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Sylvias verheerte Züge sich belebten mit einem matten Freuden- schimmev hßi Nennung dieses Namens.
Als Ersatz für den Bruder kam die Schwester wieder ins Haus, sie, die Roderich sterbend den Seinen ans Herz legte. Sein Brief an Sylvia ließ die ersten Blicke in seine Seele tun, die er früher nie ganz erschlossen. Er hatte von jeher nur Sylvia geliebt, und mit ihr wäre er ein anderer, ein Glücklicher geworden.
Erna unternahm es wiederholt, dein geknickten Vater, der sich jetzt unter dem Druck dieses schweren Unglücks über die Gebühr anklagte, zu beweisen, wie Roderichs freie, eigene Wahl ihnt fein Glück verschloß. Seine Eitelkeit brachte ihn zu Fall. Aber der Vater sagte sich bitter, Wenn er diese weniger genährt, ja energischer unterdrückt hätte, und selbst sich nicht so eitle Ziele mit dem Sohn gesteckt, es wäre wohl anders gekommen.
Während anr Nachmittag die gefiirchtete Abschicdsszene zwischen Sylvia und ihrer Mutter sich abspielte, blieben Erna und Villatte im Nebenzimmer, zu Sylvias Schutz, wie Erica sich gusdrückte. Sie selbst wollte Tante Cölestin« nicht sehen.
„Es geht über meine Kräfte," sagte sie und sic hatte recht.
Ihre Kbäfte waren auch durch diese Tage auf das äußerste angespannt. Sic hörten durch die Türe Fpau Zernials pathetische Stimme. Sie nahm sich aber augenscheinlich zusammen; man hatte ihr gesagt, wie schwäch Sylvia sei, und ihr Aussehen mochte ihr das bestätigen.
Sylvia fand die Mutter ganz als Büßerin, als Konvertitin, als Magd der heiligen Jungfrau.
„Ter hochverehrte Mann, der Abbate Lucci, hat mich aus meiner tiefsten Qual errettet und erhoben," sagte sie, „und mir den ferneren Weg gewiesen." Sie war auch in Trauergewandung gehüllt, und schwarze Schleier flatterten um ihr Haupt. „Wo die Welt und mein eigen Kind mich verstößt und verläßt, nimmt die Kirche mich auf. Sie gibt mir den Frieden, den die Welt nicht zu geben vermag. Ich werde für dein« Sünden beten, mein armes Kind."
Sylvia hörte aus ihren Reden nur heraus, daß sie sich nicht weiter auslehnte, und in gewissem Sin» zufrieden war, und das war ihr eine Erlösung.
„Was willst du beginnen, Mutter?" sagte sie leis«. „Die Rente vom väterlichen Erbteil, ich überweise sie dir gern, im Walldorsschen Hause bedarf ich ja für mich nichts."
„Ich danke dir, mein Kind, — auch ich bedarf nichts weiter. Im Kloster zur ewigen Anbetung sind« ich meine Ruhestätte, ich trete morgen als Novize ein. Ewige Anbetung — erhabenster Gedanke! Die Welt mit ihren Schmerzen versunken, der Himmel offen!" Sie richtete ihre Augen in fanatischer Glut nach oben und bekreuzte sich andächtig.
Sylvia seufzte.
Vielleicht war es für den Moment wirkliche Begeisterung bei der Mutter, sie war ja solcher Ting« fähig, und int Kloster sicher aufgehoben — besser als auf den unruhigen Straßen des Lebens. Sylvia fühlte sich zu elend, um weitere Einwendungen zu machen, sie küßten einander und schieden.
Villatte hielt im andern Zimmer Ernas Hand fest in der seinen, sie lehnte ihren müden Kopf an seine Schultern
„Gottlob!" sagten sie aus einem Munde.
Und da beugte sich Villatte zu ihr nieder und küßte ihre Lippen zuin erstenmal. Sie ruhte einen Moment weltvergessen in seinem Arm, dann richtete sie sich auf und schüttelte den Kopf.
„Co also wirst du mein," sagte sie, „in dieser dunklen, traurigen Zeit. Und ich habe dich so lange Jahre geliebt."
„Erna!" Er sank vor ihr nieder, und küßte immer wieder ihre Hände. „Ich weiß, ich verdiene solch überschwenglich Glück nicht."
„Doch — du verdienst es, wenn einer, so du. Gott gebe, tzaß du es att meiner Seite findest."
(Fortsetzung folgt.)
Äugend.
Novelle.
(Schluß.)
„Friedrich, deine Großmut ertrage ich nicht, nimm mir doch nicht fyie Möglichkeit, mich vor mir selbst zu reinigen. Laß uns versuchen, uns ein neues, andres Glück zu bauen. Nur laß mich dich noch einmal so glücklich machen, wie ich es von Anfang an erstrebt habe; erst wenn ich dich wieder werde lächeln sehen, werde ich mich wert fühlen, io eitet zu leben. Friedrich, versuche es mit mir, gib mich dem Leben zurück."
Ao stammelte das junge Weib in rührendem Flehen, währettd Tränen aus erloschenen .Augen aus sie herniederfielen.
Sie ahnte ja nicht, daß sie seinem Herzen in dieser Hilflosigkeit nur noch begehrenswerter wurde; aber er hatte nicht die Kraft, ihr, die nicht zu überzeugen war, bett letzten Trost zu nehmen, auch nicht die Kraft, sie zu verlieren. Es gab nur einen Weg, der sie einander erhalten konnte, er wollte ihn gehen. Ein gemeinsames Leid verband sie und würde sie stützen auf chwerer Bahn.
