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Mit intern vevunfljalteten Gesicht noch länger bei Hof zu bleiben, erschien ihr unmöglich. Was sollte aber dann aus ihr werden? Sie sann hin und her. Sekundenlang durchzuckt« sie der zufriedene Gediank«: „Wie gut, daß Lupowsky nichts Mehr von dir zu fordern h!at," aber die Freude währte nicht lange. Tie Sorge um di« Zukunft blieb doch die gleiche.
Ach, sie hatte noch tibergenng Zeit, sich alles in Ruhe zu über- legen, denn msinche Woche ging noch ins Land, ehe sie, soweit hergestellt, als ärztliche Kirnst es vermochte, Ihrer Hoheit persönlich die Bitte unterbreiten konnte, sie in Gnaden von Ihrer Stellung zu entbinden.
Mit vollem Gehalt pensioniert zog Fredine nach.Wiesbaden, wo sie bald in dem Fremdenstrom den Blicken der Bekannten entschwand.
Ein Jsahr später behauptete Sprenger, sie dort als die Besitzerin eines Pensionates wiedergefunden zu haben, dessen junge Damen sich in gleicher Weise durch Schönheit und LiebenÄ- wiirdigkeit auszeichneten!
(Schluß folgt.)
Gießener StndentenleSen im 17. und 18. Jahrhundert.
Von Tr. Adolf Langgut!).
(Schluß.)
Die Universität Gießen stand zu damaliger Zeit auf einer ziemlich niedrigen Stufe. Die Besetzung der Lehrstühle und die vorhandenen Lehrmittel waren beide völlig unzureichend. Die Professoren, denen es großenteils an einer gediegenen Vorbildung und dem nötigen Fleiß fehlte, lasen ihre Vorlesungen nur über dies oder jenes oberflächliche Kompendium und hatten nur wenig Zuhörer. Desto bunter und lärmender ging es bei den Studenten zu. Bis in die 70er Jahre des 18. Jahrhunderts hinein blühten iroch in ganzer Herrlichkeit di« Landsmannschaften, jene hinlänglich bekannten, ziemlich losen Verbindungen, deren gemeinsames Band die gleiche Landesangehörigkeit zu bilden pflegte. Am Degen das Band des Landes oder einer anderen willkürlich gewählten Farbe, die gleiche Kbkarde am Hute, so kneipten itnb „kommerschierten" die Landsmannscha fter und versammelten sich allsonntäglich zu sogenannten Kränzchen, die abwechselnd auf den Stuben der einzelnen Mitglieder gehalten wurden, wobei der Gastgeber, der sog. „Hospes" die Geladenen mit Kaffee, Tabak und Bier traktieren mußte. Eine Fechtübung im Garten oder im Saal schloß sich, an, die übrige Zeit stillte die Aufrechterhaltung des akademischen Komments aus, als dessen Hüter sich die Landsmannschaften vor allem betrachteten. Um das Jahr 1770, oder schon vorher, waren als neue studentische Korporationen die Orden in die Erscheinung getreten, die eine Art Geheimbund bildeten. Mitgliedschaft, Gesetze und Wahlsprüche waren in Dunkel gehüllt. Von Jena aus, wo unter der Landsmannschaft der Mosellaner um 1770 ein Amicisten-Orden entstand, verpflanzte sich dieser nach Gießen und trat mit dem landsmannschaftlichen Kränzchen der Pfälzer, dessen Senior Laukhardt längere Zeit war, in Verbindung. Aus der Handhabung der hochtrabenden Ordensvorschristen, die neben vielen läppischen Heimlichkeiten sogar Humanitätsprinzipien und allgemeine Sittenvorschriften enthielten, wurde in der Regel nicht Diel'. Die Kneipe, der Hieber, allerlei tolle Burschenfahrten bei Tage und bei Nacht spielten bei den Orden, ebenso wie bei den Landsmannschaften die Hauptrolle, obwohl sie sogar zu literar. Tätigkeit aufforderten. Laukhardt selber hat in einer Reihe von Schriften in seiner Selbstbiographie, den „Annalen der Univ. Schilda" und in dem Büchlein über den Amicistenorden, die damals in Gießen wie auf anderen Universitäten herrschenden Zustände derb realistisch geschildert und beleuchtet. Hierzu nur einige Beispiele.
