Samstag den 12. Januar

1907

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Menschenleöen, die lügen.

Roman von H. Ehrhard t, Verfasserin vonMittellose Mädchen".

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Ter kleine Raum, von dessen rundbogigen Fenstern inon weit ins Land hinein bis zu dem blauschimmernden Gebirgs­zug der Sudeten sab, war die Stätte, zu der sie mit Freud' und Leid flüchtete. Hier erbrach sie auch Hannas Brief. Ein Lächeln, das immer strahlender wurde, je weiter sie las, über­flog ihr frisches Gesicht. Die Freundin lud sie zu ihrer schon am 14. Januar statlfindcnden Hochzeit ein.

Sie habe zugleich auch an die Freifrau geschrieben, be­richtete sie, so hinreißend liebenswürdig, daß eine Absage unmöglich sei.

Margas Lächeln verwandelte sich in einen Seufzer.

Unmöglich?"

Ach, sie kannte den Vater nicht. Wie würde der je seine Einwilligung zu solch einer kostspieligen Sache geben? Das junge Mädchen legte resigniert den zusammen gefalteten Brief auf den kleinen Rokoko-Schreibtisch, der einst der leichtsinnigen Französin Eigentum gewesen, dann holte sie rasch das ein­fache, in braunem Leder gepreßte Photographie-Album von dem runden Sofatisch und schlug es auf, um sich an Hannas neuestem Bilde zu erfreuen. Plötzlich sah sie aber sehr ver­blüfft drein.

Die Stelle, von der aus Hannas bezauberndes Gesicht dem Beschauer entgegen gelächelt hatte, war leer. Auf der anderen Seite blickte ihr Bruder Joachim, in Paradeuniform, sie aus hochmütigen Augen an. Sie starrte auf ihn nieder. Ihr erster Gedanke verdächtigte ihn als Dieb des schönen Mädchenbildes. . Er hatte von Jugend auf eine Schiväche gehabt für weibliche Schönheit, er hatte sie nach Andeutungen der Eltern und des Bruders heut noch mehr, als eigentlich statthaft war.

Sie hatte keine Zeit, länger darüber nachzudenken, denn die Tür ihres Zimmers wurde rasch geöffnet.

Auf der Schwelle stand die hohe Gestalt der Freifrau. Ihre hellen, kalten Augen glitten prüfend über das mit billigem Tand ausgeputzte peinlich saubere Stübchen und blieben dann auf dem vor Erregung glühenden Antlitz der Tochter haften.

Sie gestand sich zum ersten Make, daß sie eine schöne Tochter besaß. Im Winkel ihres verknöcherten Herzens hob die Muitereitelkeit schüchtern den Kopf "und wurde schnell zu einer niächtigen Fürsprecherin. So kam's, daß die Freifrau zu Margas fassungslosem Staunen der Hochzeitseinladung nicht direkt ablehnend gegenüber stand, ja, sich sogar zu dem Zugeständnis verflieg, sie werde ihren ganzen Einfluß geltend

machen, dem Freiherrn die Erlaubnis zu dieser Reise ab­zuringen.

Das junge Mädchen war völlig überwältigt von der Aussicht, welche die ungewohnte Nachgiebigkeit und Güte der Mutter ihr eröffnete.

Ein stammelndes:Ach, Mutter, Mutter, wenn es wirklich dazu käme ich könnte weinen vor Freude," ent­rang sich endlich halb schluchzend ihren Lippen.

Die Freifrau wehrte die ihre Rechte umklammernde Hand der Tochter fast unwillig ab.

So viel liegt dir daran?" sagte sie spöttisch,möge die Enttäuschung dich nicht zu schwer treffen. Die Welt da draußen, von der du so Schönes zu erhoffen scheinst, gibt kein Glück, das sie sich nicht mit tausendfachem Leid bezahlen läßt. Denke daran, wenn du in sie eintrittst."

Marga hob aufleuchtenden Auges den Kopf, sie war förmlich verwandelt.

Ich fürchte mich nichtl" Sie sprach, als löse sich eine Last von ihrer Brust,lieber unglücklich werden und einnial maßlos glücklich gewesen sein, als sorglos und einförmig alt werden und nie gelaunt haben, was leben eigentlich heißt."

Ein rätselhafter Ausdruck, halb Staunen, halb Neid, veränderte die gleichmäßigen Züge der Freifrau. Wie kam das Mädchen, ihre Tochter, zu dieser leidenschaftlichen Auf­wallung? Woher war in ihre streng gehütete, schüchterne Seele der Funken dieser glühenden Lebenssehnsucht gefallen?

Wer hat dir, wenn ich fragen darf, den Schundroman verschafft, aus dem du deine exaltierte Weisheit schöpftest?" fragte sie verletzend hohnvoll,oder du willst doch nicht etwa behaupten, daß dieser Unsinn in deinem eigenen Kopfe ent­standen ist?"

Das junge Mädchen zuckte zusammen und eine Blut­welle lief über ihr hübsches Gesicht und ihren'Nacken bis au die blonden Haarmellen hinauf.

Ich lese nichts ohne deine Erlaubnis, Mutter, du weißt es", sagte sie dann fest, wenn auch mit einem Anflug der alten Schüchternheit,ich habe nur aiisgesprochen, was ich mir selbst denke. Es tut mir leid, wenn meine Aeußerung dein Mißfallen erregte."

Sie griff nach der Hand der Mutter und führte sie an die Lippen, aber cs war mehr eine anerzogene Höflichkeit, als der Ausdruck kindlicher Ehrerbietung.

Tie Freifrau mochte das fühlen. Sie trat zurück und wehrte hastig ab.

Schon gut!" sic hatte keine Spur von Weichheit in der Stimme,lassen mir das Thema fallen." Und nach der Tür gehend, ivarf sie noch hin:Um elf Uhr haben die Jungen sich das Frühstück heraus bestellt. Wenn du noch Lust hast.