Mühsam hob er die vor ihm Knieende zu sich empor, nahm ihren Kopf zwischen seine heißen Hände und sagte gepreßt: „Wir wollen es versuchen."
Dann saßen sie lange stunim nebeneinander, jeder seinen eigenen trüben Gedanken nachhängend, bis sich Elisabeth hastig erhob und mit einem leisen „auf Wiedersehen" das Zimmer verließ.
Als sie gegangen, war es mit Friedrichs Fassung vorbei. Er wußte, daß er nicht die Kraft haben würde, zu entsagen und daß ihre Nähe sein Verlangen nur stets aufs neue entfachen würde. Aber sie ganz verlieren, wäre ihm das nicht erst recht unmöglich gewesen? Nein, er wollte den Kampf mit der Naturgewalt aufnehmen und seinem Liebling das Leben wieder begehrenswert machen, sollte auch fei» Herz dabei verbluten. —•
Voll Freude bemerkte Erich in den nächsten Tagen, daß Elisabeths Wesen freier wurde, daß sie sich wieder mehr mit den Kindern beschäftigte und ein leises Lächeln zuweilen ihren Mund umspielte.
Es wär für die drei Menschen eine schwere Zeit, die nun folgte.
Was Elisabeth an einem Tage mit Zartheit aufgebaut hatte, schien bei dem nächsten Zusammensein wieder zerstört. Es schnitt ihr in's Herz, wie heldenhaft Friedrich mit sich kämpfte und wie infolge der seelischen Erregungen sein Leiden zunahm. Sie litten beide namenlos. Oft blieb Elisabeth mehrere Tage aus, um ihn zur inneren Ruhe konnnen zu lassen und schickte ihm statt dessen die Kinder, aber auch dies hatte nicht die erhoffte Wirkung; dann hatte sich die Sehnsucht nach ihr so gesteigert, daß es ihm schwerer denn je wurde, sich zu beherrschen.
Es waren glücklich qualvolle Stunden, die die beiden tapferen Menschen da miteinander verlebten. Zuweilen lag eine seltsam« Ruhe über Friedrich, die Elisabeth freudig für ein Anzeichen seelischer Genesung hielt, die in Wahrheit aber nur Physisch« Erschöpfung war.
Die Schmerzen, die ihn sonst wenig gequält hatten, traten häufiger auf und sein Leiden machte so rapide Fortschritte, daß Elisabeth es sich nicht mehr verhehlen konnte, daß er der Auflösung entgegen ging. Tann wieder gab sie sich der Hoffnung hin, wenn tagelang ein Stillstand cintrat und er sogar heiter schien.
Wenn er jetzt starb, dann war sie eine Mörderin . . . Das durfte doch nicht geschehen, sie mußte ihm den Tode abringen.
So lebte sie zwischen Hoffnung und Entsagen hin und her geworfen, sich auch körperlich dabei aufreibend.
©riet) konnte diese stumme Qual seines Weibes schließlich nicht mehr mit ansehcn und forderte eine Erklärung für ihr rätselhaftes Wesen. Er sah in ihr jetzt nur eine Kranke und glaubte sich daher nicht mehr an fein Versprechen gebunden. Auf alle Vorstellungen antwortete sie jedoch nur mit stummem Kopfschütteln oder sie sagte nur mit schmerzlicher Innigkeit: „Ich liebe dich, wie nichts auf der Welt."
Tann brachte er ihr die Kinder herein und vereinte seine Bitte mit den zarten Stimmen: „Wir wollen dir helfen, Mutter", dann u infaßte sie Mann und Kinder mit heißer Zärtlichkeit und wohltätige Tränen lösten die dumpfe Spannung in ihr aus . . , aber Worte fand sie nicht. ,
„Elisabeth, wir müssen Abschied nehmen", begrüßte sic Friedrich eines Tages, indem er ihre schmal« Hand an die Lippen zog.
Verständnislos sah sie ihn an, dann mit einem Blick seine verfallene Gestalt umfassend, ging ihr eine Ahnung jener inhaltschwere» Worte auf. , _ .
„Friedrich", rief sie erschüttert, „weißt du, daß du mich nachziehst in das Grab? Ich darf ja nicht weiter leben mit dieser ungesühnten Schuld. Du mußt leben, für mich leben,----
für Erich leben", murmelte sie fast unhörbar.
Ein schmerzliches Zucken ging über ferne durchsichtig schmal gewordenen Züge. „Für Erich leben", hallte es in feinem, Herzen nach. _ „ _ .. , , ,,,
„Kind, meine Zeit ist um, des langen Lebens Leid habe ich zu tragen vermocht, der kurze» Spanne Glück bi» ich unterlegen.'- Nach einer Pause fuhr er mühsam fort:
„Laß uns heute voneinander Abschied nehmen, du sollst mich nicht Wiedersehen, in vollem Bewußtsein will ich von dir scheiden und dich segnen für deine Liebe."
Und dann mit versagender Stimme: „Küsse mich, meine Jugend." Mechanisch willfahrte sie seinem Wunsche, mechanisch gehorchte sie dem schwachen Wink seiner Hand, sich zu entfernen/ wie eine Nachtwandlerin schleppte sie sich nach Hause und brütete dumpf vor sich hin. ,
Erich war verzweifelt und hielt es nicht zu Haus« aus.
War das wirkliche Liebe, wie Elisabeth immer und immep wieder versichert«, wenn sie durch ihr hartnäckiges Schweigen so viel Unglück über alle bracht«? Liebt« sie vielleicht ■ • • •' aber nein, er schämte sich dieses .Zweifels. Aber was war eS.6
Am nächsten Tage sagte er verstört und so schonend tote