Einer der Lieblingsscherze der Gießener Burschen war das sogenannte „wüste Gesicht", eine Larve von scheußlichem Ansehen, die an einem Bündel zusammengerollter Lappen auf einer hohen Stange befestigt wurde. Diese Larve nahm ein Student, trat des Abends spät vor ein Haus, wo die Leute, wie es in Gießen üblich ist, wegen der Feuchtigkeit im zweiten Stock logierten, und • klingelte oder klopfte. Kam nun jemand ans Fenster, um zu sehen, wer da wäre, so hielt man ihm das wüste Gesicht vor, worüber dann die guten Leute zu Tode erschraken. „Wir gau- dierten uns wber baß darüber," schreibt L., was wir ihm auch ohne weiteres glauben. Ter übermütigen Jugend kam dabei noch der zu jener Zeit, namentlich in der Pfalz herrschende Aberglaube zu Hilfe, und von drastischem Humor ist das, was L. über den „Schlaggose", das „Muhkalb" und den „feurigen Mann", sowie über die „Irrwische" — die letzteren wurden für die Seelen der Kinder gehalten — zu berichten weiß.
Aber nicht in der Stadt allein ward Unfug aller Art getrieben, fast noch mehr auf den Dörfern. Hier sind namentlich die sogen. Kreuzzüge zu erwähnen, bei denen die Burschen, mit Flinten bewaffnet, von Dorf zu Dorf zogen, dort tüchtig zechten, die Flinten abschossen, einen furchtbaren Spektakel vollsührten, dem Nachtwächter das Horn abnahmen, nm darauf zu blasen, den Bauern, wenn sie sich zur Wehre setzten und nicht „Frieden" machten.
übel mitspielten, gelegentlich aber von diesen, den „Ungläubigen", weidlich durchgebläut wurden, so daß die „Kreuzfahrer" mit blutigen Köpfen wieder heimkehrten. Auch Laukhard hat noch drei solcher Kreuzzüge unternommen.
Die Landgrafen eiferten nach Kräften gegen solchen Unfug, aber umsonst. Offenbar hatten Rektor, Senat und die Professoren nicht den Willen, gegen diese „ärgerlichen und schmählichen Injurien" anzukämpfeu und die Frevler zu bestrafen. 1694 verschärfte Serenissimus die akademischen Gesetze dahin, „daß die sog. rencontres, das attaquieren, überfallen, stoßen, balgen, bastionieren, tractieren mit cardaetschen oder Schießgerten, solches geschehe in Häusern oder auf den Gassen, bei Tag oder bei Nacht, nicht mit Geld, sondern mit der poena carceris auf 8—14 Tage oder 3 Wochen mit der relegatione vel publica vel privata bestrafet werde. Daß die Karzerstrafe eine sehr empfindliche war, weil die Karzer im 17. und einem großen Teil des 18. Jahrh. Schauerlöcher genannt werden müssen, sei nur beiläufig erwähnt. Fnr Januar 1774 richtete der Gießener Rektor Baumann wegen des schlechten Zustandes des im alten abgerissenen Universitätsgebäude befindlichen Karzers eine Eingabe an den Senat, in der es heißt: „Ich habe bemerkt, daß das akademische Karrer auf dem Fußboden mit Steinen belegt sei und, daß Niemand eine halbe Stunde darin sein könne, ohne daß ihm die Beine eiskalt werden, wenn man auch auf bie übrige Kälte, bie von bett dicken Mauern verursacht wird, nicht reflektieren wollte. Bei jungen Leuten geht ohnehin der stärkste Trieb des Blutes nach bett Lungen und sie sind vor anderen der Haemopthsie und bettelt daraus kommenden üblen Folgen unterworfen." Bei dem einen oder anderen der Jnkarzerierten habe sich dieses Uebel geäußert, und da das Verhältnis der Professoren gegen di« Studiosos eben das wie die lVäter gegen ihre Kinder sei, so bittet er die hochzuehrenden Herren Kollegen, den Fußboden des Karcers mit Dielen belegen zu dürfen. Die Abstimmung fiel einstimmig zu Gunsten des humanen Vorschlags aus, und einer der Prosesioren bemerkt dabei, daß „für einen so patriotischen Vorschlag Sr. Magnifizenz nicht genug gedankt werden könne." -raß auch die Kärzerstrafe selbst zu allerlei akademischen Lustbarketten Veranlassung gab, zeigt eilt landesherrliches Reskript von 1697 an den Rektor und Senat: „Bei der Jncarcertion soll der Zulauf von anderen Orten, das Fressen und Saufen, Spielen und Rasseln nicht mehr gestattet, sondern solche zu einer rechten Art etner Strafe eingerichtet werden." Gegen die ganze,verwilderte Zett- richtung war mit Verordnungen und Befehlen nichts auszurichten. Bei Totschlag oder tödlicher Verletzung hörten die akademischen Vorrechte der Studenten auf, gelegentlich aber gab es zwischen Regierung und Hochschule auch Streit über die betderserttgen
Befugnisse.
