1907
Areitag den 12 April
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Dem Irrlicht nach.
Roman von Alexander Römer.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Ihm aber war die erbarmende Liebe im Herzen geblieben, und sie spornte ihn zu rastlosem Fleiß. Seit ein paar Jahren schon war er wohlbestallter Oberlehrer am Vitztumgymnafium, mit der Aussicht auf eine Universitätsprofessur.
Seine Arbeiten auf dem Gebiet der Geschichte und Altertums forschung hatten ihm bereits einen ehrenvollen Namen gemacht. Von den zwei Brüdern, welche er tvährend ihrer Ausbildungsjahre aus selbst erworbenen Mitteln erhalten hatte, tvar der ältere in einem überseeischen Kauftnannsgeschäft wohlsituiert, der jüngere bereits als Ingenieur tätig, und die Schwestern hatten sich verheiratet. Er durfte an sich und sein ei<]en Glück denken.
Seit Monden baute er Plane dafür, gestaltete sich feilte. Zukunft in wechselnden, schmeichelnden Bildern. Er konnte einem jungen Weibe mit bescheidenen Ansprüchen ein Heim bieten.
Sylvia war arm, mit rauher Offenheit hatte der Kommerzienrat jüngst diesen Umstand zu seiner Kenntnis gebracht, als er selbst noch nicht einmal gewagt hatte, die Zukunft in feste Form zu fassen. Ihn hatte das nicht zurückgeschreckt — im Gegenteil ■— eS erhöhte sein Glück, wenn er allein für die Geliebte sorgen durfte. Aber liebte ihn Sylvia?
Er hatte es bis heute geglaubt, und gelegentlichen Zweifeln wenig Raum gegönnt. Dieser eitle, selbstsüchtige, von tausend anderen Dingen erfüllte Roderich, der freilich in unerträglicher Weise seine Rechte als Pflegebruder aüsnützte und zuweilen einen Ton anschlug, der ihm, dem Doktor, das Blut wild aufgären machte, der hegte keine ernsten Absichten.
Und sie — sie war ein süßes, unerfahrenes Kind, unbewußt in ihrem ganzen Soin und Wesen, mit einem liebevollen, anhänglichen Herzen. Sie ertrug vieles von dem Bruder aus sanfter Gutherzigkeit, hing auch an ihm mit schwesterlicher Liebe —- was war natürlicher als das? Und hatte fte nicht manch liebesmal, lvenn er gekommen, ihm entgegen gejubelt, deutlich ihre Freude über seine Gegenwart kund gegeben?
Er riß sich von der erinnerungsreichen Stelle los, die Gedanken jagten sich in seinem Gehirn — aber heut abend — was war da gewesen, als sie und Roderich aus dem dunklen Winkel hervortraten — und sie erschien scheu und verlegen, wie er sie nie gesehen? Sollte dieser freche Bursche es wagen, seine Hand begehrlich nach diesem süßen Kinde auszustrecken, sie zu umgarnen unter der Maske des brüderlichen Verhältnisses? Ein Gedanke zum Rasendwerden.
Seit diese Tante Zernial im Walldorfschen Hause anfgetaucht war, fühlte er sieh unruhig und aufgeregt. Sie schürte Unheilvolles, und was war ihr Sylvia?
Seine Nerven waren überreizt heut nacht, er sah ihre langen K>wchenfinger mit den blitzenden Ringen daran Sylvia erfassen und festhalten, er sah, wie die Geliebte unter der Berührung znsammenschrumpfte und — ihr — ihr ähnlich ward I
Er stöhnte, es war ja eine höllische Vision, und keine Wirklichkeit. O, Mein Gott! Er sagte cs laut vor sich hin, ächzend wie ein schwer Träumender, als er vor seiner Wohnung stand und den Schlüssel im Schloß der Haustür drehte. IM Finstern stieg er die drei Treppen zu seinem Quartier hinan.
Es lag am Georgsplatz und bot eine hübsche Aussicht auf die Kreuzschule und die davor liegenden Blumenanlagen. Er riß den Fensterflügel auf, ihm war so heiß. Man spürte hier weniger von der Gewalt des Windes, vielleicht war er auch stiller geworden. Der Mond stand klar am Himmel und goß fein weißes Licht auf den gotischen Ban.
Es ivar Zeit, allerhöchste Zeit zu handeln, sich Gewißheit zu verschaffen. Sollte er mit Sylvia reden? Er konnte sich nicht Rechenschaft darüber geben, warum er davor zurückbebte. War es feige Furcht, daß sie in kindischer Torheit ihm ausweichen, die Sache in Scherz verkehren könne, wie es ihre Art tvar.
Es würde ihn bitter verletzen, und vielleicht verdarb ein mißverstandenes Wort sei» Lebensglück. Er vermochte sich Sylvia gar nicht anders als lachend und tändelnd vorzustellen, und sie war ja so unsäglich reizend gerade in dieser ihrer wechselnden Eigenart.
Der Nachiwind zauste sein Haar und kühlte seine heiße Stirn. Nein, es ivar besser, zuerst mit dem Kommerzienrat zu reden, er mußte auch erfahren, woher Sylvia stammte. Es war ihm vollkommen gleichgültig, es hatte nichts zu schaffen mit seiner Siebe, mit ihrem Reiz und Wert, aber es tvar notwendig zur weiteren Klärung der Lage.
Der Kommerzienrat hatte ihm deutlich gezeigt, daß er nichts einzuwenden habe gegen seine Bewerbung um der Pflegetochter Hand, für Sylvias Ansprüche genügten die Mittel, welche er bieten konnte, er forderte ja nicht Erna, die reiche Erbin.
Ein seltsamer Schatten flog über feine Züge — Erna ■— wie greller Blitzschein zuckte es durch sein Gehirn. Er sah plötzlich greifbar deutlich vor sich ihr liebes, ernstes, treues- Gesicht — wäre Erna seine Geliebte, er würde keinen Augenblick geschwankt haben, direkt vor sie zu treten, ihr fein Herz zu öffnen, ihre Antwort zu fordern. Was sollte dies? Wie konnten ihm in dieser Stunde solche Gedanken kommen, war er denn seines Herzens nicht sicher, nicht finr, über seine Gefühle? Unheimlich rätselhaft erschien er sich selber.
Und das Bild wich ihm immer noch nicht. Sie stand da vor ihm mit einem Schein auf ihren Zügen, wie er ihn in Wirklichkeit nie bei ihr gesehen, es war ein Strahl großer, heiliger Liebe. Er durchmaß mit großen, unruhige^ Schritten das Gemach, er litt heut nacht an Halluzinationen, was war ihm denn? Ha, wirkte etwa Herrn Roderichs Eitelkeit ansteckend, ihm war es zuzutrauen, daß er sich einredete, nicht allein Sylvia, sondern jedes Mädchen sei in ihn verliebt. Erna — er schüttelte ganz unwillig und mitleidig über sich selbst den Kopf, — die Erbin — und gefetzt er hätte sie geliebt und nicht Sylvia, nie, nie würde er, der Unbemittelte, um sie geworben haben. Das hätte ihm sein Stolz nicht erlaubt. Wie


