung der Pferde, Rinder, Schweine, Ziegen und das Volkstreiben auf dem Festplatze nicht ausehen, ich muß weiter.

Am anderen Morgen will ich von Alsfeld nach Gre­ll c u a u fahren. Trotz der vielen Nebenbahnen in Ober- Hessen ist es nicht so schwer, in Landschaften zu gelangen, in -denen man vergeblich auf den Pfiff einer Lokomotive horcht. Da kommt die Postkutsche zu ihrem Recht und wenn der Postillon auch nur noch selten das Posthorn bläst, sondern nur bei Gelegenheit mit der Peitsche knallt i ein Stück der guten alten Zeit wird doch lebendig, wenn man sich diesem alten Verkehrsmittel einmal wieder au- vertraut.

Schluß folgt.

vermischte».

* Der Verlobungsring am Oberarm. Von einem neuen und mindestens recht originellen Schmuckstück kommt die Kunde aus Paris. Originell weniger der Form und der Art der Verwendung nach, als vielmehr seiner so­zusagen symbolischen Bedeutung. Einehübsche, sehr vor- nehiue und sehr reiche Prinzessin, die. sich kürzlich verlobt hat", ist die erste glückliche Empfängerin und Trägerin des neuen Kleinodes. AuS diesen Andeutungen ersieht man ohne Mühe, daß es sich hier um niemand anders als um di« Prinzessin Marie Bonapärte handelt, die millioncnreichs Enkelin des Spielpächters Blanc, die die Braut des Prinzen Georg von Griechenland ist. Und sie erhielt das Schmuck­stück statt eines Verlobungsringes, der ihrem Bräutigam ivohl zu altmodisch schien. Die Gestalt eines Ringes, eines Armringes, hat das Schmuckstück freilich auch, oder richtiger die Gestalt von zwei Ringen. Es besteht nämlich aus zwei runden Armreifen, die aber nicht wie geivöhnliche Armbänder am Unterarm, vielmehr am Oberarm getragen werden und den Zweck haben, die langen, zu ausgeschnittenen Kleidern üblichen und fast bis zu den Schultern hinaufreichenden Hand­schuhe zusammenzuhalten und vor dem Hinabgleiten zu sichern. Die Armbänder sind in Gold auf antike Weise gearbeitet, doch verschwindet das Gold beinahe vollständig unter den Steinen, Diamanten und Saphiren in abwechselnder Reihen­folge', die cs bedecken. Das Armband läuft in einen großen Brillantknoten aus, der auf der Mitte des Oberarmes ge­tragen wird. Und rings herum hängen von jedem Arm­reifen birnenförmige Perlen und Diamanten herab, die die