Wie alles, so hatte auch die Studentenzeit ein Ende, und das Examen nahte heran, dessen Kosten nicht gering waren. Dte Dokcor- promotionen, in früheren Zeiten viel häufiger als gegenwärtig, stellten atubeit Säckel bes Kandidaten große Ansprüche, so datz der Landgraf auch hier gegen bie „kostbare Exorbitanz emschrttt, ohne daß die Klagen in der Folge aufhörten Ä-urch das ganze: 17. und einen guten Teil des 18. Jahrh. ist der landesherrliche Eifer gegen die so außerordentlich kostspieligen Schmausereim gerichtet In einer Zeit, wo überhaupt jede Klasse der GAllschaft und bei jeder Gelegenheit ihr Hauptvergnügen in reichlichem Essen und noch reichlicherem Trinken suchte, ist es nicht verwunderlich, daß auch Studenten und Professoren ihre Taselsreuden haben wollten Da mußte der neu zugereiste Student Mit einem Aceeßschmaus herhalten, und wenn er wieder abzog, so veranstaltet« er freiwillig oder unfreiwillig «inen Deceßschmaus. Amschendurch fielen dann die Martins- und Neujahrsschntäuse, auch an anderen Gelegenheiten, Geld cr uszugebeu, fehlt« es nicht, so daß sich der Landgraf veranlaßt sah, auch hierüber Bestimmungen zu si^sfen. Es wird genau sestgestellt, tuet zu einem solchen Loktorschmauß eingeladen werden darf, und bestimmt, daß beim pramxto überall in zweien Gängen nicht mehr als 12 warme Essen aufgetragen werden dürfen und dabei kein Uebermaß gespürt werde. Da von den Professoren in der damaligen Zeft jeder eme größere Anzahl von Kostgängern hatte, so waren diese Schmausereien bei aka- deinischen Festlichkeiten mit vielen unmittelbann Vortet.en verbunden und eine außerordentlich angenehme Gelegenheit zu se* felsigem Verkehr, so daß wir uns nicht wundern bürten, wenn sie sich keine Mühe gaben, die von oben anbefohlenen Beschränkungen durchzuführen und, bei den Promotionen etn singe zudrückten, wenn einem Unwürdigen und Unwtssenom der, Ehren titel verliehen wurde. Wie groß indes auch dm Verwilderung der Studentenschaft des 17. und 18 Jahrhunderts gewesen sein mag, wie niedrig der Grad ihrer Gesittung, euty hatten sie vor vielen ihrer Kommilitonen (der Gegenwart voraus : sie beschrcmkten sich nicht auf bett Besuch der sogenannten Brotkollegien. Wenn sich der Professor der Beredsamkeit und Poesie, Christian Hemr. Schmid in Gießen, in einem Bries an Goethes Freund, Merck, rühmen konnte, in einem Kolleg von 130 Zuhörern bett Horaz zu interpretieren, so beweist das, selbst wenn bie Notiz burch Schönfärberei etwas aufgebauscht sein sollte, baß sogar damals ein geistreicher Dozent wie ein zweiter Orpheus die wilde Bestie zu bündigen und zu fesseln wußte, und es beweist ferner, daß diese studentische Bestie noch geistige Interessen batte und bei


